Shattered Lives (1)

Disclaimers: JAG, die Rechte an der Serie, sowie die Charaktere gehören nicht mir. Sie sind Eigentum von Donald P. Bellisario, Paramount und CBS.
Autorenbemerkungen: Keine FF, in der Harm und Mac als Paar im Vordergund stehen. Die Timeline habe ich etwas zurecht gebogen, AJ ist der JAG, Coates ist sein Yeoman, Harriet arbeitet noch dort, Bud ist Lieutenant, und Josh Pendry ist erst zwölf Jahre alt.
Inhalt: Eine neue Anwältin mischt das JAG-Team auf.

*~*~*~*

0827 EST
JAG HQ
Falls Church

Als die Fahrstuhltüren sich öffneten, musste Major Channah Viviane Gayner tief durchatmen. Das war es also. Dies sollte ihr neues Leben, ihre Zukunft sein. Etwas zögerlich trat sich in den Gang und wandte sich dann Richtung Bullpen.
Kaum hatte sie es betreten, wollte sie auch schon wieder umkehren. Wem versuchte sie hier eigentlich, etwas vorzumachen? Sie war noch lange nicht so weit, wieder arbeiten zu gehen. Am liebsten wäre sie wieder umgekehrt und die Treppen zu ihrem Auto hinab gerannt. Sie wollte schon jetzt einfach nur nach Hause und sich in ihrem Bett verkriechen.

“Kann ich Ihnen helfen, Major?”

Zu spät. Vivy, wie ihre Freunde sie nannten, schenkte dem weiblichen Lieutenant ein freundliches Lächeln. Zumindest hoffte sie, das es ansatzweise freundlich aussah, denn sie befürchtete, nicht mehr als ein gequältes Grinsen zustande bekommen zu haben.

“Ehrlich gesagt, ja, Lieutenant. Ich bin auf der Suche nach Admiral AJ Chegwidden, dem JAG.” antwortete Vivy, und war über sich selbst überrascht. Ihre Stimme zitterte kein bisschen, nichts verriet ihre Nervosität. Vielleicht konnte sie es ja doch.

“Gehen Sie einfach gerade aus und melden Sie sich bei dem PO an dem Schreibtisch im Vorzimmer.” kam es hilfsbereit von dem Lieutenant.

“Ich danke Ihnen.” nickte Vivy und machte sich auf den Weg.

“Guten Tag PO. Ich würde gern mit Admiral Chegwidden sprechen.” wandte sie sich keine Minute später an Coates.

“Natürlich, einen Moment bitte, Major.” bat die und nahm den Telefonhörer ab.

“Sir, hier ist ein Major, der sie dringend sprechen möchte.”

“—”

“Aye Sir.” kam es nach kurzer Pause von Jen und sie legte auf.

“Sie können hinein gehen.” wandte sie sich an Vivy.

“Danke.” nickte die und betrat das Büro des Admirals. Coates schloss hinter ihr die Tür, während Vivy Haltung vor dem Schreibtisch AJs einnahm. Ihre Knie fühlten sich wie Pudding an.

“Rühren Major.” knurrte der Admiral, wenn auch mit einem sehr freundlichen Unterton.

“Ich muss sagen, Sie haben eine recht interessante Dienstakte.” verkündete er, kaum das Vivy etwas bequemer stand.

“Das sehe ich als Kompliment, Sir.” gab die zurück. Sie fixierte stocksteif einen Punkt an der Wand und musste sich Mühe geben, vor Nervosität nicht auf ihrer Unterlippe herumzukauen. Der Admiral sah sie eine Weile prüfend an, dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus.

“Bitte, setzen Sie sich.” forderte er den jüngeren Offizier auf. Vivy sah ihn überrascht an und blinzelte einige Male. Dann nahm sie vorsichtig in einem der Besucherstühle Platz.

