Christmas Miracles (2)

2019 EST
Haus der Rabbs
McLean, VANach dem Essen hatten sich Mattie und Harm zurückgezogen, damit Mac und Matt in Ruhe reden konnten. Beide saßen nun im Wohnzimmer, Mac auf der Couch, Matt in dem Sessel gegenüber.

„Nettes Mädchen.“ sagte Matt.

„Ja, das ist sie.“ stimmte Mac ihm zu.

„Sarah, ich muss dir etwas sagen.“ erklärte Mathew ernst. Mac sah ihn fragend an.

„Hat deine Mutter jemals den Namen Gwen erwähnt?“ fragte er Mac.

„Nein. Nicht, das ich mich daran erinnern könnte.“ verneinte die.

„Das dachte ich mir schon. Und deine Großmutter?“ erkundigte sich Matt.

„Auch nicht. Was wird das eigentlich?“ wollte Mac wissen.

„Dein Großvater und deine Großmutter hatten drei Kinder, Sarah.“ sagte Matt leise.

„Was?“ entfuhr es Mac.

„Deanne hatte noch eine Schwester. Als dein Großvater sich von deiner Großmutter getrennt hat, haben sich die beiden fürchterlich gestritten. Deine Mutter und ich sind bei deiner Großmutter geblieben, Gwen ging mit deinem Großvater nach Texas. Er war Ire. Die Weihnachten haben die beiden immer in Irland verbracht, bei dem Rest seiner Familie. Dort hat sie ihren Mann kennen gelernt. Als sie zurück in die Staaten ging, hat er sich von der Armee dorthin versetzten lassen. Sie beiden haben geheiratet und eine Ranch, Fairlea, gekauft, Gwen hat sich vom Marine Corps in die inaktive Reserve versetzen lassen. Die Ranch warf gute Gewinne ab. Gwen war mit dem fünften Kind schwanger, als sie erfuhr, dass sie Krebs hatte. Sie hat sich gegen eine Behandlung und für das Leben ihres ungeborenen Kindes entschieden. Sie starb drei Tage nach der Geburt ihres Sohnes.“ erzählte Mathew leise. Mac sah ihn vollkommen perplex an. Sie konnte nicht fassen, was ihr Onkel ihr da gerade erzählt hatte.

„Das war vor etwas mehr als dreißig Jahren. Die Kinder sind auf der Ranch aufgewachsen und dienen alle ihrem Land. Die beiden ältesten Jungs sind bei der Navy, ein anderer beim Marine Corps, der Jüngste bei der Polizei, und ihre einzige Tochter, die Zweitjüngste der fünf, ist wieder beim Corps. Gwen hat ihren Mädchennamen nach der Hochzeit behalten, und alle Kinder haben den Nachnamen O’Hara.“ fuhr Mathew fort. Mac dämmerte es langsam.

„Die Namen der Jungs sind Jake, Pace, Finley und Matt. Die Tochter heißt Caitlynn und ist ein JAG.“ sagte Mathew leise.

„Okay, gib mir eine Minute.“ bat Mac ihn.

„Mum hatte eine Schwester, die sie nie erwähnt hat. Und deren Tochter, meine Cousine und deine Nichte, steht vor mir und scheint mich absolut zu hassen. Versuch es noch mal.“ forderte sie Mathew wütend auf.

„Deine Mutter hat Gwen sehr verletzt, Mac. Kate und ihre Geschwister kennen diese Story, und so gut sie auch sonst erzogen sind, eher würden sie Harakiri begehen, als Deanne ihr Verhalten zu verzeihen. Kate war noch nicht einmal drei Jahre alt, als sie ihre Mutter verloren hat. Und so schwer das für ihre Brüder gewesen ist, für sie war es am schlimmsten. Sie sieht ihrer Mutter zum Verwechseln ähnlich. Ständig musste sie sich diese Vergleiche anhören, sie wäre ja wie ihre Mutter. Aus lauter Verzweiflung zu beweisen, dass dem nicht so sei, ist sie dem Corps beigetreten. Blöd war nur, dass der Schuss nach hinten losging und sie das Corps liebt. Aber sie hat es, anders als ihre Mutter, zum Offizier gebracht, und ist Anwältin geworden.
Wenn Kate mit dir reden würde, würde das ihrer Meinung nach bedeuten, dass sie Deanne vergibt. Und das kann sie nicht. Weder sie, noch ihre Brüder.“ erklärte Mathew.

„Was hat Mum zu Gwen gesagt?“ fragte Mac tonlos.

„Sarah…“

„Nein, ich will es wissen.“ bügelte sie ihren Onkel ab.

„Das kann ich dir nicht sagen. Da musst du schon Kates Vater oder deine Mutter fragen. Was zwischen den beiden gelaufen ist weiß ich nicht genau. Aber sie haben hinterher nie wieder ein Wort miteinander geredet, und deine Mutter hat Gwen nie wieder erwähnt.“ sagte Mathew.

„Und du? Hast du das alles gewusst? Und mir kein Wort gesagt?“ fragte Mac leise.

„Ja. Es tut mir Leid. Ich hab eine Zeit lang Kontakt zu Gwen gehalten, bis sie in die Reserve ging. Das nächste, was ich gehört habe, war, wann ihre Beerdigung gehalten werden sollte.“ gab Mathew zu.

