Christmas Miracles (6)
13. Dezember
0802 CST
Haupthaus von Fairlea, TX
Als Mac einen sanften Druck auf ihren Lippen spürte, schlug sie etwas verwirrt die Augen auf und sah direkt in die von Harm.
„Morgen Sonnenschein.“ flüsterte er, um sie nicht zu erschrecken.
„Morgen.“ gab Mac zurück und küsste ihn sanft.
„Ich muss leider auch schon weg. Vince wartet unten, dann fahren wir wieder zu Top Gun.“ sagte Harm zerknirscht.
„Wieso hast du mich nicht geweckt? Dann hätte ich mit dir gefrühstückt.“ beschwerte Mac sich und zog einen Schmollmund.
„Du sahst so süß aus, wie du im Schlaf vor dich hin gelächelt hast. Das hab ich nicht übers Herz gebracht. Vince hat Kate auch erst gerade geweckt.“ verteidigte Harm sich.
„Ich muss los.“ sagte er dann nochmals und hauchte Mac einen Kuss auf die Lippen.
„Versprich mir etwas, Harm.“ bat Mac ihn und hielt ihn sanft fest.
„Was?“
„Bleib aus den Cockpits fern.“ bat Mac ihn leise.
„Versprochen.“ erwiderte Harm ohne Zögern.
„Harm, ich meine es ernst.“ sagte Mac leicht sauer.
„Ich auch. Ich verspreche es dir. Jetzt muss ich aber wirklich los. Ich liebe dich.“ erklärte Harm, küsste Mac noch mal und ging zur Tür.
„Ich liebe dich auch.“ rief Mac ihm hinterher, als er die Tür schloss. Sie schloss kurz die Augen, schlug sie dann aber wieder auf, als ihr bewusst wurde, dass sie sowieso nicht mehr schlafen konnte. Also ging sie ins Bad, zog sich anschließend an und trottete nach unten. Kate saß am Esstisch und versuchte, Tobey dazu zu bekommen, etwas zu essen.
„Morgen.“ sagte Mac einsilbig und setzte sich. Kate strich sich unwirsch die Locken aus der Stirn. Sie hatte ein weißes Shirt und eine graue Hose an, und trug zur Abwechslung ihre Haare vollkommen offen. Mac hatte sich eine längsgestreifte Bluse in Blautönen und eine helle Jeans rausgesucht. Das Dienstmädchen von gestern Abend goss Mac Kaffee ein, und beachtete Kates fruchtlose Versuche, ihrem Neffen den Toast in den Mund zu stecken, nicht weiter. Kate gab auf, warf den Toast wieder auf den Teller und ließ sich wieder in ihren Stuhl fallen.
„Morgen.“ entgegnete sie resigniert. Tobey stand wortlos auf.
„Moment Freundchen. Du bleibst, bis du was gegessen hast. Setz dich ganz schnell wieder hin.“ forderte Kate ihn in einem recht autoritären Ton auf. Tobey schien kurz seine Chancen gegen seine Tante abzuwägen, setzte sich dann aber wieder und verschränkte bockig die Arme.
„Und jetzt iss.“ bat Kate ihn wärmer. Tobey schüttelte nur den Kopf, und zwar so heftig, das Mac beim bloßen Zusehen schlecht wurde. Kate verleierte die Augen, sagte aber nichts und widmete sich wieder ihrem Frühstück. Mac tat es ihr gleich. Als Kate ihre Serviette auf den Teller legte, sah sie Tobey herausfordernd an.
„Bitte, ich hab viel Zeit. Es ist dein Wunsch gewesen, mit Juan zu spielen, nicht meiner. Und je länger du hier rumtrödelst, desto weniger Zeit habt ihr zwei zusammen.“ erklärte Kate in einem Ton, der gleichgültig klang. Tobey schrie Kate in einer Mac fremden Sprache an.
„Cara hat gegessen. Und schrei hier nicht so rum. Außerdem wäre ich dir dankbar, wenn du bei Englisch bleiben würdest, damit Mac dich auch verstehen kann.“ sagte Kate ruhig. Tobey setzte nur wieder sein Trotzgesicht auf.
„Ist was?“ fragte Mac, durch das Verhalten des Jungen irritiert.