“Und es war ein Kompliment. Sie haben sich in Rekordzeit aus den Mannschaftsrängen hochgedient, Ihre Beurteilungen sind hervorragend, die Berichte Ihres ehemaligen Vorgesetzten bestätigen einen ausgezeichneten Charakter, und Sie haben Ihr Studium mit Bestnoten abgeschlossen. Der einzige dunkle Punkt, den ich hier sehe, ist die Tatsache, das sie sofort nach Ende Ihres Studiums aus dem aktiven Dienst ausgeschieden sind.” erklärte AJ sanft. Bei dem letzten Satz legte sich ein Schatten auf Vivys junges Gesicht.

“Aber ich denke, das wird kein Problem sein. Es freut mich, dass Sie sich entschlossen haben, wieder zurückzukehren. JAG braucht Leute wie Sie.” fuhr der Admiral schnell fort.

“Die einfach alles fallen lassen?” schnaubte Vivy sarkastisch.

“In Anbetracht der Umstände halte ich das für gerechtfertigt. Wie alt waren Sie damals? Vierundzwanzig?” wollte der Admiral wissen.

“Fünfundzwanzig.” antwortete Vivy sofort.

“Jetzt sind Sie zwei Jahre älter, und um einige Erfahrungen reicher. Obwohl ich wünschte, dass Sie die niemals hätten machen müssen.”

“Das wünsche ich mir manchmal auch, Sir.” nickte der Major leise.

“Kommen wir zum Wesentlichen. Sie haben noch keinen Fall allein betreut, stimmt das?”

“Das stimmt. Ich habe während des Studiums mit einem ausgebildeten Anwalt zusammen gearbeitet, aber nie allein.” bestätigte sie.

“Da ich Sie nicht am ersten Tag überfordern will, kommen Sie besser mit einem Marine aus, oder wäre Ihnen ein Navyangehöriger als Mentor lieber?” erkundigte AJ sich mit einem warmen Lächeln.

“Ich denke nicht, das es einem Navy-Anwalt gegenüber fair wäre, ihn mit einem unerfahrenen Möchtegernjuristen in Marineuniform zusammenzustecken.” gab Vivy ruhig zurück. Um ihre Mundwinkel spielte ein leises Lächeln.

“Vorsicht Major. Sie haben das Examen bestanden und sind genauso qualifiziert wie jeder andere hier. Ihnen fehlt nur die Erfahrung.” erinnerte der Admiral sie bestimmt.

“Verstanden, Sir. Und ich persönlich hätte nichts gegen jemanden aus dem Corps einzuwenden.” kam es fest von Vivy.

“Gut, dann wäre das geklärt.” kam es zufrieden vom Admiral. “Coates wird Ihnen zeigen, wo sich das Büro von Colonel MacKenzie befindet. Sie können wegtreten.”

“Aye Aye Sir.” kam es von dem weiblichen Major. Ohne nachzudenken war sie aufgesprungen und hatte Haltung angenommen. Sie vollzog eine 180°-Drehung und verließ das Büro. Der PO, der sie zuvor hereingelassen hatte, führte sie zu einem anderen Büro und klopfte an die geschlossene Tür. Vor drinnen erklang ein gedämpftes ‘Herein’, und Jen hielt Vivy die Tür auf. Die betrat etwas verunsichert das Büro, und schon war die Tür hinter ihr zu. Na super. Der Tag konnte wirklich nicht besser werden. An dem Schreibtisch saß ein weiblicher Lieutenant Colonel der Marines und machte einen Vermerk in einer Akte, bevor sie aufsah.

“Was kann ich für Sie tun, Major?” erkundigte Sarah ‘Mac’ MacKenzie sich freundlich.

“Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich es sagen soll.” stammelte Vivy. Die Aktion von Jen hatte sie ordentlich aus der Bahn geworfen. Sie hatte angenommen, ihren neuen Kollegen zumindest vorgestellt zu werden. Aber anscheinend musste man hier gleich von der ersten Sekunde an ins kalte Wasser springen. Hätte sie das gewusst, hätte sie sich einen Taucheranzug mitgebracht.

Ihr Statement schien der Colonel jedoch falsch zu verstehen.

