Christmas Miracles (8)

23.Dezember
1007 Zulu
Burg Hartenstein
außerhalb von Ennis, Irland

Den letzten Abend hatten alle ruhig ausklingen lassen. Nach einem gemütlichen Abendessen hatten Cara und Mattie sich auf ihr Zimmer begeben, und Tobey und sein Vater waren nach draußen gegangen. Kate und Vince hatten sich kurz nach dem Essen zurückgezogen, und Harm und Mac hatten sich noch etwas mit Ephram und Jake unterhalten, Pace war nicht zum Essen erschienen. Nach einer Weile hatten Mac und Harm Ephram und dessen Sohn auch allein gelassen und waren in ihr Zimmer gegangen, um den Tag vor dem Kamin zu beenden. Draußen rieselte derweil der Schnee.
Als Harm und Mac jetzt das Esszimmer betraten, saßen Mattie und Cara schon da und unterhielten sich. Pace zog ein ziemlich grimmiges Gesicht, das er recht schnell hinter der Tageszeitung versteckte, als er den warnenden Blick von Kathryn bemerkte, die neben Fin saß. Vince unterhielt sich mit Jake und Ephram, aber von Kate, Matt und Tobey fehlte jede Spur.

„Morgen.“ begrüßten Harm und Mac die anderen gleichzeitig und setzten sich Mattie und Cara gegenüber.

„Wo ist Kate?“ erkundigte sich Mac bei Cara.

„Weiß nicht.“ zuckte die nur mit den Schultern.

„Und dein Dad?“ fragte Mac weiter.

„Oben, er spielt mit Tobey Karten. Und die beiden haben schon gefrühstückt, wie Kate auch. Aber solange Vince noch ruhig dasitzt brauchst du dir keine Sorgen um Kate zu machen.“ sagte Cara etwas heftig und trank einen Schluck Saft.

„Ich mach mir keine Sorgen.“ verteidigte Mac sich.

„Doch, tust du. Ich verrat dir ein Geheimnis, aber es muss auch wirklich unter uns bleiben.“ sagte Cara und lehnte sich leicht zu Mac, die sie gespannt ansah.

„Kate ist eine erwachsene Frau, die sehr gut auf sich selber aufpassen kann. Und jetzt entschuldige mich, ich muss noch ein Geschenk einpacken.“ sagte Cara und lies Mac sitzen.

„Sie ist schon seit gestern Abend so, also lass sie besser.“ sagte Mattie mitfühlend zu Mac.

„Eine Warnung wäre hilfreich gewesen.“ rollte Mac mit den Augen.

*~*~*

1124 Zulu
Burg Hartenstein
außerhalb von Ennis, Irland

Mac hatte sich von Pace die Ohrringe zeigen lassen, die er Kate schenken wollte. Sie waren zwar eher schlicht, aber wunderschön. Zwei silberne Ohrgehänge, die jeweils einen kleinen grünen Smaragd besaßen, der perfekt zu Kates Augen passte. Jetzt wollte sie in die Küche gehen.

„Hey, wo hast du gesteckt?“ fragte Mac, als sie Kate auf der Treppe begegnete.

„Hm?“ sah die erstaunt von der Zeitschrift auf, in die sie ganz offensichtlich vertieft gewesen war.

„Wo warst du? Beim Frühstück hast du auch gefehlt.“ wiederholte Mac.

„Ich war draußen. Und kurz in Shannon. Wolltest du was bestimmtes?“ erkundigte Kate sich und machte die Zeitschrift zu.

„Nein, eigentlich nicht.“ zuckte Mac mit den Schultern. Kate hob fragend die Augenbrauen, verkniff sich aber einen Kommentar.

„Ähm, hast du Fin gesehen?“ fragte sie dann nach einer Zeit peinlichen Schweigens.

„Nein, tut mir Leid. Soll ich ihm sagen, dass du ihn suchst?“

„Lass nur, ist nicht so wichtig.“ verneinte Kate. Wieder eine Pause mit Schweigen.

„Okay, was ist los?“ fragte Kate dann und sah Mac fragend an.

„Was soll sein?“ wollte die wissen.

„Das frag ich dich. Hab ich gestern noch was verpasst? Ist noch was passiert, wovon ich wissen sollte? Oder gibt es keinen besonderen Grund für deine seltsam niedergeschlagene Laune?“ fragte Kate sanft.

„Ich bin nicht niedergeschlagen.“ widersprach Mac sofort.

„Gut, wie wär’s dann mit deprimiert?“ bot Kate an.

