Shattered Lives (2)

„Bei allem nötigen Respekt, Ma’am, ich habe dieses Theater nicht begonnen. Ich habe mich entschuldigt, wenn Ihnen das nicht reicht bitte. Aber auf den Knien herumrutschen werde ich vor Ihnen nicht, soweit haben Sie mich noch lange nicht.“ kam es entschlossen von Vivy.

Sie hatte am Vortag genug Zeit gehabt, um sich zu überlegen, wie ihr Leben bei JAG aussehen sollte. Und so sehr es ihr Leid tat, sich gleich mit jemandem angelegt zu haben, sie würde bestimmt nicht schon am zweiten Tag vor jemandem zu Kreuze kriechen.

„Major, ein dringender Anruf für Sie. Es ist ein Mann, er sagte, es sei wichtig, und Sie wüssten, worum es ginge.“ platzte Coates in das Büro. Vivy wandte den Blick etwas zögerlich von Mac zu Jen.

„Hat er einen Namen genannt?“ erkundigte sich der Major.

„Nein, Ma’am. Ich habe ihn in die Warteschleife auf Leitung drei gelegt.“

„Danke, PO. Ich kümmere mich darum. Sie können wegtreten.“ entließ Vivy Coates. Die nickte Mac kurz zu, dann verließ sie den Raum. Vivy ging um den Tisch herum und nahm den Telefonhörer ab. Bevor sie jedoch das Gespräch entgegennahm, sah sie Mac fragend an.

„Wäre das dann alles, Ma’am?“ wollte Vivy wissen. Mac rang kurz mit sich selbst, entschied sich dann aber dafür, das Gespräch vorerst auf sich beruhen zu lassen.

„Ja. Ich bin in meinem Büro, falls Sie etwas brauchen.“ antwortete sie und ging. Vivy sah ihr kurz nachdenklich hinterher, dann nahm sie das wartende Gespräch an.

„Major Gayner.“ meldete sie sich mit einem Seufzen und ließ sich in ihren Drehstuhl sinken.

*~*~*

eine Woche später
0809 EST
Gerichtssaal des JAG HQ
Falls Church, VA

Mac hatte Vivy am selben Tag ihres erneuten Zusammenstoßes einen Fall gegeben, der es in sich hatte, und für einen frisch gebackenen Anwalt eigentlich zu schwer war. Der Major hatte jedoch mit keiner Wimper gezuckt, und die ganze letzte Woche damit verbracht, sich so gut wie möglich auf die kommende Anhörung vorzubereiten. Es half ihr auch nicht, das Comander Rabb und Lieutenant Roberts die Verteidigung stellten. Aber ihr Stolz verbat es Vivy, Mac um Hilfe zu bitten. Die beiden waren sich in der letzten Woche aus dem Weg gegangen, wo es ihnen nur möglich war. Was für Vivy nicht das Problem war, sie hatte sich einfach in ihr Büro zurückgezogen und war nur zum Essen herausgekommen, oder um die Toilette aufzusuchen. Doch sogar bei diesen kurzen Ausflügen hatte sie die Blicke in ihrem Rücken gespürt, und gemerkt, wie Leute aufhörten zu reden, wenn sie an ihnen vorbeiging. Zwei Jahre, und sie hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt.

„Erheben Sie sich.“ forderte der Gerichtsdiener die Anwälte und den Beschuldigten auf. Richterin Helfman nahm auf dem Richterstuhl Platz und sah etwas überrascht von der Anklage zur Verteidigung und wieder zurück.

„Setzen Sie sich.“ forderte sie die Anwesenden auf, und die nahmen Platz. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit Vivy zu.

„Darf ich fragen, wer Sie sind, Major? Ich glaube nicht, dass ich Sie hier schon einmal gesehen habe.“ erkundigte Helfman sich.

„Major Channah Viviane Gayner, Ma’am. Und ich bezweifle, dass wir uns schon einmal begegnet sind.“ antwortete Vivy, nachdem sie sich wieder erhoben hatte.

„Wie lange sind Sie schon Anwältin, Major?“ wollte die Richterin wissen.

