Christmas Miracles (4)
1305 CST
irgendwo auf Fairlea, TX
Pace war die ganze Zeit schweigend gefahren. Nun hielt er vor einem etwas vernachlässigtem Haus an und stellte den Motor ab.
„Wie viele Häuser gibt es hier noch?“ fragte Mac erstaunt.
„Na ja, manche der Arbeiter haben auch Häuser hier, aber nur die, die schon sehr lange hier sind. Und dann ist da noch eine heruntergekommene Hütte, in der wir uns als Kinder rumgetrieben haben.“ sagte Pace mit einem Schulterzucken.
„Und warum sind wir jetzt hier?“ wollte Mac wissen.
„Steig aus, dann zeig ich es dir.“ sagte Pace und war auch schon aus dem Wagen und bei den Stufen zur Veranda.
Mac seufzte, schnallte sich ab und stieg aus den Wagen. Sie sah sich kurz um, dann folgte sie Pace in das Haus. Drinnen war alles verstaubt. Obwohl es kurz nach Mittag war, war es ziemlich düster in dem Haus, und es lag eine Kälte darin, die Mac eiskalt den Rücken herunter lief. Sie fühlte sich wie ein Eindringling. Pace schloss hinter ihr die Tür und führte sie durch den Eingangsbereich in einen Saal an der Rückseite des Hauses. Der Saal umspannte die gesamte Rückseite. Anstatt einer Außenwand gab es Glasfenster bis zum Boden. Von dem Saal aus sah man auf eine Art Flusslauf. Die Wand gegenüber war von der Decke bis zum Fußboden mit Spiegeln verkleidet, in deren Mitte gab es Stangen, die für das klassische Ballett benutzt wurden. Der Boden war zwar von rötlichem Sand übersäht, aber darunter konnte man Parkett erkennen. Langsam dämmerte es Mac.
„Das ist ein Tanzsaal.“ entfuhr es ihr.
„Richtig. Gefällt es dir?“
„Das ist wundervoll. Die Aussicht, der Raum, alles. Wer hat das so verkümmern lassen?“ fragte Mac, eher an sich gewandt.
„Dad. Es hat Gwen gehört. Sie hat das Haupthaus entworfen, und nach der Geburt von Jake wollte sie eine Rückzugsmöglichkeit. Kate und ich haben hier manchmal eine ganze Woche verbracht. Wir haben Dad gesagt, wir würden bei Freunden schlafen, sind dann aber in Wirklichkeit hier gewesen. Ich denke, er hatte uns insgeheim durchschaut, aber er hat nie etwas gesagt. Oben steht noch ein Klavier, aber darauf würde ich nicht spielen wollen. Hörst du das?“ fragte er Mac. Die horchte eine Weile, konnte aber nichts hören.
„Ich hör nichts.“ gab sie dann zu.
„Genau. Stille. Absolute, vollkommene Stille. Nimmt dir ein Buch und setzt dich hierher, du wirst nicht merken, wie schnell die Zeit vergeht. Das hat Mum an diesem Ort geliebt. Dad war mit Jake und Matt ein paar Mal hier und die drei haben Mum zugesehen. Aber nach ihrem Tod hat Dad das Haus nie wieder betreten. Für ihn sind die Erinnerungen zu schmerzlich, für Kate und mich hingegen war es immer der Ort, an dem wir uns unserer Mutter am nächsten gefühlt haben. Kommt mit nach oben.“ forderte er sie dann auf, und beide stiegen die Treppe nach oben, Pace zuerst. Oben gab es drei Räume: eine Art Bad, und die anderen beiden waren normale Zimmer. Gut, was hieß normal. In einem davon standen unzählige Staffeleien mit unvollendeten, aber eingestaubten Bildern, in den Ecken standen, mit Planen abgedeckt, noch mehr davon.
„Wer hat die gezeichnet?“ fragte Mac und blies den Staub von einem der Bilder auf einer Staffelei. Zum Vorschein kam ein zu fünf Sechsteln vollendetes Ölgemälde, das eine blühende Flusslandschaft zeigte. Beim näheren Hinsehen bemerkte Mac, das es die Aussicht des Saales auf den Fluss war.
„Die auf den Staffeleinen sind fast alle von Kate, eins ist von mir. Die mit den Planen sind von Mum. Bis auf dieses.“ erklärte Pace und hob eine Plane an. Er holte ein Bild hervor und stellte es auf die einzige leere Staffelei. Es war ebenfalls ein Ölgemälde, aber es zeigte keine Landschaft. Vielmehr waren es Gwen und Ephram. Sie hatte ein Ballkleid an, er einen feinen schwarzen Anzug. Beide tanzten, aber es schien, als hätten sie nur Augen füreinander. Die umstehenden Leute waren verschwommen gezeichnet, sodass es wirkte, als würden beide sich schnell drehen. In der Ecke links unten war ein verschwommenes Signum, das durch seine Farbwahl fasst gar nicht zu sehen war.
„E.D?“ fragte Mac.
„F.O.“ widersprach Pace. Mac sah ihn überrascht an.
„Ja, das ist von Fin. Kate und ich haben es eines Tages hier oben auf einer der Staffeleien stehen sehen. Fin hat nie gezeichnet, er sagt, er könne das gar nicht. Aber das ist der Beleg, dass er es kann.“
„Wie alt ist das Bild?“ fragte Mac fasziniert.
„Wir haben Fin nie danach gefragt. Aber er wird nicht viel älter als fünfzehn gewesen sein. Kate und ich haben uns anfangs immer nur unten aufgehalten, bis ich wissen wollte, was hier oben war. Als Fin fünfzehn war, hat er sich manchmal stundenlang weggeschlichen. Keiner hat gewusst, wo er dann war, oder was er dann getan hat. Wir haben einen Brief hinter das Bild gesteckt. Eines Tages war der weg, und das Bild stand in einer Ecke.“ zuckte Pace mit den Schultern.
„Welches ist von dir?“ erkundigte Mac sich und sah sich im Raum um.
„Gut, aber wehe, du lachst.“ gab der sich geschlagen. Er ging zu einer anderen Staffelei und befreite das Bild vom Staub. Vor ihnen war eine Kohlezeichnung. Sie stellte das Gesicht eines strahlenden Jungen dar, auf dessen Brust sich von hinten zwei beschützende Frauenhände gelegt hatten. Die Augen des Jungen funkelten, und er hatte Sommersprossen.
„Bist das du?“ fragte Mac leise und strich sanft über die Wange des Jungen.
„Nein, zumindest war es nicht so gedacht. Ich hab später gemerkt, dass es auf jeden von uns Jungs passt, und mittlerweile auch zu Tobey.“
„Wer dann?“ fragte Mac leise.
„Dad. Und die Hände von Grandma. Wenn du Jake ansiehst, so sah Dad mal aus. Mum hatte auch kupferfarbene Haare und grüne Augen, aber keine Sommersprossen. Zumindest gibt es davon keine Bilder. Aber Jake, Matt und Fin, die sehen alle drei aus wie Dad. Kate und ich dagegen sind eher nach Mum geraten. Grausam, nicht? Die, die sich nicht an sie erinnern können, tragen ihr Aussehen. Wenn Kate will, dann kann sie richtig wie Mum aussehen. Als sie, lass mich kurz überlegen, neunzehn war, haben wir Weihnachten in Irland gefeiert. Kate hatte ein wunderschönes Kleid an, und ihre Haare hatte sie nicht gefärbt, sodass ihr die Locken bis zu den Schultern gingen. Dad hat sein Glas fallen lassen, als er sie so gesehen hat. Ich hab ihn noch nie so weit entfernt gesehen. Es war, als wäre er irgendwo in der Vergangenheit, und nicht bei uns.“ sagte Pace nachdenklich.
„Kate hat danach zwei Jahre kein Kleid mehr angezogen, wenn Dad in der Nähe war, und die Haare hatte sie immer zusammengebunden oder hochgesteckt. Jetzt fönt sie sich sie glatt und färbt sie.“ zuckte Pace mit den Schultern.