„War was in deinem Saft?“ stellte Mac ihre zynische Gegenfrage.

„Okay, spätestens jetzt weiß ich das was nicht stimmt.“ gab Kate zurück. „Das war unter deinem Niveau.“

„Ich geh besser wieder.“ kam es von Mac und sie ging die Treppe ganz nach unten.

„Mac.“ rief Kate ihr hinterher. Mac blieb stehen und sah zu ihrer Cousine, die in der Mitte der Treppe stand, nach oben.

„Ruf sie an. Lass dir von Dad die Nummer geben, und dann ruf sie an.“ sagte Kate sanft und mitfühlend.

„Ich weiß nicht, von wem du redest.“ schoss Mac sofort zurück.

„Doch, tust du. Und ich bin mir sicher, dass du ihr auch fehlst.“ widersprach Kate und versuchte ein kleines Lächeln. „Wenn ich noch eine Mutter hätte, ich würde Weihnachten mit ihr reden wollen.“ fügte sie dann traurig hinzu.

„Aber es ist dein Leben, ich werd dir da nicht weiter reinreden.“ zuckte sie abschließend mit den Schultern und lies Mac stehen.

*~*~*

1304 Zulu
Burg Hartenstein
außerhalb von Ennis, Irland

„Störe ich dich?“ erkundigte Mac sich bei Ephram. Er saß im Leseraum an einem Tisch und las einen Artikel in der Zeitung, Mac stand zögerlich im Türrahmen.

„Nein, komm ruhig rein.“ forderte Ephram sie auf und legte die Zeitung weg.

„Was kann ich für dich tun?“ erkundigte er sich bei seiner Nichte und faltete die Hände in einer nachdenklich wirkenden Geste. Mac setzte sich auf den Stuhl ihm gegenüber und suchte nach den richtigen Worten.

„Gedankenlesen hat noch nie zu meinen Stärken gehört.“ sagte Ephram nach einer Weile mit einem fast liebevollem Lächeln.

„Tut mir Leid, ich weiß nur noch nicht, wie ich es sagen soll.“ entschuldigte Mac sich nervös.

„Ich glaube, du musst gar nichts sagen. Ich hatte heute früh ein recht interessantes Gespräch mit Caitlynn. Mir scheint, sie hatte Recht.“ sagte Ephram sanft und stand auf.

„Du scheinst dir dessen nicht bewusst zu sein, aber du bedeutest ihr sehr viel, und sie stellt dein Wohlergehen bereits jetzt über ihre eigenen Wünsche.“ erklärte er leicht abwesend und sah nach draußen, wo die Schneeflocken sanft am Fenster vorbeitanzten.

„Wieso das?“ erkundigte Mac sich überrascht.

„Sie hat mich gebeten, dir die Nummer deiner Mutter zu geben. Noch vor kurzen hätte sie sie verbrannt und Deanne die Pest an den Hals gewünscht, jetzt will sie, das du dich mit deiner Mutter aussprichst.“ antwortete Ephram und drehte sich wieder zu Mac um.

„Willst du die Nummer?“ fragte er sie direkt und sah ihr in die Augen. In seinen konnte Mac etwas wie Besorgnis lesen, und Zuneigung.

„Ich weiß es nicht.“ gestand Mac und sah nun ihrerseits aus dem Fenster.

„Ich will ja mit ihr reden, aber sie hat mir so oft so wehgetan, dass ich nicht weiß, ob ich ihr das je verzeihen kann.“ sagte sie leise und hilflos.

„Diese Entscheidung kann ich dir leider nicht abnehmen.“ erwiderte Ephram und setzte sich wieder. „Es ist dein Leben, und du musst selber einschätzen können, ob du ihr verzeihen kannst oder nicht.“

„Ich weiß. Aber ich bin ihr einziges Kind, und sie scheint gar kein Interesse an mir zu haben. Sie war ja noch nicht mal auf meiner Hochzeit.“ sagte Mac niedergeschlagen.

„Das muss nichts mit mangelndem Interesse zu tun haben, Sarah. Vielleicht wollte sie diesen Tag und deine gute Laune nicht durch ihre Anwesenheit trüben. Sie könnte ihre früheren Handlungen auch so sehr bereuen, dass sie dir nicht mehr unter die Augen treten kann.“ führte Ephram weitere Möglichkeiten an.

„Was weder du, noch Kate, noch einer von den anderen glaubt, hab ich Recht?“ erkundigte Mac sich.

