Christmas Miracles (11)
2106 Zulu
Burg Hartenstein
außerhalb von Ennis, IrlandNach dem Abendbrot hatten sich Cara, Mattie und Steven verdrückt, Kate, Vince, Jake, Fin, Josi und David hatten es geschafft und Harm und Mac zum Kartenspielen überredet. Später waren auch Kathryn und Pace zu ihnen gestoßen, Matt beschäftigte sich mit Tobey sowie Cole und Bryan.
“Hilfe, ihr nehmt einen ja aus wie eine Weihnachtsgans.” lachte David, der gerade die dritte Runde in Folge verloren hatte.
“Sei froh das wir nicht wirklich um Geld spielen.” gab Pace grinsend zurück.
“Hab ich was verpasst?” fragte Vince amüsiert.
“Für gewöhnlich sind unsere Einsätze nur höher.” zuckte Fin mit den Schultern.
“Ja, aber wenn man ständig verliert, dann summiert sich auch ein Euro pro Spiel.” kam es von Harm.
“Ja, das glaub ich dir.” lachte Kate. Sie und Pace waren meist diejenigen, die die Spiele gewannen.
“Wie macht ihr das eigentlich?” erkundigte Mac sich bei ihrer Cousine.
“Wir kennen uns zu gut. Jake und Matt haben uns Skat beigebracht, wir kennen die Tricks der anderen mittlerweile fast zu gut. Und Kate und Pace haben früher immer als Team gespielt, lass dich von den beiden nie zum einer Dreierpartie überreden.” antwortete Fin an Kates Stelle.
“Hey, das ist geheim.” grinste Kate und verpasste ihm einen leichten Klaps auf den Oberarm.
“Keine Gewalt. Zumindest nicht vor Ende des Spieles.” erinnerte Jake die beiden.
“Gib lieber.” kam es von Kathryn. Jake teilte erneut aus, und diesmal gewann wieder Pace.
“Hast du die Karten gezinkt?” fragte Mac verblüfft.
“Nein, ihr könnt nur alle nicht bluffen.” erwiderte Pace grinsend.
“Das war’s für mich, pleite.” erklärte Josi und sie und David zogen sich zurück.
“Jemand Lust auf Strippoker?” fragte Pace in die Runde und wedelte mit den Karten.
“Träum weiter.” erwiderte Kathryn lachend.
“Oh, stimmt, du schuldest uns ja noch was.” fiel Vince dann wieder etwas ein und er sah vieldeutig an Kathryn hoch und runter, mit den Augen an einer bestimmten Stelle ihres Oberköpers hängen bleiben.
“Hier oben ist mein Gesicht.” erinnerte Kathryn ihn und hob sein Kinn an, um ihm in die Augen zu sehn, während er von Kate einen Stoß in die Rippen erntete.
“Ich denke wir gehen besser.” erklärte Fin amüsiert und zog Kathryn mit sich.
“Ihr spielt miteinander Strippoker?” fragte Harm etwas entgeistert.
“Sieh nicht mich an, ich hab nicht mitgespielt.” verteidigte Kate sich.
“Ja, Pace, Vince und Kathryn waren mit den Arbeitern draußen” rollte Jake mit den Augen.
“Du tust gerade so, als hättest du das nie gemacht.” erinnerte Kate ihn amüsiert.
“Stört dich das nicht?” fragte Mac verwundert.
“Was? Wie du ja gerade gemerkt hast, sie hat nicht gestrippt. Das hätte übrigens keiner, wenn der Sohn des Besitzers dabeisitzt.” zuckte Kate mit den Schultern. Der Blick von Mac war alles andere als überzeugt.
“Das vorhin war ein Scherz, Mac. Hätte sie wirklich angefangen zu strippen, wäre ich entweder gegangen, oder ich hätte sie gleich mitgenommen. Wir ziehen uns manchmal gegenseitig auf, aber Vince und Kathryn sind treu wie Gold.” erklärte Pace ernst.
“Vince schon allein, weil er weiß, was ihn erwartet, sollte er Kate das Herz brechen, nicht war?” klopfte Jake Vince auf den Rücken. Der zog eine Grimasse und Kate schoss ihrem Bruder einen erbosten Blick zu.
“Bei dir klingt das nicht so.” wandte Harm sich an Pace.
“Entschuldigt mich.” war alles, was der dazu sagte, und verschwand.
“Hab ich was Falsches gesagt?” erkundigte Harm sich bei den anderen.
“Er hatte seit Rachels Tod keine Freundin mehr, und ihr war er mehr als treu. Er hat es Ernst gemeint mit ihr.” antwortete Jake leise.
“Sollte ich mich entschuldigen?” fragte Harm schuldbewusst.