„Nein, er soll nur nicht ohne was zu essen spielen gehen.“ gab Kate zurück.
„Tobey, du kannst entweder jetzt essen, oder du wartest, bis dein Dad wieder hier ist. Und ich glaube, das er nicht begeistert sein wird.“ wandte Kate sich wieder an den Jungen. Der schüttelte wieder den Kopf. Kate seufzte, stand auf und ging vor Tobeys Stuhl in die Hocke. Sie zwang den Jungen, sie anzusehen.
„Komm, jetzt iss was. Mir zu liebe, hm?“ bat sie ihn sanft. Tobey schüttelte wieder den Kopf.
„Willst du zu deinem Daddy?“ fragte Kate ihn sanft und leise. Tobey nickte heftig und Tränen kullerten ihm die Wangen herunter.
„Na komm her.“ sagte Kate und nahm ihn in die Arme. Dann stand sie langsam auf und balancierte ihn auf der Hüfte. Mit einem Arm hielt sie ihn fest, mit dem anderen angelte sie die Toastschnitte und hielt sie Tobey vor den Mund.
„Drei Bissen, und dann gehen wir ihn suchen. Versprochen.“ sagte sie sanft. Tobey nahm den Toast, biss dreimal ab und sah Kate fordernd an.
„Du wirst mir zu schwer, ich muss dich absetzen.“ sagte die bedauernd und stellte ihn auf seinen Stuhl, anstatt sich mit ihm nach unten zu beugen, damit er auf den Boden landete. Sie hielt ihm die Hand hin, Tobey nahm sie und sprang von dem Stuhl. Als die beiden das Zimmer verlassen wollten, betrat Matt es gerade. Tobey ließ seine Tante sofort los und flog seinem Vater in die Arme.
„Nanana. Langsam.“ ermahnte der ihn und hob ihn hoch.
„Morgen Mac.“ sagte er, als er Mac entdeckte.
„Hat er was gegessen?“ fragte Matt Kate und strich seinem Sohn über den Rücken, der sein Gesicht in der Halsbeuge seines Vaters versteckte.
„Nicht viel.“ erklärte Kate.
„Trotzdem danke. Wollen wir zusammen reiten?“ fragte Matt seinen Sohn. Als der begeistert nickte, trug Matt ihn mit sich hinaus.
„Stimmt was mit ihm nicht?“ fragte Mac, als Kate sich wieder an den Tisch setzte.
„Übertriebene Vaterfixiertheit, gepaart mit Verlustängsten. Er hat nur einen schlechten Tag erwischt, das gibt sich wieder.“ erklärte Kate.
„Vielleicht macht ihm auch nur der Verlust seiner Mutter mehr zu schaffen, als ihr alle wahrhaben wollt.“ hielt Mac dagegen.
„So früh am Morgen, und du willst dich schon wieder streiten?“ fragte Kate mit hochgezogenen Augenbrauen.
„War ein Scherz.“ fügte sie dann hinzu, bevor Mac etwas erwidern konnte.
„Und das hat nichts mit seiner Mutter zu tun, solche Phasen hat er schön öfter gehabt, wenn man seinen normalen Tagesablauf über den Haufen geworfen hat. Was mich zu dem Thema bringt, was willst du gern machen?“ wechselte Kate elegant das Thema.
„Weiß nicht, was hättest du denn im Angebot? Und glaub nicht, dass ich den Themenwechsel nicht bemerkt habe.“ sagte Mac.
„Aber du lässt mich vorerst damit davonkommen. Eigentlich müsste ich noch die Abrechnung machen, aber um ehrlich zu sein hab ich dazu keine Lust.“ gestand Kate.
„Ich kann dir helfen, dann sind wir schneller fertig.“ bot Mac an.
„Schlechte Idee. Mein Chaos hat Struktur, und ich mag es nicht sonderlich, wenn mir dann jemand etwas durcheinander bringt.“ sagte Kate entschuldigend.
