Nur Freunde (2)
2207 EST
McMurphy’s Tavern
Washington D.C.Anders als Mac angenommen hatte, wurde es wirklich lustig. Sie hatte endlich einmal Gelegenheit, Lena ohne Uniform zu sehen. Wobei sie sich fragte, ob sie das wirklich gewollt hatte. Diese Frau hatte eine umwerfende Figur. Sie trug eine leichte Bluse und Schlaghosen, aber Mac war sich sicher, dass an ihr sogar ein Kartofelsack genial ausgesehen hätte. Ihre Haare hatte sie heute ausnahmsweise einmal offen, sodas sie ihr sanft in den Rücken fielen. Der Meinung, das Lena atemberaubend aussah, waren anscheinend auch die anderen männlichen Gäste der Bar. Die Blicke, die sie dem Comander zuwarfen, waren mehr als eindeutig.
Lena und Harm schienen sich köstlich zu amüsieren. Hätte Mac nicht gewusst, dass Harm sie zu diesem Abend überredet hatte, sie hätte gedacht, Lena hätte Harm hierhergezerrt. Und Mac entgingen auch nicht die zärtlichen Gesten von Harm und seine Aufmerksamkeit Lena gegenüber. Das war mehr als der bloße Wunsch, dass sie sich in der ihr unbekannten Umgebung wohl fühlte. Er legte manchmal sanft den Arm um ihre Taille oder flüsterte ihr etwas ins Ohr, was Lena mit einem Kopfnicken und einem strahlenden Lächeln quittierte.
Jeder sollte ein Lied über eine in seinem Leben wichtige Person singen. Nach und nach waren alle an die Reihe gekommen, nur noch Harm und Lena waren übrig. Die beiden stritten kurz, wer zuerst gehen sollte, dann gab Harm sich geschlagen und erhob sich.
“Okay, ich sage mal nicht, für wen das ist. Spätestens wenn ihr den Text hört, wird es euch klar.” verkündete er etwas unsicher. Er fummelte kurz an dem Mikro herum, dann erklang eine rhythmische Melodie und Harm fing an zu singen.
“Die Augenringe erzählen die Nacht,
Fremdes Hotel, bin fröstelnd aufgewacht.
Mit ‘nem Gewissen, das mich ständig beißt.
Oh, du fehlst mir so.”
Bei den ersten Worten vergrub Lena das Gesicht in den Händen und schüttelte den Kopf.
“In der Arena gestern noch der Held,
Heute der Typ, der den Hörer falsch herum hält.
Ach, warum gehst du denn nicht ran?
Ich vermiß dich so.”
Harm ließ sich nicht von ihr beirren, im Gegenteil, auf seinem Gesicht breitete sich ein Grinsen aus.
“Wenn der Himmel mir jetzt auf den Kopf drauf fällt,
Bist du die Einzige, die noch zu mir hält.
Ich brauche jetzt deine ruhige Hand.
Oh, meld dich doch bei mir,
Ich gäb sonst was dafür.”
“Oh nein.” kam es von Lena und sie sah Harm wieder an. Sie könnte ihm dafür den Hals umdrehen.
“Lena, du hast es oft nicht leicht.
Wie weit die Kraft doch reicht.
Wenn ich am Boden liege,
Erzählst du mir, daß ich bald fliege.
Lena, wie ein klarer warmer Wind,
Wenn die Tage stürmisch sind,
Laß ich mich zu dir treiben,
Seelen aneinander reiben.”
Harms Grinsen war immer breiter geworden. Und auch Lena begann langsam zu lächeln. Bei der Erwähnung ihres Namens war Mac das Herz in die Hose gerutscht. Was lief da eigentlich zwischen den beiden Navy-Angehörigen?
“Bin viel zu oft weit weg von dir.
Abgestürzt, gestrandet neben dir.
Mein Glück, daß du Bruchpiloten magst.
Du kennst mich gut, ich schwör dir nie zu viel.
Aber du weißt, du bist mein wahres Ziel.