„Was ist in dem anderen Zimmer?“ fragte Mac vorsichtig.
„Das Klavier und ein Schrank. Der ist aber leer. Willst du wieder runter?“ erkundigte Pace sich.
„Nein, eigentlich nicht. Hilfst du mir, die anderen Bilder vom Staub zu befreien?“ fragte Mac ihn.
„Gern. Aber wir sollten nicht zu lange hier bleiben, sonst suchen uns die anderen.“ erklärte Pace. Gemeinsam machten sie sich an das Abstauben und unterhielten sich dabei.
„Gibt es jemanden, mit dem du dich besser verstehst?“ fragte Mac.
„Von den Geschwistern? Na ja, Kate eigentlich nur. Und manchmal Fin. Der Altersunterschied zwischen mir und Jake und Matt ist zu groß. Als Jake Vater wurde, da war ich noch nicht mal vier und Kate keine sechs Jahre. Deshalb sind sie und Galina auch eher wie Freundinnen oder Schwestern, und nicht wie Tante und Nichte. Aber Jake und Kate verstehen sich gut. Er ist der einzige neben Dad, von dem sie sich Vorschriften machen lässt. Wenn Matt, Fin oder gar ich etwas sagen, dann lässt sie das kalt. Aber auf Jake hört sie, manchmal mehr als auf Dad.“ antwortete Pace.
„Ephram hat nie wieder geheiratet, oder?“
„Nein. Er hat auch keine Freundin gehabt. Selbst als wir alle erwachsen waren nicht. Er hat Mum zu sehr geliebt. Carmen ist die einzige weibliche Konstante in seinem Leben. Sie ist kurz nach Kates Geburt eingestellt wurden, und seitdem arbeitet sie für uns. Jake hat mal was mit ihrer Tochter gehabt, und sie hat ihm derartig den Kopf gewaschen, das ihm hören und sehen verging. Silvia arbeitet jetzt auf der Farm in Iowa.“ lachte Pace.
„Ich bewundere euren Zusammenhalt. Außer Kate und Matt scheint sich hier niemand zu streiten.“ sagte Mac nachdenklich und wischte ein Stillleben ab.
„Nein, und auch die beiden streiten nicht. Kate geht eher oder beißt sich auf die Zunge, als das in einem richtigen Streit ausarten zu lassen. Dana und wir sind eine andere Geschichte.“
„Das hab ich immer noch nicht richtig verstanden.“
„Na ja, Dana ist die Frau von Matt, und seit Matt sie bei uns zu Hause angeschleppt hat, fliegen die Fetzen zwischen ihr und Kate. Natalie, die Frau von Jake, war so was wie der Ruhepol, sie hat die beiden immer wieder getrennt, und Kate hat nie etwas gegen Dana gesagt, wenn Natalie in der Nähe war. Nach ihrem Tod sind die beiden wieder in ihre alten Verhaltensmuster zurückgefallen. Abgesehen von Jake und Galina hat Kate am meisten unter ihrem Tod gelitten. Die beiden waren die besten Freundinnen, praktisch unzertrennlich.“ erklärte Pace.
„Ihr Tod kam für Kate zu plötzlich. Wenn es eine Warnung gegeben hätte, irgendetwas, dann wäre sie nicht so eingebrochen. Und Dana hat es mit ihrem Verhalten auch nicht besser gemacht, sie hat zu Kate gesagt, das sie sich zusammen reißen soll, und nicht wie ein Kleinkind heulen, das um seine Mutter trauert. Matt hätte ihr am liebsten eine gewischt, aber das hat Kate für ihn übernommen. Keiner von uns Jungs hat je seine Freundin, oder sonst eine Frau, angerührt, aber glaub mir, Matt war kurz davor.“ fuhr er fort.
„Hat Kate dir etwas über Rachel erzählt?“ fragte er Mac dann. Seine Stimme war leiser geworden und er versuchte, sie neutral zu halten. Mac sah von ihrer Arbeit auf.
„Nicht viel. Sie war deine Freundin, oder?“ fragte Mac vorsichtig.
„Ja. Vielleicht die einzige, die ich wirklich geliebt habe. Wenn ich böse bin, dann könnte ich sagen, dass auf unserer Familie ein Fluch liegt. Die Frauen, die wir geliebt haben, sind alle tot, Mum, Natalie, Rachel. Hoffentlich bleibt uns Kathryn erhalten.“ scherzte Pace, aber in seine Augen konnte Mac die Wahrheit lesen. Die Angst, wieder jemanden zu verlieren, der ihm etwas bedeutete.
„Aber worauf ich hinaus wollte, Kate hat Rachel sehr gemocht, Dana aber nicht. Und komischer weise hat Dana nach Rachels Tod geheult, und nicht Kate. Ich glaube, der Spruch ‘Was uns nicht umbringt, macht uns stärker’ passt auf Kate. Sie ist die stärkste Frau, die ich kenne. Sie weiß, was sie will, und ihre Ziele erreicht sie auch. Vielleicht prallt sie deswegen immer gegen Dana, weil die nicht weiß, was sie will, und es auch nicht erreichen kann.“ sagte Pace nachdenklich.
„Kann ich dich etwas fragen?“ wandte er sich dann zögerlich an Mac.
„Klar.“ ermutigte die ihn sofort.
„Deine Eltern… besser gesagt, deine Mutter… verstehst du dich mit ihr?“ fragte Pace langsam.
„Nein. Und offen gestanden habe ich gar keinen Kontakt zu ihr. Sie hat mich und meinen Vater am Abend meines fünfzehnten Geburtstages verlassen.“ antwortete Mac wahrheitsgemäß.
„Wie kann man seine Tochter einfach im Stich lassen?“ fragte Pace überrascht. Mac zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht. Aber mein Dad war nicht das, was man einen guten Ehemann nennen würde. Er war ein Trinker, und er hat sie geschlagen. Mich hat er jedoch nie angerührt.“
„Das ist keine Entschuldigung. Nein, vielmehr hätte sie dich nehmen müssen, und dieses Schwein verlassen.“ erklärte Pace.
„Ich hab selbst angefangen mit trinken, nur um von ihm wegzukommen. Mit siebzehn bin ich abgehauen, mit achtzehn hab ich geheiratet. Es heißt, jeder Alkoholiker muss zuerst seinen Tiefpunkt erreichen. Meiner war der Tod meines besten Freundes, an dem ich Mitschuld war. Onkel Matt hat mich dann gefunden und mir geholfen, trocken zu werden. Dank ihm habe ich es in meinen Leben zu etwas gebracht. Meine Mutter habe ich nur ein einziges Mal gesehen, und das war am Sterbebett meines Vaters. Das ist auch schon wieder lange her. Sie ist nicht zu meiner Hochzeit mit Harm im Sommer erschienen, und ich glaube auch nicht, dass ich sie noch einmal sehen will.“ erklärte Mac.
„Sie hat dich auch nicht verdient, du bis viel zu gut für sie.“ sagte Pace überzeugt.
„Danke. Ich hab meinem Vater immer die Schuld an ihrem Weggang gegeben. Als er tot war, hab ich erst begriffen, dass er mich geliebt hat, wenn auch auf eine äußerst armselige Weise. Und das meine Mutter für ihren Weggang verantwortlich war.“ sagte Mac.
„Soll ich dir was erzählen?“ fragte Pace sie. Als Mac nickte, fuhr er fort.