“Nein, schon gut. Er ist sonst nicht so empfindlich, aber… es ist einfach ein blöder Zeitpunkt.” wunk Kate ab.
“Sie fehlt ihm.” kam es von Vince.
“Wie war sie so?” erkundigte Mac sich. Sie konnte sich bei aller Liebe nicht die Frau vorstellen, der es gelingen könnte, Pace zu bändigen.
“Hübsch. Sehr hübsch. Braune Haare mit sanften Locken bis zur Mitte des Rückens, strahlende braune Augen, und immer ein Lächeln auf den Lippen. Sie hatte diese unbändige Lebensfreude, und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Die beiden waren ein schönes Paar.” nickte Jake bedächtig.
“Sie war die erste Frau, die es geschafft hat, hinter die Maske von Pace zu sehen. Sie war höflich, sogar zu Dana.” ergänzte Vince.
“Sie hat einem zum Lachen gebracht, mit ihrer unkomplizierten Art. Wie missraten der Tag auch war, sie hat in allem nur das Positive gesehen. Sie hat Pace aus seinem Schneckenhaus geholt, und Dad auch. Sie hat sogar Donovan gefallen. Sie war freundlich und aufmerksam, ohne sich dabei je zu verstellen. Wenn ihr etwas nicht passte, dann hat sie es gesagt. Sie war einfach Rachel.” fuhr Kate fort.
“Tut mir Leid wenn ich…” begann Mac sich zu entschuldigen.
“Ist schon gut, macht nichts. Ist ja auch schön wenn du nachfragst, aber bitte, lass das Thema wenn Pace in der Nähe ist.” bat Jake sie. Wieder kehrte bei ihm die Rolle des Beschützers heraus.
“Ich nehme an, das ist nicht die einzige Person, von der du gerne wissen würdest, wie sie so war.” fügte er dann hinzu und sah Mac verständnisvoll an. Die schwieg lieber, als alte Wunden wieder aufzureisen.
“Ich glaube Peter wollte mit uns reden. Mit dir auch Harm.” erklärte Kate und gemeinsam mit Vince zog sie ihn von dem Tisch weg.
“Auffälliger ging es wohl nicht.” schüttelte Jake den Kopf und sah seiner Schwester hinterher.
“Sie meint es nur gut.” verteidigte Mac sie.
“Ja, das tut sie. Sie hat ein Herz aus Gold, das steht fest.” stimmte Jake seiner Cousine zu.
“Ohne sie wäre ich jetzt nicht hier.” sagte Mac nachdenklich.
“Wahrscheinlich nicht.” gab Jake zu und sah Mac in die Augen.
“Du erinnerst mich an Natalie.” sagte er nachdenklich.
“Wieso?” wollte Mac verwundert wissen.
“Nicht äußerlich, nein, sie hatte schwarze Haare und blaue Augen. Aber von der Persönlichkeit her bist du ihr sehr ähnlich.” erklärte Jake.
“Mum hätte dich sehr gemocht, Sarah.” setzte er dann leise hinzu.
“Würde ich zu weit gehen, wenn ich dich frage, an was du dich erinnerst?” erkundigte Mac sich zaghaft.
“Nein, und ich würde dir gerne antworten. Ich erinnere mich an vieles, und anders als bei Kate sind es keine bloßen Bilder oder Abfolgen dieser, sondern eher eine Art Film, der sich immer wieder abspielt. Ich kann mich an den Ausdruck in ihren Augen erinnern, wenn sie Dad oder einen von uns angesehen hat. Ihre Stimme, wenn sie mit uns geredet hat, wie sie gerochen hat, oder das Gefühl, wenn sie mir durch die Haare gefahren ist. Ihr Humor, ihr glockenhelles Lachen.” erzählte Jake und ein Lächeln bildete sich auf seinem Gesicht, eines, so verletzlich wie es Mac noch nie gesehen hatte. Es verschwand aber ganz schnell wieder.