Du hast mich immer noch nicht satt.
Du bist Luft für mich, die ich zum Atmen brauch,
Die Landebahn in meinem Bauch,
Die Tropfen für mein schwaches Herz.
Ich lieb dich alltagsgrau,
ich lieb dich sonntagsblau.
Lena, du hast es oft nicht leicht.
Wie weit die Kraft doch reicht.
Wenn ich am Boden liege,
Erzählst du mir, daß ich bald fliege.
Lena, wie ein klarer warmer Wind,
Wenn die Tage stürmisch sind,
Laß ich mich zu dir treiben,
Seelen aneinander reiben.
Lena
Lena
Leeeenaaaa”
Die letzten Takte des Liedes verklungen, und Harm begab sich unter Aplaus wieder zu seinem Platz neben Lena. Die verpasste ihm einen Klaps auf den Oberarm, umarmte ihn aber fast dankbar.
“Elender Spinner.” sagte sie amüsiert im einem Grinsen, aber ihre Stimme zitterte leicht. Irgendetwas an diesem Lied schien sie berührt zu haben. Harms Arme schlossen sich sanft um sie.
“Ich hab es so gemeint.” flüsterte er ihr ins Ohr. Dann gab er sie frei, damit sie die Bühne betreten konnte.
“Ähm, also ersteinmal, meine Gesangskünste sind nicht die besten.” gab sie verlegen zu. Dann wurde sie ernst.
“Für einen sehr guten Freund.” erklärte sie und sah Harm fest in die Augen. Es erklang eine ruhige, sanfte Melodie, und Lena fing an zu singen.
“Mein Kartenhaus ist wieder eingestürzt,
weil der Wind von mehr als einer Seite kam.
All die Farben sind jetzt übermalt.
Mir bleibt ein schwarzes Loch und eine Hand.”
Harms Grinsen war bei den ersten Worten Lenas wie weggewischt gewesen. Er schluckte schwer, konnte aber nicht den Blick von ihr lösen. In der ganzen Bar war es totenstil, nur die Musik und Lenas Stimme erfüllten den Raum.
“Wenn ich sie hebe, wird sie schwer wie Blei
und ist nicht fähig etwas Neues zu bauen.
Ich weiß, ich könnte, wenn ich wollte
doch wollen können kann ich nicht,
mir fehlt der Mut, mich zu trauen.
Hinter mir zerschmettern
Glas und Porzellan.
Vor mir zerspringt der Spiegel,
in dem ich mich sonst sehen kann.
Und ich steh bebend mittendrin,
aber noch lebend mittendrin,
zwischen den Scherben.
Wohin?”
Entgegen ihrer vorherigen Behauptung konnte Lena singen. Und wie. Mac lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter.
“Ich mach die Augen zu
und lasse mich fallen.
Ich hoffe, jemand fängt mich auf.
Ich dreh mich im Kreis
mit verbundenen Augen,
bis mir jemand die Richtung zeigt.”
Lenas Stimme zitterte kurz, dann wurde sie wieder sicherer. Und während sie sang, verließen ihre Augen nie die von Harm.
“Du bist da und streichst mir übers Haar.
Du fängst mich auf wie warmer, weicher Sand.
Du beatmest mich mit allem, was du bist.
Ich fühl die Kraft zurück in meiner Hand.
Wenn ich dich so spüre,
dann kommt die Welt zum Stehen.
Mit dir zusammen könnt ich
barfuß durchs Scherbenmeer gehen.
Denn die Wunde heilt mit der Zeit,
doch du und ich erleben zu zweit.
Trotz aller Scherben zu zweit.
Ich mach die Augen zu
und lasse mich fallen.
Ich weiß, du fängst mich auf.
Ich dreh mich im Kreis
mit verbundenen Augen,
bis du mir die Richtung zeigst.
(Zwischenspiel)
Du machst die Augen zu
und läßt dich fallen.
Und du weißt, ich fang dich auf.
Du drehst dich im Kreis
mit verbundenen Augen,
bis ich dir die Richtung zeig.