“Wieso erklären Sie mir nicht einfach, was das Problem ist? Dann sehe ich, ob ich Ihnen dazu juristischen Rat erteilen kann.” bot Mac dem Major an. Sie gestikulierte zu den Besucherstühlen vor ihren Schreibtisch, und Vivy setzte sich. Unbewusst spielte sie mit der Kopfbedeckung in ihren Händen.

“Oh, nein, so meinte ich das nicht. Ich… Mein Name ist Viviane Gayner, und ich…” begann Vivy, brach aber ab, da ihr die Worte fehlten.

“Miss Gayner, wenn Sie mir nicht sagen, was das Problem ist, dann kann ich Ihnen auch nicht helfen.” versuchte Mac, sie zum Reden zu bringen.

“Es heißt Misses, ich bin verheiratet. Und ich will keine juristische Beratung von Ihnen. Zumindest nicht als Klient.” stellte Vivy klar. Mac zog verunsichert die Augenbrauen nach oben.

“Ich bin neu bei JAG, und der Admiral hat Sie mir als Mentor zugeteilt.” rückte der Major endlich mit der Sprache heraus. Das raubte Mac zuerst einmal sämtliche Worte.

“Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, wie alt sind Sie?” erkundigte Mac sich. Die Akte vor sich klappte sie zu und legte den Kuli weg, den sie die ganze Zeit in der Hand gehabt hatte.

“Siebenundzwanzig. Und nein, ich bin kein Spätzünder oder habe Jura studiert, weil mir nichts Besseres eingefallen ist. Meinen Abschluss habe ich vor zwei Jahren gemacht, aber… aus privaten Gründen war es mir nicht möglich, den Beruf auszuüben. Kurzum, vor Ihnen sitzt eine Anwältin, die seit zwei Jahren weder einen Gerichtssaal von innen gesehen, noch eine Uniform getragen hat.” antwortete Vivy. Mac tat ihr Bestes, um dem schnellen Gerede der jüngeren Frau hinterherzukommen. Vivy war genau das, was sie nie bei einem Marine erwartet hätte. Sie hatte feine Gesichtszüge, eine schlanke Figur und sah umwerfend aus, sogar in Uniform. Wie Mac hatte sie braune Haare und braune Augen, die Augen von Vivy gingen aber schon fast in ein schwarz über, und ihre Haare schienen um einiges länger als die von Mac zu sein, soweit man es bei der militärisch korrekten Hochsteckfrisur von Vivy erkennen konnte.

“Wenn das so ist. Herzlich willkommen bei JAG, Major Gayner. Ich bin Lieutenant Colonel Sarah MacKenzie, meine Freunde nennen mich Mac.” stellte Mac sich mit einem Lächeln richtig vor.

“Und meine nennen mich Vivy.” gab die etwas entspannter zurück.

“Ich will nicht neugierig erscheinen, aber wieso machen Sie einen Abschluss in Jura, um sich dann gleich aus dem Dienst zurückzuziehen?” fragte Mac sanft nach. Vivy hatte bis jetzt geradeaus in ihre Augen geblickt, doch jetzt wandte sie zum ersten Mal, seit sie sich gesetzt hatte, den Blick nach unten und starrte auf ihre Hände. Es dauerte keine Sekunde, da hatte sie auch schon wieder die Schultern gestrafft und sah Mac wieder an. Aber der Ausdruck in ihren Augen hatte sich geändert. Sie schien eine unsichtbare Barriere hochgefahren zu haben, die Mac nicht vermochte zu durchdringen.

“Es ist privat, und ehrlich gesagt möchte ich nicht darüber sprechen.” erklärte Vivy fest.

“Okay. Kein Problem.” lenkte Mac sofort ein. Sie schien einen wunden Punkt getroffen zu haben, was ganz sicher nicht in ihrer Absicht gelegen hatte.