„Diese Geschichte, zwischen Deanne und Mum. Deanne hat gesagt, das Grandpa Schuld an der Trennung sei, und sie hat Gwen prophezeit, dass Gwen später ihre eigenen Kinder im Stich lassen würde. Gwen würde eine grauenvolle Mutter werden, hat Deanne zu Mum gesagt, und ihre Kinder würden sie hassen. Das Ironische ist, Deanne hat ihr eigenes Leben vorhergesehen. Ich hab geglaubt, vielleicht bereut Deanne es ja mittlerweile, wie sie Mum behandelt hat. Aber nach allem, was sie dir angetan hat, bezweifle ich, dass sie überhaupt zu so etwas wie Reue fähig ist.“
„Und wegen so etwas haben die beiden kein Wort mehr miteinander gewechselt?“ fragte Mac.
„Ja. Klingt übertrieben, aber nach dem Tod von Mum hat es eine andere Dimension angenommen.“ antwortete Pace und sah auf die Uhr.
„Wir sollten zurückkehren. Es ist schon halb fünf.“ sagte er. Er und Mac gingen wieder nach unten und fuhren zum Haupthaus zurück.
*~*~*
1642 CST
Haupthaus von Fairlea, TX
Nachdem Pace den Wagen weggestellt hatte, gingen er und Mac in den Salon. Fin und Jake saßen am Tisch und spielten Five Card Row.
„Na, sieht schlecht für dich aus.“ meinte Pace, nachdem er einen Blick in die Karten von Fin geworfen hatte.
„Wird auch mal Zeit. Würden wir Strippoker spielen, würde ich nur noch in Unterhose hier sitzen.“ sagte Jake.
„Hab ich dir nicht gesagt, dass du nie um etwas mit ihm spielen sollst? Der nimmt dich aus wie eine Weihnachtsgans.“ lachte Pace. Von oben war plötzlich Stimmengewirr zu hören. Mac erkannte Dana und Matts Stimmen, eine andere klang fast wie die von Cara.
„Was geht denn bei denen ab?“ fragte Pace verwundert. Jake und Fin legten die Katen weg.
„Dad hat Dana ein Ultimatum gesetzt. Entweder sie entschuldigt sie bei Kate, oder sie fliegt raus.“ erklärte Jake.
„Und warum streiten sie und Matt dann?“ wollte Mac wissen.
„Weil Dana gerade packt.“ sagte Fin. Mac und Pace sahen ihn an, als hätte er den Verstand verloren.
„Jep, sie geht. Und sie will die Scheidung.“ bestätigte Fin.
„Wenn ich sagen würde, dass mich das überrascht, dann wäre das eine Lüge.“ sagte Pace trocken.
„Wart’s ab, es kommt besser. Sie will ihre Rechte an Cara und Tobey abtreten.“ erklärte Jake mit einer Miene, die Mac eine Gänsehaut bekommen ließ.
„Wow, bei Cara war ich mir nicht sicher, aber ich dachte, sie würde Tobey mitnehmen.“ sagte Pace. Das schien ihn jetzt doch zu treffen.
„Nein. Matt und sie streiten sich schon, seit sie das Gespräch mit Dad beendet hat. Kate ist mit Tobey irgendwo draußen, damit er das nicht mitbekommt. Cara hat sich nicht so einfach abschütteln lassen.“ erwiderte Jake. Oben hörten sie Türen knallen, und kurz darauf wurde der Streit auf die Treppe und dann in das Erdgeschoss verlagert.
„Du bleibst jetzt stehen!“ rief Matt wütend. Dana dachte nicht daran und betrat den Salon.
„Amüsiert ihr euch?!“ fuhr sie die anderen an. Jake stand auf und stellte sich ihr in den Weg.
„Lass mich durch.“ fauchte Dana ihn an.
„Nein. Du tust, was Matt dir sagt. Und wenn nicht, dann lernst du mich endlich mal richtig kennen.“ sagte der gefährlich leise. Matt kam ins Zimmer, dich gefolgt von Cara.
„Danke.“ murmelte er Jake zu. Der nickte nur, blieb aber vor Dana stehen.
„Dana, werd doch bitte vernünftig.“ wandte Matt sich etwas ruhiger an seine Frau.
„Oh, ich bin so vernünftig wie schon seit fünfzehn Jahren nicht mehr.“ sagte die nur wütend und wollte Jake zur Seite stoßen.
„Mum!“
Der Schrei von Cara ließ alle verstummen.
„Bitte, geh nicht.“ flehte sie, und dickte Tränen liefen ihr die Wangen hinab. Mac bekam einen Kloß im Hals. Hätte sie sich auch so verhalten, hätte sie von den Plänen ihrer Mutter gewusst?
„Lass mich durch.“ fuhr Dana Jake an und schenkte ihrer Tochter keinerlei Beachtung. Matt nickte kaum merklich, und Jake gab den Weg für Dana frei. Die stieß die Hintertür auf und stürmte hinaus. Cara wollte ihr nachlaufen, aber Matt packte sie fest am Arm und hielt sie fest.
„Mum! MUUUUUUMMY!“ weinte das Mädchen und wehrte sich gegen ihren Vater.
„LASS MICH, DU TUST MIR WEH! ICH HASSE DICH!“ schrie sie ihn an.
„MUM!!!“
Matt kämpfte gegen seine eigenen Tränen und versuchte, seine Tochter im Griff zu halten. Er nahm sie in den Arm, und die Kleine begann, auf seine Brust einzuhämmern.
„LASS MICH LOS!!! ICH WILL ZU MEINER MUM!!“ weinte sie verzweifelt. Nach einer Weile wurde es Matt zu viel und er gab sie frei. Als sie hinausrennen wollte, um ihrer Mutter zu folgen, sprang Pace auf und hob sie kurzerhand hoch.
„LASS MICH RUNTER!!!“ schrie Cara und trat um sich. Pace konnte sie nicht mehr halten und musste sie runterlassen. Cara stand kaum wieder, da rannte sie auch schon zur Tür raus.
„MUM!!!“ rief das Mädchen immer wieder. Nach einer Weile wurden ihre Schreie leiser. Matt trat nach draußen und nahm seine Tochter in den Arm.
„Ich will meine Mum!“ schluchzte die.
„Ich weiß, meine Kleine. Ich weiß.“ redete der ruhig auf sie ein. Langsam wurde Cara ruhiger, und Matt nahm sie auf den Arm und trug sie wortlos nach oben. Pace, Fin, Jake und Mac standen in Salon und wussten nicht, was sie tun sollten. Mac spürte auf einmal eine warme Hand auf ihrer Schulter. Als sie sich umdrehte, stand Jake hinter ihr und nickte leicht. Erst da wurde Mac bewusst, das ihr Tränen die Wangen herunter liefen. Jake nahm sie sanft in den Arm, sagte aber nichts. Das war auch nicht nötig. Als Mac sich nach einer Ewigkeit wieder löste, hielt Fin ihr ein Taschentuch hin.
„Danke.“ sagte Mac leise und schnäuzte sich. Keiner der Brüder sagte etwas. Sie standen nur da und sahen schweigend durch die offene Hintertür.
„Onkel Pace!“ riss Tobeys Stimme sie aus den Gedanken. Kate und er waren anscheinend durch die Vordertür hereingekommen. Pace drehte sich um und nahm seinen Neffen hoch.
„Tante Mac, warum hast du geweint?“ fragte der Junge überrascht, als er Mac erblickte. Kate sah die vier zuerst fragend an, als sie ihrem ältesten Bruder in die Augen blickte, verwandelte sich der fragende Gesichtsausdruck in einen totaler Niedergeschlagenheit.
„Schatz, du wirst Pace zu schwer.“ sagte sie sanft, und der ließ den Jungen runter. Kate ergriff sanft seine Hand und Tobey sah sie an.
„Warum hat Tante Mac geweint?“ wollte der Junge von ihr wissen, da er von den anderen Erwachsenen keine Antwort bekam.
„Sie… sie vermisst ihren Mann und ihre Tochter. Weißt du noch, an deinem ersten Tag in der Schule? Wo du deinen Dad und… wo du zurückwolltest?“ entschied sie sich dann für eine andere Formulierung.
„Willst du zurück, Tante Mac?“ fragte der Junge mit großen Augen.