Du machst die Augen zu
und läßt dich fallen.
Und du weißt, ich fang dich auf.
Du drehst dich im Kreis
mit verbundenen Augen,
bis ich dir die Richtung zeig.
Mach die Augen zu und lass dich fallen.
Mach die Augen zu.
Mach die Augen zu und lass dich fallen.”
Lena hauchte die letzten Sätze leise in das Mikrofon, dann waren die letzten Takte verklungen und sie ging von der Bühne.
“Wow Ma’am. Das war wundervoll.” Harriet war die erste, die ihre Sprache wiederfand. Harm drückte sanft Lenas Hand und die schenkte ihm ein sanftes Lächeln.
“Danke Harriet. Und es heißt Lena.” erinnerte sie den Lieutenant.
“Wir sollten langsam gehen.” meldete Harm sich zu Wort. Er und Lena verabschiedeten sich, wünschten allen noch ein schönes Wochenende und verließen dann die Bar.
Mac sah den beiden stumm hinterher. Ihr war nicht die beruhigende Hand Harms auf Lenas Rücken entgangen.
*~*~*
Sonntag
1007 EST
Harms Wohnung
nördlich der Union Station, Washington D.C.
Mac klopfte etwas zögerlich an Harms Wohnungstür. In ihrer Hand hatte sie Brötchen und eine Akte. Kurz darauf öffnete Harm die Tür. Er hatte nur Shorts an und Mac starrte etwas irritiert auf seinen nackten Oberkörper und das nach allen Seiten abstehende Haar.
“Mac. Was machst du denn hier?” fragte Harm noch etwas verschlafen. Mac hielt die Brötchentüte hoch.
“Ich bringe Frühstück. Und ich wollte deine Meinung zu einem Fall.” erklärte sie. ‘Außerdem wollte ich herausfinden, was da zwischen dir und Lena läuft.’ fügte sie in Gedanken hinzu.
“Komm doch rein.” bat Harm sie und hielt ihr die Tür auf. Mac trat ein und gab ihm ihre Jacke. Dann drehte sie sich um, um die Brötchen in die Küche zu bringen, aber was sie dort sah ließ sie zur Salzsäure erstarren. Lena Jannsen stand in der Küche und nippte an einem Becher Kaffee. Gut, das war nicht weiter schockierend. Was schockierend war, war die Tatsache, dass sie ein Shirt mit dem Aufschrift ‘USNAVY’ trug, das ganz eindeutig nicht ihre Kleidergröße hatte. Es war ihr viel zu weit und reichte bis zur Mitte ihrer Oberschenkel. Ihrer nackten Oberschenkel. Irgendwie hatte Mac das Gefühl, das Lena nicht viel, wenn nicht sogar gar nichts unter dem Shirt trug. Zuerst öffnete Harm die Tür in Shorts, und jetzt stand Lena halbnackt in seiner Küche. Mac fühlte sich, als würde ihr gleich das Abendessen wieder hochkommen.
“Morgen Colonel.” kam es verschlafen von Lena.
“Morgen.” fauchte Mac. Was erlaubte sich diese Frau eigentlich? Mac war kurz vorm Explodieren. Sie hatte zwar wissen wollen, was zwischen Jannsen und Harm war, aber doch bitte nicht so offensichtlich.
“Mac hat Frühstück mitgebracht.” verkündete Harm und trat zu Lena. Die drückte ihm ihre Tasse in die Hand und verschwand im Schlafzimmer. Harm nahm einen Schluck Kaffee.
“Woum geht es bei dem Fall?” erkundigte Harm sich. Weder ihm, noch Lena schien irgendetwas an der Situation peinlich zu sein, die beiden gaben sich ja noch nicht mal Mühe, ihre Beziehung zu verbergen. Es fehlte nur noch, das beide sich vor Mac an die Wäsche gingen. Aber dazu müssten sie vielleicht etwas mehr davon am Körper tragen.
“Weißt du, vielleicht komme ich später wieder.” erklärte Mac und legte Brötchen und Akte auf den Tresen.