“Wieso erzählen Sie mir nicht, welche Fälle Sie während ihrer Studienzeit betreut haben?” stellte Mac eine andere Frage, in der Hoffnung, die Nervosität des Majors etwas zu mindern. Was ihr damit auch zumindest etwas gelang. Die beiden unterhielten sich fast zwei Stunden, und Mac stellte schnell fest, das Vivy zwar jünger war als sie, ihr aber in manchen Dingen einiges an Erfahrung vorauszuhaben schien. Sie benahm sie nicht wie eine Frau Mitte zwanzig, sondern eher wie eine um Anfang vierzig. Sie schien sich sehr genau darüber bewusst zu sein, welchen Eindruck sie auf Mac machte. Doch sie war ein sehr umgänglicher Mensch, der anscheinend einen ausgeprägten Humor besaß, obwohl es Mac absolut nicht gelang, ein Lächeln auf Vivys Lippen zu zaubern. Im Gegenteil, wenn sie einen Witz machte, dann flackerte in Vivys Augen kurz eine Art seelischer Schmerz auf, den Mac zwar schon mehrmals gesehen hatte, ihn aber nicht einordnen konnte.

“Ich habe jetzt ein Treffen mit Comander Rabb, es geht um einen meiner Fälle. Er vertritt die Anklage. Sie können uns gern Gesellschaft leisten, dann hätten Sie einen Einstieg und würden einen Ihrer neuen Kollegen kennen lernen.” bot Mac ihr nach dem Gespräch an.

“Wenn Sie das nicht stört, Ma’am.” nahm Vivy etwas zögerlich an.

“Erstens, es stört mich nicht. Sonst hätte ich nicht gefragt. Und zweitens, hören Sie mit diesem Ma’am auf, mein Name ist Mac.” erinnerte Mac sie bestimmt schon zum zehnten Mal.

“Ja Ma’am.” nickte Vivy, Mac unterdrückte ein Seufzen und ging mit Vivy in den Konferenzraum. Dort saß Comander Harmon ‘Harm’ Rabb jr schon an dem Konferenztisch. Er schenkte Mac ein Lächeln und erhob sich, als er Vivy bemerkte.

“Comander Harmon Rabb, Major Viviane Gayner.” stellte Mac die beiden einander vor. Harm schenkte Vivy ein Grinsen und streckte die Hand aus.

“Harm.” erklärte er, als Vivy sie ergriff.

“Vivy.” erwiderte die. Die beiden schüttelten die Hände, dann nahmen die Platz, Mac gegenüber von Harm und Vivy neben ihr.

“Hat der Admiral Sie dem Fall zugeteilt? Ich habe Sie hier noch nie gesehen.” kam es von Ham. Er musterte Vivy interessiert.

“Nicht ganz. Ich bin neu, und der Colonel ist mein Mentor.” antwortete Vivy. Harm hob die Augenbrauen und sah Mac überrascht an.

“Was habe ich verbrochen, dass ich übergangen werde?” fragte er und fasste sich gespielt getroffen an den Oberkörper.

“Du bist kindisch. Und zu deiner Information, mich hat der Admiral auch nicht gefragt. Hat vielleicht etwas damit zu tun, dass manche Leute ihre Arbeit hier noch Ernst nehmen, Mister Tomcat.” gab Mac zurück. Um ihre Mundwinkel spielte ein Grinsen, das Vivy etwas überrascht zur Kenntnis nahm. Sie hatte noch nie zwei dienstältere Offiziere, die auf gegnerischen Seiten standen, so offen miteinander flirten sehen.

“Du tust mir Unrecht, Mac. Andere Leute haben nur ein Privatleben und interessieren sich auch noch für andere Dinge als Paragraphenreiterei.” gab Harm zurück. Und im gleichen Moment hätte er sich ohrfeigen können. Wieso passierte es ihm immer wieder, dass er in Macs Gegenwart zuerst redete, bevor er nachdachte? Kurz huschte ein Schatten über ihr Gesicht, aber sie fing sich schnell wieder.

“Weil wir gerade bei Paragraphenreiterei sind, genau die betreibst du hier.” lenkte sie die Aufmerksamkeit aller auf den Fall.

