Christmas Miracles (3)
10.Dezember
2016 EST
Dulles International Airport
Mac und Kate hatten den Fall, der ihnen zugeteilt worden war, so gut es ging gelöst.
Im Laufe der Woche hatte sich das Klima zwischen den Familien immer mehr entspannt, auch wenn es beim Abendbrot, das Kate und Vince jetzt bei den Rabbs einnahmen, immer wieder peinliche Situationen gab. Besonders Harm und Kate gerieten öfter aneinander, erst Recht, wenn sonst niemand im Raum war. Einmal hatten sich die anderen schon ins Wohnzimmer zurückgezogen, als es plötzlich aus der Küche laut klirrte. Als die andern im Türrahmen auftauchten, fixierten sich Harm und Kate über den Überresten einer Salatschüssel. Auf die Frage, was passiert sei, antworteten beide nicht.
Harm, Mattie und Mathew hatten sich von Mac verabschiedet, und die saß jetzt mit Kate im Sicherheitsbereich und wartete auf ihren gemeinsamen Flieger. Kate hatte es irgendwie so gedreht, das die Plätze der beiden nebeneinander waren, und sie sich so während des Fluges etwas unterhalten konnten.
“Jetzt setz dich, du machst mich auch noch nervös.” bat Mac Kate, die zum wiederholten Male aus ihrem Warteplatz aufgestanden war und hin und her lief.
“Keine Lust.” gab die nur zurück.
“Stimmt was nicht?” fragte Mac besorgt. In den paar Tagen, in denen sich die beiden langsam näher gekommen waren, hatte sie Kate noch nie so nervös gesehen.
“Ja, ich bin schwanger und darf keinen Kaffee trinken.” gab die gereizt zurück.
“Bei deiner jetzigen Laune würde ich dir auch so davon abraten.” schoss Mac zurück. Kate sah sie überrascht an. Dann setzte sie sich wortlos wieder in ihren Sitzplatz und blätterte in einer Zeitschrift
‘An alle Passagiere des Fluges TX885-A65. Wir bitten Sie um Verständnis für eine Verspätung von zwei Stunden, die durch die Wetterbedingungen auf dem Herflug verursacht werden. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.’ erklang eine Lautsprecherdurchsage.
Mac sah aus den Augenwinkeln zu Kate herüber. Sie hatte erwartet, dass die laut aufschreien würde, doch sie blickte nur kurz auf, und wandte sich dann wieder einem der Artikel zu. Nach drei Minuten klappte Kate die Zeitschrift zu und rutschte unruhig in ihrem Stuhl herum.
“Alles in Ordnung?” fragte Mac.
“Ja, geht schon.” gab Kate zurück, schloss die Augen und atmete tief durch.
“Sicher?” hakte Mac nach. Sie fand, dass ihre Cousine ziemlich blass aussah. Kate schüttelte den Kopf, schlug sich die Hand vor den Mund und sprintete Richtung Toiletten davon. Als sie eine halbe Stunde wieder zurückkam, war sie noch blasser. Mac suchte aus dem Handgepäck eine Flasche Wasser und reichte sie ihr wortlos. Kate nahm sie dankbar und trank einige Schlucke, um den Geschmack loszuwerden. Sie gab Mac die Flasche wieder und ließ sich auf den Wartestuhl neben ihr nieder.
“Danke.” flüsterte sie leise.
“Immer. Geht’s wieder?” erkundigte Mac sich.
“Etwas. Erwähne bloß kein Essen.” sagte Kate und verzog leicht das Gesicht.
“Du weißt, das es auf dem Flug etwas geben wird, oder?” erinnerte Mac sie.
“Ja. Und in der Zeit ist das Bord-WC meins.” lächelte Kate.
“Wie machst du das? Egal, wie beschissen es dir geht, du kannst die anderen immer zum Lachen bringen.” fragte Mac kopfschüttelnd.
“Das liegt daran, das mein Leben ein einziger Witz ist.” gab Kate zurück.
“Wirklich?” fragte Mac interessiert.
“Oh ja. Ich bin im Begriff, ein Flugzeug nach Texas zu besteigen. Und auf dem Flug wird Essen serviert, von dem mir schon beim bloßen Gedanken daran schlecht wird. In Texas darf ich dann meinen tollen Brüdern erklären, dass ich schwanger bin. Oh, ich vergaß meinen Großvater, nach dessen Ansicht meine Beziehung mit Vince auch schon ohne meine Schwangerschaft eine einzige Sünde ist. Und um dem allem noch die Krone aufzusetzen wird meine Schwägerin mich mit Ratschlägen förmlich bombardieren. Willkommen in dem Chaos, das ich mein Leben nenne.” erzählte Kate.
“Okay, du hast Recht.” gab Mac zurück.
“Apropos lustig, hab ich dich eigentlich schon mal gefragt, ob du Irisch sprichst?” fiel Kate da etwas ein.
“Nein, hast du nicht. Und die Antwort ist auch nein. Warum?”
“Weil du dann fast neunzig Prozent der Unterhaltungen in Shannon nicht verstehen wirst. Und das bringt mich gerade zum Lachen.” lachte Kate, als sie Mac’s Gesichtsausdruck sah.
“Wie jetzt? Ist das dein Ernst?”
“Ja, ist es.” lachte Kate und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
“Tut mir Leid. Nein, dort wird meistens nur Irisch gesprochen, da die meisten Familienmitglieder dort leben, und die Amtssprache von Irland ist nun einmal Irisch. Mattie wird sich total blöd vorkommen. Fast alle in ihrem Alter sprechen Irisch, nur Cara und Steven haben Englisch als Muttersprache. Ich hätte es dir eher sagen sollen, entschuldige.” sagte Kate ernst.
“Wundervoll. Können wenigstens die Erwachsenen Englisch?” fragte Mac, etwas genervt.
“Die meisten. Weshalb mir das jetzt einfiel, die meisten Angestellten auf Fairlea bekommen ihre Anweisungen auf Irisch, da sie das besser verstehen. Also wunder dich nicht.” erklärte Kate.
“Aber untereinander sprecht ihr Englisch, oder?” fragte Mac ohne viel Hoffnung.
“Ja, fast immer, es sei denn, wir wollen uns an einem öffentlichen Ort privat unterhalten. Das wirst du bei Pace schon noch spüren.” erklärte Kate.
“Pace scheint auch der zu sein, mit dem ich die meisten Probleme haben werde.” sagte Mac gedankenverloren.
“Nein, im Gegenteil, mit ihm wirst du fast keine haben. Dann doch viel eher mit Jake, er hat Mum am längsten gekannt. Aber keine Sorgen, den bekommt man nur selten zu Gesicht, er ist fast die ganze Zeit in LA.” versuchte Kate sie zu beruhigen.
*~*~*
11.Dezember
0058 CST
Haupthaus von Fairlea, TX
“Willkommen auf Fairlea.” sagte Kate feierlich, als sie den Geländewagen vor dem Haus parkte und den Motor abstellte. Mac saß wie von Donner gerührt im Beifahrersitz. Bei all den Dingen, die sie sich unter Fairlea vorgestellt hatte, das war nicht unter ihnen gewesen. Vor ihr stand ein riesiges lang gezogenes Haus, prachtvolle weiße Fassade, akkurat gestutzte Büsche, ein Obergeschoss und eine wundervolle Veranda. Aber es wirkte nicht protzig, oder aufdringlich, nein, viel mehr einladend, auf eine zurückhaltende Art. Kate beobachtete ihre Reaktion, sagte jedoch nichts, sondern ließ Mac Zeit.
“Okaaay…” sagte Mac langsam und schnallte sich ab. Kate tat es ihr gleich und stieg aus dem Wagen. Als Mac, nachdem sie ausgestiegen war, zum Kofferraum gehen wollte, winkte Kate ab.
“Lass, das brauchst du nicht machen. Lass uns lieber reingehen, oder Carmen kommt raus gerannt.” erklärte Kate und wies die drei Stufen, die zu der vorderen Veranda mit dem weißen Geländer führten, hinauf. Mac nickte und beide gingen zur Haustür. Überrascht stellte Mac fest, dass im Haus Licht brannte. Kate holte aus ihrer Handtasche einen Schlüssel und öffnete die Tür. Sie lies Mac als erste eintreten und zog die Tür dann hinter sich zu. Von der Tür gelangte Mac in eine… ja, in was eigentlich? Für eine Eingangshalle war der Raum eindeutig zu groß. Die Decke war hoch und mit Stuck verziert, der Raum in einem hellen weiß gestrichen und es führte eine geschwungene Treppe ins Obergeschoss. In der Mitte stand ein Tisch, auf diesem lag Post, eine Zeitung und drei Paar Schlüssel. Kate schmiss ihren achtlos dazu, nahm sich dann den Stapel Briefe und sah ihn kurz durch. Offensichtlich fand sie nichts, was an sie adressiert war, denn sie legte alle wieder hin.
“Okay, bereit?” fragte sie Mac. Die nickte etwas verhalten.