„Anwältin bin ich seit etwas mehr als zwei Jahren, Ma’am.“ gab Vivy wohl überlegt zurück.

„Und ihr wievielter Fall ist das hier?“ stellte Helfman auch schon die nächste Frage.

„Der erste, Ma’am.“ antwortete Vivy etwas leiser. Helfman hob die Augenbrauen und machte sich eine Bemerkung in der Akte vor ihr.

„Danke, Sie können wieder Platz nehmen.“ forderte sie Vivy auf. Dann sah sie Harm interessiert an.

„Comander, möchten Sie mich darüber aufklären, wieso hier eine Junganwältin ihren ersten Fall gegen zwei erfahrene Anwälte führen muss?“ fragte sie mit einer gehörigen Portion Sarkasmus in der Stimme. Harm erhob sich.

„Euer Ehren, ich befolge nur Befehle. Dem Lieutenant und mir wurde die Verteidigung übertragen, mehr kann ich dazu nicht sagen.“ sagte er etwas zögerlich. Er konnte sich ziemlich gut denken, wer hier für diese Auswahl verantwortlich war. Und es wurde anscheinend höchste Zeit, dass er ein ernstes Wort mit Mac wechselte.

„Ma’am, darf ich etwas dazu sagen?“ erkundigte Vivy sich, nachdem sie aufgestanden war.

„Bitte Major, ich bin schon sehr gespannt.“ forderte Helfman sie auf. Harm sah Vivy ziemlich dumm von der Seite an. Nie hätte er geglaubt, dass sie Mac bei einer Richterin anschwärzen wollte. Großartig, zwei Marines, die ihren privaten Kleinkrieg in aller Öffentlichkeit austrugen.

„Ich habe kein Problem damit, diesen Fall zu übernehmen. Das hatte ich nie. Ich habe genug Zeit für die Vorbereitung gehabt, und ich sehe es als Herausforderung und Lehre an, gegen den Comander und den Lieutenant anzutreten, beides Anwälte, deren Rufe Ihnen vorauseilen.“ sagte Vivy fest, sehr zu Harms Erstaunen. Nun, wenigstens eine von den beiden wusste, wie man sich benahm. Aber das änderte nichts daran, Vivy war einfach zu unerfahren, um an so einem Fall mitzuarbeiten, und Harm hatte keine Lust, so einen einfachen Gewinn zu erbeuten.

Die Richterin schien sich das Gesagte durch den Kopf gehen zu lassen. Dann nickte sie nachdenklich. „Also schön. Sie haben sich diese Chance verdient. Aber ich warne Sie, wenn dies ein Trick sein sollte, um in Berufung gehen zu können…“

„Ich versichere Ihnen, Ma’am, das ist es ganz bestimmt nicht.“ schüttelte Vivy eifrig den Kopf.

„Gut. Dann beginnen Sie.“ forderte die Richterin sie auf. Über Vivys Gesicht huschte ein freudiges Lächeln, und auch Harm konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Danke, Euer Ehren.“ sagte Vivy. Dann wurde ihre Stimme ernst und sie las aus ihrer Akte vor.

„Am 18. Januar 2003 befand sich der Beschuldigte Petty Officer First Class Jason Lobdell an Bord des Flugzeugträgers USS Coral Sea vor der irakischen Küste. Seine Aufgabe war es, für gesicherte Kommunikation zwischen dem Träger und den anderen Trägern des Kampfverbandes zu sichern, und den Geschwadern der Kampfflugzeuge schnellstmöglich die neuesten Informationen zukommen zu lassen. Während der großen Luftoffensive an diesem Tag verließ der PO jedoch unerlaubt seine Station, um den zurückkommenden Tomcats bei der Landung zuzusehen. Zur selben Zeit starteten die Iraker einen Boden-Luftangriff auf das Kampfgeschwader der Emerald Lions, ebenfalls stationiert an Bord der USS Coral Sea. Aufgrund der fehlenden Informationen über die Gefahr folgte ein Geschwader der Yankee Blues der USS Patrick Henry nach. Acht der Flugzeuge wurden abgeschossen, drei weitere stark beschädigt. Zwanzig Mann waren gezwungen, sich aus ihren Maschinen herauszuschießen, von ihnen fanden zehn den Tod, zwei weitere gelten immer noch als im Einsatz vermisst.
Dem Seaman wird Pflichtverletzung im höchsten Maße, fahrlässige Sachbeschädigung und fahrlässige Tötung in mindestens zehn Fällen vorgeworfen.“

Während Vivy die Vorwürfe vorlas, starrte Lobdell wie in Trance vor sich hin. Er zuckte noch nicht einmal mit der Wimper.