“Aber ich hab auch andere Erinnerungen, welche, von denen nur Dad etwas weiß. Als Mum mit Pace schwanger war, und besonders zum Ende der Schwangerschaft hin. Sie wurde immer blasser, und es ging ihr manchmal wirklich beschissen. Ich bin froh, dass vor allem Kate sich nicht daran erinnern kann. Es ist nicht so, als wäre Gwen ein Haufen Elend gewesen, nein, ganz und gar nicht, sie hat immer noch vor Glück und Lebensfreude gesprüht. Aber wenn man lange genug hingesehen hat, dann konnte man ihre Müdigkeit erkennen, ihre Sorge, was aus uns allen werden würde, wie es Pace wohl gehen würde, wäre er erst einmal geboren. Sie hat bis zum Schluss gekämpft. Es tat ihr weh, wenn sie mit Kate zusammen war, oder mit Fin. Sie hat gewusst, dass sie sterben wird, noch bevor Dad und sie es uns gesagt haben. Aber sie wollte die beiden beschützen. Matt und ich waren zwar auch noch Kinder, aber vor allem Kate war auf ihre Mutter angewiesen. Ich hab einmal ein Gespräch zwischen Mum und Dad belauscht, da hat sie gesagt, sie wisse nicht, ob es eine kluge Entscheidung war, das Kind zu bekommen, und auf jede Behandlung zu verzichten. Sie hat das nicht gesagt, weil es ihr schlecht ging, sondern weil sie wusste, was ihr Tod mit uns allen machen würde.” fuhr er leise fort. Er zeichnete ein ganz anderes Bild von ihrer Tante, als Mac es bis jetzt kannte. Von Kate, Pace und Ephram kannte sie nur die starke Frau, die alles für ihre Kinder getan hatte, aber Jakes Beschreibung lies sie menschlicher wirken.
“Sie hat von deiner Existenz gewusst, Mac. Ich weiß nicht wie, aber sie hat es irgendwie erfahren. Sie hat uns allen einen Brief hinterlassen, immer über fünf lange Seiten, handgeschrieben. Und in jeden steht etwas anderes, eine persönliche Botschaft an uns. Wir haben ihn jeweils am Weihnachten nach unserem achtzehnten Geburtstag bekommen. Ich hab meinen immer noch, aber eigentlich brauche ich ihn gar nicht mehr. Ich kenne die Worte auswendig. Ich weiß, das sie versucht hat, Deanne ausfindig zu machen, um ihr den Brief an dich zu schicken, und auch den an Mathew und für Deanne persönlich. Ich weiß jedoch nicht, ob es ihr vor ihrem Tod noch gelungen ist.” sagte Jake.
Das saß. Wenn es ihr gelungen war, wieso hatte Mac den Brief dann nie erhalten? Fin war so alt wie sie, und Pace einunddreißig. Sie war also damals sieben, maximal acht Jahre alt gewesen, und ihre Mutter hatte noch mit ihr und ihrem Vater zusammen gelebt, wenn sie den Brief bekommen hatte, konnte es dann sein, das sie ihn Mac vorenthalten hatte? Oder ihrem Vater gegeben hatte, da sie ihn erst mit achtzehn bekommen sollte? Aber sie war mit siebzehn weggelaufen, hätte sie den Brief bekommen, wenn sie geblieben wäre? So viele Fragen, auf die sie vielleicht nie eine Antwort bekommen würde.
“Willst du etwas Bestimmtes über sie wissen?” erkundigte Jake sich.
“Keine Ahnung.” zuckte Mac mit den Schultern.
“Mal schauen, was ich so zusammen bekomme. Sie war wunderschön, klug. Sie hat fast immer ein Lächeln auf den Lippen gehabt. Sie ist nie laut geworden oder hat uns angeschrieen. Matt hat mal eine Vase die Treppe heruntergeworfen, er war stinksauer damals. Mum hat die Scherben angesehen, und dann Matt. Sie hat die Hand nach ihm ausgestreckt und ihn an sich gedrückt. Sie hat gesagt, dass es nicht in Ordnung war, und dass sie ihn liebt. Und er müsse es selbst aufräumen, aber wenn er sich entschuldigen würde, dann würde sie ihm helfen. Sie hat nie die Hand gegen uns erhoben, auch Dad hat das nie getan. Und ihn hat sie auch nicht angeschrieen, obwohl sie manchmal kurz vorm Platzen war, besonders als sie mit Kate schwanger war. Kate war etwas ganz Besonderes für sie. Ihre einzige Tochter. Sie hat keinen von uns bevorzugt, aber wenn wir Jungs manchmal etwas wollten, hat sie gesagt, wir sollten ganz kurz warten. Für Kate hat sie immer alles fallen lassen. Aber sie war auch noch so klein.
Sie hat uns Lieder vorgesungen, wenn sie uns ins Bett gebracht hat. Das von Kate war ‘Oh Holy Night’, deshalb kennt sie den Text auswendig.