„Sind wir die einzigen, die noch hier sind?“
„Nein, Fin, Kathryn, Matt, Cara, Tobey und Dad sind auch noch da. Jake ist kurz vor Harm und Vince zum Flughafen gefahren, und Pace arbeitet die Woche über in Austin. Fin muss aber nach dem Mittagessen auch weg.“ antwortete Kate. „Wenn du Pferde magst und halbwegs reiten kannst, dann könnte Kathryn dir noch ein bisschen mehr von Fairlea zeigen. Oder du schnappst dir ein Buch und leistest mir in der Bibliothek Gesellschaft.“ schlug Kate vor und nickte dem Hausmädchen dankend zu, als es den Tisch abräumte.
„Ich leiste dir Gesellschaft.“ entschied Mac. Kate und sie zogen sich zurück, Kate breitete Rechnungen, Quittungen, Bescheide, Gutachten, einen dicken Ordner und zwei Taschenrechner auf einem der Tische aus und Mac besah sich etwas hilflos die Bücherregale.
„Für einen Tipp wäre ich dir dankbar.“ wandte sie sich irgendwann an Kate, die gerade einen Block, Kuli und Bleistift aus dem Schreibtisch holte.
„Herr der Ringe ist zu lang, was ist mit ‘Das Schweigen des Glücks’ von Nicholas Sparks?“ schlug die vor. Mac angelte sich das Buch, und ihr Blick blieb an vier anderen Büchern hängen, die sie in der Sammlung nicht erwartet hatte.
„Michael Moore?“ fragte sie etwas irritiert, und setzte sich Kate gegenüber.
„Da ich davon ausgehe, das deine Verwirrung nichts damit zu tun hat, das du den Autor nicht kennst, sondern eher damit, wieso die Bücher hier rumstehen, so ist es eine lange Geschichte. Aber keiner von uns Militärangehörigen hat sie gekauft, sie sind Geschenke gewesen. Und jetzt muss ich mich wirklich um diesem Mist kümmern.“ erklärte Kate, und während sie sich in Zahlen und Fachausdrücken verlor, entschwand Mac in die wundervolle Welt des geschriebenen Wortes.
*~*~*
1118 EST
Haupthaus von Fairlea, TX
„Verdammtes Ding, wirst du wohl…“ fluchte Kate leise vor sich hin. Ihr Taschenrechner wollte nicht ganz so, wie sie gern wollte. Mac sah von dem Buch auf und bemerkte überrascht, wie viel Zeit vergangen war.
„Ich geb auf.“ verkündete Kate und warf ihren Stift entnervt auf den Block, der mittlerweile von schnell hingeschriebenen, wieder durchgestrichenen und wieder darüber geschriebenen Zahlen überquoll.
„Ich weiß, dass die Abholzung des Regenwaldes ein Problem ist, aber du kannst auch mehrere Blätter beschreiben.“ schmunzelte Mac, als sie das Chaos sah.
„Du hast gut lachen, das hier sind nur die Ausgaben und Einnahmen der ersten Woche.“ sagte Kate und zog eine Grimasse.
„Du hast so lange für eine Woche gebraucht?“ fragt Mac fassungslos.
„Nein, ich hab fast den ganzen Monat fertig, aber dieses Sch***ding ist in den Streik getreten, wie ich auch.“ erklärte Kate und hielt den Taschenrechner hoch.
„Was ist mit den anderen?“
„Bei dem sind die Batterien ausgelaufen, und ich glaube, das hat der Technik alles andere als gut getan.“ sagte Kate und griff nach dem Bleistift. Sie riss das oberste Blatt von dem Block ab, und hatte nun ein unbeschriebenes vor sich liegen. Dann lehnte sie sich so in dem Stuhl zurück, dass sie ein Bein anwinkeln konnte und den Block dagegen hielt. Mac schüttelte nur den Kopf und wandte sich wieder ihrer Lektüre zu. Eine dreiviertel Stunde später hob sie den Kopf und sah, wie Kate angestrengt schrieb. Mac klappte das Buch zu und sah Kate verwirrt an.
„Was machst du da die ganze Zeit?“ fragte Mac etwas irritiert.
„Pst. Leise.“ sagte sie etwas unwirsch, radierte etwas weg und schrieb dann in die Ecke rechts unten etwas. Dann legte die den Stift weg und drehte den Block, sodass Mac die Seite sehen konnte, auf der Kate gearbeitet hatte. Zu ihrer Überraschung hatte Kate aber nicht geschrieben sondern gezeichnet. Das Bild zeigte Mac, wie ihr ein paar Haarsträhnen leicht ins Gesicht fielen und sie vollständig in ihrem Buch versunken war.