„Ich sollte auch so fair sein, dir zu sagen, dass ich Kontakt zu Kate hatte. Sie hat mich kurz nach dem Urteil im Gefängnis besucht. Und sie weiß eine Menge über dich und dein Leben. Ich hab gewusst, dass es da noch eine andere Nichte und vier Neffen gibt, aber ich hab mich nie groß um sie gekümmert. Und anstatt mir daraus einen Vorwurf zu machen, haben alle fünf gesagt, ich hatte nicht genug für dich getan. Ich hätte dich von deinem Vater wegholen sollen, und ich hätte besser auf dich und deine Mum aufpassen sollen. Alles, was die fünf je kennen gelernt haben, war eine Umgebung, in der sie über alles geliebt werden. Ihr Vater hat nie wieder geheiratet, er hat noch nicht einmal eine Freundin gehabt. Sein ganzes Leben hat er seinen Kinder und der Ranch gewidmet. Gwen hat die Ranch geliebt, sie hatte so viele Pläne damit. Kate und Pace haben eine Farm in Iowa gekauft, und daraus ein Reittherapiezentrum für körperlich und geistig behinderte Kinder gemacht, was ein Traum von Gwen war. Alle fünf sind in den Vorsitzen von gemeinnützigen Vereinen oder Stiftungen für Kinder, Kranke oder Behinderte. Jake ist der Gründer eines Jugendzentrums in LA. Und jedes Weihnachten verbringen sie mit der ganzen Familie in Irland.“ schloss Mathew.

„Kate hat dich nach Irland eingeladen.“ schlussfolgerte Mac.

„Ja, hat sie.“ bestätigte Mathew.

„Und meine Mutter und ich sind dort nicht erwünscht, hab ich Recht?“

„Ja, hast du. Ich kann keinem von ihnen Vorschriften machen, Sarah. Und ich denke, dass alle fünf wissen, wie kindisch sie sich dir gegenüber benehmen. Sie können nur nicht über ihren eigenen Schatten springen.“ sagte Mathew bedauernd.

„Entschuldige mich bitte, ich geh ins Bett. Das ist gerade etwas viel auf einmal.“ erklärte Mac verstört und ging die Treppe nach oben. Mathew sah ihr noch eine ganze Weile hinterher.

*~*~*

4. Dezember
1308 EST
Haus der Rabbs
McLean, VA

Mac hatte Harm und Mattie erzählt, was Mathew ihr am Abend zuvor gesagt hatte. Da heute Samstag war, waren sie und Harm nicht auf Arbeit, und Mattie hatte keine Schule. Die drei und Mathew hatten sich miteinander unterhalten und zu Mittag gegessen. Nun saßen sie am Esstisch und spielten Scrabble. Als Mattie dabei war, ein neues Wort zu legen, klingelte es an der Tür. Mac stand auf, um nachzusehen. Als sie die Tür öffnete, stand eine ziemlich nervöse Caitlynn O’Hara vor ihr. Ohne Uniform und mit offenem Haar, das ihr leicht über die Schultern fiel, war sie sehr attraktiv. Ihre Haare waren nicht mehr braun und glatt sondern kupferblond und mit denselben Locken, die auch Mattie hatte, und unterstrichen nun das Grün ihrer Augen.

„Hi.“ sagte Kate nervös.

„Was kann ich für Sie tun?“ fragte Mac distanziert.

„Kann ich reinkommen? Ich würde gern was mit dir besprechen.“ erklärte Kate und nestelte an dem Gürtel ihres Mantels.

„Bitte.“ sagte Mac und machte einen Schritt zur Seite, um Kate eintreten zu lassen. Die zog sich, nachdem Mac die Tür hinter ihr geschlossen hatte, den Mantel aus und folgte Mac ins Esszimmer. Harm, Mattie und Mathew sahen Caitlynn überrascht an. Mac drehte sich wieder zu ihr um und verschränkte die Arme.

„Und, was willst du?“ fragte sie.

„Mich entschuldigen. Ich hab mich wie eine Idiotin aufgeführt. Und damit meine ich nicht nur das im Gerichtssaal, ich meine die letzten einunddreißig Jahre. Ich hab versucht, anderen klar zu machen, das ich nicht meine Mutter bin, und dabei hab ich übersehen, dass das auch für dich gilt. Es tut mir Leid.“ entschuldigte Kate sich.

„Schön. War’s das?“ fragte Mac ungehalten.

„Ich schätze, das hab ich verdient.“ sagte Kate und schlug kurz die Augen nieder.

„Hör zu, du kannst mich hassen, mich verfluchen, schlag mich, wenn es das ist, was du willst. Aber bevor du das tust, möchte ich dich um etwas bitten. Und bevor du mich mitsamt meinen Anliegen raus wirfst, hör mich zuerst an. Mehr verlange ich ja nicht.“ bat Kate Mac flehentlich. Mac war anfangs versucht, sie wirklich herauszuschmeißen, dann besann sie sich eines besseren und forderte Kate mit einem stummen Kopfnicken auf, ihre Bitte vorzutragen. Die holte einen weißen Briefumschlag aus der Innentasche ihres Mantels und legte ihn auf den Tisch. Dann sah sie Mac wieder in die Augen.