Fairlea war Mum’s Stück vom Paradies. Sie war diejenige, die uns die Liebe zu Pferden näher gebracht hat, sie hat Matt, Fin und mir das Reiten beigebracht. Als sie uns gesagt hat, sie würde sterben, da hat sie jedem von uns etwas versprochen, was sie uns vorher noch beibringen würde. Mir hat sie Klavierspielen beigebracht, sie konnte besser spielen, als jeder, den ich kenne. Matt hat sie gezeigt, wie man Kurzgeschichten und Gedichte schreibt. Und Finley hat von ihr gelernt, wie man zeichnet. Wäre Kate älter gewesen, sie hätte sicher auch ihr etwas beigebracht, aber sie war zu jung. In den letzten paar Wochen vor Mums Tod ist Kate quengelig geworden. Mum hat uns nie sehen lassen, wie schlecht es ihr wirklich ging, wir wussten, dass sie krank war, und das sie sterben würde, aber sie hat es gut versteckt. Kate hat es trotzdem gespürt. Sie kann sich nicht daran erinnern, aber wenn Dad sie abends in ihr Bettchen gebracht hat, dann hat sie solange geweint und geschrieen, bis sie mit Mum zusammen in einem Bett schlafen durfte. Nach Mums Tod ist irgendetwas in Kate zerbrochen. Ihre Augen waren sonst so lebendig, und plötzlich hatten sie ein Stück ihres Glanzes verloren. Ich weiß nicht, ob Kate es dir erzählt hat, aber ich bin als Junge mal von Pferd gefallen. Die Ärzte sagten meinen Eltern, dass ich von den Schultern abwärts gelähmt sein würde. Ich werde nie den Ausdruck in Mums Augen vergessen, als sie mich da liegen sah. Sie hat es nicht ertragen, wenn einem von uns etwas fehlte, wenn wir krank waren oder Schmerzen hatten. Matt hat sich mal das Knie aufgeschlagen, er hat noch nicht einmal geweint, als Mum ihm den Dreck ausgewaschen hat, aber sie hat geweint. Sie hat mit uns gelitten, manchmal sogar mehr als wir. Und dieser glanzlose Ausdruck in ihren Augen, als sie mich im Krankenhaus angesehen hat, das war genau der, den Kate hatte, als Mum starb. Nach einem Jahr ist ein wenig von dem Glanz wieder zurückgekommen, aber etwas fehlt immer noch. Als Vince ihr den Antrag gemacht hat, gestern, diese Leuchten in ihren Augen, das ist die Kate, die sie als kleines Kind war.
Kate sieht Gwen sehr ähnlich, so sehr, dass es schon wieder unheimlich ist. Und auch von der Persönlichkeit hat sie viel von Mum geerbt. Stell dir eine Art Mix aus Kate, Pace und dir vor, dann bekommst du eine recht genaue Vorstellung, wie Mum als Mensch war.” erklärte Jake ihr. Mac sah ihn überrascht an.
“Erstaunt? Sieh es als Kompliment. Ich gehe ganz stark davon aus, dass du deiner Mutter vom Verhalten her wenig ähnelst.”
“Wenig ähneln ist gut. Wir könnten unterschiedlicher nicht sein.” entfuhr es Mac.
“Genau wie Mum und Deanne. Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Jedenfalls meiner Meinung nach.” sagte Jake.
“Hat sie je von Mathew gesprochen?” erkundigte Mac sich.
“Manchmal. Und er war bei der Beerdigung dabei.” erinnerte Jake sich etwas zögerlich.
“Ihr scheint ihn ja nicht sonderlich gut leiden zu können.” stellte Mac in den Raum.
“Falscher Ansprechpartner. Darüber solltest du nicht mit mir sprechen.”
“Wieso nicht?”
“Weil ich Mathew für einiges, was schief gelaufen ist, die Mitschuld gebe. Kate hätte nie so leiden müssen, wäre er auf die Idee gekommen, bei uns zu bleiben. Dein Vater war damals schon ein Arschloch, und Mathew hat es kommen sehen. Er hätte dich und deine Mutter zu uns holen sollen, aber lieber blieb er allein dem Corps verpflichtet. Hart, aber wahr. Er hätte Mum nicht umstimmen können, das behaupte ich ja auch nicht, aber sie hätte seine Unterstützung gebrauchen können. Viel mehr, als ihm bewusst ist. Und Deanne… nur ein Mal in ihrem Leben hätte sie nett sein brauchen. Aber sie hat der Tod ihrer Schwester völlig kalt gelassen.”
“Wie kommst du darauf, dass es Kate geholfen hätte?” wollte Mac wissen. Mathew war lange Zeit der einzige Teil ihrer Familie gewesen, den sie liebte und den sie brauchte, dessen Bestätigung sie suchte und der noch Einfluss auf ihr Handeln hatte.