„Ich habe meine Kinder nie in eine Richtung gedrängt, und bei dir werde ich das erst recht nicht tun. Jeder hat das Recht, seine Entscheidung frei und unabhängig von den Meinungen der anderen zu treffen, Sarah, und nur deshalb halten wir uns mit einem wertenden Kommentar weitestgehend zurück. Kate hat etwas erkannt, was noch nicht einmal Harm zu sehen scheint. Du bist nachdenklicher geworden, seit ihr hier seid, und du leidest, wenn auch nicht unbedingt nach außen sichtbar. In dieser Beziehung bist du Caitlynn und Gwen sehr ähnlich, die beiden haben mich auch nie ihren Schmerz sehen lassen. Zumindest nicht, wenn sie es auf irgendeine Art hätten verhindern können.“ sagte Ephram und seine Stimme bekam einen sehsüchtigen Unterton.

„Vermisst du sie manchmal noch?“ fragte Mac leise.

„Immer. Und besonders an Weihnachten, wenn ich hier bin. Diese Burg hat etwas Zauberhaftes an sich. Wenn du es bist jetzt noch nicht bemerkt hast, dann wird es dir spätestens an Weihnachen auffallen.“ sagte Ephram geheimnisvoll.

„Wenn es dir hilft, rede mit Jake darüber. Er kann einen recht neutralen Standpunkt einnehmen. Oder mit Fin, er ist aber wie ich meist auf Versöhnung aus. Oder du könntest mit deinem Mann und deiner Tochter anfangen. Ich denke, dass beide es würden wissen wollen, wenn dich etwas so bedrückt.“ fuhr er sanft fort.

„Harm würde die Entscheidung auch nur mir überlassen.“ seufzte Mac.

„Und das stört dich?“ fragte Ephram sanft.

„Ich weiß, eigentlich sollte ich froh darüber sein, dass er mir meinen Freiraum lässt, aber hier könnte ich wirklich seine Meinung gebrauchen.“

„Ich kann dir da genauso wenig helfen wie Harm. Keiner von uns kann sich in deine Situation hineinversetzen. Außer vielleicht Cara, und ich halte es für eine schlechte Idee sie nach ihrer Meinung zu fragen. Vielleicht solltest du wirklich mit Caitlynn sprechen.“ schlug Ephram vor. Wie durch ein Wunder ging in diesem Augenblick die Tür auf und Kate betrat das Zimmer.

„Oh, ich wusste nicht, dass ihr hier drin seid. Stör ich euch? Ich bin gleich weg, ich such mir nur eine Zeitschrift.“ entschuldigte die sich und sah einen Stoß Magazine durch.

„Ich lass euch zwei allein.“ erklärte Ephram und ging.

„Hab ich ihn jetzt etwa vertrieben?“ fragte Kate verwirrt.

„Nein. Nein, er ist der Meinung, wir zwei sollten uns unterhalten.“ antwortete Mac und seufzte. Kate lies die Zeitschriften Zeitschriften sein und setzte sich Mac gegenüber.

„Dann schieß mal los.“ forderte sie Mac auf.

„Du machst es einem wirklich nicht leicht.“

„Es ist auch nicht meine Aufgabe dir irgendetwas leicht zu machen.“ lächelte Kate. „Was willst du wissen?“

„Wenn ich mit ihr telefoniere, bist du dann sauer?“ raffte Mac sich auf.

„Nein.“ schüttelte Kate den Kopf und sah Mac an.

„Wütend?“

„Nein.“

„Enttäuscht?“

Diesmal schwieg Kate und besah sich ihre Fingernägel.

„Wieso?“ fragte Mac traurig.

Kate sah ihr in die Augen. Die Male, die sie das bis jetzt getan hatte, hatte Mac immer den Eindruck gehabt, dass sie etwas von ihren Gefühlen zurückhielt. Ihr Blick war zwar immer offen, aber Mac war es nie gelungen, in ihre Seele zu blicken. Jetzt war dem nicht so. Kates Augen blickten traurig und verletzt.

„Weil sie dir sooft wehgetan hat, und du es anscheinend immer noch nicht kapiert hast. Vielleicht bist du auch masochistisch veranlagt, denn du setzt dich anscheinend gerne Schmerzen aus.“

„Tut mir Leid, das war gemein und unangebracht. Du bedeutest mir viel, Sarah. Und ich will nicht, dass den Menschen, die mir etwas bedeuten, wehgetan wird. Ich… keine Ahnung. Tu was du für richtig hältst.“ entschuldigte Kate sich und starrte auf den Fußboden.