„Darin befinden sich zehn Flugtickets.
Eines gilt ab Dulles und bringt dich nach Texas. Dein Großvater will seine Enkelin sehen.
Ein anderes bringt dich von Texas zurück nach Dulles.
Vier weitere sind für dich, Harm, Mattie und Mathew, der Flug bringt euch nach Irland. Er geht am 22. Dezember. Außerhalb von Ennis gibt es eine Art Burg, auf der wir Weihnachten feiern. Mit wir meine ich die ganze Familie.
Die anderen vier Tickets sind wieder für dich, Harm, Mattie und Mathew. Sie gelten für den 4. Januar und bringen euch zurück nach Dulles. Ihr vier seid herzlich eingeladen, Silvester mit uns zu verbringen.
Du kannst annehmen oder auch nicht. Du kannst auch Bedingungen stellen. Du kannst eine der Einladungen ausschlagen und eine andere annehmen. Wenn du nicht so lange in Irland sein willst, dann musst du das nicht. Aber bedenke eines, all diese Bitten sind an eine Bedingung unsererseits geknüpft. Eigentlich sind es zwei. Wenn du annimmst wird keine Deanne MacKenzie mit dir kommen. Und solltest du annehmen, dann gibt es kein Zurück. Der Name O’Hara steht bei uns für bedingungslose Liebe und Ehre innerhalb der Familie. Wenn du annimmst, wirst du zu einem Teil dieser Familie. Es gibt kein Wegrennen, kein Verstecken mehr. Du hast dann die Verantwortung, keinen von uns im Stich zu lassen.
Ach, und was das Thema Deanne anbelangt, weder in Texas, noch in Irland wird ihr Name geduldet. Wir verlangen nicht, dass du den Kontakt zu ihr abbrichst. Aber respektiere unsere Entscheidung, nichts mit Deanne zu tun haben zu wollen. Du bist uns immer herzlich willkommen, und das gilt auch für deinen Mann und dessen Familie und für Mattie. Überleg es dir gut.
In dem Umschlag ist eine Visitenkarte, darauf steht nur eine Nummer, und mit der erreichst du mich. Wenn ich bis zum 21 Dezember um 2359 nichts von dir gehört habe, deute ich das als ein nein. Und jetzt lass ich dir wieder deine Ruhe.“ erklärte Kate und wandte sich zum Gehen.

„Wann geht der Flug nach Texas?“ fragte Mac ihren Rücken. Kate drehte sich langsam wieder um.

„Wann immer du willst.“ sagte sie. „Wenn der Flug verfallen ist und du willst doch kommen, buchen wir einen neuen.“

„Sarah, es geht hier nicht um mich. Vielmehr geht es um deinen Großvater, der ein Recht darauf hat, zu wissen, wer seine Enkelin ist.“ erklärte Kate.

„Und wenn ich in Texas bin darf ich mir eure Feindseeligkeiten anhören, ja?“ fragte Mac wütend.

„Ich tu das nicht für mich, klar?! Oder für Dad, Jake, Pace, Fin oder Matt. Ich tu es für Grandpa und Mum. Und für dich. Sieh es als ein Weihnachtsgeschenk an. Aber wenn du kein Interesse hast, dann erwarte nicht, dass irgendjemand dich anfleht. Betteln und Geben ist zu viel.“ sagte Kate und ging. Mac blieb wie angewurzelt stehen und starrte auf den Punkt, an dem Kate gerade noch gestanden hatte. Mattie sah Harm verunsichert an. Nach einer Weile erhob Mathew sich und legte eine Hand auf Macs Schulter.

„Den ersten Schritt hat sie gemacht. Nun ist es an dir, etwas zu tun.“ sagte er leise. Mac sah ihn kurz an und ging dann wortlos die Treppe nach oben. Harm, Mathew und Mattie hörten, wie sie Schlafzimmertür hinter sich schloss.

„Also, als so eine böse Hexe empfinde ich sie gar nicht.“ sagte Mattie locker. Harm und Mathew sahen sie verdattert an.

„Was denn?! Jetzt guckt nicht so, ich kenn sie ja nicht, aber immerhin hat sie den ersten Schritt gemacht.“ verteidigte sich Mattie und hob in einer leicht abwehrenden Geste die Hände.

„So einfach ist das nur nicht.“ erklärte Harm.

„Wo ist das Problem?“ verlangte Mattie zu wissen.

„Hast du nicht gemerkt, was sie von Deanne hält?“ fragte Harm sie.

„Doch, hab ich. Aber Macs Meinung von ihrer eigenen Mutter ist auch nicht viel besser. Und die verlangen ja nicht, das sie den Kontakt, wenn sie denn überhaupt welchen hätte, abbricht. Sie wollen nur nichts mit ihr zu tun haben, und um ehrlich zu sein, euch beiden geht es doch im Grunde auch so. Ich will nicht wissen, was du Deanne gegeigt hättest, wäre sie, nachdem sie nicht bei eurer Hochzeit war, bei uns aufgetaucht.“ sagte Mattie und sah Harm herausfordernd an.

„Das ist was anderes.“ sagte Harm.

„Wirklich? Sie hat Mac verletzt. Und diese Gwen auch. Nur mit dem Unterschied, das Gwen jetzt tot ist, und ihre Kinder sich weigern, mit Deanne zu sprechen. Und egal was ihr macht, ich gedenke die Einladung nach Irland anzunehmen.“ erklärte Mattie und stand auf, um in ihr Zimmer zu gehen.

„Mattie, das wirst du nicht!“ rief Harm ihr hinterher. Mattie drehte sich wieder um und ihre Augen funkelten.

„Und warum nicht? Harm, ich hab keine Tanten und Onkel oder Cousins und Cousinen. Und wenn ich welche hätte, dann würde ich wissen wollen, wer sie sind. Und nicht vor ihnen davonrennen.“ erkläre Mattie und verschwand.

„Kate ist gerissen.“ sagte Mathew und versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken.

„Wieso denn das?“ fragte Harm. Er konnte an dem Ganzen nichts Gerissenes oder gar Komisches erkennen.

„Sie benutzt Mattie, ihre Vergangenheit und eure Liebe zu ihr gegen euch. Mattie hat verstanden, worum es hier eigentlich geht. Und Mac wird ihr den Wunsch, Weihnachten in Irland verbringen zu wollen, nicht ausschlagen.“ erklärte Mathew.

„Diese Frau ist ja krank.“ entfuhr es Harm.

„Nein, bestimmt nicht. Aber sie ist verzweifelt. Ich hab sie, seit sie mit der Grundausbildung durch ist, nicht mehr mit kupferblonden Haaren gesehen. Sie hat sie sich immer braun getönt, um sich wenigstens äußerlich etwas von ihrer Mutter zu unterscheiden.“ sagte Mathew, wieder ernst geworden.