“Kate klammert sich an ihn, wie an einen rettenden Felsen in der Brandung. Wieso ist mir schleierhaft, aber es ist so. Er ist ein Stück der Vergangenheit ihrer Mutter, und sie sucht nach Möglichkeiten, sich wieder an etwas zu erinnern. Mathew wäre nach Mums Tod ein Familienmitglied gewesen, was noch klar denken konnte. Dad war wie im Delirium, er hat gar nichts mitbekommen, was sich auch um ihn herum abgespielt hat, er war wie auf einem anderen Stern gefangen. Ich hab die Verantwortung für alles gehabt, und ich bin heilfroh gewesen, als Carmen eingestellt wurde und sie mir ein wenig von der Last von den Schultern genommen hat. Kate hab ich trotzdem nicht in ihre Nähe gelassen, vielleicht weil sie Mum so wichtig war und ich nicht wollte, dass eine andere Frau ihren Platz einnimmt. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, dann erscheint es mir manchmal wie ein schlechter Traum.” sagte Jake leise.
“Kann ich dich etwas fragen? Es ist ziemlich persönlich.” fragte Mac sanft.
“Klar, was willst du wissen?”
“Wenn Ephram sich wieder verliebt hätte, in eine andere Frau, sie vielleicht sogar geheiratet hätte… Wärst du damit klar gekommen?”
“Anfangs nicht, nein. Ich hab damals sogar Carmen als Bedrohung für das Andenken von Mum gesehen, unsere erste Begegnung ist auch dementsprechend gelaufen. Aber nach und nach ist mir klar geworden, das Dad Mum mit einer neuen Freundin nicht ersetzt hätte. Er hätte nur einen Schritt nach vorn gemacht, versucht, wieder ein wenig von dem Glück zu finden, was er und Mum früher hatten. Klar würde es auch darauf ankommen, wer sie wäre, welche Persönlichkeit sie hätte. Aber ich glaube nicht, das ich ein großes Problem damit hätte, und die anderen sicher auch nicht. Nachdem Pace ausgezogen war, hat Dad uns irgendwie Leid getan. Er wirkte einsam, und es gab eine Zeit, da haben wir uns jemanden gewünscht, der ihn aufmuntern konnte.” gestand Jake mit einem leichten Schmunzeln.
“Wieso hast du nach Natalies Tod keine Freundin mehr gehabt?” fragte Mac sanft nach.
“Zum Teil aus Angst. Angst, die Erinnerung an sie könnte verblassen. Natürlich auch wegen Galina, aus Angst vor ihrer Reaktion. Sie ist mir viel zu wichtig, als das ich jemanden zwischen uns stellen möchte. Und zum Schluss wegen mir. Ich hab Natalie wirklich über alles geliebt. Ich weiß, es ist schwer nachzuvollziehen, wenn man bedenkt, wie jung wir waren, als wir Galina bekamen. Aber jedes Mal, wenn ich in ihre Augen sah, da wusste ich, ich war zu Hause. Als ich sie das erste Mal sah, da hat es ‘klick’ gemacht. Das ist mir seitdem nie wieder passiert. Doch, ein einziges Mal, und das war, als ich Galina zum ersten Mal auf dem Arm hatte.” antwortete Jake.
“Wieso sollte es sie stören? Ich meine, du willst auch nur, das dein Vater glücklich ist, wieso nicht auch sie?”
“Du kennst Galina nicht. Sie kann recht impulsiv sein, und ich habe oft genug erlebt, wie sie auf Frauen reagiert hat, wenn die versucht haben, mit mir zu flirten. Sie meint es nicht böse, ganz sicher nicht. Aber tief in ihrem Herzen hat sie nie richtig Abschied von ihrer Mutter genommen, und ich ehrlich gesagt auch nicht. Galina und Kate ähneln sich auch in der Tatsache, dass sie nahezu alles dafür tun würden, ihre Mütter wiederzubekommen. Wenn ich mich auf eine andere Frau einlasse, dann ist das der Schlussstrich unter die Ehe mit Natalie. Ich würde mir eingestehen, dass sie tot ist, und nicht wieder kommt. Aber genau das ist es, was ich nicht kann.” gab Jake zu.
“Würde Matt eine neue Beziehung wagen?” fragte Mac nachdenklich.
“Ja, ich denke schon. Aber er hat Dana auch mehr aus Pflichtbewusstsein gegenüber Cara geheiratet. Er wollte seinem ungeborenen Kind eine Familie schaffen. Nach und nach mag daraus auch eine Art Hassliebe zu Dana entstanden sein, aber das war nicht die Art Beziehung, die du und Harm miteinander haben, oder Kate und Vince, Fin und Kathryn oder Dad und Mum oder Natalie und ich. Der Schuss ging gehörig nach hinten los. Und obwohl es mir widerstrebt, so etwas auch nur zu denken, ich gebe Pace Recht. Er war, genauso wie auch Kate, immer der Meinung, dass Dana nicht zu dieser Familie passt, und beide haben gesehen, wie sehr die Hochzeit mit Matt uns allen geschadet hat. Dana ist die Art Mensch, die auch deine Mutter war/ist. Sie interessiert sich für ihr Wohl, und das stellt sie über das aller anderen. Vielleicht war Deanne in einer ganz anderen Situation, aber ist dir mal aufgefallen, das Dana sich gestern und heute noch nicht gemeldet hat? Sie hat ihre Kinder schon vergessen. Und das ist das Traurigste an der Sache, das Cara und Tobey haben leiden müssen.” erklärte Jake.