“Der Meinung bin ich nicht.” widersprach Harm.

“Harm, du weißt genau, dass der Gunny nichts Falsches getan hat.”

“Er hat eine Beziehung zu einem ihm unterstellten Mitglied der Streitkräfte. Ich weiß nicht, für mich klingt das nach einem Verstoß gegen den UCMJ.” beharrte Harm stur.

“Die beiden waren schon zusammen, bevor er ihr Vorgesetzter wurde.” hielt Mac dagegen.

“Und in dem Moment, in dem er es wurde, wurde aus einer Affäre eine Straftat. Er hat ihre Hilflosigkeit ihm gegenüber ausgenutzt.”

“Ach komm schon. Er hat sie ja nicht vergewaltigt.” ereiferte sich Mac.

“Bei allem Respekt, Ma’am. Genau das hat er, wenn man dem genauen Gesetzeslaut folgt. Er befand sich in einer Machtposition, und hat mit einer unerfahrenen Rekrutin geschlafen.” mischte Vivy sich ein. Mac hatte ihr auf dem Weg zum Konferenzraum die Sachlage erklärt, und während Mac sie mit einem strengen Blick fixierte, lächelte Harm ihr zu.

“Es ist wie bei Lehrern und Schülern. Egal, ob sie sich lieben, eine sexuelle Beziehung ist verboten und wäre Misshandlung Schutzbefohlener.” erklärte Vivy kleinlaut.

“Danke Major. Siehst du, Mac, sogar dein Schäfchen ist anderer Meinung.”

“Noch musst du mit einem Deal an mir vorbei.” erinnerte Mac ihn etwas unsanft.

“Major, entschuldigen Sie uns bitte kurz.” bat Harm Vivy, ohne den Blick von Mac zu nehmen. Vivy stand auf und verließ wortlos den Raum. Kaum war die Tür hinter ihr zugegangen, da sprang Mac auch schon wütend aus ihrem Stuhl auf.

“Komm schon Mac. Sie meint es doch nur gut.”

“Sie hat den Mund zu halten. Zumindest das hätte sie lernen sollen.” zischte Mac.

“Sie möchte gefallen. Komm schon, so waren wir doch alle einmal.” versuchte Harm, seine Kollegin wieder zu beruhigen.

“Darum geht es nicht. Sie hat an diesem Fall keine Beteiligung, und dann mischt sie sich auf eine Weise ein, die unprofessionell ist und mich wie die letzte Idiotin hinstellt.” ereiferte Mac sich weiter.

“Sie hat nicht gesagt, dass sie mit dem Gesetzeslaut übereinstimmt. Und ich glaube nicht, dass der Major sich bewusst war, wie es dich aussehen lässt. Mac, sie ist neu, sie soll es erst noch lernen. Hab ein bisschen Nachsicht mit ihr.” beschwor Harm sie sanft. Mac verschränkte die Arme und atmete tief durch.

“Was hältst du von ihr?” erkundigte Harm sich und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

“Keine Ahnung. Sie scheint nicht auf den Mund gefallen zu sein, außerdem macht sie auf mich einen sehr gebildeten Eindruck.” zuckte Mac mit den Schultern.

“Aber?”

“Sie hat ihren Abschluss gemacht und dann sofort eine Pause von zwei Jahren eingelegt. Ich weiß nicht, für mich klingt das nicht nach riesiger Begeisterung für den Anwaltsberuf.” erklärte Mac und setzte sich wieder.

“Hat sie gesagt, wieso sie so lange pausiert hat?”

“Nein, nur das es privat wäre und sie nicht darüber sprechen möchte.” schüttelte Mac den Kopf.

“Du hast doch sicher eine Idee, oder?” hakte Harm sofort nach.

“Ich weiß nicht. Sie trägt keinen Ring, gibt aber an, verheiratet zu sein.” antwortete Mac.

“Mac, nicht jeder Ehemann ist gewalttätig.”