„Wow. Wie machst du das?“ fragte Mac und nahm den Block, um sich das Bild besser ansehen zu können.
„Was?“ fragte Kate irritiert.
„Das hier. Wie schaffst du es, innerhalb von so kurzer Zeit so etwas Wundervolles zu zeichnen?“ staunte Mac.
„Wenn man ein bisschen Talent hat, kann man den Rest schnell lernen.“ tat Kate das ganze ab.
„Ich bestimmt nicht.“ sagte Mac gedankenverloren und viel mehr an sich selbst gewandt.
„Der Meinung bin ich nicht. Ich denke, dass du das auch kannst, wenn du dich nur traust. Und selbst wenn nicht, dafür kannst du eindeutig mehr Sprachen als ich.“
„Wie viele kannst du?“ fragte Mac und sah Kate interessiert an.
„Irisch, Englisch und Spanisch. Noch ein bisschen Russisch, aber dann ist bei mir schon die Grenze erreicht. Und du?“ fragte Kate.
„Englisch, Farsi, Russisch, Spanisch, Französisch, ein bisschen Arabisch und ein wenig Japanisch aus meiner Zeit auf Okinawa. Und ein paar Brocken Deutsch bekomme ich vielleicht auch noch zusammen.“ erklärte Mac.
„Grandma hat dir Farsi beigebracht, Grandpa mir Irisch. Okay, Grandpa und Dad, aber egal.“ schmunzelte Kate.
„Mir ist aufgefallen, dass du zuerst Irisch genannt hast, danach erst Englisch.“ deutete Mac zaghaft an.
„Es klingt vielleicht blöd, aber ich hab Englisch kaum als meine Muttersprache angesehen. Als Kind hab ich viel lieber irisch gesprochen, und selbst jetzt passiert es mir manchmal, dass ich, wenn ich in Gedanken bin, mich mit irischen Grußformeln am Telefon melde. Was etwas peinlich ist, wenn der Vorgesetzte am Telefon ist und man sich selbst im Büro befindet.“ lachte Kate.
„Das hab ich noch nicht geschafft.“ stimmte Mac mit ein. „Ich hab euch hier die ganze Zeit noch kein einzigen Satz auf irisch sagen hören, bis auf Tobey heute früh.“
„Weil du in den wichtigen Momenten nicht hinhörst. Das Gebrüll von Matt und Dana war zum Großteil auf Irisch, am Esstisch hat Jake Pace auf Irisch angeraunt, und Pace hat sich gestern kurz mit dem Mädchen auf Irisch unterhalten. Und ich gebe zu, ich hab Jake auf Irisch gute Nacht gesagt. Es erstaunt mich, dass du das nicht mitbekommen hast.“
„Ich schätze, ich war abgelenkt.“
„Von Harm?“ fragte Kate und hob die Augenbrauen, während sich ein wissendes Lächeln um ihre Mundwinkel bildete.
„Hat Vince es dir erzählt?“ seufzte Mac.
„Ja, hat er. Als ich hochgegangen bin, kam er gerade aus deinem Zimmer. Er hatte keine Chance, sich da auf eine glaubwürdige Weise wieder rauszureden, sei ihm also nicht böse.“
„Bin ich nicht. Es war nett, dass er die Kerzen angezündet hat.“
„Ja, und den Feuerlöscher hab ich ihm grade noch ausreden können.“ lachte Kate. „Der wollte doch tatsächlich einen neben die Tür stellen.“
„Es hat auch ohne funktioniert.“ sagte Mac.
„Das hab ich mitbekommen.“ grinste Kate. Mac sah sie ertappt an und ihre Wangen wurden von einem roten Schimmer geziert. Das war eindeutig zu viel für die Selbstbeherrschung von Kate und brach in schallendem Gelächter aus.
„Tut mir leid. Nein, so laut wart ihr nicht, ich war nur in der Nacht kurz in der Küche, um mir was zu Trinken zu holen. Aber ich glaube, sonst hat es keiner gehört. Bis auf Pace vielleicht, und der wird sich hüten, etwas in diese Richtung zu sagen, wenn er nicht will, das ein wenig über sein Liebesleben hergezogen wird.“ versicherte Kate ihr.