“Komme ich ungelegen?” erkundigte Galina sich, bevor sie sich neben ihren Vater setzte und zwischen ihm und Mac hin und her sah.
“Nein, eigentlich nicht. Mac?” wandte Jake sich fragend an Mac.
“Nein, ist schon in Ordnung.” stimmte die ihm zu. Galina sah sie etwas skeptisch an.
“Wolltest du etwas Bestimmtes?” erkundigte Jake sich bei seiner Tochter.
“Deine Autoschlüssel.” versuchte Galina es mit einem zuckersüßen Lächeln.
“Vergiss es, und zwar ganz schnell.” schüttelte Jake den Kopf.
“Versuchen kann man es ja. Äh, nein, eigentlich hat Josi mich rausgeschmissen und jetzt ist mir langweilig.” zuckte Galina mit den Schultern.
“Was hast du angestellt?” fragte Jake mit einem Seufzer.
“Nichts. Ich kann nichts dafür wenn Cole und Bryan eine ausgesprochene Fixiertheit auf Kate haben und es nicht ertragen können, wenn jemand sich mit ihr etwas lauter unterhält.” verteidigte Galina sich.
|Lina, du raubst mir noch den letzten Nerv.| stöhnte Jake auf.
“So schlimm bin ich ja nun auch nicht.” lachte die und klopfte ihm aufmunternd auf den Rücken.
“Er meinte, ich würde ihm noch den letzten Nerv rauben.” erklärte sie, als sie Macs verwirrten Blick aufgefangen hatte.
“Wenn Kate das noch nicht geschafft hat, einer muss es ja tun.” scherzte Mac.
“Ermutige sie nur noch.” sagte Jake gespielt vorwurfsvoll.
“Worüber habt ihr euch jetzt wieder gestritten?” wandte er sich dann an seine Tochter.
“Über nichts, wirklich. Aber wir haben uns auf Englisch unterhalten, und irgendetwas an unseren Stimmen hat die beiden gekränkt, keine Ahnung.” zuckte Galina mit den Schultern.
“Ich lass euch mal allein. Ich bin müde, und ich sollte Vince und Kate von Harm erlösen. Nacht.” verabschiedete sich Mac.
“Nacht Mac.” rief Galina ihr hinterher.
“Was?” fragte sie dann, als sie den Blick ihres Vaters bemerkte.
“Sei nett zu ihr.” sagte der nur.
“Bin ich.” versprach Galina, hauchte ihrem Vater einen Kuss auf die Wange und ging hinter Mac her.
“Hey, warte kurz.” bat sie ihre Großcousine, als die gerade an die Tür von Kate und Vince klopfen wollte. Mac drehte sie zu Galina um und sah sie fragend an.
“Da kannst du lange klopfen, sie sind sicher noch unten bei Josi.” sagte Galina und schenkte Mac ein freundliches Lächeln.
“Danke.” sagte Mac und wollte wieder nach unten gehen.
“Kommt es mir nur so vor, oder gehst du mir aus dem Weg?” fragte Galina, und drehte sich zu Mac um, die mittlerweile an ihr vorbeigegangen war. Mac sah sie verwirrt an.
“Du hast bis jetzt keine Anstalten gemacht, dich mit mir zu unterhalten. Ich bin sicher, über Mum hätte ich dir auch manches sagen können.” erklärte Galina. So wie es aussah, hatte sie das Gespräch von Mac und ihrem Vater mitbekommen.
“Wie viel hast du gehört?” fragte Mac, zum Teil ziemlich erbost über die Frechheit von Galina, einfach die Gespräche anderer zu belauschen.
“Viel. Ich wollte nicht lauschen, aber du wirst mir sicher nicht glauben. Ist auch egal.” zuckte Galina mit den Schultern.
“Wenn dir das egal ist, bitte.” gab Mac zurück.
“Ich sag dir, was mir nicht egal ist. Die Art, wie Vince über Patrick herzieht. Und ich weiß, das er es getan hat, streite es gar nicht erst ab. Vielleicht solltest du mal mit Pat reden, damit du dir eine eigene Meinung bilden kannst, oder du redest auch mal mit mir, denn nicht alles, was Kate und Pace erzählen, trifft heute noch auf mich zu.” bat Galina sie.
“Tut mir Leid, wenn ich vorschnell geurteilt habe.” entschuldigte Mac sich.