„Danke Major. Comander, Sie sind dran.“ seufzte die Richterin.

*~*~*

1224 EST
Gerichtssaal des JAG HQ
Falls Church, VA

„Ich werde empfehlen, diesen Fall an ein Kriegsgericht weiterzuleiten. Die Sitzung ist geschlossen.“ entschied die Richterin und zog sich zurück. Eine der Wache legte Lobdell Handschellen an und wollte ihn abführen, doch er blieb auf Vivys Höhe stehen und sah sie an.

„Macht Ihnen das Spaß? Unschuldige Menschen hinter Gitter zu bringen?“ fragte er. Vivy machte einen Schritt auf ihn zu, sodass sich ihre Nasenspitzen fast berührten. Sie starrte ihm voller Hass in die Augen.

„Offen gestanden, ich finde Leute wie Sie sollte man auf den elektrischen Stuhl setzen.“ raunte sie, ohne das ihre Stimme etwas von ihrer Sicherheit verlor. Lobdell wurde von den Wachen zurückgerissen und abgeführt. Bud eilte ihm hinterher. Harm hingegen hatte keinerlei Eile, er packte in Ruhe seine Unterlagen ein und ging dann zu Vivy herüber.

„Ich gratuliere.“ sagte er. Vivy blickte wütend von den Blättern, die sie gerade sortierte, auf.

„Nein, ich meine es ganz im Ernst. Sie haben eine beeindruckende Vorstellung abgeliefert, noch mehr wenn man bedenkt, dass es Ihr erster Fall ist.“ erklärte Harm freundlich. Vivys Gesichtszüge wurden weicher und sie schenkte ihm den Ansatz eines Lächelns.

„Danke sehr.“

„Ehre wem Ehre gebührt. Übrigens, Sie haben meinen vollen Respekt. Jeder andere hätte sich über Colonel MacKenzie und ihre Behandlung beschwert.“

„Ich habe sie provoziert. Außerdem, das ist privat, und ich bevorzuge es, solche Dinge auch privat zu klären. Es gibt keinen Grund, da einen vorgesetzten Offizier hineinzuziehen. Ich habe Achtung vor dem Colonel und keinen Grund, wieso ich ihr schaden sollte.“ zuckte Vivy mit den Schultern. Harm nickte nur nachdenklich und wartete, bis sie ihre Akten verstaut hatte.

„Kann ich Sie etwas fragen?“ erkundigte er sich etwas zögerlich.

„Nur zu. Vielleicht bekommen Sie sogar eine Antwort.“ erwiderte Vivy, als sie gemeinsam den Gerichtssaal verließen.

„Was Sie da zu Lobdell gesagt haben, meinen Sie das Ernst?“

„Das er auf den elektrischen Stuhl gehört?“ hakte Vivy nach, woraufhin Harm nickte.

„Nein, das wäre noch zu harmlos.“ schüttelte sie den Kopf. Harm blieb stehen und sah sie verwirrt an.

„Wie können Sie so etwas sagen? Er hat einen Fehler gemacht.“

„Der zwölf Leuten das Leben kostete. Acht Männer und vier Frauen, deren Familien jetzt mit dem Verlust leben müssen. Neun Kinder, die Vater oder Mutter verloren haben, zehn Frauen und Ehemänner, die nicht wissen, wie sie jemals mit diesem Schmerz leben sollen, ob sie es jemals können. Ich bin nicht naiv, Comander, im Krieg sterben Menschen. Aber sie sollten nicht sterben müssen, weil einer ihrer eigenen Leute Scheiße gebaut hat.“ ereiferte Vivy sich ziemlich lautstark. Harm sah sie durchdringend an.