“Wieso? Ich hab Zeit.” zuckte Harm mit den Schultern.
“So, hast du die.” entfuhr es Mac wütend. Harm hob fragend die Augenbrauen.
“Hattet ihr eine anstrengende Nacht?” wollte Mac bissig wissen. Harm wurde kreidebleich.
“Mac, so war das nicht…” stammelte er schockiert.
“Bitte, erspar mir die Details!” rief Mac aus.
“Stimmt was nicht?” wollte Lena wissen. Sie war aus dem Schlafzimnmer zurückgekehrt. Gnädigerweise trug sie jetzt ein Shirt, das ihr passte, und Jogginghosen. Ihre Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden.
“Anscheinend ist alles in bester Ordnung.” fauchte Mac sie an.
“Mac, du verstehst da was falsch. So ist das nicht zwischen uns.” verteidigte Harm sich und Lena. Die verschränkte die Arme vor der Brust und sah Mac getroffen an.
“Und wie ist das dann zwischen euch?!” wollte Mac laut wissen. Ihre innere Stimme sagte ihr, dass sie sich gerade lächerlich machte, aber zur Zeit war ihr das scheißegal. Die Szene gerade hatte sie getroffen, mehr als sie je für möglich gehalten hätte. Es tat verdammt weh, die beiden so zu sehen.
“Das geht Sie einen feuchten Dreck an.” kam es leise und eiskalt von Lena. Harm sah sie überrascht an. Damit hatte er nicht gerechnet. Und Mac auch nicht.
“Bitte?” fragte sie überrascht nach, in dem Glauben, sich gerade verhört zu haben.
“Sie haben ganz richtig gehört, Colonel.” sagte Lena nur. Irgendwie hatte sie es geschafft und jegliche Emotionen aus ihrer Stimme getilgt. Dafür sprachen ihre Augen Bände. Mac schlugen Schmerz und Feindseeligkeit entgegen, aber genauso dieses unbestimmte Glitzern, das sie immer noch nicht einordnen konnte.
“Lena-”
“Nein Harm. Ich hab es satt. Ich muss mich hier vor niemandem rechtfertigen. Wir haben nichts getan, was gegen irgendwelche Bestimmungen verstoßen würde. Ich bin sicher, ich bin nicht die Einzige von uns beiden, die hier übernachtet hat.” fuhr Lena ihm über den Mund und sah Mac vielsagend an.
“Ich hab im Gegensatz zu Ihnen nicht mit Harm geschlafen.” giftete Mac. Lena sah sie mit einem überlegenen Lächeln an.
“Ich hab nicht mit Harm geschlafen.” erklärte sie gefährlich ruhig.
“Und was läuft dann zwischen euch?!” brauste Mac auf.
“Drei Worte.” verkündete Lena. “Lieutenant Diane Schonk.”
Das saß. Lenas Stimme war bei der Nennung des Namens fast nur noch ein Flüstern gewesen, und trotzdem konnte Mac ihren Schmerz hören. Und ihn in ihren Augen sehen. Sie hatte dem Comander unbeabsichtig Leid zugefügt, weil sie zu falschen Schlussfolgerungen kam. Wie sie sich dafür ohrfeigen könnte.
“Sind Sie jetzt zufrieden?” fragte Lena und eine Träne lief ihr die Wange hinab.
“Ich wollte nicht-” begann Mac, doch jetzt war es an Lena, zu explodieren.
“Ach sparen Sie sich Ihre blöden Sprüche! Und verschwinden Sie von hier. Und zwar etwas plötzlich!” schrie sie Mac aufgebracht an. Die warf kurz einen Blick zu Harm, dann ging sie ohne ein weiteres Wort zur Tür. Als sie sich umdrehte, um sie hinter sich zuzuziehen, sah sie, wie Harm Lena sanft in seine Arme zog, während die hemmungslos schluchzte.
*~*~*
1609 EST
Wohnung von Lena Jannsen
südlich des Vietnam Veterans Memorial, Washington D.C.