„Wenn ich wüsste, was das Richtige ist.“ sagte Mac leise und sah aus dem Fenster. Kates Blick folgte ihrem.

„Wunderschön, nicht?“ flüsterte Kate.

„Ja, das ist es. Das alles hier kommt mir vor wie aus einer anderen Welt.“ bestätigte Mac leise. „Hier scheint die Zeit manchmal still zu stehen.“

„Ich wünschte es wäre so.“ sagte Kate leise.

„Alles okay?“ fragte Mac sanft.

„Weißt du, warum dir hier alles so zauberhaft vorkommt?“ stellte Kate eine Gegenfrage, ohne auf die Frage von Mac einzugehen.

„Keine Ahnung.“

„Liebe. Einfach und doch so kompliziert. Laut einer alten Geschichte hat ein König die Burg für seine Frau erbaut. Sie starb bei der Geburt ihres ersten Kindes und noch vor der Fertigstellung. Der König hat trotzdem weitergebaut. Er hat seinen Sohn allein aufgezogen und seinem Teil des Reiches den Frieden, den es so bitter nötig hatte, gebracht. Aber er hat nie wieder eine andere Frau geheiratet.“ erzählte Kate.

„Wie ist die Burg in euren Besitz gekommen? Ich meine, sie zu kaufen wäre ziemlich teuer gewesen.“ fragte Mac und sah Kate wieder an. Die hielt ihren Blick in die Ferne gerichtet.

„Schlachten und Plünderungen im Mittelalter. Irgendeiner unserer Vorfahren hat sie mal in seinen Besitz gebracht, und danach ist es ihm irgendwie gelungen, sie zu halten und an seinen Sohn zu vererben.“ antwortete Kate. Kurz huschte über ihr Gesicht der Ausdruck von Abwesenheit, dann schüttelte sie fast unmerklich den Kopf und blinzelte kurz.

„Stimmt was nicht?“ erkundigte Mac sich. Vielleicht hätte sie nicht mit diesem Thema anfangen sollen.

„Alles in Ordnung, schon gut. Ich hab nur über deine Bemerkung nachgedacht, dass die Zeit hier stillsteht.“ sagte Kate und ein leichtes Lächeln bildete sich um ihre Mundwinkel.

„Noch mehr Erinnerungen?“ fragte Mac. Sie spürte fast so etwas wie Eifersucht in sich aufsteigen. Kate und ihre Brüder hatten all die Dinge gehabt, die Mac nie zu Teil geworden waren. Sie hatten ein richtiges Zuhause, ein Ort, an den sie gern zurückkehrten. Sie wussten, dass sie geliebt wurden, und fähig waren, selbst zu lieben. Und sie hatten positive Erinnerungen an ihre Kindheit. Verglichen mit der Hölle, die Mac hatte durchmachen müssen, kam es ihr wie ein schlechter Witz vor, dass die fünf sich beklagten, ihre Mutter verloren zu haben.

„Wenn die Zeit hier still stehen könnte, wieso… vergiss es, nicht so wichtig.“ brach Kate ab, als sie Macs Gesichtsausdruck sah.

„Nein, ich will es wirklich hören.“ beharrte Mac.

„Tatsächlich? Ich glaube im Moment ist dir nicht nach Zuhören zu Mute, und schon gar nicht danach, mir zuzuhören.“ schoss Kate zurück. Mac sah sie überrascht an.

„Schockiert?“ fragte Kate mit hochgezogenen Augebrauen. Dann besann sie sich und drückte sich kurz an die Nasenwurzel, um den aufsteigenden Kopfschmerz zu unterdrücken.

„Tut mir Leid.“ entschuldigte Kate sich müde.

„Wirklich?“ fauchte Mac.

„Okay, mein gesunder Menschenverstand sagt mir, das hier und jetzt zu beenden, bevor noch einer etwas sagt, was er bereut.“ erklärte Kate, sichtlich um Kontrolle bemüht und stand auf.

„Ich hab es satt, Kate! Ich hab euer Getue so satt, ständig gebt ihr mir das Gefühl ihr wärt mir überlegen!“ platzte Mac der Kragen und sie schrie Kate an. Die blieb stehen, vorerst mit dem Rücken zu Mac. Dann drehte sie sich langsam um. Mac hatte erwartet, so etwas wie Wut in ihren Augen zu sehen, aber wieder begegneten ihre Tränen und Schmerz.