„Tobey, komm. Lass uns hoch zu deinen Daddy gehen. Er muss dir was wichtiges sagen.“ hielt Pace Mac von einer Antwort ab. Er nahm die Hand von Tobey und gemeinsam gingen sie die Treppe hoch. Kate lehnte sich gegen die Sofalehne und verschränkte die Arme.
„Sie ist weg, oder?“ fragte sie leise. Jake nickte und legte sanft einen Arm um ihre Schulter.
„Ich sollte wohl froh sein, das sie mich nicht noch mal gesehen hat.“ stellte sie dann in den Raum.
„Ja, das war auch so schon schlimm genug. Kathryn hat Michael angerufen, Cara ist vollkommen aufgelöst.“ sagte Fin.
„Matt wird mich dafür hassen.“ sagte Kate leise und versuchte, die Tränen, die ihr in den Augen brannten zu unterdrücken.
„Dafür gibt es keinen Grund.“ erklärte Jake fest und strich Kate ein Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Netter Versuch.“ erwiderte Kate mit einem tapferen Lächeln.
„Wenn Matt auf jemanden wütend sein muss, dann auf seine Frau.“ sagte Ephram und betrat das Zimmer. Die Jungs sahen zu Boden, und Kate tat es ihnen gleich.
„Ich deute das, dass ihr mit meiner Entscheidung nicht einverstanden seid. Hatte ich auch nicht erwartet.“ nickte Ephram.
„Warum hast du es dann getan?“ fragte Fin.
„Weil ich mich zwischen meiner Tochter und meiner Schwägerin entscheiden musste. Und ich ziehe mein Tochter vor.“ antwortete Ephram.
„Keiner hat eine Entscheidung von dir verlangt.“ stritt Fin weiter.
„Ich sehe meine Tochter kaum noch, dafür muss ich vierundzwanzig Stunden mit dieser dä… einer Frau verbringen, die keinen Funken Anstand besitzt. Die ihren Ehemann hintergeht und Zwietracht bei allen säht. Matt hat sie nie geliebt, Finley. Und jetzt Ende der Diskussion.“ sagte Ephram fest.
„Hast du auch nur eine Sekunde an Tobey und Cara gedacht?“ Die Jungs und Mac sahen Kate überrascht an. Die hob den Kopf und sah ihrem Vater in die Augen.
„Du weißt, das sie ihre Mutter brauchen.“ erklärte Kate.
„Sie brauchen eine Mutter, ja. Aber Daniella war nie eine Mutter für die beiden, sie hat sich nie um sie gesorgt.“ erklärte Ephram ruhig. Kate öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, schloss ihn dann aber wieder, ohne etwas gesagt zu haben.
„Du kannst es ruhig sagen, Caitlynn.“ bat Ephram sie.
„Nein, das kann ich nicht.“ sagte die leise.
„Tut mir Leid, ich muss hier raus.“ erklärte sie dann und verlies das Zimmer. Mac ging ihr hinterher. Als Kate die Tür zu ihrem Zimmer öffnete, drehte sie sich zu Mac um.
„Das ist keine gute Idee. Ich… lass mich einfach für den Rest des Tages in Ruhe.“ sagte sie, ging in das Zimmer und schloss die Tür von innen ab.
„Kein Glück?“ fragte eine Stimme hinter Mac. Als sie sich umdrehte, stand Ephram hinter ihr.
„Sie hat Recht. Lass sie besser in Ruhe, wenn du sie in eine Ecke drängst, kann das hässlich enden.“ erklärte er und sah auf die verschlossene Tür.
„Leistest du mir in der Bibliothek Gesellschaft?“ fragte er Mac dann. Mac nickte leicht, und beide gingen schweigend die Treppe hinunter. Ephram hielt ihr die Tür auf und schloss sie hinter ihr wieder. Er lies Mac sich setzten, und sah eine Weile schweigsam zu dem Bild seiner toten Frau. Als er sich wieder Mac zuwandte, war sein Blick sanft und fürsorglich.
„Das vorhin muss schrecklich für dich gewesen sein.“ sagte er sanft.
„Nein, du musst nicht darüber reden.“ sagte er ruhig, als Mac unruhig in dem Sessel herumrutschte.
„Ich denke, es wird Zeit, das du etwas über diesen Zweig deiner Familie erfährst.“ erklärte Ephram dann. Wie sonst auch sprach er in einer ruhigen Stimme, aber diesmal erschien sie Mac ganz anders zu klingen. Sie hätte nie vermutet, dass jemand zugleich so sanft aber auch so traurig klingen konnte.
„Wo fange ich an? Deine Tante. Sie war… unbeschreiblich. Die Liebe meines Lebens. Keine andere Frau konnte ihr das Wasser reichen. Als ich das erste Mal in ihre Augen blickte, da war mir sofort klar, dass ich alles für sie tun würde. Und mit jeder Sekunde unseres gemeinsamen Lebens habe ich mich noch mehr in sie verliebt. Fairlea wie es heute existiert war ihr Traum. Sie hat diese Ranch geliebt. Und noch mehr hat sie ihre Kinder geliebt. Ihr Tod war ein riesiger Verlust, und sie hat eine solche Lücke hinterlassen, das man sie unmöglich wieder füllen kann.“ sagte er traurig und ein bisschen wehmütig.
„Deine Cousins und deine Cousine. Sie sind alle etwas Besonderes, keiner ist wie der andere. Jake musste sehr schnell erwachsen werden. Er hat sich nie beschwert, keiner von ihnen. Jake hat eine wundervolle Tochter, Galina. Seine Frau starb vor über fünfzehn Jahren, als Galina dreizehn war. Das hat beide sehr getroffen. Jake ist bei der Navy, wie Matt.
Matt allerdings ist etwas impulsiver. Er kann ganz schnell auf hundertachtzig kommen, wenn man ihn richtig reizt. Caroline und Tobias sind seine ganze Welt, für sie würde er alles aufgeben. Daniella… Matt ist sehr gutmütig, und sie hat das schamlos ausgenutzt. Er hat sie nur geheiratet, weil sie schwanger war, und er das richtige für sein Kind tun wollte.
Finley ist der Ruhepol bei den fünfen. Er versucht immer zu schlichten, und ich habe ihn noch nie richtig streiten hören. Kathryn bedeutet ihm viel, mehr als alle Frauen, mit denen er bis jetzt aus war, zusammen. Sie ist ihm manchmal sehr ähnlich, Streit geht sie auch aus dem Weg.
Und Pace… wenn Jake und Matt manchmal etwas rebellisch waren, so war es Pace von Anfang an. Er ist der Raufbold, der, mit dem sich keiner gerne anlegt. Aber damit verdeckt er seine hohe Empfindsamkeit. Er ist der sensibelste, und wenn er mit seinen Gefühlen nicht mehr klar kommt, dann hat er früher zugelangt. Mittlerweile kann er sich beherrschen, aber er rebelliert immer noch gegen alles und jeden, der ihm Vorschriften machen will. Er hat nie eine Beziehung gehabt, die länger als zwei Monate hielt. Außer mit Rachel, die war etwas Besonderes. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er keine Spielchen gespielt. Er wollte sie heiraten, aber bevor er sie fragen konnte, ist sie verunglückt. Er hat ihr nie sagen können, wie viel sie ihm bedeutet hat.