„Kann es sein, dass Ihnen dieser Fall vielleicht etwas zu nahe geht?“ erkundigte er sich sanft. Der Schuss ging jedoch nach hinten los, anstatt Vivy zu beruhigen, ließ sie dieser Kommentar noch mehr ausrasten.

„Das ist nicht Ihr Problem! Und meine Meinung muss ich vor niemandem rechtfertigen, schon gar nicht vor Ihnen!“ schnauzte sie ihn an und ließ Harm einfach stehen. Der nahm sich eine Minute, um sich etwas zu sammeln, dann ging er zu Mac in ihr Büro.

„Klopf klopf.“ sagte er, als er ohne auf eine Antwort zu warten einfach hineinmarschierte und die Tür hinter sich schloss.

„Was kann ich für dich tun?“ wollte Mac interessiert wissen.

„Für mich nichts, aber für unseren Major.“ kam es sofort von Harm. Mac hob eine Augenbraue.

„Unseren Major?“ fragte sie mit einer Mischung aus Belustigung, Neugier und einer fast nicht erkennbaren Prise Eifersucht.

„Mac, sie ist neu, und dieser Fall scheint ihr ziemlich nahe zu gehen. Lass sie einfach ein bisschen in Ruhe, kannst du das?“ fragte Harm erschöpft.

„Seit wann bist du denn ihr persönlicher Schutzengel?“

„Seitdem die Frau, die eigentlich dafür zuständig ist, sie lieber angreift.“ konterte Harm wütend. Mac sah ihn einen Augenblick fast dämlich an. Dann wurden ihre Gesichtszüge weich.

„Okay. Ich lass sie in Ruhe. Versprochen.“ erklärte sie sanft.

„Danke.“ nickte Harm und verließ ohne ein anderes Wort ihr Büro.

*~*~*

2 Monate später
1057 EST
JAG HQ
Falls Church, VA

Mac hatte sich nicht nur an ihr Versprechen gehalten, Vivy in Ruhe zu lassen, sie hatte sich auch bemüht, einen Zugang zu der jüngeren Frau zu finden. Was gar nicht so einfach war. Zum einen schien Vivy sie sowieso abzulehnen. Gut, das hatte Mac sich wohl dank des nicht gerade erfolgreichen Starts, den die beiden Frauen gehabt hatten, selbst zuzuschreiben. Zum anderen vermied Vivy sorgfältig den privaten Kontakt zu ihren Kollegen. Hatten Harm und Mac es anfangs nur für eine Phase gehalten, so glaubten sie jetzt, dass dahinter viel mehr steckte. Keiner der Kollegen hatte Vivy je richtig lachen hören, und die Zahl der Leute, die auch nur die Andeutung eines Lächelns gesehen hatten, ließ sich an einer Hand abzählen. Mit Harm hatte Vivy keine Probleme, sie schien öfter seinen Rat und seine Zustimmung zu suchen, als die von Mac. Von sich selbst hatte sie nur ihr Alter preisgegeben, nicht, wieso sie dem Corps beigetreten war, wieso sie hatte Anwältin werden wollen, und erst recht nichts über ihr Privatleben.
Wenige Tage nach dem ersten mysteriösen Anruf war ein weiterer gefolgt, und ab dann traf sich Vivy jeden zweiten Tag mit ein und demselben Mann in ihrem Büro. Die beiden ließen sich Essen kommen, und verbrachten Vivys Mittagspause damit, sich zu unterhalten und Dokumente durchzusehen.
Das Verfahren gegen PO Lobdell war Vivys richtiger Einstand bei JAG. Durch ihre gut durchdachten Plädoyers und ihre Zeugenbefragungen vor Gericht hatte sie sich ziemlich schnell den Respekt der anderen Anwälte erworben. Zurzeit arbeitete sie mit Mac an einem Fall von Trunkenheit und Erregung öffentlichen Ärgernisses, sie war die Coanwältin von Harm bei einem Prozess wegen Befehlsverweigerung aus Gewissensgründen, und ihre schriftliche Arbeit war tadellos.
Gerade saß sie mit Harm in einer Besprechung, als ihr Jen mitteilte, dass sie einen dringenden Anruf hatte. Harm wollte schon die Augen verleiern, da er sich sicher war, dass es wieder dieser Unbekannte war. Doch diesmal fiel ein Name, und Vivy wurde kreidebleich.