„Wenn dem so ist, dann tut es mir aufrichtig Leid, Sarah. Aber keiner ist perfekt, keiner, noch nicht mal du.“ sagte Kate und ihre Stimme bebte.

„Du wolltest wissen, woran ich gedacht habe? Schön, ich sag es dir. An all meine Fehler, die ich im Leben gemacht habe. Die Möglichkeit, die Zeit stillstehen zu lassen, gäbe mir die Chance, vieles wieder gut zu machen, bevor der Schaden seine volle Wirkung entfaltet. Es wäre die Chance auf einen Neuanfang gewesen. Aber vielleicht willst du den ja gar nicht. Vielleicht gefällt es dir, die Rolle des Opfers einzunehmen.“ fuhr Kate fort und eine einsame Träne lief ihre Wange hinab. Sie machte sich nicht die Mühe, sie wegzuwischen.

„Ich hab mir den Arsch aufgerissen, Mac. Und für was? Deine Vorwürfe? Ich bin nicht dafür verantwortlich, in welche Verhältnisse ich geboren wurde. Und wie gern hätte ich auf das Geld verzichtet, wenn es mir einen einzigen Tag mit meiner Mutter geschenkt hätte. Weißt du was, ich hab es so langsam auch satt. Satt, dir hinterher zu rennen, dafür zu sorgen, das du dich hier wohl fühlst.“ schluchzte Kate, schlug die Hand vor den Mund und rannte aus dem Zimmer. Mac lies sich frustriert wieder in den Sessel fallen.

*~*~*

1627 Zulu
Burg Hartenstein
außerhalb von Ennis, Irland

Als Mac es in ihrem Zimmer nicht mehr aushielt, zog sie sich einen Mantel an und verlies die Burg. Sie hatte keine Ahnung, wohin sie eigentlich lief, es war ihr aber auch egal. Sie wollte einfach nur allein sein, allein mit ihren Gedanken. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie schon durch den Schnee gelaufen war, als sie plötzlich in einer Kleinstadt stand. Es hatte aufgehört zu schneien und Macs Füße fühlten sich wie Eisklumpen an. Kurz entschlossen betrat sie ein Lokal, in der Hoffnung, sich dort etwas wärmen zu können.

|Hallo, was kann ich für Sie tun?| fragte der Gastwirt Mac freundlich, als die sich an der Theke niederließ. An den Sprachunterschied hatte sie jedoch nicht gedacht.

„Sprechen Sie kein Gälisch?“ fragte der Mann sie freundlich, als er Macs Gesichtsausdruck gedeutet hatte. Er war etwas älter, vielleicht Ende fünfzig, und sein schwarzes Haar wurde von etlichen grauen Strähnen durchzogen. Mac stellte bei ihm nur einen ganz leichten Akzent fest.

„Äh, nein.“ gestand Mac etwas unwohl.

„Macht nichts.“ zwinkerte der Mann ihr zu.

„Möchten Sie etwas Warmes zu trinken?“ erkundigte er sich dann mit einem Blick auf Macs fröstelnde Figur.

„Ein Pfefferminztee wäre toll.“ sagte die und lächelte unbewusst. Eine halbe Minute später stand der Tee vor ihr.

„Danke.“ freute Mac sich und holte ihr Portmonee raus.

„Der geht auf’s Haus.“ winkte der Mann ab. Mac lies das Geld sinken.

„Wieso?“ fragte sie verwirrt.

„Sie sind doch von der Burg, oder?“ zwinkerte der Gastwirt ihr zu.

„Wie viel bekommen Sie jetzt für den Tee?“ fragte Mac fest.

Der Mann sah sie interessiert an.

„Nichts. Und wenn Sie trotzdem etwas bezahlen wollen, dann steht hier eine Büchse für Spendengelder.“ erklärte er und stellte die Büchse auf den Tresen. Mac zögerte kurz, dann kramte sie drei Euro hervor und steckte sie in die Büchse.

„Für was ist die?“ fragte sie.

„Für eine Datenbank, die Blut- und Knochmarkspender registriert.“ erklärte ihr der Mann. Mac schoss ein Bild von Donovan durch den Kopf, und sie hörte Kate, wie die ihr von Paces Ausraster im Hospiz erzählte. Mac senkte den Blick und starrte in ihre Tasse.

„Donovan ist wie Gwen und Ephram ein wundervoller Mensch. Und seine Enkel sind dies auch.“ sagte der Gastwirt sanft. Mac sah ihn überrascht an.