Caitlynn… sie hat viel durchmachen müssen. Vielleicht mehr als ihre Brüder. Als einziges Mädchen unter vier Brüdern haben alle versucht, sie zu beschützen. Aber keiner hat verhindern können, dass man ihr immer wieder wehgetan hat. Ich glaube, sie hat von allen ihre Mutter am meisten geliebt. Es klingt komisch, sie war ja auch erst so klein, aber sie hat die Nächte nach dem Tod von Gwen durch geschrieen. Sie vermisst ihre Mutter wahnsinnig. Und ihr Aussehen hilft da auch nicht. Je älter sie wurde, desto mehr sah sie wie Gwen aus. Sie und Jake haben eine Beziehung zueinander, die ich nicht in Worte fassen kann. Caitlynn kann das Kompliment, das sie wunderschön ist, nicht ertragen. Und keiner der Jungs wird es je zu ihr sagen. Sie sagen dann Sachen wie ‘Das Kleid sieht an dir umwerfend aus’ oder andere Dinge. Aber Jake ist der einzige, dem sie das glaubt. Und egal wie schlecht es ihr geht, er findet immer einen Weg, sie wieder aufzumuntern. Sie und Jake haben sich nie gestritten, bis auf ein einziges Mal. Sie ging mit einem Jungen aus, und Jake hat der nicht gefallen. Wir saßen in einem Lokal, als er wieder damit angefangen hat. Und Kate hat ihn angesehen, dann hat sie ihm ihr Getränk ins Gesicht gekippt und ihm eine Ohrfeige verpasst. Während er sie verdattert angesehen hat, ist sie gegangen. Das war das einzige Mal, das Kate die Hand gegen jemanden erhoben hat.
Und wiederum ist sie die einzige, von der Pace sich überhaupt etwas sagen lässt. Nur ihren Rat nimmt er auch wirklich an.
Mit Matt wiederum kommt sie nicht klar. Zumindest nicht mehr, seit er mit Daniella zusammen ist.
Die Beziehungen der anderen sind durchwachsen. Jake und Matt verstehen sich manchmal sehr gut, an anderen Tagen gar nicht. Pace und Matt sollte man aber nicht allein in ein Zimmer sperren. Fin kann mit jedem ganz gut, sogar mit Pace. Und keiner von denen hat sich bis jetzt jemals um eine Frau gestritten. Aber in einer Sache sind sie sich einig, kein Mann ist gut genug für ihre Schwester. Bis auf Vincent, den haben alle sofort akzeptiert.“ schloss Ephram.
„Du hast mir einen Vortrag über deine Kinder und deine Frau gehalten. Was ist mit dir?“ fragte Mac.
„Ich… bin immer noch irischer Staatsbürger. Und die fünf haben die doppelte Staatsbürgerschaft. Für Gwen bin ich hierher gegangen, und dann wollte ich nicht zurück. Was soll ich dir erzählen? Ich liebe meine Kinder und mein Leben hier. Der Rest meiner Familie ist in Irland, du lernst sie kennen, wenn du Weihnachten mit uns verbringst. Wie Jake bin auch ich mit zwanzig zum ersten Mal Vater geworden, und ich habe es nie bereut. Und obwohl sie schon einunddreißig Jahre tot ist, vermisse ich meine Frau wie am ersten Tag.“ antwortete Ephram.
„Ich habe mich nie nach etwas gesehnt, nicht richtig zumindest. Aber als Gwen tot war, da hab ich mich so nach ihrer Stimme gesehnt. Nach ihrer Berührung, einfach nach ihr. Ich habe zwei Monate komplett neben mir gestanden. Bis Carmen mich wachgerüttelt hat. Meine Kinder würden mich brauchen, ich wäre nicht der einzige, der Gwen vermissen würde. Als ich mir die fünf angesehen habe, da merkte ich, das Finley ein Zahn fehlte. Jake hatte ein blaues Auge, Matt ein aufgeschrammtes Knie, Caitlynn hatte einen Teddy in der Hand, den ich bis dahin noch nie gesehen hatte. Und Pace hatte keine blauen Augen mehr, sondern grüne. Mehr habe ich nicht gebraucht.“ sagte er und ein trauriges Lächeln bildete sich um seinen Mund.
„Und was ist mit dir? Dein Mann, ist er die Liebe deines Lebens?“ fragte Ephram.
„Ja. Ja, das ist er.“ sagte Mac ohne jedes Zögern. „Wir sind ganze neun Jahre um eine Beziehung herum gesegelt. Ich hätte einmal fast einen anderen Mann geheiratet.“
„Was ist passiert?“
„Harm ist passiert. Er ist Kampfpilot gewesen, bevor er Anwalt bei JAG wurde. Er muss aber immer wieder diese Testflüge machen, damit er sein Abzeichen behalten kann. Am Abend vor meiner Hochzeit war er auf einem Träger und wollte zurückkommen, um die Hochzeit nicht zu verpassen. Er und sein RIO sind in eine Sturmfront geraten, und abgestürzt. Mic, mein damaliger Verlobter, konnte nicht verstehen, warum ich die Hochzeit verschieben wollte, obwohl Harm inzwischen im Krankenhaus in Sicherheit war. Also hat er die Verlobung gelöst und ist zurück nach Australien gegangen, wo er Anwalt bei der Royal Australian Navy war.“ erzählte Mac.
„Mic? Scheint da unten ein häufiger Name zu sein. Als Kathryn, Finley, Caitlynn und Pace dort unten waren, um sich eine der Stations anzusehen, ist Kathryn immer so ein komischer Typ hinterhergelaufen. Er hat sie regelrecht verfolgt. Bis Finley ihm dann unmissverständlich klar gemacht hat, das er verschwinden soll. Er heiß Mic Brunny oder so ähnlich.“
„Er hieß Brumby. Mic Brumby. Und das war mein Verlobter. Gut zu wissen, dass er es offensichtlich verwunden hat.“ sagte Mac belustigt.
„Anscheinend.“ stimmte Ephram ihr zu.
„Kann ich dich etwas fragen?“ erkundigte Mac sich.
„Sicher.“
„Wenn du über jemanden oder mit jemandem sprichst, dann verwendest du immer seinen vollständigen Vornamen, und nie den Spitznamen.“ sagte Mac. „Besonders bei Kate.“
„Caitlynn ist der Name, den ihre Mutter für sie ausgesucht hat. Mir ist egal, wie sie sich untereinander rufen. Und ich wäre auch nicht begeistert, wenn man mich Eph oder so etwas nennen würde.“
„Du hast mich mit Sarah angesprochen. Und Cara nennst du auch Caroline, obwohl selbst ihr Vater sie Cara nennt.“
„Ich bin ein alter Mann, Sarah. Ich habe meine Eigenheiten.“ sagte Ephram mit einem Schmunzeln.
„Caitlynn wird dich morgen zu deinem Großvater bringen. Ich würde Pace schicken, aber er kann sich nicht genug beherrschen.“ erklärte Ephram.
„Beherrschen? Weshalb beherrschen?“ fragte Mac verwirrt.
„Das wirst du morgen bei Caitlynn sehen. Hast du Hunger?“ wechselte er dann das Thema.
„Ein bisschen, ja.“ gab Mac zu, immer noch verwirrt.
„Dann komm mit in die Küche.“ forderte Ephram sie gut gelaunt auf und ging voran. Als beide die Küche betraten, stand ein Koch am Herd und eine ältere Frau machte sich irgendwelche Notizen. Als sie aufsah, lag auf ihrem Gesicht ein äußerst unerfreuter Ausdruck.
„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du und deine Gäste hier drinnen nicht verloren haben?“ fragte sie Ephram.
„Entschuldige. Sarah, das ist Carmen Gutierrez. Carmen, meine Nichte Sarah MacKenzie. Hast du was zu Essen für uns?“ fragte Ephram unschuldig. Carmen warf die Hände in die Luft und wandte sich dem Geschirrschrank zu, um Teller und Gläser herauszusuchen. Dabei schimpfte sie auf Spanisch vor sich hin.
„Und du musst dich gar nicht über deine Kinder beschweren.“ sagte sie dann säuerlich, als sie den Teller praktisch vor Ephram auf die Anrichte knallte. Macs Teller, Glas und Besteck hatte sie sanft, wenn auch immer noch leise fluchend hingelegt, aber das von Ephram klatschte sie einfach neben den Teller, damit er es sich selbst sortierte.