„Ich kann Mac nicht dazu zwingen, mit ihr zu reden.“ sagte Harm.

„Musst du nicht. Ich denke, wenn ihr am Montag wieder auf Arbeit erscheint, werdet ihr nicht nur Vincent, sondern auch Kate dort antreffen.“

„Ich dachte, sie hatte das Angebot des Admirals abgelehnt.“ wunderte sich Harm.

„Sie ist zu klug, um eine solche Karriere wegzuwerfen. Und selbst wenn AJ dann ihr CO ist.“

„Was läuft eigentlich zwischen den beiden? Mac hatte etwas von einem Streit erzählt, und Illroy auch.“ erkundigte Harm sich.

„AJ und der Vater von Kate sind befreundet. Er ist so eine Art Patenonkel.“ gab Mathew Auskunft.

„Wenn Mac das mitbekommt, rastet sie aus.“

„Muss sie nicht. Kate und AJ sind über die Jahre immer wieder aneinander geraten. Wie du sicher gemerkt hast manipulieren beide die Karrieren des jeweils anderen, wobei AJ eindeutig am längeren Hebel sitzt. Aber Kate hält das nicht davon ab, soviel Schaden wie für sie möglich anzurichten.“ lächelte Mathew.

„Diese Frau wird mir immer unsympathischer.“

„Sie ist ein gutes Kind, Harm. Und was noch viel wichtiger ist, sie wird Mac nicht verletzten. Nicht nachdem sie weiß, was zwischen ihrer Mutter und Tante gelaufen ist.“

*~*~*

6.Dezember
1001 EST
JAG HQ
Falls Church, VA

Das restliche Wochenende war größtenteils im Schweigen verlaufen. Vor allem Mac hatte kaum etwas gesagt, wenn man sie nicht direkt nach ihrer Meinung gefragt hatte. Um alles noch schlimmer zu machen hatte Mathew mit seiner Prophezeiung Recht gehabt. Als Mac und Harm das JAG HQ betraten, wurden Vincent und Kate gerade von Coates herumgeführt. Als sich die Blicke von Kate und Mac trafen, blieben beide wie angewurzelt stehen. Vincent bemerkte das und berührte Kate leicht am Arm, sodass sie ihn ansah. Mac fing sich wieder und verschwand in ihrem Büro. Jetzt saßen alle Anwälte im Konferenzraum und der Admiral verteilte die neuen Fälle. Harm und Mac saßen diesmal nebeneinander, Kate gegenüber von Harm und Vincent gegenüber von Mac.

„Erregung öffentlichen Ärgernisses und Trunkenheit.“ las der Admiral vor. Kate starrte auf den Block vor sich und bemerkte nicht, wie der Blick des Admirals an ihr hängen blieb.

„Major, sind Sie noch anwesend?“ fragte der Admiral, teils belustigt, teils besorgt. Kate sah von ihren Notizen auf, vermied aber jeden Blick, der auch nur in Macs Richtung ging.

„Ja Sir.“ erklärte sie etwas halbherzig.

„Hätten Sie die Güte zu wiederholen, was ich gerade sagte?“ bat sie der Admiral.

„Sie hatten gerade einen Fall von Trunkenheit und Erregung öffentlichen Ärgernisses vorgelesen. Wobei mich die Art des öffentlichen Ärgernisses interessieren würde, Sir.“ erklärte Kate selbstsicher.

„Navy Lieutenant Hammil hat eine Gruppe von Passanten seinen Allerwertesten gezeigt.“ las der Admiral in der Akte nach. Ausnahmslos alle am Tisch konnten ein leichtes Grinsen nicht unterdrücken. Das von Kate fiel allerdings eher verhalten aus, da sie sich schon ganz gut vorstellen konnte, was jetzt kommen würde.

„Major, ihr Fall.“ sagte der Admiral und schob ihr de Akte hin.

„Aye Sir.“ erwiderte Kate und sah sich die Akte an.

„Und Colonel MacKenzie wird Ihnen helfen.“ verkündete der Admiral. Die Köpfe von Kate, Vincent, Harm und Mac flogen in die Richtung des Admirals. Auf den Gesichtern von Harm und Vincent lag Verwirrung, auf denen von Kate und Mac Unwollen, gepaart mit Verständnislosigkeit.

„Stimmt etwas nicht?“ fragte der Admiral herausfordernd.

„Sir, bei allem nötigen Respekt, muss das sein?“ fragte Kate hilflos.

„Denken Sie, dass Sie allein damit fertig werden?“ erkundigte sich der Admiral.

„Offen gestanden, ja. Und selbst wenn ich an meine Grenzen stoßen sollte, ich glaube kaum, das es dem Fall zuträglich ist, wenn der Colonel mir bei den Ermittlungen hilft.“ sprach Kate das aus, was alle insgeheim dachten.

„Major, Colonel, Sie beide bleiben. Der Rest: Wegtreten.“ befahl der Admiral. Die anderen Anwälte nahmen Haltung an und verließen, wenn es Harm und Vincent auch nur äußerst zögerlich taten, den Raum.

„Sie beide werden bei diesen Ermittlungen zusammen arbeiten. Und wenn ich der Meinung bin, dass Sie Ihre Probleme nach Beendigung dieses Falles noch nicht beigelegt haben, folgt der nächste Fall, und dann noch einer. Und glauben Sie mir, es wird genug Fälle geben, um Sie beide beschäftigt zu halten. Verstanden?“ fragte der Admiral in einem Ton, der kein Nein als Antwort zuließ.

„Verstanden, Sir.“ sagten Mac und Kate im Chor.

„Wer wird die Ermittlungen leiten?“ fragte Kate.