Etwas zögerlich klopfte Mac an die Tür. Sie wusste nicht, wie Lena reagieren würde, und ob sie überhaupt zu Hause war. Mac tat ihr Verhalten mittlerweile Leid. Sie hatte Harm und Lena Unrecht getan, und dafür wollte sie sich entschuldigen. Wenn Lena sie denn ließ. Mac hob erneut die Hand, als die Tür aufging. Vor ihr stand jedoch nicht Lena, sondern deren Mitbewohnerin.
“Ja bitte?” erkundigte sich die Frau und strich sich die Haare aus dem Gesicht.
“Mein Name ist Sarah MacKenzie, ich wollte zu Comander Lena Jannsen.” erklärte Mac etwas zögerlich.
“Bitte.” bat die Frau Mac hinein. “Es ist das Zimmer links am Ende des Flurs.” erklärte sie und verschwand in ihrem eigenen Zimmer.
Mac ging den Flur entlang und klopfte an Lenas Zimetür.
“Ist offen.” ertönte der ihre Stimme. Mac atmete tief durch, dann öffnete sie die Tür und steckte den Kopf hinein. Lena saß mit dem Rücken zur Tür am Schreibtisch und schrieb.
“Was ist?” fragte sie, in der Annahme, mit ihrer Mitbewohnerin zu reden.
“Kann ich reinkomen?” erkundigte Mac sich vorsichtig. Lena fuhr herum und sah sie überrascht an. Der Ausdruck des Comanders hatte etwas von einem Kaninchen, das in eine Flinte blickte.
“Bitte.” fand sie nach einer halben Ewigkeit ihre Stimme wieder. Mac trat ein und schloss die Tür hinter sich. Es fehlte ihr noch, wenn der kommende Streit durch die ganze Wohnung hallte.
“Setzen Sie sich doch.” bat Lena sie höflich und deutete auf einen Stuhl an der Wand. Ihr Zimmer war schön geräumig. Lena saß an iherm Schreibtisch, daneben stand eine Schlafcouch, gegenüber von der ein Fernsehr. Die Wände waren in einem warmen Orange gestrichen, neben der Couch stapelten sich Bücher und CDs.
“Was verschafft mir die Ehre?” erkundigte sie sich nach einer Weile leise.
“Ich wollte mich entschuldigen. Für mein Benehmen heute früh, und auch in den letzten Wochen. Ich hab nur das gesehen, was ich sehen wollte. Und daraus die falschen Schlüsse gezogen. Es tut mir Leid.” entschuldigte Mac sich. Lena nickte bedächtig.
“Und wie lange haben Sie für diese Rede gebraucht?” fragte sie dann leise. Sie war immer noch verletzt. Mac gab ihr keine Antwort. Lenas Verhalten hatte sie mehr als verdient.
“Diane und ich haben uns an der Akademie kennengelernt. Über sie bin ich auch an Keeter, Sturgis und Harm geraten. Ja, Sturgis kennt mich auch. Aber er war früher schon ein Einzelgänger, er hat nie groß bei unseren Blödelleien mitgemacht. Wir waren ein tolles Gespann, manche der Lehrer haben uns schon als die vier Musketiere bezeichnet. Diane und ich sind die besten Freundinnen gewesen. Ich muss sagen, meine Eltern waren nicht sonderlich begeistert, als ich ihnen sagte, ich würde zur Navy gehen, und als ich es wirklich tat, da haben sie mich zu Hause rausgeschmissen. Diane und ich haben uns ein Zimmer geteilt, und sind immer mehr wie Schwestern geworden. Sie war immer für mich da, und ich für sie. Wir haben miteinander herumgeblödelt, und den anderen getröstet, wenn es ihm schlecht ging.