„Erwähnte ich, dass sie sehr impulsiv ist?“ flüsterte Ephram Mac zu, als Carmen gerade den jungen Mann, der als Koch fungierte zusammenstauchte. Der zog beleidigt durch eine Art Dienstboteneingang von dannen.
„Jero kann doch auch nichts dafür.“ sagte Ephram, als er und Mac ihr Essen vor sich hatten und Carmen freie Hände hatte.
„Vor allem kann er nicht richtig kochen!“ sagte Carmen und verlies die Küche. Als Ephram und Mac fertig waren und aufstanden, platzten Kate und Pace herein. Beide hatten sich gerade noch unterhalten, verstummten aber sofort, als ihnen bewusst wurde, dass sie nicht mehr allein waren.
„Ihr sollt nicht in der Küche essen.“ erinnerte ihr Vater sie sanft.
„Und was habt ihr beide dann gerade hier gemacht?“ fragte Pace interessiert.
„Er hat Carmen vergrault. Glückwunsch, jetzt müssen es die Hühner ausbaden.“ sagte Kate amüsiert an ihren Vater gewandt.
„Ich gehe besser. Gute Nacht ihr drei.“ sagte Ephram und zog sich zurück. Pace suchte Teller und Kate sah im Kühlschrank nach etwas Essbarem.
„Worum ging es bei eurer Unterhaltung?“ fragte Mac.
„Michael hat Cara eine Beruhigungsspritze gegeben, sie schläft jetzt. Tobey testet den Hall in dem Schlafzimmer von Matt, und der ist mit Kathryn aneinander geraten. Was gefunden?“ erkundigte Pace sich bei seiner Schwester.
„Nichts, was bei unseren miserablen Kochkünsten auch nur halbwegs gelingen würde. Aber hier ist noch Auflauf vom letzten Mittwoch.“ sagte die und schloss die Kühlschranktür wieder.
„Nein, der war versalzen.“ erklärte Pace, schnappte sich das Telefon und wählte eine Nummer aus dem Kopf.
„Salami und Käse.“ sagte Kate und suchte etwas zu trinken.
„Ja, also wir hätten gerne zwei Pizzen, eine mit Salami und Käse, die andere mit Schinken und Peperoni. Zum Haupthaus von Fairlea. Der Name ist Pace O’Hara. Danke. Wiederhören.“ verabschiedete sich Pace und legte wieder auf.
„Isst du noch mal mit?“ fragte Kate Mac.
„Ihr seid einfach unbeschreiblich.“ schüttelte die den Kopf.
„Kennst du die Nummer deines Pizzalieferanten etwa nicht auswendig?“ fragte Pace gespielt schockiert.
„Nein, dazu gibt es in McLean und Umgebung zu viele.“ entgegnete Mac.
„Hier eigentlich auch, aber nur einer fährt so weit raus.“ zuckte Kate mit den Schultern.
„Was ist eigentlich die nächste Stadt?“ erkundigte Mac sich.
„Die nächste große Stadt ist tatsächlich Austin. Ansonsten kann ich dir nur mit ein paar Dörfer, in denen sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, dienen. Oder wo unsere mexikanischen Freunde ihre Drogen verticken, was dir lieber ist.“ erklärte Pace. Dafür erntete er einen Stoß in die Rippen von Kate.
„Lass das nicht Carmen hören.“ schallt sie ihn.
„Ach komm, du weißt so gut wie ich, was deren toller Sohn in Tijuana treibt.“ schoss Pace zurück.
„Lassen wir das besser.“ gab Kate sich geschlagen.
„Ich sage dir, wenn ich den bei uns zu fassen bekomme…“
„Wirst du ihn gehen lassen, weil wir im Texas des einundzwanzigsten Jahrhunderts leben, und nicht in dem des achtzehnten. Hier fragt man BEVOR man schießt, und nicht umgekehrt.“ erinnerte Kate ihn.
„Hey, ich bin Polizist, ich weiß das.“
„Oh, dann setzt dein Wissen wohl manchmal für unbestimmte Zeit aus und macht Urlaub, ja?“ hielt Kate dagegen.
„Mit dir zu streiten wenn du schlechte Laune hast macht echt keinen Spaß. Ich geh schon.“ sagte Pace und verschwand, als es klingelte.
„Wie viel Trinkgeld hast du gegeben?“ erkundigte Kate sich, als er mit den Pizzakartons wiederkam.
„Keins.“ gab Pace zurück.
„Was?“ fragte seine Schwester erstaunt.
„Hey, ich bin Ire. Die sind geizig.“ gab Pace zurück.
„Das sind die Schotten.“ erinnerte Mac ihn.
„Richtig. Und wir? Ach ja, die Trinker. Sieh an, das hatte ich auch schon.“ gab Pace giftig an Kate gewandt zurück, nahm sich seinen Karton und verschwand beleidigt.
„Sensibel.“ sagte Kate nur Schultern zuckend.
„Du bist auch nicht gerade toll gelaunt.“ gab Mac zurück
„Hey, ich bin schwanger, mein Hormonhaushalt steht Kopf. Was ist seine Entschuldigung?“ fragte Kate gereizt.
„Tut mir Leid. Ich bin heute unausstehlich, ich weiß.“ entschuldigte sie sich dann bei Mac, nachdem sie tief durchgeatmet hatte.
„Willst du darüber reden?“ fragte Mac sanft.
„Nein. Erstens weil ich mich gerade nicht richtig im Griff habe, und zweitens gibt es in diesem Haus keinen Ort, an dem man wirklich ungestört ist und keiner eine Unterhaltung nicht zufällig mithören könnte. Aber danke für das Angebot.“ gab Kate mit einem müden Lächeln zurück.
„Nicht richtig im Griff?“ erkundigte Mac sich und zog die Augenbrauen hoch.
„Ich weiß auch nicht. In der einen Minute möchte ich heulen, in der anderen jemandem den Hals umdrehen. Besonders Pace, was eigentlich gar nicht zu mir passt. Du hast es ja gerade erlebt.“
„Unter Geschwistern streitet man sich, das ist normal.“ versuchte Mac sie zu beruhigen. Was ihr allerdings nicht gelang.
„Mit Matt oder vielleicht auch mal Jake, ja. Aber nie mit Fin und Pace, nie. Ich weiß nicht was mit mir los ist. Ich hätte um ein Haar Dad angeschrieen.“ erklärte Kate und versuchte, gegen aufsteigende Tränen anzukämpfen.
„Hey, so schlimm ist es doch gar nicht. Kate, nicht doch.“ bat Mac, als Kate hilflos schluchzte. Die schüttelte nur den Kopf und vergrub das Gesicht in den Händen. Mac ging zu ihr und nahm sie in den Arm.
„Hey, ist ja gut. Komm schon, sonst muss ich auch noch heulen.“ versuchte Mac ihre Cousine wieder aufzumuntern.
„Hey, habt ihr Fin…“ fragte Kathryn, als sie in der Tür erschien. „Gesehen.“ setzte sie leise hinzu.
„Stimmt was nicht?“ fragte sie leise an Mac gewandt. Die zuckte nur hilflos mit den Schultern.
„Kate, hey. Alles in Ordnung?“ fragte Kathryn sanft und legte eine Hand auf ihre Schulter. Kate schüttelte nur wieder den Kopf und weinte noch heftiger.
„Wie lange geht das schon?“ fragte Kathryn, wieder an Mac gewandt, während sie Kate sanft den Rücken entlang strich.
„Vier Minuten und siebenunddreißig Sekunden.“ sagte die sofort.
„Hey, ganz ruhig. Ist ja gut. Komm her Kleine.“ forderte Kathryn Kate sanft auf. Die löste sich von Mac und Kathryn nahm sie in den Arm.
„Shshsh. Ist gut, alles ist gut.“ redete Kathryn ruhig auf die Schwester ihres Verlobten ein.
„Sag Bescheid, wenn es zehn Minuten sind.“ bat sie Mac leise. Die nickte, zum Zeichen, dass sie verstanden hatte, und fuhr Kate sanft den Rücken entlang. Kathryn hielt Kate im Arm und redete weiter beruhigend auf sie ein.