„Machen Sie das unter sich aus. Wegtreten.“ befahl der Amiral. Kate und Mac nahmen Haltung an und verließen den Konferenzraum. Kaum war die Tür geschlossen, drehte sich Kate zu Mac um.

„Können wir wenigstens für ein Paar Stunden pro Tag das Kriegsbeil begraben? Von mir aus laufe ich dir auch nur hinterher, du kannst die Leitung gern haben. Aber ich halt es nicht aus, wenn ich mich ständig mit dir streiten muss.“ bat Kate. Sie sah plötzlich müde und kaputt aus.

„Gern. Und ich denke, keiner übernimmt die Leitung.“ erklärte Mac.

„Was immer du willst. Ich kopier mir nur schnell die Akte, dann bekommst du sie.“ sagte Kate und ging zum Kopierer, während Mac sich in ihr Büro zurückzog. Nach zehn Minuten kam Kate durch die offene Tür herein, legte die Akte auf einen der Besucherstühle und ging wieder, ohne auch nur ein Wort gesagt zu haben.

„Das kann ja heiter werden.“ sagte Harm, der das Büro von Mac betrat und die Szene beobachtet hatte.

„Ja, ich lache jetzt schon.“ kam der bissige Kommentar von Mac.

*~*~*

2012 EST
Haus von Caitlynn O’Hara
außerhalb von Washington D.C.

Mac hatte nach einem stressigen Tag nicht mehr die Zeit gefunden, mit Kate über den Fall zu reden, da diese das Büro schon verlassen hatte. Also hatte Mac sich wohl oder übel ihre Adresse herausgesucht und stand nun seit geschlagenen fünf Minuten vor Kates Haustür. Sie holte noch einmal tief Luft und klingelte. Im Haus ging das Licht an und kurze Zeit später wurde die Tür geöffnet. Vor ihr stand Kate, in Rollkragenpullover und Jeans. Die Haare hatte sie zu einem Zopf geflochten, in der Hand hielt sie ein Glas mit klarer Flüssigkeit. Sie sah Mac an, als würde sie am liebsten die Tür wieder zuschmeißen und sie verriegeln.

„Hey. Kann ich reinkommen?“ fragte Mac verlegen.

„Klar.“ sagte Kate und machte einen Schritt zur Seite. Sie ließ Mac eintreten und schloss die Haustür. Mit der anderen Hand, in der sie kein Glas hatte, hängte sie Macs Mantel an den Türhaken und bedeutet ihr dann, ihr zu folgen. Als beide im Wohnzimmer angelangt waren, schaltete Kate dort das Licht ein und ging kurz in die anliegende Küche. Mac sah sich derweil im Wohnzimmer um. Das Sofa sah aus, als habe Kate gerade noch darauf geschlafen, die Decke war halb heruntergefallen und die Kissen lagen verstreut herum. Auf dem Tisch stand eine Flasche Mineralwasser und ein Tablettendöschen. Mac sah sich kurz nach Kate um, dann nahm die das Döschen in die Hand und las das Etikett. Kate war wieder aus der Küche zurückgekehrt und beobachtete Mac vom Türrahmen aus.

„Was Interessantes entdeckt?“ fragte Kate sie plötzlich. Mac fuhr vor Schreck herum und sah Kate schuldbewusst an. Verlegen stellte sie die Tabletten wieder auf den Tisch. Kate löste sich von Türrahmen und ging langsam zu ihr herüber.

„Setz dich ruhig.“ forderte sie Mac auf. Die ließ sich langsam auf das Sofa sinken.

„Womit hab ich deine Anwesenheit heraufbeschworen?“ fragte Kate und nahm die Tabletten wieder von Tisch, um sich selbst das Etikett anzusehen. Als sie keine Antwort von Mac erhielt, sah sie wieder auf und stellte die Tabletten wieder hin.

„Es geht um den Fall.“ sagte Mac. Kate nickte bedächtig.

„Wir sollten uns überlegen, wie wir vorgehen wollen.“ erklärte Mac, etwas selbstsicherer.

„So, sollten wir das?“ fragte Kate zynisch.

„Wie meinst du das?“ wollte Mac wissen.

„Das hätten wir auch im Büro besprechen können. Und du hast meine Nummer. Kein Grund also, abends bei mir vor der Tür zu stehen und fünf Minuten zu überlegen, ob man reingeht oder doch lieber fährt.“ sagte Kate und sah Mac in die Augen.

„Wie…“

„Ich war wach und hab aus dem Fenster gesehen. Dafür braucht man kein Licht wenn die Straßenbeleuchtung an ist.“ erwiderte Kate und setzte sich neben sie.

„Frag doch einfach. Ich werd dir weder den Hals umdrehen, noch dich zum Abendbrot essen.“ ermutigte Kate sie.

„Sicher nicht?“ fragte Mac.

„Sicher. Vince hat mir voll und ganz gereicht.“ gab Kate schlagfertig zurück. Mac musste gegen ihren Willen lächeln.

„Und für ein Lächeln steht in diesem Haus nicht die Todesstrafe.“ fügte Kate hinzu.

„Also, wie weit bist du?“ raffte Mac sich auf.

„Siebente Woche. Und der Admiral weiß es.“ hielt Kate sie von der nächsten Frage ab.

„Hättest du es mir gesagt?“ fragte Mac leise.

„Weiß nicht. Kommt darauf an, ob du eine der Einladungen angenommen hättest. Und jetzt, wo ich bei JAG bin, hättest du es sowieso gesehen.“ gab Kate zu.

„Ich… ich hab nachgedacht.“ sagte Mac.

„Worüber?“ fragte Kate sanft.

„Alles. Worüber ich gestolpert bin ist, warum du das tust. Ich hab keine Antwort gefunden.“ antwortete Mac.