„Ich hätte es wissen müssen.“ stöhnte Mac.
„Ich kann euch verstehen. Und es war wirklich eine süße Idee von Harm. Und jetzt werd ich zu dem Thema schweigen, bevor ich dich weiter foltere.“ versprach Kate.
„Kann ich dich noch was zu dem Thema fragen?“ erkundigte Mac sich. Kate hob fragend die Augenbrauen.
„Nein, in die Richtung wollte ich nicht gehen.“ schmunzelte Mac.
„Da bin ich aber erleichtert.“ lachte Kate. „Also, schieß los.“
„Harm sagte, das gestern wäre seine Idee gewesen. Und so gern ich ihm auch glauben möchte, er ist sonst nicht der Typ für solche Sachen. Ich meine, romantisch ist er ja, aber sonst deutet er an, was er vorhat, um sich zu vergewissern, das ich mich darüber freue.“ sagte Mac verunsichert.
„Da kannst du beruhigt sein, es war unter Garantie die Idee von Harm. Fin würde so was einem ihm fremden Mann nicht vorschlagen, und Vince hat auf der Romantik-Schiene einigen Nachhilfebedarf.“ versicherte Kate ihr.
„Enttäuscht klingt das aber nicht.“ stellte Mac etwas verwundert fest.
„Vince ist… unbeschreiblich. Wundervoll, zärtlich, liebevoll, witzig, ernst, tiefsinnig, albern und noch eine ganze Menge mehr. Und er kann romantisch sein, aber nicht, ohne einen gewissen Grad an Hilfestellung. Er hat mal ein Picknick organisiert, und hinterher hat er mir vollkommen bedröppelt gestanden, das Kathryn es geplant hat. Er hatte die Idee, aber an der Umsetzung ist er kläglich gescheitert. Was mir eigentlich nichts ausmacht, der Gedanke zählt, und ich hab Zeit mit ihm verbracht. Aber Vince und anderen Ratschläge erteilen? Eher sucht er sich selbst welche.“ erklärte Kate.
„Was ist mit Pace?“
„So romantisch und süß Pace auch mit Rachel umgegangen ist, er wird sich hüten, Harm so was vorzuschlagen. Rachel hat das mal für ihn gemacht, und wenn er wüsste, was Harm gestern Abend in deinem Zimmer veranstaltet hat, würde er sich in seinem Zimmer verkriechen und erst in einer Woche wieder rauskommen. Ihm sind diese Erinnerungen zu kostbar, als das er sie mit jemandem teilt. Auch nicht mit mir, bevor du jetzt davon anfängst.“
„Ephram sicher auch nicht, oder?“ fragte Mac zweifelnd.
„Glaub ich nicht. Er kennt Harm nicht, und obwohl du nur seine Nichte bist, die er zudem kaum kennt, wird er keinem Mann Tipps geben, wie er dich rumkriegt. Dafür hängt er zu weit in der Vergangenheit fest. Kathryn sicher auch nicht, und weder Carmen, noch die anderen Hausmädchen würden auf eine solche Frage überhaupt reagieren. Also meiner Meinung nach musst du dich damit abfinden, dass der Abend wirklich und wahrhaftig auf das Konto von Harm geht.“
„Apropos Abend, hat Vince dir gesagt, wann die beiden heute Abend kommen?“
„Sicher nicht vor 2100. Gesagt hat er es nicht direkt, aber wenn man den Fahrtweg bedenkt, und von einem Fall mittleren Ausmaßes ausgeht, ist das so ziemlich das Realistischste.“ antwortete Kate.
„Wann ist Matt immer nach Hause gekommen?“
„Unterschiedlich. An manchen Tagen schon 1930, an anderen erst Mitternacht. Er hat manchmal auch dort geschlafen, zumindest anfangs. Aber Matt unterrichtet auch nur dort. Er hat festgelegte Zeiten, Harm und Vince müssen die Zeugen außerdem noch suchen, die Schüler sind immer freiwillig zu Matt gekommen. Find dich mit 2100 ab, dann kannst du dich freuen, wenn er doch schon eher wieder da ist. Ja bitte?“ rief Kate, da es an der Tür geklopft hatte.