“Das wollte ich damit auch nicht andeuten.” verteidigte Mac sich augenblicklich. “Vielleicht hat sie ihre Karriere für ihn geopfert. Was jedoch nicht erklärt, wieso sie jetzt wieder auf der Matte steht.”

“Wenn sie an dem Fall mitarbeitet, dann haben wir genug Zeit, sie zu fragen.” gab Harm zu bedenken. Und damit widmeten sich beide wieder dem eigentlichen Grund ihrer Zusammenkunft.

*~*~*

1327 EST
JAG HQ
Falls Church, VA

Während Mac und Harm sich unterhielten, hatte Vivy sich in Macs Büro zurückgezogen und die Tür geschlossen. Der PO und der Lieutenant, denen Vivy am Morgen begegnet war, schienen in ihr ein recht interessantes Gesprächsthema gefunden zu haben. Oh, wie sie es doch hasste, an einem neuen Arbeitsplatz anzufangen. Schon in der Schule war es grausam gewesen, in eine neue Klasse zu kommen. Und beim Studium und der Ausbildung genauso. Sie tat sich schwer damit, neue Freunde zu finden, und genauso schwer fiel es ihr, sich gegenüber fremden Leuten zu öffnen und etwas von sich preiszugeben. Die Vergangenheit hatte sie gelehrt, vorsichtig mit den Dingen zu sein, die sie über sich und ihr Leben verriet, und in den letzten zwei Jahren hatte sie Kontakt mit Außenstehenden sorgfältig gemieden, und wenn dies nicht möglich gewesen war, dann hatte sie ihn auf ein Mindestmaß beschränkt. Keine Vornamen, keine Altersangaben, nichts. Und jetzt war sie gezwungen, aus ihrem Schneckenhaus herauszukommen. Zwei Jahre hatte sie in einer Art Nebenrealität gelebt, die nur wenige Menschen mit einschloss. Und jetzt sollte sie als Anwältin Militärangehörige vor Gericht vertreten und anklagen. Das bedeutete nicht nur eine Unmenge neue Gesichter, sondern auch ausgewählte Höflichkeit gegenüber anderen. Was ihr besonders in letzter Zeit immer schwerer zu fallen schien, mehr als einmal hatte sie ihre schlechte Laune an ihren Mitmenschen ausgelassen.
Vivy stieß einen tiefen Seufzer aus, stützte die Ellenbogen auf den Schreibtisch und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Womit hatte sie das alles nur verdient? Schlimm genug, das vor zwei Jahren ihr gesamtes Leben wie ein Kartenhaus in sich zusammen gestürzt war. Musste man sie denn so strafen? Hoffnungsvoll sah Vivy auf ihre Uhr. Noch fünf Stunden, dann konnte sie endlich wieder nach Hause, und sich in ihrem Bett verkriechen. Seit sie dieses Gebäude betreten hatte, sehnte sie sich nach der Ruhe ihres Schlafzimmers. Nie hätte sie gedacht, dass es ihr so schwer fallen würde, einen Tag am Stück aufmerksam zu bleiben. Aber wieso hatte sie dieses Problem nicht in Betracht gezogen? Zwei Jahre lang hatte sie sich Pausen gönnen können, wenn sie sie brauchte, gearbeitet hatte sie nicht. Und die wortwörtliche Quittung dafür präsentierte sich jetzt jeden Tag aufs Neue in ihrem Briefkasten.
Die Tür zu dem Büro ging auf und Vivy schrak aus ihren Gedanken und aus dem Stuhl auf. Mac sah sie kurz an, dann schloss sie die Tür von innen und nahm in ihrem Drehstuhl Platz. Vivy setzte sich etwas zögerlich wieder. Ihr war sofort klar gewesen, dass sie sich hätte nicht in die Diskussion zwischen Mac und Harm hätte einmischen sollen.

Mac hatte sich eigentlich vorgenommen, mit Vivy ein ernstes Wort bezüglich gewisser Regeln zu reden. Als sie sich jedoch gesetzt hatte und in das Gesicht der jüngeren Frau blickte, schlugen ihr Hilflosigkeit, Verzweiflung und Erschöpfung entgegen.