“Folge mir.” forderte Kate Mac auf und ging voran in einen angrenzenden Raum. Dem Aussehen nach hätte Mac es als riesengroßes Wohnzimmer bezeichnet. Couch, Couchtisch, Fernseher, Stereoanlage, Esstisch, alles war vorhanden. An den Wänden hingen zwei Gemälde, eines zeigte einen Sonnenauf- oder -untergang über dem Meer, ein anderes das Haus, in dem sie sich gerade befanden. Im Kamin prasselte ein kleines Feuer, und erst jetzt fiel Mac auf, das leise Musik lief. Klassik, wahrscheinlich Mozart.
“Beethoven.” erklärte Kate, als hätte sie Macs Gedanken gelesen, und ging zur Couch. Sie schlug mit der Hand über die Lehne, und es setze sich ruckartig jemand auf.
“Gott, du hast mich vielleicht erschreckt!” entfuhr es dem Mann und er fasste sich an die Brust.
“Wäre ich ein Einbrecher, wärst du jetzt tot.” erwiderte Kate trocken. Der Mann zog eine Grimasse und stand auf, ging um die Couch herum und umarmte sie herzlich.
“Freut mich trotzdem, dich zu sehen, Schwesterherz.” sagte er leise.
“Mich auch. Fin, darf ich dir deine Cousine Sarah MacKenzie vorstellen? Mein Bruder, Finley O’Hara.” stellte Kate die beiden einander vor. Mac hatte ein kurzes Kopfnicken erwartet, doch der Mann hielt ihr höflich die Hand hin. Nach kurzem Zögern ergriff Mac sie, und stellte überrascht fest, dass der Händedruck warm und freundlich war.
“Willkommen. Und bitte, nenn mich Fin.” bat Fin und schenkte ihr ein Lächeln. Kate hatte mit ihrer Beschreibung recht gehabt, er hatte dasselbe kupferfarbene Haar wie sie es schon bei Kate gesehen hatte, grüne Augen und Sommersprossen, was ihm ein jugendliches Aussehen verpasst. Sein Lächeln war jedoch ganz anders als das von Kate, viel erwachsener und auch etwas verschmitzt.
“Gern. Mac.” erwiderte Mac und spürte, wie die Anspannung zu schwinden begann.
“Wo sind die anderen?” fragte Kate, zog ihre Jeansjacke aus und warf sie achtlos auf die Couch.
“Cara und Dana schlafen, Dad auch. Jake ist in LA, Matt übernachtet in Austin, und Pace… ist eben mal wieder voll und ganz Pace.” erklärte Fin.
“Du hast keine Ahnung, wo er steckt.” stellte Kate fest.
“Nein. Du warst immer die Einzige, auf die er gehört hat. Und du lässt dich immer seltener blicken, also macht er, was er möchte.” sagte Fin, wurde sich dann aber der Anwesenheit Macs bewusst und verstummte.
“Schon wieder?” fragte Kate resigniert.
“Schon wieder.” bestätigte Fin nur. “Hey, Carmen hat heute frei, du solltest also deinen Kram nicht überall verteilen.” sagte er dann und warf ihr ihre Jacke zu.
“Ich hatte mich schon gewundert, wo sie steckt.” sagte Kate und warf ihre Jacke zurück auf das Sofa.
“Bist du müde? Dann zeig ich dir dein Zimmer.” wandte Kate sich wieder an Mac.
“Nein, eigentlich bin ich putzmunter.” sagte die und war selber überrascht.
“Kenn ich. Wie geht es Ben?” erkundigte sie sich bei ihrem Bruder. Der hatte inzwischen die Musik ausgestellt.
“Unverändert. Leann ist vollkommen fertig, ich hab sie gestern nach Hause geschickt und ihr den Rest der Woche frei gegeben.”
“Bleiben Dolour, JD, Kristin, Lex und… ja, und wer eigentlich?” fragte Kate ihn.
“Ching, Hannes und Caleb.” ergänzte der.
“Ching? Ich dachte, bei der hätte Pace ein Veto eingelegt.” wunderte sich Kate.
“Du kennst Carmen, wenn sie etwas will, dann findet sie schon einen Weg.” zuckte Fin mit den Schultern.
“Und, was machst du beruflich?” wandte er sich dann an Mac.
“JAG. Ich bin Anwältin beim Marine Corps.” antwortete Mac.
“Jake und Matt werden sich freuen.” lachte Fin.
“Ja, jetzt sind die Marines in der Überzahl.” stimmte Kate ihm zu. “Fin ist auch Major, aber er will sich in die Reserve versetzten lassen.” erklärte sie Mac.
“Jake und Matt, die sind bei der Navy, oder?” erkundigte sich Mac.
“Jep. Matt ist Comander und unterrichtet bei Top Gun, Jake ist Captain und in irgendeinem Büro in LA angestellt.” erwiderte Fin.
“Und wer sagt, dass ich in die Reserve will?” wollte er dann von Kate wissen.
“Eine sehr zuverlässige Quelle, die ich nicht näher benennen werde.” grinste die.
“Kathryn? Ich hätte es wissen müssen.” stöhnte Fin und setzte sich auf die Sofalehne.
“Nein, eigentlich Leann. Aber egal, es ist deine Entscheidung.” zuckte Kate mit den Schultern.
“Ja, ist es. Und das geht auch Pace nichts an, sag ihm das mal.” kam es von Fin.
“Hey, er ist auch dein Bruder. Und ich misch mich bei euch beiden schon lange nicht mehr ein.” erklärte Kate.
“Ach, und was war das mit Kathryn?” fragte Fin triumphierend.
“Er hat sie schlecht behandelt, und sie war neu. Das ist was anderes.” verteidigte Kate sich.
“Jaja, sicher. Willst du was zu trinken oder zu essen?” fragte Fin Mac.
“Nein danke.” lehnte die ab und sah sich noch mal im Raum um.
“Wenn ja, dann sag einfach Bescheid. Hey, welchen Rang has du eigentlich? Nicht, das ich noch vor dir salutieren muss.” scherzte Fin.
“Colonel. Und nein, musst du nicht, um Gottes Willen.” gab die zurück.
“Damit wär ich hier zur Zeit vorsichtig.” nuschelte Fin. Mac sah ihn fragend an.
“Erklär ich dir morgen früh.” sagte Kate rasch. In dem Moment polterte es laut von Richtung Eingangsbereich. Fin legte die Finger auf die Lippen und griff unter die Couch. Mac wich überrascht zurück, als er ein Gewehr hervorholte und es entsicherte. Keiner der drei rührte sich. Vom Eingangsbereich her hörten sie zuerst Stimmen, dann ein entspanntes Lachen, und Fin atmete erleichtert aus. Er sicherte das Gewehr wieder und lehnte es gegen die Couch. Kate hatte sich auch wieder entspannt und grinste während sie den Kopf schüttelte. Im Türrahmen tauchten zwei Männer auf, der eine war hochgewachsen und hatte braune Haare, über seiner Schulter hing ein Gewehr. Der anderer war etwas größer als Fin, hatte aber dieselbe Haarfarbe. Seine grünen Augen hatten jedoch sanfte goldene Sprenkel, und sein Grinsen war ganz das von Kate.
“Hossa, was für ein Empfang.” lachte der Bruder. Mac hatte anfangs gedacht, er wäre betrunken, merkte aber schnell, dass er einfach nur hochgradig belustigt war.
“Ach, halt doch die Klappe.” knurrte der andere Mann, nickte Kate kurz zu und verschwand wieder.
“Wer hat dem denn an den Karren gepinkelt?” fragte der Mann mit den roten Haaren amüsiert.
“Ach, ich denke er mag es nicht sonderlich, wenn du hier einfällst wie eine Horde Neandertaler.” sagte Fin ernst. Das leichte Lächeln um seine Mundwinkel verriet ihn jedoch.
“Soso. Und wer ist diese junge Dame?” fragte der andere an Mac gewandt.
“Sarah MacKenzie, deine verheiratete Cousine und ein Marine, also spar dir deine Sprüche. Mac, das ist Pace.” stellte Kate die beiden einander vor.
“Schade.” sagte Pace und grinste Mac zu. Dann wandte er sich an Kate.
“Und nun zu dir.” sagte er drohend und machte einen Schritt auf sie zu. Kate wich einen Schritt zurück und rannte dann los, raus aus dem Wohnzimmer. Pace lachte und rannte ihr hinterher. Mac und Fin hörten Kate laut krietschen, dann lachten sie und Pace los. Fin stand neben Mac und schüttelte nur den Kopf.
“So läuft das bei den beiden immer. Die werden nie erwachsen.” lachte er. Kurz darauf kamen Kate und Pace wieder, beide mit geröteten Wangen, und Pace rieb sich die Schulter.
“Na, den Kürzeren gezogen?” fragte Fin amüsiert.
“Nein, aber jemand hat den Tisch im Flur verrückt, er steht weiter links.” sagte Pace etwas mürrisch.
“Beschwer dich bei Dana.” kam es von Fin.
“Die gewinnt mir langsam zu viel Einfluss.” sagte Pace. Kate sah ihn verwirrt an.