„Mrs Conley will Sie sprechen, es scheint sehr dringend zu sein.“ erklärte Coates. Vivy erhob sich, murmelte ein ‘entschuldigen Sie mich’ und verließ eilig den Konferenzraum. Zehn Minuten später war die Sitzung zu Ende, und Harm wollte sich auf die Suche nach Vivy machen, um mit ihr über ihren Abgang zu sprechen, da lief er in Mac.

„Entschuldige.“ stammelte er und half ihr, ihre Unterlagen wieder aufzulesen.

„Schon gut, nichts passiert.“ tat Mac das ab, und beide erhoben sich wieder.

„Sag mal, hast du Gayner gesehen? Sie ist aus unserer Sitzung geflüchtet, ich wollte darüber mit ihr reden.“ erkundigte Harm sich.

„Damit bist du nicht der einzige. Sie hat mich einfach stehen lassen, als ich mit ihr sprechen wollte. Sie hat vor neun Minuten das Büro verlassen, Coates gebeten, sie bei dem Admiral zu entschuldigen, da es sich um einen Notfall handele, und uns alle keines Blickes gewürdigt.“

„Das klingt aber gar nicht nach ihr.“ runzelte Harm die Stirn.

„Das sie uns ignoriert? Oh, ich denke, das passt ziemlich gut. Aber du hast Recht, sie ist nicht der Typ, der alles stehen und liegen lässt und einfach so verschwindet.“ stimmte Mac ihm zu.

„Tut mir Leid, mir fällt gerade ein, ich habe noch einen Termin. Mach’s gut.“ kam es urplötzlich von Harm und er verschwand in seinem Büro. Mac sah ihm kurz hinterher, dann schüttelte sie den Kopf und machte sich auf den Weg in den Gerichtssaal.

Harm jedoch hatte keinen Termin. Kaum war er in seinem Büro, setzte er sich an seinen Computer und rief die Militärakte von Vivy auf. Er notierte sich ihre Adresse, schnappte sich seinen Aktenkoffer und verließ das Büro.

*~*~*

1307 EST
Haus von Vivy Gayner
McLean, VA

Harm stand seit einer Stunde vor dem Haus, als ein Auto in die Auffahrt fuhr. Der Motor wurde abgewürgt, und Vivy stieg aus, wie Harm dachte eine ziemlich verärgerte Vivy. Die Tür auf der Beifahrerseite öffnete sich ebenfalls, und ein Junge stieg aus. Harm, der auf einer Bank auf der Veranda gesessen hatte, erhob sich, aber der Junge lief an ihm vorbei, schloss die Haustür auf und ging ohne jedes Wort in das Haus. Vivy lief ihm wutentbrannt hinterher.

„Ich bin noch lange nicht fertig, Mister.“ donnerte sie. Auch sie würdigte Harm keines Blickes. Der ging etwas zögerlich nach ihr in das Haus. Es war recht groß, im Untergeschoss befanden sich ein geräumiges Wohnzimmer, ein langer Flur, eine an das Wohnzimmer angrenzende Küche mit einem Esstisch, und am Ende des Flures war die Tür zu einem Bad geöffnet. Der Junge war gerade dabei, die Treppe nach oben zu gehen. Vivy blieb am Fuß der Treppe stehen.

„Wage es dir, mich so stehen zu lassen.“ drohte sie. Der Junge zögerte kurz, dann drehte er sich um und verleierte gelangweilt die Augen.

„Vorsicht, du hast den Bogen heute schon reichlich überspannt, Kamerad. Kein Fernsehen, keine Musik. Mach deine Hausaufgaben, und zwar etwas plötzlich. Ach, und du hast Hausarrest, mindestens zwei Monate.“

„Aber Muuuuum-“ setzte der Junge weinerlich an.