Schon damals war sie in Harm verschossen. Wenn sie von ihm geredet hat, dann war das, als würde sie von Superman sprechen. Ich persönlich hab nie Interesse an ihm gehabt, ich hab mich bei unserer ersten Begegnung Hals über Kopf in Keeter verknallt, aber nie den Mut gehabt, es ihm zu sagen. Und er hatte den Ruf, bei keiner Frau etwas anbrennen zu lassen, wie Harm übrigens auch. Aber er und Diane, das war eine ganz andere Geschichte. Zum ersten Mal hat Harm andere Frauen ignoriert, sie haben für ihn aufgehört zu existieren. Er wolte keinen Fehler bei Diane machen, sie nicht verlieren. Deshalb haben beide es sehr langsam angehen lassen.
Nach der Akademie haben Harm, Keeter, Sturgis und ich uns aus den Augen verloren, aber mit Diane habe ich regelmäßig Kontakt gehabt, und manchmal über sie auch mit Harm. Auf den Tag genau gestern vor sieben Jahren klingelte es an meiner Wohnungstür. Ich dachte es wäre Diane, wir waren zum Essen verabredet. Aber vor mir stand plötzlich Harm, in Zivil, er sah aus wie ein geprügelter Hund. Er hat nur drei Worte zu mir gesagt, aber diese drei Worte haben meine ganze Welt einstürzen lassen. ‘Diane ist tot’ hat er geflüstert. Und dann hat er angefangen zu weinen. Mir ist alles vor Augen verschwommen. Ich hab nicht mehr denken können, ich hab die Nässe auf meinen Wangen gespürt und nicht gemerkt, dass ich weine.
Ich gebe zu, ich hab in dieser Nacht mit ihm geschlafen. Aber es ging nicht um Sex. Wir haben beide Trost gesucht, versucht, den unendlichen Schmerz, der durch unsere Herzen jagte und unsere Gedanken vereinnahmte auszublenden. Das war das einzige Mal, das zwischen ihm und mir etwas anderes gelaufen ist als ein harmloser Kuss auf die Wange. Wir haben nie darüber geredet, es war nicht wichtig. Es hat nichts an unserer Beziehung zueinander geändert.
Harm hat Dianes Tod sehr zu schaffen gemacht. Aber für mich lag meine ganze Welt in Trümmern. Ich hatte seit dem Tag meines Rauswurfs nicht mehr mit meinen Eltern gesprochen, Diane war die einzige Person, die ich als meine Familie betrachtet habe. Und plötzlich stand ich allein da. Drei Wochen später hat Harm mich gefunden, als ich mir die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Ich konnte nicht mehr, ich wollte einfach nicht mehr mit diesem Schmerz leben. Ich wusste nicht, wie ich mit Dianes Tod klar komme sollte, wie ich je wieder eine Uniform anziehen sollte, ohne ihr Gesicht vor mir zu sehen, als sie mir die Schulterklappen eines Ensigns verliehen hat. Sie hat mir so gefehlt.” erzählte Lena leise und wischte sich eine Träne von der Wange.
“Harm hat mir das Leben gerettet. Hätte er nicht auf seine innere Stimme gehört, ich wäre heute nicht hier.
Ich habe nach und nach gelernt, ohne Diane zu leben. Aber sie fehlt mir immer noch.
Als ich Sie zum ersten Mal gesehen habe, da hat mein Kopf gesagt, das Sie nicht Diane sind. Aber mein Herz wollte nicht darauf hören. Ich… ich wollte weinen, ich wollte Sie umarmen und nie wieder loslassen. Bis Sie zum ersten Mal mit mir geredet haben. Sie ähneln Diane nur äußerlich, Mac. Als Person sind Sie ganz anders. Und ohne es zu merken habe ich eine Mauer um mich errichtet. Ich hab Dianes Tod nicht verkraften können, und plötzlich stand eine Frau vor mir, die ihr Zwilling hätte sein können. Es tat weh. Es tat verdammt weh. Immer wenn ich dachte, dass Sie beide doch nicht so verschieden sind, dann hab ich in Ihre Augen gesehen, und alles war schlagartig weg. Diane hat immer so einen warmen Ausdruck in den Augen gehabt, und ihr Lachen war glockenhell. Ich hab Sie noch nicht ein Mal lachen hören.