“Sie will die Zuchthengste verkaufen und lieber auf Reittiere umsteigen. Dad will sich es überlegen.” sagte Pace, und auf seinem Gesicht lag ein Schatten.
“Wird Zeit, das sie mal jemand daran erinnert, wer hier das weibliche Familienoberhaupt ist.” kam es von der Tür. Dort stand der Mann von vorhin, diesmal ohne Gewehr, aber mit zwei Flaschen Bier. Eine davon reichte er Pace, die andere behielt er.
“Mac, darf ich dir Lex vorstellen? Der beste Wachhund, den es gibt. Wenn du ihn fütterst, darfst du ihn auch hinter den Ohren kraulen.” lachte Fin. Lex warf ihm einen wütenden Blick zu.
“Pass bloß auf, Junge.” knurrte er.
“Lexi ist zwei Jahre älter als Matt, deshalb denkt er, er kann uns wie kleine Kinder behandeln.” sagte Pace und trank einen Schluck.
“Okay, seit ihr fertig?” fragte Kate etwas genervt. “Ich wüsste gern, wie du das eben gemeint hast.” wandte sie sich an Lex.
“Du bist die einzige Frau, von der ich mir hier was sagen lasse, Carmen und Juanita ausgenommen. Und Dana kann mich langsam mal kreuzw-” begann er, wurde aber von Kate unterbrochen.
“Vorsicht. Du redest hier von meiner Schwägerin.” warnte sie ihn.
“Diese Schwägerin sollte aufpassen, was sie sagt. Fairlea wird so geführt, wie eure Mutter es wollte, und damit sollte sie sich besser abfinden. Und ich mag es nicht, wenn sie deine Autorität untergräbt.” knurrte Lex.
“Wieso sollte sie das tun?” fragte Kate verwirrt.
“Sie hat drei der Turnierreiter rausgeworfen und durch andere ersetzt, welche, die sie ausgesucht hat. Und die Mädchen setzt sie zu sehr unter Druck. Juanita gefällt das auch nicht.”
“Ich hatte sie gebeten, sich die Reiter anzusehen. Von Rauswurf war aber keine Rede.” erklärte Kate hastig.
“Was die Mädchen betrifft, das ist deine Arbeit gewesen, schon immer. Sie hat nicht die Geduld dafür, und sie hat Cara ins Team geholt.” kam es von Pace.
“Wenn das so ist werde ich morgen ein langes und ernstes Gespräch mit Dana führen. Sonst noch was, wovon ich wissen sollte, bevor ich morgen Dad unter die Augen trete?” fragte Kate und sah zwischen den drei Männern hin und her. Lex räusperte sich und zog sich wieder zurück.
“Vielleicht sollten wir das besser dich fragen.” knurrte Pace.
“Pace, es ist weit nach Mitternacht, ich hab keine Lust auf Versteckspielchen, also raus damit.” bat Kate ihn.
“Du sollest wissen, das Dad nichts für sich behalten kann. Besonders nicht, wenn es um dich geht.” erwiderte Fin anstelle seines Bruders.
“Okay, ich versteh es immer noch nicht.” sagte Kate und sah Mac fragend an. Die zuckte jedoch nur ratlos mit den Schultern.
“Wann ist die Hochzeit?” fragte Pace ernst. Kate klappte der Unterkiefer nach unten.
“Was?!” entfuhr es ihr.
“Na ja, eigentlich läuft das ja andersherum, erst Hochzeit und dann Schwangerschaft, aber du hast dir noch nie viel aus den gesellschaftlichen Regeln gemacht.” erklärte Pace und langsam aber sicher breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus.
“Ich hätte es wissen müssen.” schüttelte Kate den Kopf und ließ sich bereitwillig von den beiden umarmen.
“Alles Gute, Kleines.” flüsterte Fin und gab sie wieder frei.
“Du solltest besser ins Bett gehen. Matt und Jake kommen morgen früh, und ich bin sicher, bei Jake kommst du nicht so leicht davon.” sagte Pace.
“Ja. Kommst du, ich zeig dir dein Zimmer.” wandte Kate sich an Mac. Kate führte sie zurück in die Eingangshalle und beide stiegen die Treppe hinauf. Bei dem zweiten Zimmer auf der linken Seite steckte ein Schlüssel von außen. Kate schloss auf und ließ Mac eintreten. Dann zog sie den Schlüssel ab und schaltete das Licht ein. Mac verschlug es für einen Augenblick den Atem. Im Zimmer standen ein gezimmerter Kleiderschrank, eine verzierte Holztruhe und ein Himmelbett. Unter der Fensterbank stand ein Schreibtisch, der allem Anschein nach antik war. Der Raum war in einem warmen Orange gestrichen, an der Wand über dem Bett hing ein wundervolles Gemälde, das eine Felsenküste bei Sonnenaufgang zeigte. Am Fuß des Bettes standen Macs Reisetaschen.
“Okay, Bett, Tisch, Stuhl, Kleiderschrank, Radio, Lichtschalter.” erklärte Kate und zeigte auf die Gegenstände. Sie ging um das Bett herum und öffnete eine angrenzende Tür.
“Bad mit Waschbecken und Toilette. Das Zimmer ganz hinten des Ganges ist ein großes Bad. Duschen bitte erst ab acht. Frühstück von neun bis zwölf, halb eins gibt es Mittag, deine Anwesenheit beim Mittagessen ist Pflicht. Abendbrot wann du willst, außer Sonntags, dann um neun. Gut, hab ich was vergessen?” fragte Kate und überlegte.
“Ach, die Mahlzeiten werden im Esszimmer eingenommen. Wenn du etwas brauchst, wende dich an einen der Dienstboten. Morgen ist Samstag, also wären das Dolour, Kristin und Ching sowie Carmen. Carmen ist die Haushälterin, die anderen drei sind ihr unterstellt. Betreten darf nur Carmen dein Zimmer, und das auch nur, wenn sie deine Erlaubnis hat. Und obwohl ich es bei dir für unnötig halte es zu sagen, kein Fluchen, kein Schreien, und erst Recht keine Gewalt. Und darunter zählt auch ein einfacher Klaps. Und bevor du morgen nach unten gehst, weck mich, dann komme ich mit. Mein Zimmer ist gleich gegenüber, neben dir schläft Pace und auf der anderen Seite Cara. Hast du noch Fragen?” erkundigte sich Kate.
“Ja, soll ich was bestimmtes anziehen?” fragte Mac verunsichert.
“Kein Nachthemd, kein Bademantel, keine Unterwäsche oder die Art von Kleidung, die man eher Frauen aus dem zweifelhafteren Gewerbe zuordnet. Ansonsten alles, in dem du dich wohl fühlst. Matt und Fin frühstücken in Karohemd und verblichenen Jeans, also zieh an, was du willst.” erwiderte Kate und schenkte Mac ein aufmunterndes Lächeln.
“Gute Nacht, und schlaf gut. Und hey, so schlimm wird es schon nicht.” munterte Kate sie auf.
“Ja, du hast Recht. Dir auch eine gute Nacht.” gab Mac zurück. Kate nickte und zog die Zimmertür hinter sich zu.
*~*~*
11. Dezember
0927 CST
Hauptgebäude von Fairlea, TX
Mac klopfte vorsichtig an die Tür, die ihrem Zimmer gegenüber lag.
“Herein.” erklang es von drinnen, und Mac betrat das Zimmer. Kate lag auf dem Bett und las. Sie hatte Jeans und ein blaues Shirt an und ihre Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Um den Hals trug sie ein silbernes Medaillon. Als sie Mac erblickte, setzte sie sich auf. Mac trug ebenfalls Jeans, darüber jedoch eine längstgestreifte Leinenbluse.
“Morgen. Gut geschlafen?” erkundigte sich Kate und klappte das Buch zu.
“Ja, ganz gut. Bist du schon lange wach?” fragte Mac und schloss die Tür. Das Zimmer war fast genau wie das von Mac eingerichtet, nur der Schreibtisch war übersäht mit Blättern, die Wände hatten ein anderen Orangeton, und fast alles war mit Skizzen, Aquarellen und Bleistiftzeichnungen überdeckt. Auf dem Boden stapelten sich Bücher. Als Mac an den Tisch trat, traute sie ihren Augen nicht. Vor ihr lagen Skizzen, Aquarellversuche, offizielle Dokumente, Notizen und Fotos heillos durcheinander verstreut. Mac nahm vorsichtig eine Zeichnung hervor, die von den anderen fast vollständig verdeckt war. Sie war mit Farbkreide angefertigt worden, auf ihr sah man ein junges Mädchen in Reitsachen und mit einem langen blonden Zopf, das sanft sein Pferd striegelte.
“Das ist Cara.” sagte Kate, die an Mac herangetreten war.
“Hast du das gezeichnet?” fragte Mac und strich bewundernd über das Bild.
“Ja, aber das ist nur der Vorentwurf gewesen. Das richtige Bild hängt in ihrem Zimmer.” gab Kate zu und nahm Mac sanft das Blatt aus der Hand, um es wieder auf den Tisch zu legen.