„Nichts Mum. Du hast dich benommen wie jemand, der du nicht bist und hoffentlich auch nie sein wirst. Abmarsch in dein Zimmer, ich will dich erst zum Essen sehen. Und dann reden wir, und wehe ich sehe wieder dieses Gesicht, dann gibt es richtig Ärger. Denk einmal über deine Einstellung nach.“

„Du interessierst dich doch sowieso nicht für mich und meine Einstellung!“ schrie der Junge sie an.

„Liegt vielleicht daran das ich damit beschäftigt bin, uns beide über Wasser zu halten?!“ herrschte Vivy ihn an. Keinen Augenblick später schien sie ihre Worte jedoch auch schon wieder zu bereuen.

„Tut mir Leid. Aber deine Einstellung ist das letzte, sie hat dir eine Suspendierung eingebracht, mein Freund.“ setzte sie ruhiger hinzu.

„Dir tut immer alles nur leid! Ich hasse diese Schule, ich will dort sowieso nicht mehr hin!“ schrie der Junge sie noch lauter an. Dann rannte er die Treppe ganz nach oben und schmiss seine Zimmertür hinter sich zu. Vivy legte den Kopf in den Nacken und massierte sich ihre Schläfen. Sie schien sich Harms Anwesenheit nicht bewusst zu sein. Zumindest nicht, bis der sich etwas unbeholfen räusperte. Vivy fuhr erschrocken herum und sah ihn ängstlich an. Bis sie sein Gesicht erkannte, dann veränderte sich ihr Gesichtsausdruck, um Resignation wiederzuspiegeln.

„Kommen Sie doch herein.“ forderte sie ihn überflüssiger Weise auf. Harm stand mitten im Flur.

„Entschuldigen Sie, ich wollte bestimmt nicht lauschen.“ kam es etwas verlegen von Harm.

„Schon gut. Möchten Sie etwas zu trinken?“ erkundigte Vivy sich, während sie zur Haustür ging, um sie zu schließen.

„Ich will Sie nicht von anderen Dingen abhalten.“ wollte Harm ablehnen.

„Tun Sie nicht. Vielleicht wird es Zeit, das ich einmal mit jemand erwachsenem rede.“ sagte Vivy leise.

„Ein Wasser wäre nett.“ ging Harm auf ihre vorherige Frage dann doch ein.

„Dort ist das Wohnzimmer, fühlen Sie sich wie zu Hause.“ forderte Vivy ihn auf und verschwand in der Küche. Keine Minute später kam sie mit zwei Gläsern und einer Mineralwasserflasche wieder. Harm hatte sich auf der Couch niedergelassen, Vivy setzte sich ihm gegenüber in den Sessel. Sie goss beiden etwas zu Trinken ein und nahm einen großen Schluck. Wäre es Alkohol gewesen hätte Harm gedacht, sie müsse sich erst Mut antrinken.

„Fragen Sie schon.“ forderte Vivy ihn plötzlich auf. Harm sah sie verwirrt an.

„Ihnen muss doch aufgefallen sein, das Simon ziemlich alt ist, wenn man bedenkt, dass ich erst Ende zwanzig bin.“ erklärte Vivy. Sie hatte Recht, aber Harm war es nicht aufgefallen.

„Eigentlich nicht. Aber ich wusste nicht, dass Sie Mutter sind.“ antwortete er.

„Weil es nichts ist, was ich anderen Leuten gern unter die Nase reibe.“ schüttelte Vivy den Kopf, woraufhin Harm fragend die Augenbrauen hob.

„Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe meinen Sohn, und ich bin gerne Mutter. Aber wenn jemand fragt, wie alt Simon ist, dann komme ich ziemlich leicht aus dem Konzept.“

„Wie alt ist er denn?“

„Er ist elf.“

Harm musste kurz rechnen. Wenn Simon elf Jahre alt war, und Vivy erst siebenundzwanzig, dann musste das bedeuten-

„Sie sind mit sechzehn Mutter geworden?“ platzte es überrascht aus ihm heraus. Vivy machte auf ihn nicht den Eindruck, als wäre sie leichtsinnig.