„Ich hab mal auf der Burg gearbeitet.“ antwortete er auf ihre unausgesprochene Frage. „Und die fünf sind mit ihren Cousins und Cousinen Stammgäste.“

Mac nickte kurz und blickte wieder in die Tasse. Sie trank ihren Tee schweigend aus und ging dann, ohne noch ein Wort gesagt zu haben.

*~*~*

1834 Zulu
Burg Hartenstein
außerhalb von Ennis, Irland

Als Mac die Eingangshalle betrat, nahm ihr ein Angestellter ohne ein Wort zu verlieren den Mantel ab und reichte ihr ein Handtuch für ihre Haare. Es hatte unterwegs wieder zu schneien angefangen, und Macs Haare waren vollkommen durchweicht. Als Mac sich der Treppe zuwandte, hörte sie hinter sich Stimmen den Gang entlang kommen. Die eine war ruhig und beschwichtigend, sie gehörte eindeutig zu Ephram. Das andere war eine Frauenstimme, die fast einen panischen Klang angenommen hatte. Mac blieb stehen, um zu hören, worum es ging. Sie erkannte mit Erstaunen, das die andere Person Kate war.

„Hast du mal einen Blick aus dem Fenster geworfen? Da draußen tobt ein gehöriger Schneesturm!“ kam es schrill von Kate. Sie schien ganz offensichtlich am Rande einer Panikattacke zu stehen.

„Das sehe ich, Caitlynn.“ bestätigte Ephram ruhig.

„Wie kannst du dann so ruhig bleiben?!“ ereiferte Kate sich.

„Sie rennt da draußen allein rum! Und sie kennt sich hier nicht aus!“ schrie Kate ihn an. Beide waren um die Ecke gebogen, als Ephram seiner Tochter beruhigend eine Hand auf den Arm legte. Kate fuhr herum und schüttelte sie wütend ab. Beide blieben stehen und starrten sich an.

„Caitlynn, du kennst unser Vorgehen.“ sagte Ephram ruhig.

„Ich warte hier keine Minute länger! Ich lass sie da draußen nicht noch eine Sekunde allein!“ explodierte Kate erneut.

„Du weißt ja noch nicht einmal, wohin Sarah gegangen ist. Und die Hand kannst du dort auch nicht vor Augen sehen. Es ist sicherer hier zu warten.“ redete Ephram ruhig auf sie ein. Mac stand wie angewurzelt da. Kate schien vollkommen aufgelöst zu sein, dass Mac einfach verschwunden war. Kate sah Ephram kurz an, dann warf sie sich in seine Arme und schluchzte hemmungslos. Er ließ eine Hand sanft über ihr offenes Haar gleiten und hielt seine Tochter fest.

„Das ist nur meine Schuld.“ schluchzte Kate hilflos. „Wenn ich nicht so gemein gewesen wäre, dann wäre sie nicht weggegangen.“

„Ist ja gut, alles wird wieder gut.“ versuchte Ephram seine Tochter zu beruhigen. Er sah sich nach potenzieller Hilfe um und erblickte Mac. Die löste sich aus ihrer Erstarrung und ging langsam zu den beiden hin.

„Sieh mal wer da ist.“ flüsterte Ephram und lies seine Tochter los. Sie sah ihn verwundert mit Tränen überströmtem Gesicht an und wandte dann den Kopf in der Richtung, aus der Mac kam. Die war jetzt nur noch einen guten Meter von den beiden entfernt und zögerte kurz. Kate lies ihre Vater los und umarmte Mac stürmisch. Deren Arme schlossen sich automatisch um ihre Cousine und sie drückte Kate fest an sich. Ephram strich Mac kurz über den Arm und ließ die beiden dann allein.

„Es tut mir Leid.“ flüsterte Kate nach einer Weile und löste sich von Mac.

„Ich weiß. Mir auch. Ich hatte jemandem sagen sollen, wohin ich gehe.“ lenkte Mac schnell ein.

„Du solltest hoch gehen, Harm macht sich Sorgen um dich.“ sagte Kate, wieder etwas distanziert.

„Da scheint er ja nicht der einzige gewesen zu sein.“ deutete Mac an. Da Kate nicht reagierte, ging Mac die Treppe nach oben zu ihrem und Harms Zimmer. Der nahm sie erleichtert in die Arme, als Mac die Tür hinter sich geschlossen hatte. Er erklärte ihr, das Mattie und Cara nichts von ihrem Verschwinden wussten, und Pace die beiden beschäftigte.

