_sterbehilfe_
So langsam gehen mir die Berichte von der Sterbehilfe des Politikers auf die Nerven. Und da jeder anscheinend unbedingt seinen Senf hinzugeben muss, tue ich das hier jetzt auch einfach mal.
Zuerst einmal, ich bin nicht gläubig. Ist das wichtig, um meinen Standpunkt zu verstehen? Ich denke schon. Ich glaube an keinen Gott, keinen Allmächtigen Herrscher, auch nicht an Himmel oder Hölle. Woran ich jedoch glaube, ist Karma. Davon ausgehend ist es nicht wichtig, was eine Tat auslöst, sondern in welcher Absicht diese Tat begangen wurde.
Nun zur Sterbehilfe an sich. *dramatische Musik* Ich bin klar für Sterbehilfe. Meiner Meinung nach sollte der Augenblick des Todes von einem Menschen auch selbst bestimmt werden dürfen. Und wenn dieser Mensch todkrank ist, und sich wünscht, von seinen Qualen erlöst zu werden, dann sollte man diesen Wunsch respektieren und ihn mit einem kleinen Rest Würde sterben lassen, anstatt seine Leiden zu verlängern. Sollte ich in einen Autounfall verwickelt werden, und auf lebenserhaltende Maßnahmen angewiesen sein, und am Ende nur noch vor mich hin vegetieren, dann möchte ich so nicht leben. Das ist meiner Ansicht dann auch kein richtiges Leben mehr. Ich will lieber erlöst werden, als den Rest meines Lebens Windeln zu benötigen, mich nicht selbst bewegen zu können und rund um die Uhr auf die Hilfe anderer, am schlimmsten noch fremder Personen angewiesen zu sein.
Sterbehilfe bei gesunden Personen? Von mir aus. So fern die wirklich gesund, also geistig klar, sind, sehe ich damit kein Problem. Diese Menschen werden sich etwas dabei gedacht haben, sterben zu wollen. Es mag ein Schock sein, aber so viele alte Leute haben keine Lust mehr, zu leben, und dennoch Angst vor dem Tod. Wenn sie sterben möchten, aber nicht in der Lage sind, Selbstmord zu begehen, warum sollte man ihnen nicht ihren sozusagen letzten Wunsch erfüllen? Es ist IHRE ENTSCHEIDUNG, ihr Leben, dass beendet wird.
Eine kleine Geschichte aus meiner Familie: Der Onkel meines Vaters hatte einen Schlaganfall. Drei Monate später fand man bei ihm einen Hirntumor. Chemotherapie brachte nichts, also wurde er operiert. In den nächsten zwei Monaten nach der OP hatte er zwei Schlaganfälle. Beim letzten wäre er fast gestorben, sein Gehirn war lange ohne Sauerstoff. Und das macht sich bemerkbar. Körperlich geht es ihm heute, drei Jahre danach, schlecht. Er ist fast taub, sein Gehirn kann ankommende Geräusche kaum verarbeiten. Er ist geistig verwirrt, erkennt teilweise seine Frau, die sich rund um die Uhr um ihn kümmert, nicht mehr, seinen Sohn hat er für einen Einbrecher gehalten. Den Familienhund, den sie seit über zehn Jahren haben, hat er getreten, weil er dachte, er hätte die Katze gefressen, die er als kleiner Junge hatte. Wir haben ihn und seine Frau vor zwei Jahren besucht. Damals hatte mein Großonkel noch einige lichte Momente, nach mehrmaligem Nennen meines Namens und dem meines Bruders war er in der Lage, uns beide zu erkennen. Selbst am nächsten Morgen hat er uns freundlich begrüßt.
Spulen wir vor, in den Frühling dieses Jahres. Wieder waren wir zu Besuch in ihrem Haus, und haben wieder dort übernachtet. Und diesmal hat es mir so weh getan, meinen Großonkel zu sehen, dass ich mich nachts in den Schlaf geweint habe. Er war ein so stolzer Mann, ich erinnere mich noch klar an die Hochzeit meiner Eltern, als er mit mir gespielt hat und mir Geschichten erzählt hat. Auf so vielen Familienvideos wirkt er wie ein Schrank von Mann, der alles für seine Familie tun würde, alles, um sie zu beschützen, und ihr zu helfen. Ich kann mich daran erinnern, wie er mit mir Fahrrad gefahren ist, und ich hingefallen bin. Ich habe so geweint, weil ich mir das Knie aufgeschlagen hatte. Aber er hat mich einfach nur hingestellt, mir die Tränen aus dem Gesicht gewischt und gesagt “Macht nichts. Manchmal fällt man hin. Das ist kein Weltuntergang. So lange du niemals, unter keinen Umständen aufgibst. Merkt dir das. Nie aufgeben. Und nun hopp, wir fahren weiter.” Das kann er heute nicht mehr sagen. Er erkennt mich nicht mehr, seinen eigenen Sohn nicht mehr, als er meinen Vater sah, hat er seine Frau als Lügnerin beschimpft, weil seine Neffe erst eingeschult worden sei. Er kann kaum zwei Schritte gehen, ohne sich irgendwo festhalten zu müssen. Beim Essen starrt er vor sich hin, reagiert nicht, wenn man ihn anspricht. Die klaren Augenblicke werden immer rarer. Und dennoch, es gab einen Augenblick, als wir wieder gefahren sind, und wir in umarmt haben, da hat er uns angesehen, als würde er uns erkennen. Und mich mit meinem Namen verabschiedet. Man hat den Schmerz in seinen Augen klar sehen können. Die Frustration, dass er sich und seinen Körper nicht mehr unter Kontrolle hat. Das er den Menschen, die er liebt, unbewusst so weh tut. Doch seine Frau ist nicht in der Lage, ihn gehen zu lassen. Sie klammert sich an ihn, als könnte er ihr die Vergangenheit, die gemeinsamen Jahre, wiederbringen. Doch das kann er nicht. Ich kenne meinen Großonkel. Er hätte nie gewollt, so ein Leben zu führen. Wäre er dazu in der Lage, würde er es beenden. Und seine Frau weiß dies. Dennoch verweigert sie eine Patientenverfügung, mit dem Verweis auf seinen Geisteszustand, wenn er diese fordert, wäre er nicht klar bei sich. Er will gehen. Es ist sein Wunsch. Und er sollte ihm gewährt werden. Das kleine bisschen Würde, was ihm noch geblieben ist, sollte er behalten dürfen. Genauso wie die ganzen anderen Menschen da draußen, denen es so oder ähnlich geht.

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