“Bevor Sie etwas sagen, mir ist klar, das mein Kommentar unangebracht war. Ich entschuldige mich dafür, es wird nicht wieder vorkommen.” erklärte Vivy.

“Jeder Mensch macht Fehler, und Sie müssen so was erst noch lernen.” versuchte Mac, sie aufzumuntern.

“Wenn ich mit siebenundzwanzig Jahren noch nicht weiß, wann ich die Klappe zu halten habe, dann sollte ich mir vielleicht überlegen, was ich hier zu suchen habe.” gab Vivy selbstironisch zurück.

“Ich denke, jeder von uns ist in guter Absicht schon einmal über das Ziel hinausgeschossen. Niemand macht Ihnen deswegen einen Vorwurf.”

“Bei allem nötigen Respekt, Colonel, sparen Sie sich ihr Mitleid.” schnaubte Vivy wütend. “Davon hab ich weiß Gott genug gehabt.” fügte sie leise hinzu.

“Ich habe kein Mitleid mit Ihnen, Major. Ich war nur bereit, wegen Ihrer mangelnden Erfahrung noch einmal über diesen Ausrutscher hinwegzusehen. Wenn Sie das nicht möchten, und gleich voll einsteigen wollen, dann müssen Sie es nur sagen. Ich habe wirklich genug Fälle, mit denen ich Sie allein betrauen kann. Aber wenn Sie selbst sagen, zwei Jahre lang nichts in diesem Bereich gemacht zu haben, dann hielt ich es für besser, es langsam angehen zu lassen. Sie brauchen das nicht? Gut. Betrachten Sie diesen Tag als Schonfirst. Morgen wartet dann Ihr erster Fall auf Sie.” kam es hart von Mac. Vivy hob eine Augenbraue und erwiderte verbissen Macs Blick.

“Ich kann auch ganz anders. Nur weil Sie ein Marine sind, bekommen Sie bei mir noch lange keine Bonuspunkte.” setzte Mac warnend hinzu.

“Das hatte ich auch nicht erwartet, Colonel.” schnaubte Vivy wütend.

“Sie können wegtreten, Major.” forderte Mac sie auf, bevor sie sich vollkommen vergaß. Vivy nahm Haltung an, schlug die Haken zusammen, und verließ das Büro, jedoch nicht, ohne die Tür hinter sich zuknallen zu lassen. Mac sprang aus ihren Stuhl auf und war versucht, ihr hinterherzulaufen. Da erblickte sie jedoch Harm, der unauffällig den Kopf schüttelte. Vivy schlug den Weg Richtung Bibliothek ein und verkroch sich dort in der hintersten ecke an einem Tisch, wo sie so schnell sicher niemand stören würde.

“Was war denn jetzt wieder?” erkundigte Harm sich, als er Macs Büro betrat.

“Frag sie.” schnaubte Mac wütend. Sie hatte schon jetzt genug von ihrem ‘Schützling’. Was war nur aus den Zeiten geworden, in denen sie und Harm Bud bei seinem Studium geholfen hatten? Der hatte wenigstens nicht widersprochen und war für jede Hilfe dankbar gewesen.

“Vielleicht verlangst du zu viel von ihr.” schlug Harm mit einem Schulterzucken vor.

“Harm, sie ist ein Marine. Sie hat die Grundausbildung hinter sich, was sicher kein Zuckerschlecken war. Obwohl, wenn ich sie mir so ansehe, hat sie Paris Island noch nie betreten. Sie hat es zum Offizier gebracht, und sogar zu einem JAG. Was ist ihr Problem?” zischte Mac.

“Genau das meine ich. Wieso geht ihr Marines mit euren eigenen Leuten immer so hart um? Mein Gott, gib ihr ein bisschen Zeit, sich an alles zu gewöhnen.” setzte Harm von neuem an.

“Wenn Sie Däumchen drehen will, dann soll sie zur Navy gehen.” rief Mac aus.