“Das ist wunderschön. Du hast echt Talent. Sind die anderen Bilder auch von dir?” fragte Mac.
“Das in deinem Zimmer, ja. Die anderen nein. Die hat Mum gemacht. Ich kann lange nicht mit ihr mithalten.” sagte Kate.
“Doch, die Zeichnungen sind wundervoll.” stritt Mac. Kate schüttelte den Kopf.
“Sinn von den Bildern ist es, Gefühle zu wecken. Mum hat das gekonnt, ich kann es nicht. Das ist mir nur bei einem Bild gelungen, und das hängt in der Bibliothek. Ich zeig dir nachher den Rest des Hauses, dann siehst du das Bild. Und jetzt lass uns runter gehen, ich hab Hunger.” sagte Kate und hielt Mac die Tür auf. Als beide das Esszimmer betraten, saßen Pace, ein Mädchen, und zwei Männer am Tisch. Der eine war dem Aussehen nach einer der anderen Brüder, der andere hatte graue Haare, aber seine Augen leuchteten, als er Kate sah. Er stand auf und küsste Kate sanft auf die Stirn, die umarmte ihn wortlos.
“Mac, das ist Ephram Jennings, mein Vater. Dad, das ist Sarah MacKenzie.” stellte Kate die beiden einander vor. Ephram schüttelte Mac die Hand, sagte aber immer noch nichts.
“Sehr erfreut.” sagte Mac fest.
“Gleichfalls. Ich würde Ihnen gern meinen anderen Sohn Matt und seine Tochter Caroline vorstellen. Pace kennen Sie ja bereits.” sagte Ephram herzlich. Matt und Cara hatten Mac zugenickt, Matt stand auf und schüttelte ebenfalls Macs Hand, Cara blieb jedoch sitzen.
“Sarah ist die Cousine deines Vaters, Caroline, ich denke, du solltest sie begrüßen.” sagte Ephram. Das Mädchen legte seinen angebissenen Toast auf den Teller und verlies wortlos das Zimmer.
“Tut mir Leid.” entschuldigte Matt sich, ging seiner Tochter jedoch nicht hinterher.
“Schon gut.” beruhigte ihn Mac. Kate schob ihr einen Stuhl nach hinten und Mac setzte sich Pace gegenüber, der neben Matt saß. Kate nahm neben ihr Platz, Ephram saß an der Stirnseite. Ein Dienstmädchen goss Mac Kaffee ein, Kate hielt ihre Tasse jedoch zu und bat um ein Glas Orangensaft. Die Frau nickte und kam kurz darauf mit dem Saftglas wieder und nahm Kates Tasse mit. Mac und Kate nahmen sich Toast und aßen kurze Zeit schweigend. Ephram sah Kate auf eine Art an, die Mac als prüfend empfand, und sich fragte, wie Kate dabei nicht nervös wurde.
“Hattet ihr Streit?” fragte Ephram dann. Kate sah ihn überrascht an.
“Wen meinst du damit?” wollte sie wissen.
“Du und Cara.” antwortete ihr Vater.
“Nein, zumindest weiß ich davon nichts. Matt?” wandte sie sich an ihren Bruder.
“Ihr Benehmen hat nichts mit Mac oder dir zu tun, Dad.” sagte der nicht gerade überzeugend.
“Sie ist sauer, weil ich nicht möchte, das Dana ein Mitspracherecht bei den Turnierreitern hat.” stellte Kate fest.
“Du hättest es Dana zumindest sagen können. Aber anstatt es von dir zu hören, macht das ein grinsender Pace.” brauste Matt auf.
“Ich hab sie lediglich gebeten, sich die Reiter anzusehen. Von Rausschmiss und Ersetzen hab ich nie etwas erwähnt!” konterte Kate. Ephram hob die Hand.
“Aber aber Kinder. Kein Streit bei Tische.” sagte der ruhig. Matt warf seine Serviette wütend auf den Tisch.
“Mir ist der Appetit vergangen.” fauchte er und ging. Kate warf ihre Serviette auch hin, blieb jedoch sitzen und verschränkte die Arme.
“Musste das sein?” wandte sie sich an ihren Vater.
“Was meinst du?” wollte der wissen. Mac fiel erst jetzt sein leichter Akzent auf.
“Dieser Streit, der geht doch auf deine Kappe. Pace wäre nicht von selbst auf so eine bescheuerte Idee gekommen.” erklärte Kate.
“Du überschätzt meinen Einfluss auf deinen Bruder, Caitlynn. Nein, ich denke Pace hat sich etwas zu lange mit Lex unterhalten.” sagte Ephram ruhig. Kate nickte bedächtig, trank einen Schluck und sah dann Pace an.
“Hast du mir etwas zu sagen?” erkundigte sie sich bei ihm.
“Sonntags ist Beichte.” gab der zurück und ging ebenfalls.
“Er entgleitet mir immer mehr.” stellte Ephram in den Raum.
“Nicht nur dir, Dad.” stimmte Kate ihm zu.
“Sarah, ich hörte, Sie sind Anwältin?” wandte Harold seine Aufmerksamkeit Mac zu.
“Ja, bei JAG. Ich bin im Marine Corps.” erklärte Mac.
“Scheint in der Familie zu liegen. Darf ich Sie duzen? Ich bin es nicht gewohnt, meine Nichten so förmlich anzusprechen.” bat Ephram.
“Gerne, Mr Jennings.” sagte Mac.
“Bitte, du kannst mich auch duzen. Caitlynn, zeigst du Sarah den Rest des Hauses? Ich muss leider mit einem der Jungs reden.” erklärte Ephram und verlies den Raum. Kate griff nach ihrem Glas und trank es aus.
“Fertig?” fragte sie Mac, als die ihre Serviette wieder auf den Tisch legte.
“Ja.” bestätigte die.
“Okay, dann werd ich dir den Rest zeigen. Mal sehen, vielleicht kommen wir ja auch noch etwas raus, ehe es Essen gibt.” sagte Kate und stand auf. Sie zeigte Mac die Küche, beide Bäder, ein Arbeitszimmer und den Weinkeller. Dann kehrten beide wieder ins Erdgeschoss zurück, und Kate blieb vor einer Tür stehen, die sie bis jetzt ignoriert hatte.
“Okay, und nun der Schatz dieses Hauses.” sagte Kate feierlich und öffnete die reicht verzierte weiße Flügeltür.
“Wow.” entfuhr es Mac leise. Der Raum vor ihnen war riesig und mit dunklem Holz getäfelt. An den Wänden standen riesige Bücherregale, die bis zum Rand voll waren. Es gab zwei Tische, die in der Mitte nebeneinander standen und beide eine Leselampe hatten. Unter dem Fenster stand ein Schreibtisch wie der in Macs Zimmer. Auf ihm lagen, sorgfältig sortiert, einige Dokumente. Im Kamin prasselte ein Feuer, und es war, als hätte man eine ganz andere Welt betreten. Langsam ging Mac an den Regalen entlang und lies die Hand über ein Paar der Buchrücken wandern.
“Hier findest du fast alles. Dante, Aristoteles, Shakespeare, Goethe, Schiller, Lessing, Tolkien, King, Sparks. Märchen, Abenteuerromane, Thriller, Fantasygeschichten. Die Meilensteine der Mathematik oder Analyse lyrischer Werke.” sagte Kate und lies sich in einen der Lesesessel an den Regalen sinken. Die Tür hatte sie hinter den beiden wieder geschlossen. Mac fiel auf, dass die Bücher nach dem Alphabet geordnet waren, aber es schien noch eine andere Reihenfolge zu geben, da es von A bis Z lief und dann mit anderen Büchern mit A wieder weiterging.
“Sie sind nach Genre geordnet, und dann noch mal nach dem Alphabet. Wenn du ein Buch mehrmals siehst, dann ist das noch mal nach Auflage und Erscheinungsjahr geordnet.” sagte Kate.
“Das ist…” begann Mac, verstummte aber, als ihr kein passendes Wort einfiel.
“Überwältigend. Ich hab hier manchmal den ganzen Tag verbracht. Ich hätte das Buch einfach nur mit nach oben nehmen müssen, dann hätte ich abends im Bett weiter lesen können. Aber etwas hat mich davon abgehalten. Ich weiß gar nicht, wie oft mich Carmen frühmorgens in einem der Sessel vorgefunden und geweckt hat. Ich war wie verzaubert.” sagte Kate ehrfürchtig. Sie nahm eines der Bücher aus dem Regal, strich leicht über das Cover und stellte es dann wieder weg.
“Hast du die alle gelesen?” fragte Mac leise.
“Nein, obwohl ich es mir wünsche. Ich glaube, noch nicht mal Dad hat alle gelesen.” sagte Kate lächelnd. Erst jetzt fielen Mac die vielen gerahmten Fotografien in den Bücherregalen auf. Sie streckte langsam die Hand aus und nahm eines der Bilder herunter.