„Miss Kate, das Essen ist serviert.“ erschien eine schüchterne, junge asiatische Frau.
„Danke Ching.“ sagte Kate freundlich und warm. Ching machte einen Knicks und verschwand schnell und lautlos.
„Wie alt ist sie denn?“ fragte Mac erstaunt.
„Achtzehn. Sie ist als illegale Einwanderin hier her gekommen, da war sie zwölf. Seit dem hat sie für eine andere Familie gearbeitet, die sie geschlagen haben. Jake hat sie aufgelesen, und obwohl Pace eigentlich gegen ihre Anstellung war, hat Carmen ihren Kopf durchgesetzt. Abgesehen davon, das sie Angst vor uns hat, macht sie ihre Arbeit gut.“ erklärte Kate Mac, als beide das Esszimmer betraten und sich setzten. Fin, Kathryn, Tobey, Cara und Matt saßen schon.
„Wo ist Dad?“ frage Kate, als ihr das Fehlen von Ephram bewusst wurde.
„Hunter Valley.“ knurrte Fin.
„Was ist das?“ fragte Mac interessiert.
„Eine andere Ranch, nicht weit von hier. Die Zwillingssöhne des Besitzers haben sich letzten Sommer einen Spaß daraus gemacht und drei unserer Zuchtbullen erschossen.“ erklärte Kate.
„Sieht aus, als hätten sie wieder zugeschlagen. Wie kann man als Zweiundzwanzigjähriger noch Spaß am Abknallen vom Vieh anderer Leute finden? Das ist mir ein Rätsel.“ schüttelte Fin den Kopf.
„Schluss damit, wir essen.“ erklärte Kathryn.
„Aber Onkel Fin hat Recht.“ mischte Cara sich ein.
„Ja Schatz, Kathryn aber auch. Und jetzt iss, bevor es kalt wird.“ ermahnte ihr Vater sie.
„Darf ich gehen?“ fragte Cara, als sie fertig war.
„Ja, wenn du deinen Bruder mitnimmst.“ sagte Matt. Cara nahm Tobey an der Hand und beide ließen die Erwachsenen allein.
„Was haben die Typen diesmal angestellt?“ fragte Kate, der nichts Gutes schwante.
„Diesmal sind sie auf die Kälber losgegangen.“ sagte Kathryn.
„Mist! Ein Jahr Arbeit umsonst.“ entfuhr es Kate.
„Was mir nicht gefällt, die sind systematisch vorgegangen. Die haben nur die erschossen, die Potenzial hatten.“ erklärte Matt ihr.
„Wie viele?“ fragte Kate müde.
„Zehn.“ sagte Fin deprimiert.
„Großartig. Die halbe Zucht ist hin, wundervoll.“ seufzte Kate.
„Was macht ihr jetzt?“ erkundigte Mac sich.
„Abwarten. Die Viehpreise sind zurzeit zu hoch, um gute Tiere erstehen zu können. Aber wir müssen in Erwägung ziehen, die anderen Kälber zu verkaufen. Vielleicht auch drei erwachsene Tiere mehr, als eigentlich vorgesehen.“ erklärte Matt ihr.
„Treibt sich Garth noch auf der ihrem Hof rum?“ fragte Fin.
„Manchmal. Was hast du vor?“ erkundigte Matt sich.
„Wir haben noch was von dem Rattengift übrig. Und die Wassertränken der Hühner von diesem Möchtegern-Metzgern sind frei zugänglich.“ erklärte Fin.
„Nein, Fin. Das ist zu heiß.“ entschied Matt.
„Mir egal. Ich seh nicht weiter zu, wie die sich an unserem Vieh vergreifen. Und Dad wird bei denen auf taube Ohren stoßen, du glaubst doch wohl nicht allen Ernstes, das die den Schaden bezahlen.“ widersprach Fin.
„Fin, Matt hat Recht. Die zeigen uns nur an, und das nützt uns gar nichts.“ mischte Kate sich ein.
„Bitte, wenn ihr meint, das sie wegen ein paar netten Worten damit aufhören.“ sagte Fin und verlies das Zimmer. Kathryn folgte ihm kurze Zeit später.