Harm und ich verbringen ihren Todestag nie allein. Vielleicht, weil er Angst hat, ich könnte mir wieder etwas antun. Oder weil ich einfach seine Nähe brauche. Denn die brauche ich wirklich. Er ist mein bester Freund, ich kann mit ihm über alles reden, und er mit mir. Das er mich Ihnen gegenüber nie erwähnt hat, das kann ich gut verstehen. Er macht sich Sorgen um mich. Mehr als meine Eltern es je getan haben. Diane war der einzige Mensch, der mich wirklich in- und auswendig kannte. Nach ihrem Tod hat Harm diese Rolle übernommen. Wenn ich Liebeskummer habe, dann wähle ich seine Nummer, und er schafft es innerhalb von zehn Minuten, dass ich wieder lachen kann. Er weiß immer, was er wann wie sagen muss um mich aufzuheitern. Und Sie haben mit Ihrer Befürchtung Recht, ich liebe ihn. Aber so, wie man seinen Bruder liebt, wie ich Diane geliebt habe. Er ist mein größter Rückhalt, die Zeit in Afghanistan habe ich nur überstanden weil ich wusste, irgendwann würde ich ihn wiedersehen.” fuhr Lena ruhig fort und starrte auf ihre Hände. Mac wusste nicht, was sie sagen sollte. Je mehr Lena sagte, desto mehr hasste sie sich selbst für ihr Verhalten der jüngeren Frau gegenüber. Mein Gott, es musste unendlich schwer für sie gewesen sein, jeden Tag mit einer Frau zusammenzuarbeiten, die ihrer toten Freundin zum Verwechseln ähnlich sah, aber nicht wirklich an sie herankommen zu können, weil Mac sie in ihrer Eifersucht von sich gestoßen hatte.
“Deshalb wollten Sie nicht bei mir wohnen.” hauchte Mac leise. Lena nickte bestätigend.
“Es hätte mir nur weh getan. Und nochmal in dieses schwarze Loch fallen, das kann ich mir nicht leisten. Dann kann noch nicht einmal Harm mich da wieder rausholen.” gestand sie leise. “Mac, ich habe nichts gegen Sie persönlich. Ich hab versucht, mich selbst zu schützen, ich wollte nicht enttäuscht werden, ich konnte einfach nicht jeden Tag wieder einen Schlag vor den Kopf bekommen, weil ich Sie wieder insgeheim mit Diane verglichen habe.”
“Jetzt weiß ich, wie es für Harm gewesen sein muss, mich als neue Partnerin zu bekommen.” schüttelte Mac den Kopf.
“Wissen Sie, ich habe Diane nie einen Mann so ansehen sehen, wie sie das bei Harm getan hat. Er war die Liebe ihres Lebens. Und sie bis dahin auch die von Harm. Er hat lange gebraucht, um mit ihrem Tod fertig zu werden. Aber er hat es im Gegensatz zu mir geschafft. In den vergangenen Jahren ist immer öfter Ihr Name in unseren Telefonaten gefallen. Und immer mehr habe ich den Eindruck gehabt, das er mehr in Ihnen sieht. Langsam ist aus dem bloßen Bericht über seine neue Partnerin ein Schwärmen von einer Frau geworden, in die er sich verliebt hat. Ich hab ihn mal gefragt, was er für Sie empfindet. Er hat mir nicht geantwortet. Aber das musste er gar nicht. Er liebt Sie. Spätestens als ich gesehen habe, wie er Sie ansieht, war mir das klar. Er liebt Sie sehr, viel mehr, als er Diane je geliebt hat. Ihren Tod hat er überstanden, aber ich bezweifle, dass er Ihren Verlust verkraften könnte. Deshalb hat er Angst, es Ihnen zu sagen. Er hat Angst, Sie zu verlieren. Selbst wenn Sie diese Gefühle erwidern, und das tun Sie, er hat solche Angst, das mit Ihnen das selbe passiert wie mit Diane. Und Sie bedeuten ihm zu viel als das er das riskieren würde. Lieber rennt er gegen eine Betonwand, als das er Ihre Freundschaft aufs Spiel setzt.”