“Sommer 1990. Das war das Jahr, in dem die Frau von Jake gestorben ist. Es ist eines der letzten Fotos mit ihr. Wir haben ein Fest gehabt, sie, Dana und ich haben es geplant. Sechs Monate später standen wir an ihrem Grab und haben uns die Totenmesse angehört.” sagte Kate. Zum Ende hin war ihre Stimme leiser geworden und sie wischte sich eine Träne von der Wange. Mac stellte die Fotografie wieder weg, als ihr eine andere ins Auge fiel. Sie zeigte eine sehr junge Frau, die an ihren Mann gelehnt dasaß. In ihren Armen lag ein Baby.
“Jake, Natalie und Galina. Das ist fünf Wochen nach ihrer Geburt gemacht worden, an ihrem ersten Tag auf Fairlea. Ich glaube, wir haben das Regal mit den Bildern über Jake erwischt.” erklärte Kate. Sie ging durch den Raum und nahm ein anderes Bild herunter. Sie betrachtete es kurz und ging dann zu Mac zurück.
“Das sind Mum und Dad an ihrem Hochzeitstag.” sagte sie leise. Auf dem Bild erkannte Mac Ephram, obwohl er damals um einiges jünger war. Neben ihm stand eine bildschöne Frau. Mac hätte schwören können, das es Kate gewesen war, wenn sie es nicht besser gewusst hätte. Gwen und Ephram sahen beide so glücklich aus, das Mac es nicht in Worte fassen konnte.
“Du siehst ihr wirklich sehr ähnlich.” sagte Mac leise und strich sanft über das Glas. Kate sagte nichts, sondern suchte anscheinend nach einem anderen Bild. Mac stellte das Hochzeitsfoto wieder in das Regal zurück. Etwas weiter links stand ein anderes Bild, das zeigte Kate und Vince. Kate hatte ihre Hand auf seiner breiten Brust, und er hatte seinen Arm sanft auf ihre Taille gelegt. Beide sahen verliebt in die Augen des anderen. Im Hintergrund konnte Mac Bäume mit Herbstlaub erkennen.
“Wann war das?” fragte Mac ihre Cousine.
“Letztes Jahr in Iowa.” antwortete die und reichte Mac ein anderes Bild. Es zeigte zwei Jungen mit roten Haaren, jeweils auf dem rechten und linken Bein von Gwen. Der Ältere war nicht viel älter als sechs.
“Jake, Mum und Matt. Jake war sechs, Matt gerade zwei. Es war um die Weihnachtszeit.” erklärte Kate.
“Das Bild gibt es sechs Mal. Einmal mit Mum und Dad, dann mit Mum und Jake; Mum, Jake und Matt; Mum, Jake, Matt, Fin; Mum, Jake, Matt, Fin und ich. Jedes Mal, wenn es ein neues Familienmitglied gab, haben die beiden ein neues Bild gemacht. Mum… sie ist drei Tage nach der Geburt von Pace gestorben, mit ihm gibt es kein Bild. Nur das.” sagte Kate leise und wies auf die Wand neben dem Fenster. Dort hing ein Bild mit Gwen und ihrem Sohn. Er saß auf ihrem Schoß, und sie hatte ihre Wange auf seinen Kopf gelegt. Ihr Gesicht hatte etwas so liebevolles, und gleichzeitig so bedauerndes an sich, das Mac Tränen in die Augen stiegen.
“Das hast du gezeichnet?” fragte sie leise. Kate nickte nur und kämpfte selbst gegen Tränen.
“Ich habe kaum Erinnerungen an sie. Nur losgelöste Bilder, der Klang ihres Lachens, ihre Stimme, wenn sie mich in den Schlaf gesungen hat. Und manchmal, aber nur ganz selten, da kann ich ihr Lachen sehen und hören. Es gibt eine Erinnerung, die wie ein Film immer wieder abläuft. Das war das letzte Weihnachten mit ihr. Wir haben den Baum geschmückt, damals war sie noch nicht schwanger. Und ich weiß nicht mehr, wieso, aber Jake hatte keine Lust den Stern anzubringen. Dad hat ihn mir in die Hand gegeben, und dann hat mich Mum hochgehoben, damit ich ihn auf die Spitze setzten konnte. Als sie mich wieder heruntergelassen hat, da hat sie mir einen Kuss auf die Wange gegeben, und “Mein kleiner Engel.” zu mir gesagt. Ich hab soviel vergessen, aber daran kann ich mich erinnern, als wäre es erst gestern gewesen.” sagte Kate und wischte sich die Tränen von der Wange.
“Das war bestimmt hart.” sagte Mac mitfühlend.
“War es. Aber wenn es für mich schon so schwer war, wie war es dann erst für Pace? Er hat keine einzige Erinnerung an Mum, nichts, nur die Erzählungen von Dad und den anderen. Als Pace fünfzehn war, da hat er eine Phase gehabt, in der er sich selbst die Schuld an Mums Tod gegeben hat. Er war überzeugt, wenn er nicht gewesen wäre, dann würde sie heute noch leben. Damals hab ich dieses Bild gemalt. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber Pace hat sich wieder gefangen. Bis zum Sommer letzten Jahres zumindest. Seine Freundin ist bei einem Autounfall gestorben, und er kommt nicht darüber hinweg. Sie war auf dem Weg, um ihn abzuholen, als sie die Kontrolle über den Wagen verlor. Und wie damals gibt er sich die Schuld am Tod eines Menschen, den er geliebt hat.” sagte Kate leise.
“Ihr hattet gestern etwas erwähnt, von wegen man sollte mit der Erwähnung Gottes in diesem Haus vorsichtig sein.” lenkte Mac das Thema in eine etwas andere Richtung.
“Wir sind alle getauft, Mac. Ich weiß nicht, ob Mathew dir das gesagt hat, aber AJ ist mein Taufpate und der von Pace. Ich hab mit zwanzig aufgehört, regelmäßig zur Kirche zu gehen. Es gibt wenig, um das ich Gott je gebeten habe, und wenn ich das getan habe, dann nie um meinet Willen. Aber das Corps hat meine ganze Aufmerksamkeit gefordert, und es gibt auch noch andere Gründe, die ich nicht näher erörtern möchte. Jake hat aufgehört mit beten, als Natalie starb. Und Pace hat den Glauben ganz verloren. Dad spricht ein Tischgebet, immer. Achte auf Pace und Jake, keiner von den beiden wird ‘Amen’ sagen.” antwortete Kate und sah zum Gemälde ihrer Mutter.
“Galina glaubt nicht an Gott, sie ist Ärztin und alles hat für sie eine Ursache, die sie mit ihrem Verstand erklären kann. Nach dem Tod ihrer Mutter hab ich sie nie wieder in einer Kirche gesehen. Sie hat Dad einmal in einer hitzigen Diskussion die Worte ‘Gott ist tot’ an den Kopf geworfen. Das hättest du erleben sollen. Es war auf einem Wohltätigkeitsball. Alle im Raum wurden still, man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Als Dad sie ansprechen wollte, da ist sie in Tränen ausgebrochen. ‘Wo war Gott, als meine Mutter starb? Wo war er, als Grandma starb? Warum mussten die beiden gehen? Wo zum Teufel ist er, wenn ein kleines Kind stirbt? Und wo ist Gott wenn die Menschen Hunger leiden müssen? Wo ist Gott, wenn ein Land im Krieg und Armut versinkt? Wo ist er dann? Nirgendwo! Es gibt keinen Gott, keinen allbarmherzigen Samariter!’ hat sie geschrieen. Jake ist weiß wie eine Wand geworden, und Dad genauso. Galina ist hinausgerannt, und seitdem hat sie sich nicht mehr auf Fairlea blicken lassen. Und was das schlimmste daran ist, ich habe in dem Augenblick gedacht, sie hat Recht. Ich bin nicht das, was man eine strenge Christin nennt. Ich denke, mein jetziger Zustand spricht Bände. Aber ja, ich glaube an Gott. Ich möchte eine kirchliche Hochzeit, und eine Taufe für mein Kind. Dad hat uns katholisch erzogen, Jake ist aber kurz nach seiner Grundausbildung zum Protestantentum konvertiert. Na ja, jetzt spielt das für ihn wohl keine Rolle mehr.” zuckte Kate mit den Schultern.
“Galina, ist sie getauft?”
“Ja. Und Jake und Natalie haben sie ähnlich erzogen, wie Dad uns, wenn es um unseren Glauben ging. Aber Galina hat als Kind ein Nachtgebet gehabt, in dem sie darum bat, dass ihr Vater und ihre Mutter gesund bleiben sollen. Ich denke, sie fühlt sich von Gott im Stich gelassen, wo er ihr doch ihre Mutter genommen hat. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, dann suchen wir verzweifelt nach einem Schuldigen. Galina hat ihren in Gott gefunden.” erklärte Kate leise. Mac sah ebenfalls nochmals zu dem Gemälde nach oben, und ihr fiel etwas in die Augen.
“Ist das die Kette, die du um hast?” fragte sie Kate überrascht. Tatsächlich, Gwens Hals wurde von demselben Medaillon geziert, das Kate jetzt trug.