„Obwohl mir das Prinzip ‘Gleiches mit Gleichem vergelten’ nicht gefällt, Recht hat er.“ seufzte Kate.
„Könnt ihr die nicht anzeigen?“ schlug Mac vor.
„Wie denn? Wir haben keine Beweise. Und hast du eine Ahnung, wie viele Gewehre es auf einer Ranch dieser Größe gibt? Kein Staatsanwalt würde einem Durchsuchungsbescheid zustimmen.“ erklärte Matt.
„Das war’s? Ihr lasst die einfach so davon kommen?“ fragte Mac fassungslos.
„Wir müssen. Und genau aus diesem Grund machen die es immer wieder. Wir haben keinerlei Beweise, dass die auch nur auf unserem Gelände waren. Die Ranch komplett einzuzäunen, das wäre erstens schwachsinnig, und zweitens viel zu teuer. Und die Männer rund um die Uhr an allen Verschlägen Wache halten zu lassen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Ich sag’s nicht gern, aber die haben uns genau da, wo sie uns seit fünf Jahren haben wollen.“ gab Kate auf.
„Nein. Fairlea wird weder heute, noch morgen, noch irgendwann verkauft.“ widersprach Matt seiner Schwester sofort.
„Glaubst du, ich hänge weniger an diesem Ort? Aber sein wir realistisch, Dad kann das nicht ewig weiter machen, und wir haben alle keine Zeit, um uns um die Ranch zu kümmern. Allein kommt Dad nie gegen die an. Sei doch ehrlich, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die was wirklich Gefährliches tun.“ sagte Kate niedergeschlagen.
„Fin geht nicht umsonst in die Reserve. Er und Kathryn wollen hier wohnen bleiben, und dann hat Dad Unterstützung.“ munterte Matt sie auf, oder versuchte es zumindest.
„Zeigt die doch trotzdem an. Auch wenn ihr wenig Chancen auf Sieg habt, so hindert es die vielleicht daran, weiter eure Rinder zu erschießen.“ schlug Mac vor.
„Was meinst du?“ fragte Matt Kate.
„Ich glaub nicht, dass es groß hilft. Aber ein Versuch ist es wert.“ gab Kate sich geschlagen.
*~*~*
19. Dezember
1357 EST
Haus der Rabbs
McLean, VA
Mac und Kate waren gestern wieder aus Texas wiedergekommen. Vince und Harm waren schon einen Tag eher mit ihren Untersuchungen fertig gewesen und so schon am Freitag zurückgekehrt. Mac hatte die Zeit mit ihrer Familie sehr genossen. Ihre Befürchtungen, dass sie mit ihren Cousins aneinander geraten würde, hatten sich nicht bestätigt, im Gegenteil, sie hatten sich prächtig verstanden. Kathryn war sie auch um vieles näher gekommen, als Fin abgereist war. Kathryn war anfangs Mac gegenüber misstrauisch gewesen, und schien darum besorgt, das Mac Kate verletzten könnte. Diese Angst verlor sich bei ihr aber ganz schnell wieder und sie taute Mac gegenüber spürbar auf. Sogar Matt wurde freundlicher zu Mac, und Cara entschuldigte sich sogar für ihr Benehmen am Anfang. Während Kate, Matt und Ephram sich um die Abrechnungen kümmerten, ritten Kathryn, Mac und Cara täglich aus, wobei Kathryn und Cara Mac die Ranch zeigten und ihr ein paar Geschichten über die Geschwister erzählten. Abends genoss Mac die Zeit mit Harm, einmal fuhren Kate, Vince, Harm und Mac auch zu einem in der Nähe gelegenen Pub und verbrachten dort den Abend beim Dart- und Billardspielen.
Jetzt half Kate Mattie bei ihren Matheaufgaben und Vince und Harm diskutierten über ihre Untersuchungsergebnisse. Mac setzte sich zu Kate und Mattie und fragte sich, wie Kate bei diesem Wirrwarr von Zahlen auch nur den geringsten Überblick behalten konnte.
„Okay, und das muss ich jetzt logarithmieren und dann durch das auf der anderen Seite teilen, oder?“ fragte Mattie.
„Genau. Siehst du, du kannst es doch.“ ermutigte Kate sie.