„Weil es keine richtige Antwort gibt.“ erklärte Kate. „Vielleicht, weil ich mir über meine Fehler klar geworden bin. Vielleicht auch, weil ich schwanger bin. Aber eigentlich hauptsächlich weil ich eingesehen habe, das man nicht sein ganzes Leben lang jemanden hassen kann, den man gar nicht kennt. Dein Großvater hat mich dazu gebracht, über vieles nachzudenken. Er hat nie den Versuch unternommen, mit Mum über Deanne zu sprechen. Oder seine anderen Kinder ausfindig zu machen. Als ich ihn gefragt habe, warum er das nicht getan hat, da hat er gesagt, weil es ihre eigene Entscheidung war. Und plötzlich ist mir klar geworden, dass unsere Familie vor allem dich vor vollendete Tatsachen gestellt hat. Wir haben dich nicht gefragt, ob du uns kennen lernen willst. Vielmehr haben wir dafür gesorgt, dass du noch nicht einmal von unserer Existenz weißt.“

„Und was ändert das? Ich meine, deine Familie wird nicht begeistert sein, wenn ich bei euch auftauche.“ sagte Mac.

„Da ist genauso deine Familie wie meine. Dein Onkel und deine Cousins. Ich hab mit ihnen geredet. Dad hat nie etwas gegen dich gehabt, er hat immer versucht, uns dazu zu bringen, mit dir zu sprechen. Und was Jake, Pace, Fin und Matt angeht, sie sind dieses Versteckspiel genauso leid wie ich.“ sagte Kate. Es herrschte für eine Weile vollkommene Stille, in der beide ihren eigenen Gedanken nachhingen.

„Sieh mal, ich kann dich zu nichts zwingen. Aber… ich weiß auch nicht, vielleicht ist es ja so am besten, wie es war. Trotzdem… wir könnten es versuchen. Weißt du, bevor ich Mathew vor Gericht vertreten habe, war ich noch mal auf unserer Ranch. Meine Nichte, sie ist fünfzehn, hat eines der alten Fotoalben hervorgekramt. Auf einem der Bilder sind Mum und Deanne zu sehen. Und sie sahen glücklich aus. Keine Spur von Wut oder Reue. Mum hat es immer bereut, sich nicht mit Deanne ausgesprochen zu haben. Und diese Nichte, Cara, sie wollte wissen, wer das ist. Weder Matt noch ich haben es auf Anhieb gewusst, also haben wir das Foto raus genommen und umgedreht, auf der Rückseite standen die beiden Namen. Als wir Cara das gesagt haben, da hat sie uns verwirrt angesehen. Sie konnte nicht verstehen, warum ihre Grandma gelächelt hat, als sie neben ihrer Schwester stand, oder warum sich das plötzlich so sehr geändert hat. Und soll ich dir etwas sagen? Ich konnte es auch nicht verstehen.“ gab Kate leise zu.

„Und wenn Deanne Kontakt zu euch will?“ fragte Mac. „Schlagt ihr ihr dann die Tür vor der Nase zu?“

„Abgesehen davon, das sie nicht bis zur Haustür kommen würde, ja. Es tut mir Leid, ich kann es dir nicht richtig erklären. Aber deine Mutter hat Gwen so verdammt weh getan. In einer Zeit, in der beide den jeweils anderen gebraucht haben, hat sie es vorgezogen, alle zu verletzten. Ich werd mich nicht weiter über das Thema auslassen, ich denke zwischen uns steht schon zu viel.“ sagte Kate und stand langsam auf. Sie ging zu der Schrankwand und öffnete eine Tür. Dann holte sie ein Fotoalbum heraus und suchte nach zwei Aufnahmen. Als sie die gefunden hatte, nahm sie sie heraus, schlug das Album wieder zu und stellte es zurück. Langsam ging sie wieder zur Couch zurück und setzte sich neben Mac. Sie gab ihr wortlos sie Fotos und Mac sah sie sich kurz an.

„Das ist ein Bild von Mathew und Gwen. Das war an dem Tag, wo sie die Grundausbildung abgeschlossen hatte. Das andere sind alle drei zusammen. Mum war acht, Deanne zehn und Mathew dreizehn.“ erklärte Kate.

„Nein, schon gut, behalt sie. Ich kann mir jeder Zeit neue Abzüge machen lassen.“ lehnte Kate ab, als Mac ihr die Bilder wiedergeben wollte.

„Entschuldige.“ sagte Kate dann, da das Telefon klingelte.

„O’Hara.“ meldete sie sich. Mac entging nicht der leicht genervte Ton ihrer Stimme.

„—“

„Was? Wo bist…“ fragte Kate und versuchte, ruhig zu bleiben.

„—“

„Cara, jetzt komm… beruhige dich, ich kann dich sonst nicht verstehen. Jetzt noch mal langsam, wo bist du?“

„—“

„Wann?“ fragte Kate und wurde leichenblass.

„—“

„Ist ja gut, ganz ruhig. Ist dein Dad da? Oder einer der anderen?“

„—“

„Gut, gib sie mir.“ bat Kate und atmete tief durch. Mac sah sie fragend an.

„Dana, was ist los?“ fragte Kate aufgebracht.

„—“

„Wie schlimm?“

„—“

„Ich glaub B negativ. Ruf Michael an, der weiß es. Was ist eigentlich genau passiert?“ fragte Kate. Es herrschte eine ganze Weile Schweigen, in der die andere Person am Ende der Leitung erzählte.