„Zehn.“ sagte Mac nach einer Weile leise.
„Okay, du kennst Matt. Such ihn, und dann sag ihm, er soll Michael runter in die Küche schicken. Ich glaube, Matt ist in seinem Zimmer. Ich bleib bei Kate.“ bat Kathryn sie leise und strich Kate einige Haarsträhnen aus dem Gesicht. Mac ging etwas zögerlich in den ersten Stock und klopfte an eine der Türen.
„Was?“ kam es unfreundlich von innen. Mac öffnete die Tür vorsichtig, und traf auf Matt. Der verleierte leicht die Augen, als er sie sah.
„Willst du mir jetzt auch noch sagen, dass es dir Leid tut?“ fragte er wütend und stand von dem Stuhl, auf dem er gerade gesessen hatte, auf.
„Äh, nein, ehrlich gesagt. Kannst du Michael suchen und ihm sagen, er soll in die Küche kommen?“ bat Mac ihn.
„Und warum?“ fragte Matt genervt.
„Sag es ihm einfach, ja?“ gab Mac zurück. Langsam kehrte ihr Selbstvertrauen bei diesem Fremden wieder zurück.
„Alles in Ordnung?“ fragte Matt und zog die Stirn kraus.
„Wo ist Michael?“ fragte Mac nur ungeduldig.
„Ist ja gut, ich schick ihn runter.“ gab sich Matt geschlagen und ging in eins der anderen Zimmer. Mac kehrte in die Küche zurück, in der Kate zwar noch weinte, sich jetzt aber versuchte, zusammen zu reißen. Kurze Zeit später kam ein Mann, etwa im Alter von Matt, herein. Er hatte blonde Haare und blaue Augen, keine Sommersprossen.
„Hey Kate.“ wandte er sich sofort ihr zu. Seine Stimme klang sanft, aber er hatte einen starken Südstaatenakzent.
„Kannst du dich beruhigen? Mir zu liebe?“ bat er sie sanft und versuchte zu scherzen. Kate schluchzte jetzt nur noch trocken, Tränen kamen keine mehr.
„So ist gut, hm. Geht’s wieder einigermaßen?“ fragte Michael ruhig. Kate nickte leicht.
„Was für ein Tag ist heute?“ fragte Michael sie entspannt.
„Wa…was?“ stammelte Kate.
„Welcher Wochentag?“ präzisierte Michael.
„Samst…tag.“ kam es von Kate.
„Noch mal.“ forderte Michael sie auf.
„Ist heute nicht….. nicht Samstag?“ fragte Kate verwundert.
„Doch. Aber du sollst zusammenhängend reden.“ entgegnete Michael und ein leichtes Lächeln zeigte sich bei Kathryn. Ein sehr erleichtertes Lächeln, wie Mac fand.
„Komm, ich bring dich ins Bett.“ sagte Michael und hielt Kate die Hand hin. Die ergriff sie, wenn auch etwas zögerlich und ging mit ihm hinaus. Als beide weg waren stieß Kathryn hörbar den Atem aus.
„Hab ich was verpasst?“ fragte Mac verwirrt.
„Nein, eigentlich nicht. Was hat sie so verstört?“ fragte Kathryn und öffnete den Pizzakarton. Sie sah sich die mittlerweile kalte Pizza an, verzog das Gesicht und schmiss sie dann mitsamt dem Karton in den Müll.
„Keine Ahnung. Sie meinte, sie hätte sich nicht unter Kontrolle, und hätte sich noch nie mit Pace gestritten, und als ich ihr gesagt habe, dass das nicht so schlimm ist, ist sie in Tränen ausgebrochen. Und wer zum Teufel ist dieser Michael?“ fragte Mac entnervt.
„Michael ist Arzt. Allgemeinmediziner. Und ich hatte Angst, dass Kate einen Nervenzusammenbruch hat. Aber dann hätte sie sich aus eigener Kraft wieder beruhigt. Oder zumindest erst viel später.“ sagte Kathryn recht locker.
„Und das kannst du mir nicht sagen?“ fragte Mac vorwurfsvoll.
„Hey, sie hat geheult wie ein Schlosshund. Soll ich dir dann sagen ‘Hol doch bitte Michael, ich glaub, sie hat einen Nervenzusammenbruch, und er muss ihr eine Spritze geben’? Ja, tolle Idee, dann kriegt sie sich sicher wieder ein!“ hielt Kathryn ihr vor.
„Tut… tut mir Leid. Ich hab mir nur Sorgen gemacht. Entschuldige, ich hätte dich nicht so anfahren sollen.“ lenkte sie dann sofort wieder ein.
„Schon gut. Das kenn ich langsam.“ gab Mac distanziert zurück.
„Kate meint es nicht so. Und ich übrigens auch nicht.“ sagte Kathryn wieder ruhig.
„Woher weißt du, dass es Kate war, die mich anschnauzt?“ fragte Mac.
„Weil nur sie dich lange genug kennt. Die anderen brauchen eine Weile, um den von ihnen potenziell angerichteten Schaden zu berechnen, um zu wissen, wie weit sie es treiben können. Pass auf, Matt wird morgen keine netten Sachen für dich übrig haben.“ erklärte Kathryn und schmunzelte etwas.
„Na ich freu mich schon.“ sagte Mac.
„Oh, wenigstens wird er dich nicht zur Seite ziehen und dir sagen, das er es nicht mag, wenn man mit seinem kleinen Bruder Spielchen treibt.“ lachte Kathryn. Mac sah sie fragend an.
„Ja, genau das hat er getan. Und noch besser, Jake hat mir Geld geboten, wenn ich Fin in Frieden lasse. Als ich hartnäckig geblieben bin und ihm sagte, er solle sich sein Geld sonst wohin stecken, da hat er mich vollkommen bescheuert angesehen. Dann hat er Fin auf die Schulter geklopft und gemeint, ich wäre die Richtige. Seinen Segen hätten wir. Er wollte mich nur testen, und ich hab widerstanden.“ erklärte Kathryn.
„Ich glaub, ich sehe bei euch nie durch.“ sagte Mac gespielt verzweifelt.
„Macht nichts. Dana gibt es ja nun nicht mehr, ein Fettnäpfchen weniger, in das man treten kann.“ gab Kathryn zurück.
„Du hast sie auch nicht leiden können.“ stellte Mac fest.
„Ich hab gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Ich hab Natalie nicht mehr kennen gelernt, aber als ich Kate und Dana das erste Mal zusammen erlebt habe, da ist mir das Essen im Halse stecken geblieben. Ich hab mich gefragt, ob die anderen das nicht sehen. Fin hat mir dann erklärt, dass Natalie der Puffer zwischen den beiden war, und beide nach ihrem Tod etwas aus der Bahn geraten sind. Aber ich hab mit Kate viel mehr gemein als mit Dana. Sie ist nett, lustig, unterhaltsam, aber auch liebevoll, ernst und mitfühlend. Alles, was Dana kann, ist andere schikanieren und kommandieren. Aber das hast du nicht von mir.“ sagte Kate mit einem Augenzwinkern.
„Kleiner Tipp, mit den anderen kommt man leicht aus. Erwähne nur nie ihre Mutter, wenn sie nicht mit dem Thema anfangen. Und ich bin auch ganz pflegeleicht, solange man mich nicht Kathy nennt. Kath ist okay, aber nicht Kathy, oder wie Pace gern sagt, Kathyleinchen.“ riet Kathryn.
„Hast du versucht, es ihm auszutreiben?“
„Ja. Das letzte Mal hab ich ihm Kaffee in den Schoss gegossen, aber nur versehentlich. Zwei Wochen hat es gewirkt.“ schmunzelte Kathryn.
„Wie kommst du darauf, dass Kate einen Nervenzusammenbruch hat? Sie hat nur geweint.“ fragte Mac.