Als beide Arm und Arm nach unten gingen, um Mattie zu suchen, fielen ihnen Koffer im Eingangsbereich auf. Die beiden blieben stehen, und kurz darauf tauchte Kate auf, mit einem der Dienstboten im Schlepptau, der sie offensichtlich geholt hatte.

|Sorg dafür, dass die auf die Zimmer gebracht werden, und dann sag in der Küche Bescheid, dass noch vier weitere Leute mitessen, zwei Erwachsene und zwei Kinder.| wies sie ihn an. Der Dienstbote nickte und schnappte sich zwei der vier Koffer und trug sie den Gang entlang. Im Ostflügel des Erdgeschosses schienen sich also noch andere Zimmer zu befinden. Mac und Harm wurden aus ihren Überlegungen gerissen, als die Eingangstür aufging und zwei Jungen mit ihrer Mutter im Schlepptau hereinstürmten. Kate fing den einen Jungen ab, der andere konnte ihr jedoch entwischen und rannte genau auf Harm und Mac zu. Harm bückte sich, hielt den Jungen auf und nahm ihn hoch. Die Mutter nahm den anderen Jungen mit einem Seufzer hoch und begrüßte Kate mit einer Halbumarmung.

|Ich will runter!| wehrte sich der Junge, den Harm auf dem Arm hatte, gegen seinen Griff.

„Harm, lass ihn runter.“ bat Kate ihn, und er setzte den Jungen ab. Der rannte zu Kate und umklammerte stürmisch ihre Beine.

|Tante Katy!| freute er sich, seine Patentante wieder zu haben. Kate musste bei der Verwendung dieses Spitznamens lachen und strich dem Jungen amüsiert durch das Haar.

„Bryan Jeremy O’Hara!“ rief ihn seine Mutter zur Ordnung. Dann setzte sie ihren anderen Sohn, bei dem es sich dann offensichtlich um Cole handeln musste, wieder ab, hielt aber dessen Kapuze fest, sodass er nicht wieder davonrennen konnte. Mac und Harm waren etwas zögerlich näher gekommen.

„Josephine O’Hara, das sind Sarah MacKenzie-Rabb und ihr Mann Harmon Rabb. Und die beiden hier sind Cole und Bryan, meine Patenkinder.“ erklärte Kate und ging dann in die Hocke, um den Jungs Harm und Mac auf Gälisch vorzustellen.

„Mac und Harm.“ bat Mac, als sie die Hand von Josephine schüttelte.

„Josi. Und das vorhin tut mir Leid. Die beiden sind etwas aufgedreht, oder Jungs?“ wandte Josi sich an ihre Söhne. Die schüttelten den Kopf.

|Wo ist Sebastian?| wollte Bryan wissen. Hätte er nicht ein Shirt ohne Kapuze angehabt, hätte Mac nicht gewusst, wer bei den beiden wer war. Sie sahen wirklich gleich aus. Beide hatten kupferfarbene Haare, obwohl sich ihr Ton etwas von dem von Kate und ihren Brüdern unterschied, bei den Jungs ging er mehr in Blond über. Und zur Abwechslung hatten sie keine smaragdgrünen Augen, sondern ein sehr dunkles Blau zur Augenfarbe. Ihre Mutter hatte braune Haare, die ihr in leichten Locken über die Schultern fielen, und ein Blick in ihre Augen zeigte sofort, dass auch die Augenfarbe der Jungs von Vater vererbt war. Josephines braune Augen waren etwas dunkler als die von Mac, sodass sie schon fast in ein Schwarz übergingen. Aber der Gesichtsausdruck der beiden entsprach genau dem ihrer Mutter. Das sanfte Lächeln, was um deren Mund tanzte, war bei Bryan zu einem breiten Grinsen geworden, als er seine Patentante erblickt hatte. Cole hatte einen nachdenklicheren Gesichtsausdruck, als er Harm und Mac mit einigem Abstand musterte. Auch den Gesichtsausdruck hatte er fast hundertprozentig von Josi, die hatte Harm anfangs genauso angesehen, als ob sie herausfinden wollte, ob es ungefährlich war, ihn Bryan hochnehmen zu lassen oder ob sie die Hand, die anfangs beschützend auf Coles Schulter gelegen hatte, jetzt auf die Schultern von beiden Söhnen legen sollte.

|Der hat heute frei. Aber morgen ist er ganz bestimmt da, versprochen.| erklärte seine Mutter ihm und fuhr Bryan liebevoll durch das rote Haar. Sie schien Harm für ungefährlich erklärt zu haben, da sie ihn jetzt freundlich ansah.