“Danke, Mac.” nickte Harm. Sein Mund hatte sich zu einem amüsierten Grinsen verzogen, was auch Mac nicht mehr ganz kalt ließ.

“Vielleicht hast du Recht, und ich war wirklich zu hart zu ihr.” lenkte sie etwas kleinlaut ein.

“Dann mach es morgen wieder gut. Ich denke nicht, dass du es heute noch versuchen solltest. Sie war ziemlich geladen.”

*~*~*
0619 EST
JAG HQ
Falls Church, VA

Als Mac das Büro betrat, herrschte Stille. Sie schien neben Coates die erste zu sein, die sich so früh eingefunden hatte. Sie ging in ihr Büro und stellte ihre Aktentasche auf den Schreibtisch. Dann sah sie nach den neuen Fällen. Sie war gerade durch die Hälfte der Akten gekommen, da hörte sie ein Klirren und ziemlich lautes Fluchen. Von einer Stimme, die sie ganz sicher nicht erwartet hatte. Mac legte die Akten weg und machte sich auf die Suche nach der Geräuschquelle. Diese fand sie in Buds altem Büro, was eher den Namen ‘Abstellkammer’ verdient hatte. Der winzige Raum bot gerade einmal Platz für einen Schreibtisch, einen Stuhl des Anwaltes und einen Besucherstuhl. Auf dem Schreibtisch stand ein Karton, und vor dem Schreibtisch hockte Major Gayner und fegte Glasscherben zusammen, wobei sie immer noch vor sich hinfluchte. Auf dem Tisch stand ein gerahmtes Bild, was den Major und einen anderen Mann in Uniform zeigte. Es schien schon etwas älter zu sein, am Tag der Aufnahme war sie noch Captain gewesen. Was Mac jedoch mehr überraschte, war die Tatsache, dass der Mann nicht nur Navy-Angehöriger vom Rang eines Lieutenants war, sondern dass er seinen Arm um die Hüfte des Majors geschlungen hatte. Dem Bild fehlte das Deckglas.
Vivy erhob sich und wäre mit der Kehrschaufel fast in Mac hineingerannt.

“Oh. Entschuldigen Sie, Ma’am.” stammelte sie sofort. Sie kippte die Scherben in den Mülleimer, der in der Ecke stand, und nahm dann Haltung an.

“Rühren.” forderte Mac sie auf und ihr Blick fiel wieder auf das Bild. Vivy folgte ihrer Blickrichtung, und als auch ihr das Bild in die Augen fiel, drehte sie es um, sodass man es jetzt nur noch sehen konnte, wenn man hinter dem Schreibtisch stand.

“Was kann ich für Sie tun, Colonel?” erkundigte Vivy sich. Der Tonfall ihrer Stimme ließ ihre Begeisterung über Macs Besuch erahnen.

“Sie richten sich ein?” stellte Mac eine Gegenfrage.

“Ich sollte ein Büro haben, wenn ich mit Mandanten sprechen muss, meinen Sie nicht auch?” schoss Vivy zurück. “Apropos, hatten Sie schon Zeit, einen Fall für mich herauszusuchen?”

Mac biss sich kurz auf die Zunge. Diese Frau hatte wirklich Nerven, das musste man ihr lassen.

“Nein. Und um ehrlich zu sein, ich habe gestern etwas überreagiert. Sie sollen etwas lernen, und es wäre falsch, Sie ins kalte Wasser zu stoßen. Was für ein Vorbild wäre ich dann?” erklärte sie ruhig.

“Sie haben mir gestern sehr deutlich klar gemacht, dass ich keine Sonderbehandlung zu erwarten habe. Bitte, behandeln Sie mich, wie Sie es für angemessen halten. Ich habe kein Problem damit.” verkündete Vivy.

“Major, Sie tun sich wirklich keinen Gefallen, wenn Sie so weitermachen, wie Sie gestern aufgehört haben.” warnte Mac sie mit betont viel Geduld.

*~*~*

Hier geht’s zum zweiten Teil


Eine Antwort hinterlassen