“Bitte. Erspar mir das. Zehn Jahre mögen zwar eine recht lange Zeit sein, aber nur weil ich jünger bin, bin ich nicht blöd. Wenn dir zehn Jahre als so groß im Altersunterschied erscheinen, ich erinnere dich daran, das ich nur drei Jahre jünger bin als Pace.”
“Was soll das bitte heißen?” wollte Mac verwirrt wissen.
“Hör auf mit mir zu reden als wäre ich ein kleines, unmündiges Kind.” stellte Galina klar.
“Ich hab nicht-”
“Doch, hast du.” unterbrach Galina sie.
“Hey Lina. Wo zum Teufel hast du gesteckt?” erkundigte sich Patrick, der in dem Augenblick die Treppe nach oben kam.
“Unten. Und pass auf, was du sagst.” bat Galina ihn.
“Du musst Mac sein.” stellte Patrick mit einem Blick auf Mac fest. Die nickte leicht.
“Patrick McDouglas.” stellte Patrick sich vor und schüttelte Macs Hand.
“Sarah MacKenzie-Rabb.” erwiderte die.
“Und, worüber unterhaltet ihr euch?” erkundigte Patrick sich freundlich.
“Unwichtig.” antwortete Galina in einem Ton, der ganz klar zeigte, dass er es nicht erfahren würde.
“Dein Onkel will mich mal wieder lynchen, oder?” seufzte Patrick gespielt enttäuscht.
“Nein, diesmal ist es meine Tante, und ihr Verlobter. Und ich glaube, mit Mac haben sie eine neue Mitverschwörerin rekrutiert.”
“Was ist schlimmer, ein weiblicher Marine im aktiven Dienst, oder ein pensionierter General?” überlegte Patrick.
“Beides kann schmerzhaft enden.” antwortete Galina und lies zu, das Pat seinen Arm um ihre Taille schlang.
“Ja, und dein Vater würde sicher gern mitmischen.” nuschelte Patrick. Galina sah ihn überrascht an.
“Nicht so wichtig.” wunk Patrick ab.
“Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, du verheimlichst mir was.” sagte Galina und sah suchend in seine Augen. Mac konnte ihren Tonfall nicht ganz deuten. Es klang zum einen enttäuscht, andererseits aber auch besorgt, und es schwamm auch noch etwas anderes darin, etwas, was sie gar nicht deuten konnte.
“Es ist nichts, wirklich.” betonte Patrick und strich ihr sanft übers Haar.
“Weißt du zufällig, wo Harm ist?” erkundigte Mac sich bei ihm.
“Der große Mann, mit dem du gestern bei Kate und Vince gesessen hast?” fragte der. Mac nickte stumm.
“Unten, bei Josi.” gab Patrick Auskunft, und das Thema hatte sich für ihn erledigt.
“Danke. Ich geh dann mal. Gute Nacht ihr zwei.” verabschiedete Mac sich.
“Nacht.” kam es gleichzeitig von Galina und Pat.
“Und was machen wir zwei jetzt?” erkundigte Pat sich, als Mac verschwunden war.
“Hm, da fällt uns bestimmt was ein.” flüsterte Galina verführerisch und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen.
“Ich glaube, die Idee gefällt mir.” gab Patrick leise zurück, nahm ihre Hand und zog sie sanft mit sich.
*~*~*
31.12.
1842 Zulu
Burg Hartenstein
außerhalb von Ennis, Irland
Die letzten Tage waren unvergesslich gewesen. Am siebenundzwanzigsten waren fast alle Familienmitglieder wieder abgereist, bis auf Ephram, Vince, Kate, Jake, Pace, Fin, Kathryn, Matt, Tobey, Cara, Steven und dessen Eltern, Mac, Harm, Mattie, Galina und Patrick. Mac lernte jeden Tag etwas Neues über diesen Teil ihrer Familie, wie Ephram und Gwen sich kennen gelernt hatten, wie Fin um Kathryns Hand angehalten hatte. Sie hatte sich den Kommentar von Galina zu Herzen genommen, und mit ihr und Patrick das Gespräch gesucht. Das hatte Patrick als liebevollen Partner und anständigen Menschen erscheinen lassen, und auch Vince taute ihm gegenüber langsam auf. Galina hatte sich noch einmal richtig mit Pace in die Wolle bekommen, dann war wieder Ruhe eingekehrt, und die beiden verstanden sich wieder.
Mattie schien sich sichtlich wohl bei den anderen zu fühlen, ganz besonders, wenn sie mit Steven zusammen war. Er war ein netter, aufmerksamer Junge, der allem Anschein nach seinen Eltern keine Schwierigkeiten bereitete.