„Weil Kate sich für gewöhnlich unter Kontrolle hat. Sie weint nicht in Anwesenheit von anderen Leuten. Außer bei Jake oder Ephram. Das letzte Mal, als ich sie so erlebt habe, war vor vier Jahren. Und da hatte sie einen Nervenzusammenbruch.“ sagte Kathryn defensiv.
„Schon gut, ich will dir nichts unterstellen. Aber sie ist schwanger, und da kann es passieren, dass man mal de Beherrschung verliert.“
„Also doch. Donovan wird begeistert sein.“ sagte Kathryn und hob kurz die Augenbrauen auf eine missfallende Art.
„Donovan?“
„Ihr und dein Großvater. Er mag Vince nicht besonders, und schon gar nicht die Art von Beziehung, die Kate zu ihm hat. Seiner Ansicht nach leben die beiden in Sünde. Er versuchte sie schon seit sie vor zwei Jahren ein Paar wurden, vor den Altar zu schleifen. Und jetzt setzt Kate dem ganzen die Krone auf. Eins muss man ihr lassen, sie hat echt Mumm.“
„Weil sie Vince nicht geheiratet hat, als man es von ihr verlangte? Oder weil sie jetzt schwanger von ihm ist?“
„Beides. Aber noch mehr weil sie noch immer glatte, braune Haare hat, und ich wette, so wird sie auch morgen bei ihm auftauchen. Donovan kann diese Haarfarbe nicht leiden, noch weniger als Ephram. Sie spielt mit dem Feuer. Aber sie muss aufpassen, dass sie sich nicht verbrennt.“
„Kates Entscheidung nicht zu heiraten hat nichts mit ihrem Vater oder Großvater zu tun. Nein, das ist eine Entscheidung, die sie und Vince gemeinsam treffen müssen. Und bisher fühlen sich beide noch nicht reif genug.“ verteidigte Mac Kate.
„Du weißt schon, das Vince ihr einen Antrag gemacht hat, oder?“ fragte Kathryn verunsichert. Mac klappte der Kiefer nach unten.
„Offensichtlich nicht. Als Kate ihm gesagt hat, dass sie schwanger ist, ist er auf die Knie gegangen, hat einen Ring as der Tasche geholt und um ihre Hand angehalten. Sie hat nein gesagt.“
„Warum?“
„Sie will nicht, dass er sie wegen dem Kind heiratet. Na ja, verstehen kann ich es. Aber ein Blinder mit Krückstock sieht, dass er sie wirklich über alles liebt. Mac, Kate wurde in der Vergangenheit so oft von ihren Freunden verletzt. Sie und Vince waren drei Jahre lang nur befreundet, bis Kate den Mut hatte, sich auf ihn einzulassen.“
„Sie bedeutet dir viel, oder?“
„Ja. Wie jeder andere dieser Familie.“
„Du hast sie Kleine genannt.“
„Sie ist so eine Art kleine Schwester für mich.“
„Wie alt bist du? Ich weiß, dass Fin 38 ist.“
„36. Was mich auch jünger als dich macht.“
„Ich werd nie verstehen, woher ihr das alles über mich wisst. Das ist ja manchmal richtig unheimlich.“
„Nein, unheimlich wird es erst, wenn sie dein Lieblingsparfum kennen, ohne jemanden gefragt zu haben, den du kennst.“ sagte Kathryn und gähnte.
„Ich sollte ins Bett gehen.“ sagte sie dann.
„Hey, du hast vorhin Fin gesucht.“ fiel es Mac wieder ein.
„War nicht so wichtig. Ich seh ihn ja später noch. Nacht Mac.“ verabschiedete sich Kathryn und ließ Mac allein. Die starrte eine Weile vor sich hin, dann entschied sie sich, auch schlafen zu gehen.
*~*~*
12. Dezember
1004 CST
Haupthaus von Fairlea, TX
Es klopfte sanft an Macs Zimmertür. Die hatte schon gefrühstückt und lag auf dem Bett, um ein wenig zu lesen.
„Ja bitte.“ sagte sie und setzte sich auf, nachdem sie das Buch geschlossen hatte. Kate kam herein und schloss die Tür hinter sich.
„Morgen. Dolour meinte, du hättest schon gegessen.“ sagte sie leise. Ihre braunen Haare waren wieder kupferfarben und sie trug sie halb offen, eine Spange hielt zwei seitliche Haarsträhnen an ihren Hinterkopf fest, damit ihr ihre Locken nicht ins Gesicht fielen. Sie hatte eine strahlen weiße Bluse mit einem modischem Druck an, die leicht zerknittert war, was aber einfach umwerfend an ihr aussah. Dazu trug sie eine schwarze Jeans mit ausgestellten Beinen. Ihr Medaillon hatte sie ebenfalls um, um eines ihrer Handgelenke trug sie einen etwas breiteren Silberreif, das andere zierte eine Uhr. Mac hatte sie noch nie so elegant angezogen gesehen und hob die Augenbrauen vor Anerkennung.
„Du siehst toll aus.“ sagte sie ehrlich. Mac selber trug auch eine Bluse, aber in einem dunklen Blau, und eine helle Stoffhose, deren Beine wie bei der von Kate nach unten zu ausgestellt waren.
„Danke. Du auch.“ erwiderte die nur etwas halbherzig.
„Okay, ich, ähm, ich muss dir etwas sagen. Hör mir zuerst zu. Ich weiß, das Dad nicht mit dir über Grandpa geredet hat. Um ehrlich zu sein, ich hatte ihn darum gebeten. Donovan… nun ja, er ist ein Mann, der nächstes Jahr neunzig wird. Vor… vor vier Jahren wurde bei ihm Leukämie diagnostiziert. Das war der Augenblick, von dem Kathryn gestern Abend gesprochen hat. Für uns alle ist eine Welt zusammengebrochen. Ich hab ihn nur als starken und unabhängigen Mann erlebt, und auf einmal ging es ihm so schlecht. Wie dem auch sei, er hat eine Chemotherapie gemacht, und es ging ihm besser. Bis zu diesem Sommer. Es ist wieder ausgebrochen, und jetzt… seine einzige Chance ist eine Knochenmarkspende. Keiner von uns passt, also…“ verstummte Kate und atmete tief durch.
„Grandpa ist in einem Hospiz, nicht weit von hier. Ich hab ihm etwas versprochen. Ich würde dich nicht einweihen, wie schlecht es ihm geht. Um die Wahrheit zu sagen, das kann ich auch nicht. Ich kann mir keine objektive Meinung von seinem Zustand bilden, dafür liebe ich ihn viel zu sehr. Er wollte nicht, dass du es erfährst und nur aus Mitleid mit ihm hierher kommst. Es sollte deine freie Entscheidung sein. Aber ich denke, du hast ein Recht darauf, es zu wissen. Ich fahre in zehn Minuten zu dem Hospiz. Wenn du nicht bereit bist, dann ist das okay. Wir können gern ein andermal gemeinsam hingehen. Aber ich muss mit einem der Ärzte sprechen, und ich hab ihm versprochen, ihn zu besuchen. Er weiß nicht, dass du hier bist, also wird er nicht enttäuscht sein, wenn du nicht mitkommst. Überleg es dir, okay?“ bat Kate leise.
„Ich komme mit.“ erklärte Mac ohne jedes Zögern.
„Danke für die Warnung, aber ich pfeif drauf. Ich will ihn wenigstens ein Mal gesehen haben.“ fuhr sie fort, als sie Kates Blick bemerkte.
„Okay. Wir essen dort, und danach würde ich dich wieder hier absetzten, ich selbst muss heute Nachmittag noch nach Austin. Wenn das okay für dich ist?“
„Klar. Können wir los?“
„Gern. Geh schon mal zu den Wagen, ich muss noch etwas holen, und noch ein paar Worte mit Dad reden. Ich bin bald da.“ bat Kate Mac.
*~*~*

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