„Danke Kate.“ sagte Mattie und verschwand wieder in ihrem Zimmer.
„Noch ein verstecktes Talent an dir.“ sagte Mac schmunzelnd.
„Was meinst du? fragte Kate erstaunt.
„Deine Rechenkünste.“
„Zwei Jahre intensive Nachhilfe von Jake können einiges vollbringen.“ gab Kate zurück.
„Wegen Mittwoch, wann geht dein Flug?“ erkundigte Mac sich dann.
„Nachts um eins. Vince und ich sind dann also schon da wenn ihr kommt. Ist vielleicht auch besser so. Sag mal, hat Mattie ein Kleid, was sie anziehen könnte? Am Vierundzwanzigsten ist bei uns immer ein Festessen und so eine Art Ball.“ fragte Kate.
„Könnte schwierig werden. Kleid ja, aber anziehen? Nein. Mattie mag keine Kleider oder Röcke.“ antwortete Mac.
„Ich auch nicht unbedingt, glaub mir.“ lachte Kate.
„Was ich mich gefragt hatte, wie alt ist dieser Steven?“ fragte Mac neugierig.
„Drei Monate älter als Mattie. Aber selbst wenn er keine Freundin hat, er wohnt in Australien, also kann Harm ganz beruhigt sein.“
„Australien? Okay, das musst du mir jetzt näher erklären.“ forderte Mac Kate auf.
„Gott, du stellst Fragen. Wenn ich mich nicht täusche, hatte die Schwester der Frau von dem Bruder von Dad eine Tochter, und die hat einen Australier geheiratet und ist ausgewandert. Steven ist ihr Sohn.“ überlegte Kate.
„Es bleibt mir ein Rätsel, wie man sich so was merken kann.“ schüttelte Mac ungläubig den Kopf.
„Meinen Kopf würde ich aber nicht drauf verwetten, es kann auch anders gewesen sein.“ lachte Kate.
„Hab ich mich schon bei dir bedankt?“ erkundigte Mac sich dann ernst.
„Wofür?“ wollte Kate verwirrt wissen.
„Für das alles. Bis vor einem Monat waren Harm, Mattie und Onkel Matt die einzige Familie die ich hatte. Und plötzlich ist alles anders, in einem guten Sinn.“ erklärte Mac.
„Abwarten, das Jahr ist noch nicht vorbei.“ sagte Kate und sie hatte ein geheimnisvolles Funkeln in den Augen.
„Sollte ich mir Sorgen machen?“ fragte Mac gespielt beunruhigt.
„Nein. Hey, ich hab doch bewiesen, das ich der Überbringer guter Nachrichten bin.“ verteidigte Kate sich.
„Das bist du wirklich.“ stimmte Mac ihr zu.
„Worüber redet ihr?“ fragte Harm, der mit Vince zu ihnen kam.
„Frauensachen.“ sagten Mac und Kate gleichzeitig.
„Manchmal macht ihr einem richtig Angst.“ sagte Vince und hob die Augenbrauen.
„Oh, das ist nur der Anfang. Warte, bis sie dir vorrechnet, wie viel Sekunden du bis jetzt insgesamt jemals zu spät gekommen bist.“ lachte Harm.
„Nicht noch jemand, der dieses eingebaute Schweizer Uhrwerk hat.“ stöhnte Vince.
„Wieso, wer denn noch?“ wollte Mac interessiert wissen.
„Onkel Matt und Fin. Ich kann nur die Minuten angeben, und das auch nur manchmal.“ antwortete Kate ihr.
„Ha, also doch erblich bedingt.“ triumphierte Harm, der mit Mac gestritten hatte, das es keine Sache der Marines wäre.
„Nein, das bringt man uns bei der Grundausbildung bei. Matt und Fin sind Marines, schon vergessen?“ grinste Mac.
„Gibt es denn keinen, der das auch kann und kein Marine ist?“ seufzte Harm.
„Bevor das noch in einem Ehestreit ausartet, verschwinden wir besser.“ lachte Kate und erhob sich.
„Schon? Wo wollt ihr hin?“ fragte Mac, etwas enttäuscht.
„Ist ‘ne Überraschung.“ zwinkerte Kate ihr zu, griff Vince am Arm und zog ihn mit sich.
*~*~*

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