Kate hatte Mac ein paar Worte Irisch beigebracht, aber den Unterhaltungen der anderen konnte sie bei weitem nicht folgen. Anfangs hatte sie den Eindruck gehabt, das man sie damit ausschließen wollte, hatte aber schnell gelernt, dass dies gar nicht in der Absicht der sich Unterhaltenden lag, die meisten gingen davon aus, Mac könnte Irisch, und nachdem sie gelernt hatten, das dem nicht so war, versuchten sie ihre Gespräche auf Englisch zu führen.
Harm verstand sich erstaunlich gut mit Jake, und wenn Mac wieder bei Kate war, blieb Harm, bei Jake und die beiden unterhielten sich über alles Mögliche.
Irgendetwas schien an Weihnachten mit Pace passiert zu sein, er war plötzlich wie ausgewechselt. Aus dem frechen Rebellen, der sich immer öfter in sich selbst zurückzog war ein selbstbewusster ausgeglichener Mensch geworden, der wieder lachte. Als Mac Kate fragte, wieso Pace sich so verändert hatte, hatte die nur mit den Schultern gezuckt und gemeint, er hätte endlich loslassen können.
Kate und Mac standen draußen und unterhielten sich im Schnee, als ein Auto vorfuhr. Es stieg eine blonde Frau mit strahlend blaugrauen Augen aus und begrüßte Kate kurz, nickte Mac zu und ging hinein.
“Wer war das denn bitte?” erkundigte Mac sich verwirrt. Kate starrte der Frau mit offenem Mund hinterher.
“Erinnerst du dich noch an die Frau, die Pace mal geküsst hat, und dafür ein Veilchen von unserem Cousin bekommen hat, weil der mit ihr zusammen war?” fragte Kate.
“Lenka?” fragte Mac nach.
“Ja, Lenka. Nun, du hast sie gerade kennen gelernt.” schüttelte Kate fassungslos mit dem Kopf.
“Das war Lenka? Die Frau, die mal mit Pace zusammen war, aber mit der er Schluss gemacht hat, als er weggezogen ist?” hakte Mac nach.
“Genau die Lenka. Wenn ich den in die Finger bekomme.” sagte Kate, dann breitete sich auf ihrem Gesicht ein Lächeln aus.
“Was? Was ist daran so lustig?” wollte Mac wissen.
“Du wolltest wissen, was ihn so verändert hat. Der Grund ist 1,69 m groß, hat blonde Haare, blaugraue Augen und ein Lächeln zum Dahinschmelzen.” erklärte Kate und schüttelte wieder den Kopf.
*~*~*
2349 Zulu
Burg Hartenstein
außerhalb von Ennis, Irland
Lenka war eine nette, umgängliche Person. Beim Essen hatte sie zwar neben Pace gesessen, aber nichts sah danach aus, als hätten die beiden eine Beziehung, die über Freundschaft hinausging.
Jetzt standen alle in der Kälte draußen und sahen an den Sternhimmel empor. Harm hatte Mac sanft den Arm um die Taille gelegt und sie hatte ihren Kopf an seine Schulter gelehnt. Vince und Kate standen neben ihnen, Vince hielt Kate aber enger umschlungen, und die hatte ihre Hände in seinem Nacken verschränkt. Matt hatte den einen Arm um seine Tochter, den anderem um seinen Sohn gelegt. Fin und Kathryn standen hintereinander, Fin hatte von hinten sanft ihre Taille umfasst. Galina stand bei Patrick, Jake bei Ephram. Pace und Lenka standen nebeneinander, hatten aber keinen Körperkontakt. Stevens Eltern standen nicht weit von Harm und Mac entfernt, und Steven hatte seinen Arm leicht um Matties Taille gelegt, die das nicht zu stören schien.
“Hab ich dir eigentlich gesagt, wie dankbar ich dir für das letzte Jahr bin?” erkundigte Mac sich bei Harm und sah ihm tief in die Augen.
“Ja, an die hundert Mal. Und ich bin dir auch dankbar, Sarah.” erwiderte Harm sanft und strich ihr sanft über die Wange.
“Bereit für ein neues Jahr?” fragte Vince Kate liebevoll.
“Solange ich es mit dir verbringen kann, immer.” erwiderte die sanft.
“Zehn, neun, acht…” begannen Cara und Tobey laut zu zählen. Nach und nach stimmten die anderen mit ein.
“Drei, zwei, eins. Frohes neues Jahr!” riefen alle, dann trafen sie dich Lippen von Harm und Mac, Vince und Kate, Fin und Kathryn, Galina und Patrick, die von Stevens Eltern, und die von Steven und Mattie. Das Feuerwerk am Himmel traf genau das, was in den Gedanken aller tobte.
*~*~*

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