„Okay, hör mir zu. In Dads Büro ist hinter dem Gemälde ein Safe. Die Kombination ist sein Hochzeitstag. Dort sind sämtliche Papiere, einschließlich der Patientenverfügung. Ich will, dass du sie nimmst und Michael gibst, wenn er kommt. Keine Widerrede. Die Leitung der Ranch hat solange Dean. Mach dir keine Sorgen, Dad kann mir den Kopf abreisen. Und jetzt mach, dass du ins Krankenhaus kommst. Und nimmt Cara mit, sie ist vollkommen verstört.“

„—“

„Alles wird gut, versprochen. Bye.“ sagte Kate leise und legte auf. Mac sah sie immer noch fragend an.

„Ist was passiert?“ fragte sie leise. Irgendwo hatte sie Angst vor der Antwort.

„Ja. Gott, ich kann’s nicht glauben. Gib mir eine Minute.“ bat Kate und vergrub das Gesicht in den Händen. Aus einer Minute wurden sechs. Dann setzte sie sich wieder richtig auf und sah Mac an.

„Einer der Aufseher hat einen Fehler gemacht, der zwei unserer Leute das Leben gekostet hat. Er hat die Koppel, wo die etwas temperamentvolleren Pferde untergebracht sind, nicht richtig verschlossen. Die haben das gemerkt und die Chance zur Flucht genutzt. Oder besser gesagt, sie haben es versucht. Die anderen Treiber haben es gemerkt und versucht, die Tiere aufzuhalten. Mit dem bisherigen Ergebnis, das sie acht Tiere erschossen haben, zwei von den Aufsehern tot sind, und unser Vorarbeiter im Krankenhaus um sein Leben kämpft. Cara und ihre Mutter Dana sind ausgeritten und haben alles gesehen. Die Kleine ist völlig mit den Nerven runter.“ sagte Kate und schüttelte den Kopf.

„Verdammt, was sind das für Idioten!“ explodierte sie dann und sprang auf. „Die hätten die Viecher nur laufen lassen müssen, die wären nicht weit gekommen! Aber nein, nicht mal für fünf Cent können die denken!“

„Ist sonst noch jemand verletzt?“ fragte Mac heiser.

„Was? Ja, aber nichts ernstes, nur ein paar blaue Flecken und Schürfwunden. Und auch nur die Arbeiter. Dad ist in Iowa, und die Jungs arbeiten. Dana und Cara waren die einzigen Familienmitglieder da unten. Gott sei Dank, wenn Fin oder die anderen dort gewesen wären…“ brach Kate ab.

„Dad wird ausrasten. Nicht nur, das dieser Idiot die Koppel nicht verschließen kann, aber dann machen die anderen auch noch den Fehler und wollen die Tiere aufhalten.“ schüttelte Kate den Kopf. Aus ihrer Wut war Entsetzen geworden.

„Kanntest du die Arbeiter?“ erkundigte Mac sich.

„Ja. Juan ist schon seit zehn Jahren bei uns gewesen. Und Kenny war erst zwanzig. Ich hoffe nur, dass Ben es überlebt. Seine Frau ist schwanger.“ antwortete Kate gedankenverloren.

„Willst du allein sein?“ erkundigte Mac sich vorsichtig.

„Nein. Ja. Ich… kannst du bleiben? Nicht die ganze Nacht, das würde ich nicht verlangen. Aber ich will jetzt nicht allein sein.“ bat Kate sie.

„Klar kann ich bleiben. Soll ich jemanden anrufen? Comander Illroy vielleicht?“ bot Mac an.

„Nein, mach ich gleich. Wenn die anderen hier angerufen haben.“ sagte Kate und rieb sich die Schläfen.

„Die anderen?“

„Pace, Fin, Jake, Matt, Claudia und Sharon. Claudia und Sharon sind Freundinnen, Sharon hat eine Zeit lang auf Fairlea gearbeitet.“ erklärte Kate.

„Dana und Cara, zu wem deiner Brüder gehören die beiden?“ fragte Mac.

„Matt. Er ist der Zweitälteste. Jake ist der Älteste, danach kam Matt, dann Fin, nach ihm ich, und Pace ist der Jüngste. Matt ist etwas älter als Harm, also 43, Jake 47, Fin ist so alt wie du, 38, ich selbst bin 33, und Pace ist erst 31. Dana ist Matts Frau, die beiden haben zwei Kinder, Cara ist 15, ihr Bruder Tobey ist sechs. Jake ist Witwer, seine Tochter Galina ist 28 und Ärztin. Fin ist verlobt, Kathryn passt gut zu ihm. Und Pace ist… eben Pace. Bei ihm weiß man nie so genau, was einen erwartet. Na ja, und Vince kennst du ja.“

„Wie behält man bei einer solch großen Familie den Überblick? Ich bin ja schon überfordert, mir das Alter meiner Cousins zu merken.“ staunte Mac.

„Das lernt man schnell. Und ich kann auch nicht sagen, wie alt jedes andere Familienmitglied ist. Allein Dana, sie hat zwei Brüder und noch eine Schwester, und jeder von denen ist verheiratet oder verlobt, und Dad hat auch drei Brüder und zwei Schwestern. Die sind aber glücklicherweise in Irland. Glaub mir, auch ich verlier öfter den Überblick. Der Trick ist, es sich nicht anmerken zu lassen. Wenn jemand vor mir steht, von dem ich absolut keinen Plan habe, wer es ist, dann vermeide ich es, ihn mit dem Namen anzusprechen, oder ein Thema anzuschneiden, bei dem dessen Familie eine Rolle spielt. Wenn wir Weihnachten in Irland sind, dann sind wir abends manchmal weggegangen, nur Cousins und Cousinen, um zu tanzen. Ein Jahr haben wir uns den Spaß gemacht und Namensschilder verteilt. Das sah blöd aus, und geholfen hat es auch nicht viel.“ sagte Kate und lachte bei der Erinnerung.

„Wie stehen die Chancen, dass ihr das auch macht, sollten wir mitkommen?“ fragte Mac.