“Nein, ist es nicht. Aber du hast recht, man kann sie von außen nicht unterscheiden.” erklärte Kate und machte ihres ab. Sie gab es Mac vorsichtig in die Hand.
“Das ist irisch. Die Verziehrungen außen sind ein Zitat aus der Bibel. ‘Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden.’ Wenn du es aufklappst, steht auf der linken Seite der Name der Besitzerin eingraviert, und dessen Bedeutung. Auf der rechten ist ein Bild von einer wichtigen Person in deren Leben.” erklärte Kate ihr. Mac öffnete das Medaillon vorsichtig. Sie hatte ein Bild von Gwen erwartet, fand aber eines von Ephram.
“Überrascht?” fragte Kate. Um ihren Mund spielte ein wissendes Lächeln.
“Etwas, ja. Ich dachte…”
“Das Mum auf dem Bild sein würde. War sie auch lange Zeit, bis ich dem Corps beigetreten bin. Dad hat uns immer in all unseren Entscheidungen unterstützt, egal, ob sie ihm gefielen oder nicht. Wenn wir einen Fehler gemacht hatten, oder wir enttäuscht von einer Entscheidung waren, dann hat er nie ‘Ich hab es dir doch gleich gesagt’ gesagt. Er hat uns dann in den Arm genommen und uns getröstet, so gut er konnte. Ihm hat nicht gefallen, dass ich meinen Weg im Corps gesucht habe. Aber er hat nie dagegen geredet. Er war da, als ich Offizier wurde, und er war da, als ich zum ersten Mal als Anwältin vor Gericht stand. Wir haben ihn nie enttäuscht, und er liebt uns so, wie wir sind. Mit all unseren Fehlern.” sagte Kate und nahm die Kette wieder von Mac entgegen, um sie sich wieder umzulegen.
“Fast alle weiblichen Mitglieder der Familie haben eine solche Kette. Den Mädchen wird sie bei der Taufe geschenkt und zum ersten Mal umgelegt, den Frauen bei der Hochzeit oder am ersten Hochzeitstag. Manche tragen ihre Ketten aber nicht. Cara nimmt ihre ab, wenn sie reitet, Galina hat sie nur um, wenn eine Familienfeierlichkeit ist. Und die männlichen Mitglieder haben einen silbernen Siegelring. Den erhält man aber erst, wenn man volljährig wird. Und auch nur, wenn man blutsverwandt ist.” erklärte Kate Mac.
“Ich hab bei deinen Brüdern keinen Ring gesehen.” stellte Mac fest.
“Fin trägt auf jeden Fall einen, Pace meistens auch. Matt soweit ich weiß auch nur bei Feierlichkeiten, und Jake nur an Weihnachten. Und Dad sowieso immer.” widersprach Kate. Da ging die Tür zur Bibliothek auf und eine Frau kam herein. Vom Aussehen her war es die Mutter von Cara. Sie hatte dieselben Haare und auch einen ähnlichen Gesichtsausdruck. Sie war in einen Zeitungsartikel vertieft und bemerkte Kate und Mac nicht. Kate machte ihre Anwesenheit auch nicht bekannt, sondern verschränkte nur die Arme und sah Dana auf eine Art an, die Mac unheimlich war. Als Dana an einen der Tische herantrat, sah sie kurz von der Zeitung auf und bekam einen riesigen Schrecken.
“Um Gottes Willen! Wie kommst du denn hier rein?” fragte sie atemlos an Kate gewandt.
“Wir waren schon vorher hier drin. Mich würde interessieren, wo dein Anstand geblieben ist?” fragte Kate eisig. Dana hob nur die Augenbrauen.
“Sarah MacKenzie, Daniella O’Hara.” stellte Kate die beiden vor, fixierte Dana jedoch weiterhin.
“MacKenzie? Da klingelt was bei mir. Oh ja, richtig, der Teil der Familie, mit dem wir ja angeblich nichts zu tun haben wollen.” gab Dana giftig zurück.
“Mäßige deinen Ton. Und apropos, darüber wollte ich mit dir sowieso noch sprechen.” schoss Kate zurück.
“Was passt dir denn nun schon wieder nicht?” fragte Dana gelangweilt.
“Dein Ton Mac und mir gegenüber. Und deine Einmischungen in meinen Aufgabenbereich.” sagte Kate ruhig. Sie ließ sie von Dana nicht weiter aus der Ruhe bringen, was diese jedoch noch wütender machte.
“Welche Einmischungen? Ich bin genauso Familienmitglied wie du.”
“Vorsicht, Dana. Die Mädchen und die Reiter, die uns bei offiziellen Anlässen vertreten, unterliegen meinen Anweisungen. Du kannst die Dienstboten auswählen, oder such dir eine andere Beschäftigung, wenn arbeiten für dich zu viel ist. Aber lass deine Finger von meinen Aufgaben, hab ich mich da klar ausgedrückt?” fragte Kate. Sie hatte die Stimme zwar etwas gehoben, blieb aber dennoch äußerlich ruhig.
“Ich bin nicht einer deiner Dienstboten, die fein ‘Ja Miss’ sagen, verstanden?” fauchte Dana. Mac war nicht klar, was Dana mehr traf, die Rüge an sich, oder das sie von der jüngeren Schwester ihres Ehemannes kam.
“Nein, das bist du wirklich nicht. Die wissen, wann sie es zu weit treiben.” sagte Kate ruhig. Als Dana kontern wollte, unterbrach sie sie.
“Und ich würde es begrüßen, wenn du Cara nicht gegen mich aufhetzt. Sie muss nicht deine Einstellung uns allen gegenüber übernehmen. Mehr wollte ich nicht sagen. Und jetzt werde ich dich allein lassen, damit du in Ruhe deinen Artikel lesen kannst. Ach, und wage es dir nicht, Matt gegen mich aufzubringen, dann ziehst du ganz schnell den Kürzeren.” sagte Kate zuckersüß, was die Drohung um einiges gefährlicher machte. Sie ging wortlos hinaus, und Mac folgte ihr. Zurück blieb eine vor Wut kochende Dana. Kate stand auf der Veranda, die Arme auf dem Geländer und sah in die Ferne, als Mac zu ihr trat.
“Ich will nicht darüber reden.” sagte Kate, bevor Mac mit dem Thema anfangen konnte.
“Eine Warnung meinerseits: pass gut auf, was du Dana sagst. Sie könnte es gegen dich benutzen.” sagte Kate und richtete sich auf.
“Wir haben noch anderthalb Stunden, ich kann dir einen Teil der Ställe zeigen, wenn du möchtest. Oder wir können einfach so umhergehen, was dir besser gefällt.” sagte Kate und drehte sich zu Mac um. Die staunte nicht schlecht, als sie bemerkte, das Kate offensichtlich kurz vor einem Tränenausbruch stand.
“Alles in Ordnung?” fragte sie Kate leise und berührte sanft ihren Arm.
“Ja, ich streite mich nur nicht gern mit ihr.” wich die aus.
“Da ist doch noch mehr.” beharrte Mac sanft.
“Ich will nicht darüber sprechen, okay?” bat Kate leise.
“Wie du willst. Und die Ställe klingen gut.” sagte Mac und nahm ihre Hand zurück.
“Gut, dann los.” sagte Kate, versuchte ein Lächeln und ließ Mac den Vortritt auf den Stufen. Gemeinsam gingen sie den Weg zu den Ställen und unterhielten sich über alles und nichts. In den Ställen zeigte Kate Mac ein paar der Pferde und erzählte etwas zu deren Geschichte.
“Reitest du?” fragte Kate Mac, als sie vor einer anderen Box angekommen waren.
“Ein bisschen. Meine kleine Schwester Chloe lebt auf einer Farm mit Pferden.” erklärte Mac.
“Ich dachte, du wärst ein Einzelkind.” gestand Kate.
“Bin ich auch. Chloe ist nicht meine richtige Schwester. Kennst du das ‘Big Sister Programm’?” erkundigte Mac sich.
“Ja, kenn ich. Und Chloe wurde dir zugeteilt?”
“Ja. Sie hat den Leuten eine Zeit lang erzählt, ich wäre ihre Mutter. Bis sie Weihnachten auf einmal im JAG HQ war. Gott, alle dachten, sie wäre wirklich meine Tochter.” lachte Mac.
“Das ist übrigens Lara. Sie wird hier ausgebildet, und dann kommt sie nach Iowa.” erklärte Kate beiläufig.
“Du und Pace, ihr seit die alleinigen Eigentümer von diesem Therapiezentrum?” erkundigte Mac sich.
“Nein, wir sind zu viert. Pace, Kim, Walt und ich, und wir teilen uns die Kosten. Wenn du Physiotherapeuten kennst, gib mir deren Adresse.” sagte Kate und trat zurück in den Gang.
“Wieso? Läuft es nicht gut?” fragte Mac interessiert.