„Ich bring die beiden dann mal in unser Zimmer während David unser Zeug aus dem Auto zusammensucht. Wir sehen uns beim Essen.“ seufzte Josi dann und zog mit den beiden ab.

„Was war mit Sebastian?“ fragte Mac interessiert.

„Er ist so ziemlich der einzige Angestellte, auf den die beiden hören und den sie so sehr mögen, dass sie ihm nicht das Leben zur Hölle machen. Er hat frei, und Bryan wollte nur wissen, wo er ist.“ erklärte Kate.

„Es schien vorhin fast als hätten sie verstanden, was ihre Mutter zu ihnen gesagt hat.“ schmunzelte Harm, als er an das eifrige Kopfschütteln der Jungs zurückdachte.

„Das schien nicht nur so.“ schmunzelte Kate.

„Die beiden verstehen manches, also passt besser auf, was ihr in deren Gegenwart sagt. Aber sie können euch nicht auf Englisch antworten, und begreifen, warum ihr sie nicht versteht, tun sie auch nicht. Versucht also möglichst nicht mit ihnen allein zu sein, das könnte schief gehen.“ riet Kate den beiden. David tauchte auf und umarmte Kate kurz. Die stellte Harm und Mac wieder vor, und David hob bei Macs Namen kurz eine Augenbraue, zwar nur für einen Sekundenbruchteil, aber lang genug, dass sowohl Mac als auch Harm es bemerkten. Wenn Kate es auch bemerkt hatte, dann schien es sie nicht zu interessieren. David war charmant und locker, er schien sich gut mit Kate zu verstehen. Und seine Haarfarbe entsprach genau der seiner Söhne, obwohl seine blauen Augen nicht mehr ganz so vergnügt funkelten wie die von Bryan und Cole. David zog nach einer kurzen Unterhaltung mit Kate ebenfalls von dannen.

„Weiß der Rest eigentlich, dass ich hier bin?“ fragte Mac Kate. Die Reaktion von David hatte sie leicht verunsichert, und sie wollte sich lieber nicht ausmalen, wie der morgige Tag werden würde, wenn sie dem Rest der Familie vorgestellt wurde.

„Zum Großteil, ja. Wieso?“ erkundigte Kate sich verwirrt.

„David schien überrascht zu sein.“ erklärte Harm. Seine leichte Abneigung gegen Kate trat wieder zum Vorschein.

„Und?“ fragte Kate herausfordernd. „Er hat nichts gesagt, und das wird er auch nicht tun. Außerdem ist er der angeheiratete Teil der Verwandtschaft, Josephine ist meine Cousine. Und die hat weder gestutzt, noch das Gesicht verzogen oder sonst etwas gemacht, was man als Überraschung deuten könnte.“ erinnerte sie Harm dann.

„Und jetzt entschuldigt mich bitte.“ sagte Kate leicht gereizt und zog sich zurück.

„Frag du doch Mattie, was sie heute Abend machen will.“ sagte Mac hastig zu Harm und lief dann eilig Kate hinterher.

Kurze Zeit später klopfte sie etwas zaghaft an Kates Zimmertür.

„Was?“ kam es etwas unwirsch von drinnen. Mac atmete tief durch und öffnete die Tür.

„Kann ich rein kommen?“ fragte sie Kate, die auf dem Rücken im Bett lag und die Decke anstarrte.

„Bitte.“ kam es gleichgültig von ihr. Mac unterdrückte mit Mühe ein Seufzen und machte die Tür zu. Sie ging langsam zu dem Bett und ließ sich am Fußende nieder. Kate starrte immer noch die Decke an.

„Nette Jungs. Bryan und Cole meine ich.“ versuchte Mac ein Gespräch in Gang zu bekommen.

„Hm.“ war alles, was sie von Kate zu hören bekam.

„Es ist bestimmt schön, ihre Patentante zu sein.“

„Hm.“

„Kannst du auch noch etwas anderes sagen?“ fragte Mac etwas frustriert. Kate richtete sich halb auf, damit sie Mac ansehen konnte.

„Willst du mir etwas Bestimmtes sagen? Wenn nicht schlage ich vor du lässt mich in Ruhe, ich hab Kopfschmerzen und würde gern schlafen.“ fauchte Kate etwas giftig und drehte sich auf die Seite, absichtlich mit dem Rücken zu Mac. Die unterdrückte ein Seufzen und verließ wortlos das Zimmer.

*~*~*

Hier geht’s zum neunten Teil


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