„Schlecht. Denn es bringt dir nicht viel den Namen zu kennen, wenn du nicht weißt, ob derjenige nun dein Onkel, dein Cousin, angeheiratet oder blutsverwandt ist. Und Pace hat es mal geschafft, er hat eine junge Frau, Lenka, auf der Feier geküsst. Blöd war nur, das Lenka mit Sean, unserem Cousin, verlobt war. Das Ergebnis war ein Veilchen für Pace.“

„Nette Aussichten.“ lachte Mac.

„Wie man’s nimmt. Sie hat mit Sean Schluss gemacht und war dann mit Pace zusammen, bis der ein Jobangebot bei der Polizei in Austin bekommen hat und aus Minneapolis weggezogen ist.“

„Das solltest du mir bei Gelegenheit aufschreiben.“ schmunzelte Mac. „Fliegst du jetzt eigentlich nach Texas?“

„Ich hab mir nächste Woche sowieso frei genommen und wollte runter. Die werden durchdrehen, wenn Dad wiederkommt. Da werden Köpfe rollen.“

„Hartes Regiment, hm?“

„Nein, eigentlich nicht. Aber zu den Koppeln der wilderen Tiere haben nur richtig ausgebildete Leute Zugang. Wenn einer von denen den Fehler gemacht hat, war er die längste Zeit bei uns angestellt. Und wenn einer der neuen an dem Zaun war, wird derjenige gehen, der ihm das erlaubt hat.“ erklärte Kate.

„Okay, du hast mich überredet. Ich komm mit.“ sagte Mac plötzlich. Kate sah sie überrascht an.

„Neugier, der schlimmste Feind des Anstandes.“ lachte sie.

„Entschuldige, ich hab es nicht so gemeint. Ich freu mich.“ sagte sie hastig, als sie Macs Gesicht sah.

„Danke. Darf ich dich was fragen?“

„Klar. Solange es nicht um Fairlea geht, dazu kommen wir, wenn wir dort unten sind.“

„Nein, es geht um dich. Eher gesagt, um dein Aussehen.“ erwiderte Mac.

„Stimmt was damit nicht?“ fragte Kate verwirrt.

„Na ja, als ich dich das erste Mal sah, hattest du braune Haare. Dann stehst du plötzlich mit kupferblonden Haaren vor meiner Tür, und die Woche darauf sind sie wieder braun.“ sagte Mac etwas verunsichert.

„Das Braun ist ‘ne Tönung, die geht wieder raus, wenn ich mir die Haare wasche. Ich hatte die Nase voll von diesem Kupferton, und irgendwie hat das nicht so ganz zu der Uniform gepasst.“ erklärte Kate.

„Ich denke, das passt gut zueinander.“ widersprach Mac. Kate sah sie wissend an.

„Mathew hat dir die Geschichte erzählt?“ fragte sie.

„Ein bisschen.“ gab Mac zu.

„Ich seh meiner Mum verdammt ähnlich. Als mein Dad mich zum ersten Mal in einer Uniform gesehen hat, da haben seine Augen so komisch aufgeblitzt und er hat einen Schritt auf mich zu gemacht. Ich weiß, er hat seine tote Frau gesehen. Einer von Fins bekloppten Freunden war mal bei uns zum Essen. Auf dem Kamin stand ein Hochzeitsbild von Mum und Dad. Und da hat mich der Freund gefragt, wieso ich das Bild von meiner Hochzeit in schwarz-weiß hab machen lassen. Ich weiß nicht, wem das mehr wehgetan hat, Dad oder mir. Außerdem bleiben rote Haare eher in Erinnerung als braune. Und braune Haare erwecken Vertrauen, frag mich nicht wieso, aber es ist so.“ erklärte Kate.

„Wenn du uns alle zusammen siehst, würde dich der Schlag treffen. Kupferblondes Haar, smaragdgrüne Augen und auch noch Sommersprossen. Und laut Dad können wir uns alle nicht anständig benehmen.“ lachte Kate, wenn es auch nicht wirklich ihre Augen erreichte.

„Kann ich dir eine Frage stellen?“ erkundigte Kate sich bei Mac. Als die nickte, fuhr sie zögerlich fort.

„Versteh mich bitte nicht falsch, ich freu mich, dass du mitkommst, aber warum? Bis vor einer Stunde hätte ich schwören können, dass du mir lieber den Hals umdrehen würdest, als mit nach Texas zu kommen.“

„Der Anruf. Ich hatte auf einmal Angst, dass einem von euch etwas passiert ist. Klingt dumm, oder?“ seufzte Mac.

„Nein, gar nicht.“ widersprach Kate und schenkte Mac ein Lächeln.

„Du erinnerst mich ein bisschen an Onkel Matt wenn du lächelst.“ sagte Mac gedankenverloren.

„Komisch, Dad sagt, ich hätte das Lächeln von Mum und Grandpa. Aber er hat Mathew nur ein Mal gesehen, und da haben beide nicht gelächelt.“ erklärte Kate.

„Du solltest besser fahren. Die anderen machen sich bestimmt schon Sorgen. Und ich glaube nicht, das ich es verkraften kann, wenn alle drei auf einmal hier auftauchen.“ scherzte Kate. Zur Hälfte war es jedoch ihr Ernst.

„Das war kein Scherz, oder?“ fragte Mac verwirrt.

„Nicht ganz. Schon gut, ich komm allein klar. Ich hab mich wieder gefangen, ich stell schon nichts an. Versprochen.“ erklärte Kate und erhob sich langsam.

„Okay, wenn du dir sicher bist. Dann, bis morgen, oder?“ fragte Mac, als beide in der Tür standen.

„Ja, bis morgen.“ entgegnete Kate etwas zögerlich und schloss langsam die Tür hinter Mac.

*~*~*

Hier geht’s zum dritten Teil


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