“Hat er das gesagt?” hauchte Mac leise.
“Das musste er nicht. Ich habe gesehen, wie Harm mit anderen Frauen umgegangen ist. Wie wenig ernste Beziehungen er nach Diane hatte. Und wie die alle in die Brüche gegangen sind. Sie und ich, wir sind die einzigen weiblichen Konstanten in seinem Leben. Ich zähle nicht, für ihn bin ich wie eine kleine Schwester. Aber in Ihnen sieht er eine wundervolle Frau, mit der er gern den Rest seines Lebens verbringen würde. Harm ist ein Mensch, der häufig auf seine inneren Impulse hört. Ich sollte mich darüber nicht beschweren, denn diese Tatsache hat mir das Leben gerettet. Aber es verhindert auch, das er glücklich wird. Er will, dass Sie glücklich sind. Nie wird er ihre Entscheidung mit einem anderen Mann eine Beziehung zu haben in irgendeiner Weise zu manipulieren versuchen. Harm ist einer der wenigen Menschen, der eine Person nicht besitzen muss, um sie zu lieben, und wenn er der Meinung ist, das jemand ohne ihn glücklich wird, dann stellt er sich dem nicht in den Weg. In dieser Beziehung waren er und Diane sich sehr ähnlich.” antwortete Lena. Für eine ganze Weile herrschte Schweigen zwischen den beiden Frauen, bis Lena wieder zu sprechen anfing.
“Ich weiß, es geht mich nichts an, zumindest nicht direkt, und Sie sind einer meiner vorgesetzten Offiziere. Wie Harm. Aber wie können zwei Menschen so stur sein? Ich meine, er liebt Sie, und Sie ihn offensichtlich auch. Das sieht ein Blinder mit Krückstock, sogar Sturgis weiß es. Sie beide sind erwachsene Menschen. Aber wenn es darum geht, einen Schritt auf den anderen zu und in die richtige Richtung zu machen, in Richtung einer Beziehung die sie beide wollen, dann benehmen Sie beide sich wie ein dreijähriges Kleinkind.” entfuhr es Lena laut. Mac sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
“Was?” wollte der Comander verwirrt wissen.
“Wenn -und ich sage nur wenn- ich mit Harm eine Beziehung hätte, würde Sie das nicht stören?” wollte Mac wissen.
“Nicht sonderlich. Diane ist tot, soviel habe ich begriffen. Und Harm hat es verdient, glücklich zu werden. Wie gesagt, ich war nie an ihm interessiert, es sei denn als guten Freund.”
“Was würde Sie stören?”
“Die Tatsache, das ich dann warscheinlich nicht mehr die einzige Frau in seinem Leben bin, die seine schmutzigen Geheimnisse kennt.” lachte Lena.
“Ich kenn da auch so manche, von denen haben Sie sicher noch nichts gehört.” grinste Mac.
“Wie Harm in die Decke des Gerichtssaales geschossen hat? Oder wie er auf einem U-Boot gegen ein Rohr gelaufen ist? Wie er mal wieder ein Flugzeug im Atlantik versenkt hat? Oder er sich rausschießen musste, als eine russische MIG Sie beide verfolgt hat? Oder meinen Sie, wie er Sie auf ihrer Verlobungsfeier geküsst hat?” erkundigte Lena sich sanft. Mac sah sie überrascht an.
“Gestatten, ich bin sein schlechtes Gewissen. Das ist das einzige Mal gewesen, das ich ihm für etwas in den Hintern getreten habe. Obwohl, eigentlich war das gar nicht nötig, er hat sich schon selbst genug dafür gehasst.” schüttelte Lena den Kopf.
“Wären Sie bereit, mir einen Gefallen zu tun?” erkundigte Mac sich plötzlich.
“Klar, welchen?” wollte Lena interessiert wissen.
*~*~*
Hier geht’s zum dritten Teil

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