“Na ja, wie man’s nimmt. Die Farm finanziert sich aus unserem Ersparten, und aus ein paar Spendengeldern. Es gilt das Konzept, das jedes Kind, das hart an sich arbeiten will, willkommen ist. Die Eltern bezahlen nur einen geringen Anteil der Kosten, und auch nur soviel, wie für ihr Einkommen angemessen ist. Der größte Teil bleibt auf uns sitzen. Dazu kommt noch die Grund- und Gewerbesteuer, die Futterkosten, der Hufschmied, technische Ausrüstung, ein Hallenbad, das alles summiert sich. Versuch mal einen guten Physiotherapeuten zu finden, der kaum etwas verdient und dafür rund um die Uhr arbeiten muss. Keiner reißt sich um so einen Job.” erklärte Kate. Mittlerweile waren sie und Mac wieder nach draußen gelangt.
“Na ja, nimm es mir nicht übel, aber ihr scheint ja nicht gerade am Hungertuch zu nagen.” sagte Mac.
“Nein, das nun wirklich nicht. Aber das wechselt auch. Fairleas Hauptstandbein ist die Pferdezucht, dazu kommen noch einige wenige Rinder. Die letzten zwei Jahre waren mies, wir haben zwar genug erwirtschaftet, um nicht die Zuchttiere verkaufen zu müssen, aber trotzdem. Zurzeit geht es wieder bergauf. Aber ich muss Dad zum Beispiel die Tiere abkaufen, die ich nach Iowa nehmen will. Das ist mein Projekt, und das von Pace. Also kauf ich ihm die guten Tiere sehr früh ab, wenn sie noch jung sind. Und dann muss ich die Unterbringungskosten mittragen.” sagte Kate und blieb stehen. Vor ihnen war ein eingezäunter Bereich, in dem drei Mädchen ihre Pferde im Kreis ritten. Eine Frau rief ihnen Kommandos zu, und Kate bedeutete Mac, dass sie leise sein sollte und beide sich das aus der Nähe ansehen sollten. Sie gingen hin und lehnten sich gegen den äußeren Zaun. Eine andere Frau trat zu ihnen und beobachtete ebenfalls das Geschehen in dem Oval.
“Sauer?” fragte sie Kate leise.
“Warum sollte ich das sein?” wollte die wissen.
“Das ist dein Pferd.” erklärte die Frau und wies auf den Fuchs.
“Ich weiß. Wer ist das Mädchen?” erkundigte Kate sich.
“Joe’s Tochter Larissa.” erwiderte die Frau.
“Ich dachte, die hat Reitverbot?” hakte Kate nach. Mac konnte ihren Gesichtsausdruck nicht deuten.
“Nur wenn Ephram in der Nähe ist.” erwiderte die Frau. Kate nickte und für den Rest der Übungsstunde herrschte Schweigen. Als die Mädchen abstiegen, rief Kate Larissa zu sich. Die verzog das Gesicht und ließ Kates Pferd von jemand anderem wegbringen.
“Miss O’Hara.” sagte Larissa, was sehr eingeschüchtert klang.
“Mein Name ist Kate. Wie alt bist du?” fragte Kate.
“Fast achtzehn.” gab Larissa zurück.
“Da du hier geboren bist, kennst du unsere Regeln schon seit siebzehn Jahren. Kannst du mir sagen, was die Regel bezüglich schlechter Noten ist?” erkundigte Kate sich.
“Schüler, die sich um Pferde kümmern oder sonstige Arbeiten auf der Ranch erledigen, haben dies als Privileg zu betrachten. Wenn der Notendurchschnitt sinkt, werden die Privilegien immer weiter gekürzt. Strafarbeiten sind keine Privilegien und unterliegen anderen Regelungen.” gab Larissa Auskunft.
“Gut. Habe ich nicht mitbekommen, wie sich deine Noten verbessert haben?” fragte Kate nach.
“Das haben sie nicht. Meine Noten sind dieselben geblieben.” sagte Larissa leise.
“Dachte ich mir schon.” sagte Kate und musterte sie.
“Ich habe keinerlei Absicht, dein Fehlverhalten auch noch zu belohnen. Dennoch denke ich, dass diese Strafe nicht nur dich getroffen hat. Du kümmerst dich jetzt um das Ausmisten von wie viel Boxen?”
“Zwölf.” sagte Larissa.
“Gut. Strukturieren wir deine Privilegien um. Keine Boxen mehr, nur noch Henry. Du bist allein für ihn verantwortlich. Du bewegst ihn, du mistest seine Box aus, du sorgst dafür, dass sein Zaumzeug und sein Sattel in Ordnung sind, und kontrollierst sein Futter und Wasser. Wenn deine Noten jedoch weiter in den Keller rutschen oder so bleiben, wird dir dieses Privileg gestrichen. Haben wir uns da verstanden?” fragte Kate sie.
“Sie meinen, ich muss mich um Ihr Pferd kümmern?” wollte Larissa wissen.
“Ja. Ich hab nicht die Zeit, das zu machen.” bestätigte Kate.
“Sie sind jetzt aber hier.” widersprach Larissa.
“Ja, bin ich. Und trotzdem kann ich nicht ausreiten. Also, machst du es, oder muss ich mir jemand anderen suchen?” fragte Kate nach.
“Ich mach es. Danke.” sagte Larissa hastig.
“Gut, und jetzt kümmer dich um das Pferd.” lachte Kate, und Larissa rannte davon.
“Du darfst nicht reiten?” fragte Mac.
“Nein. Das heißt, dürfen schon, aber auf eigene Verantwortung.” erklärte Kate.
“Oh. Daran hab ich nicht gedacht.” entschuldigte Mac sich.
“Macht nichts, ich auch erst nicht. Wir sollten zurückgehen, ich will Dana nicht noch Grund zum Meckern geben.” sagte Kate.
Gemeinsam gingen beide wieder zum Haus zurück. Als sie das Esszimmer betraten, herrschte eisiges Schweigen. Der Tisch war nicht gedeckt, und alle hatten eine Miene aufgesetzt, die nichts Gutes erahnen ließ. Kate und Mac sahen sich kurz an, wobei Kate mit den Schultern zuckte. Beide setzten sich nebeneinander an den Tisch, zur anderen Seite von Mac saß Pace. Kate sah Matt, der ihr gegenüber saß, fragend an, doch der schüttelte auch nur den Kopf. Kurz darauf tauchte Ephram auf, er stellte sich an das Kopfende des Tisches, setzte sich jedoch nicht hin, sondern stützte sich auf die Stuhllehne. Alle sahen ihn gespannt an. Er sah eine Zeit lang auf das Tischtuch, dann hob er den Blick und ließ ihn über alle, die am Tisch saßen, wandern. Als er bei Mac angelangt war, schenkte er ihr ein aufmunterndes Lächeln. Als er die Runde herum war, sah er kurz wieder auf den Tisch, dann richtete sich sein Blick auf Dana.
“Die Regeln in diesem Hause sind einfach. Und sie bestehen seit meiner Hochzeit mit Gwen, wenn nicht sogar schon eher. Ich frage euch beide, Daniella und Caitlynn, müssen diese Regeln nicht beachtet werden?” sagte Ephram streng und wandte seinen Blick zu Kate.
“Haben sie die Einhaltung nicht verdient, weil sie schon so alt sind? Oder weil Gwen tot ist?” Bei der Erwähnung ihrer Mutter zuckten die Geschwister zusammen. Ephram machte eine lange Pause.
“Caitlynn, Daniella, steht bitte auf.” bat er die beiden. Die taten, wie er verlangte.
“Habt ihr euch etwas zu sagen?” fragte Ephram. Dana schüttelte verneinend den Kopf und sah auf die Tischdecke. Kate überlegte kurz, dann sah die Dana an.
“Es tut mir leid. Mein Benehmen dir gegenüber war nicht fair. Obwohl ich der Meinung bin, das es gerechtfertig war, so, wie du mit mir und vor allem Mac umgesprungen bist. Trotzdem, ich entschuldige mich bei dir.” sagte sie fest. Mac spürte, welche Überwindung es sie kosten musste.
“Setzt euch.” forderte Ephram beide auf. Als die beiden sich gesetzt hatten, merkte Mac, wie Cara ihre Mutter verständnislos ansah.
“Sarah, ich möchte dich noch einmal im Namen aller Familienmitglieder auf Fairlea begrüßen.” wandte Ephram sich dann an Mac.
“Pace und Caitlynn kennst du ja. Finley und seine Verlobte, Kathryn, Jake, Matt und seine Frau Daniella, und das sind Caroline und Tobias.” stellte er Mac noch einmal alle vor.
“Eure Cousine Sarah MacKenzie.” sagte er dann zu den anderen.
“Gut, ihr könnt gehen. Kein Essen heute, macht, was ihr wollt. Daniella, auf ein Wort.” sagte Ephram und er und Dana verließen den Raum.
“Hallo Sarah.” meldete sich Jake zu Wort. Er hatte auch kupferfarbene Haare und grüne Augen, nur strahlten die nicht mehr so, wie die der anderen Familienmitglieder. Seine Sommersprossen konnte man auch nicht mehr sehen.
“Nenn mich bitte Mac.” bat Mac ihn.
“Warum?” wollte Tobey wissen. War Cara mit ihren blonden Haaren und blauen Augen sehr nach ihrer Mutter geraten, so war Tobey mit kupferfarbenem Haar, strahlenden grünen Augen und Sommersprossen auf Nase und Wangen das Abziehbild von Matt.
“Es ist ein Spitzname. Alle meine Freunde nennen mich so.” erklärte Mac ihm.
“Hast du Kinder?” fragte Tobey.
“Tobias Gerome O’Hara!” rief ihn sein Vater zur Ordnung.
“Tut mir Leid, er kann manchmal etwas anstrengend sein.” entschuldigte er sich dann bei Mac.
“Nein, schon gut. Ich habe eine Tochter, Mattie. Mein Mann Harm und ich haben sie kurz nach unserer Hochzeit adoptiert.” antwortete sie dann Tobey.
“Wie alt ist sie?” fragte der Junge weiter.
“Siebzehn. Und du?” fragte Mac ihn.
“Sechs. Cara ist fünfzehn.” sagte der Junge.
“Halt die Klappe.” fuhr ihn seine Schwester an.
“Cara, reiß dich zusammen.” ermahnte Matt sie, wenn auch in sanftem Tonfall.
“Und du auch!” warf sie ihm an den Kopf, stand hastig auf und lief aus dem Zimmer.
“Weiß sie es?” fragte Fin und sah ihr hinterher.
“Nein, aber sie ahnt es. Tobey, geh und spiel mit Juan.” bat Matt seinen Sohn. Der stand etwas zögerlich auf und ging ebenfalls hinaus.
“Was ist eigentlich dein Problem mit Dana? Gerade lief es wieder gut zwischen uns, dann kommst du und der ganze Mist beginnt von vorne.” fuhr Matt Kate an.
“Hey, langsam, ja! Ich hab mich hier gerade wegen ihr zum Affen gemacht. Und die kann sich einfach nicht benehmen!” sagte Kate aufgebracht.
“Kate.” sagte Fin beschwichtigend und legte ihr eine Hand auf den Arm.
“Na ist doch wahr! Egal was sie tut, es richtet sich gegen mich! Und so langsam gebe ich Carmen Recht, du solltest Dana ganz schnell loswerden.” wurde Kate lauter.
“Und wenn nicht? Sie ist die Mutter von Tobey und Cara, ja!” fuhr Matt seine Schwester an.
“Siehst du das nicht? Muss ich es dir erst noch sagen? Du verlierst deine Kinder, besonders deine Tochter! Bevor sie rund um die Uhr mit Dana zusammen war hatte sie Anstand und Höflichkeit. Aber seit sie sie aus dem Internat genommen hat, benimmt sie sich scheußlich! Matt, Dana ist nicht gut für die beiden, egal ob Mutter oder nicht!” brauste Kate auf.
“Sieh mal, ich bin die Letzte, die dir in diese Beziehung reinredet. Lange Zeit war es nur eure Angelegenheit, da waren Cara und Tobey zwar schon geboren, aber nicht rund um die Uhr um euch. Aber das hier geht so nicht weiter. Trenn dich von ihr, bitte. Ich liebe dich, sehr sogar. Und ich liebe meine Nichte und meinen Neffen. Aber Dana kann und werde ich so, wie sie sich verhält, nicht weiter akzeptieren. Sie untergräbt meine Autorität und beleidigt Mac. Wenn es um Geld geht, davon gibt es genug. Dana hat nie etwas an dir oder ihren Kindern gelegen. Sie hat Profit gesehen, von der Sekunde an, in der ihr euch zum ersten Mal begegnet seid. Und es tut mir Leid, das hier kein anderer den Arsch in der Hose hat, dir das zu sagen. Dana passt nicht zu dieser Familie. Sie betrügt dich, sie hintergeht dich und uns alle. Mach dem ein Ende, und zwar bald. Sonst musst du auf meine Unterstützung leider verzichten.” erklärte Kate und Tränen stiegen ihr in die Augen.
“Ich liebe dich. Und ich will nicht, dass so etwas zwischen uns steht. Entschuldigt mich.” sagte sie und ging wortlos hinaus. Als Mac aufstehen wollte, um ihr hinterher zu gehen, spürte sie einen sanften Druck auf ihrem Arm. Pace hielt sie sanft, aber bestimmt fest.
“Lass sie. Sie muss sich erst beruhigen.” sagte er sanft. Wortlos setzte Mac sich wieder. Dafür stand Matt auf und verließ ebenso den Raum. Kathryn erhob sich nach einer Weile und zog Fin mit sich. Übrig blieben Jake, Pace und Mac.
“Wie lange liegen sich die beiden wieder in den Haaren?” fragte Jake leise.
“Schon immer. Aber Dana hat sich in letzter Zeit zu viele Dinger geleistete, als das Kate darüber weiter hinwegsehen kann.” erklärte Pace. Jake sah ihn prüfend an.
“Ich kenne dich seit deiner Geburt. Du verschweigst doch etwas. Hast du da deine Finger mit im Spiel?” fragte Jake ihn. Es klang nicht vorwurfsvoll, nur müde und auch etwas enttäuscht.
“Ich muss Kate nicht erst noch gegen diese Hexe aufbringen, das schafft Dana mit ihrem Verhalten allein.” schoss Pace zurück.
“Ja, aber du hast sie auch nie leiden können.” erinnerte Jake ihn.
“Ja, genauso wenig wie du, Fin und Kate. Sogar Dad mag sie nicht, und Matt hätte sie nie geheiratet, wäre sie nicht schwanger gewesen.” konterte Pace.
“Schon gut, ich sag ja nichts mehr.” sagte Jake und hob leicht abwehrend die Hände.
“Besser für dich.” knurrte Pace.
“Ich sollte mich für unser aller Benehmen entschuldigen, Mac. Wir können uns manchmal ganz gut benehmen, nur gibt es Tage, da brennen bei uns anscheinend sämtliche Sicherungen durch.” wandte Jake sich an Mac.
“Nein, ist schon gut. Eigentlich ist es ganz gut zu sehen, das auch ihr Probleme habt.” sagte die mit einem leichten Lächeln.
“Ja, so sind wir. Durchgeknallt bis ins Letzte.” verkündete Pace feierlich. Mac sah ihn belustigt und überrascht an. Jake schüttelte nur den Kopf.
“Was? Ich benenne nur Tatsachen, mehr nicht. Ja, deiner Ansicht nach bin ich derjenige mit dem größten Schaden, schon klar.” lachte Pace.
“Du hast echt ‘nen Knall, Pace. Aber voll.” sagte Jake und stand auf. Anstatt zu gehen, ging er zu einem kleinen Schrank herüber, der Mac zuvor nicht weiter aufgefallen war. Er schloss die Tür auf und holte ein Whiskeyglas heraus. Dann nahm er eine Flasche und gesellte sich zu den beiden zurück.
“Prost.” sagte Jake, nachdem er sich etwas in sein Glas eingegossen hatte, und trank es aus.
“Auch was?” fragte er Mac.
“Danke, ich trinke nicht.” sagte die fest. Jake sah sie kurz an. Dann nahm er die Flasche und stellte sie wieder weg. Wortlos kehrte er zum Tisch zurück und spielte gedankenverloren mit dem Glas in seiner Hand.
“Ich sollte nach Katie sehen.” sagte er nach einer Weile und ging.
“Katie?” fragte Mac leicht verwirrt.
“Er meint Kate. Pass aber auf, er ist der einzige, der sie ungestraft so nennen darf.” erklärte Pace.
“Warum hat er die Flasche weggestellt?” wollte Mac wissen.
“Kathryn ist trockene Alkoholikerin, keiner von uns trinkt in ihrer Gegenwart. Und das gilt auch für dich.” gab Pace sanft zurück. Mac sah ihn überrascht an.
“Keine Angst, keiner wird dich darauf ansprechen. Man muss nicht perfekt sein, Mac, und das ist nichts, wofür man sich schämen muss. Du hast es geschafft, und darauf solltest du stolz sein.” erklärte Pace.
“Hat Kate dir die oberen Zimmer gezeigt?” wechselte er dann das Thema.
“Nein, gibt es da noch etwas Besonderes?”
“Nicht wirklich, nur eine Art Galerie. Die kannst du dir auch ein andermal ansehen.” sagte Pace und schien eine ganze Zeit lang in Erinnerungen zu versinken.
“Komm mit.” sagte er dann plötzlich und sprang auf.
“Was? Wohin?” fragte Mac und stand auf.
“Ich will dir was zeigen.” sagte Pace nur und zog Mac mit sich nach draußen. Dort schlug er jedoch nicht den Weg ein, sondern ging zu einem der Geländewagen. Er hielt Mac die Beifahrertür auf und lies sie einsteigen. Dann stieg er ein, stellte den Motor an, suchte einen Radiosender, auf dem Country gespielt wurde, und fuhr davon. Er bog jedoch nicht auf den Weg ein, mit dem man die Ranch verlies, stattdessen fuhr er weiter hinein.
*~*~*

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