„Ja. Mit fünfzehn Jahren schwanger, und mit sechzehn Jahren Mutter. Und das hat nichts mit Leichtsinn, sondern viel eher mit Unvorsichtigkeit zu zun.“ sagte Vivy mit einem gequälten Lächeln.

„Moment, ich dachte, Sie seien verheiratet.“

„Und das eigentlich sehr glücklich. Mit Simons Vater.“ Diesmal war Vivys Lächeln echt.

„Sie lieben ihn wirklich?“

„Er ist der wichtigste Mensch in meinem Leben, von Simon einmal abgesehen. Er hat immer an mich geglaubt, er war immer für mich da. Wir haben einen wundervollen Sohn. Jon ist unbeschreiblich. Er ist ein liebevoller Ehemann, ein toller Vater, und gleichzeitig ist er mein bester Freund. Ich kann ihm alles erzählen, bei ihm fühle ich mich sicher. Er ist so etwas wie mein Fels in der Brandung, ich weiß, ich kann mich auf ihn verlassen.“ erzählte Vivy.

„Wieso haben Sie das niemandem bei JAG gesagt? Ich meine, Sie fangen nach zwei Jahren Pause wieder an zu arbeiten, und Mac überschüttet Sie mit Schreibarbeit. Sie hätten es auch leichter haben können.“

„Nichts in meinem Leben ist leicht. Sie wissen nichts, gar nichts. Ich hätte nichts dagegen gehabt, zu Hause zu bleiben. Dummer Weise ist uns das Geld ausgegangen. Und die Arbeit bei JAG lenkt mich ab, ich habe nicht mehr das Gefühl, in ein leeres Haus zurück zu kommen. Wenn ich nach Hause gehe, hole ich Simon bei seinen Großeltern ab, und wir verbringen den Abend zusammen.“ zuckte Vivy mit den Schultern.

„Ihr Mann, wo ist er?“ fragte Harm, als ihm einfiel, das Vivy Simon gesagt hatte, sie sei damit beschäftigt, sie beide über Wasser zu halten, und auch in ihrer Schilderung ihres Abends kam ihr Ehemann nicht vor.

„Jon gilt als im Einsatz vermisst.“ flüsterte Vivy. Sie stand auf und stellte sich an das Fenster, wobei sie die Arme vor ihrem Oberkörper verschränkt hatte.

„Was ist passiert?“

„Er war… oder ist… Kampfpilot. Als die USA begonnen haben, den Irak anzugreifen, gehörte er zu denen, die Luftangriffe geflogen sind. Es kam, wie es kommen musste. Seine Staffel ist unter feindlichen Beschuss geraten, seine Tomcat wurde stark beschädigt. Sie haben versucht, es bis zum Meer zu schaffen, aber sie mussten sich vorher raus schießen. Seitdem fehlt von ihm und seinem RIO jede Spur. Das war an dem Tag, an dem ich meine Anwaltsprüfung abgelegt habe. Man sagt mir, dass ich bestanden habe, ich bin vor Freude außer mir, und als ich nach Hause komme, stehen da zwei Offiziere der Familienbetreuung. Ich hatte das Gefühl, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Irgendwie habe ich sie dazu gebracht, zu verschwinden. Und dann wird auf einmal alles schwarz. Das nächste, woran ich mich erinnern kann, ist Jons Mutter, die mich fragt, ob es mir gut geht, und Simon, der mich mit großen Augen ansieht.“ sagte Vivy tonlos.

„Das tut mir Leid.“ war alles, was Harm einfiel.

„Schon gut. Sie sind doch auch Pilot.“

„Mein Vater ist über Vietnam abgeschossen wurden, als ich fünf Jahre alt war. Meine Mutter hat ihn fast zehn Jahre später für tot erklären lassen.“

„Zehn Jahre. Wow. Ich kann nach zwei Jahren immer noch nicht glauben, dass er vielleicht tot ist.“

„So was dürfen Sie nicht sagen.“

„Harm, es gibt seit dem Zeitpunkt, als Jon ‘Rausschießen!’ gebrüllt hat, kein Lebenszeichen mehr von ihnen. Wenn er wirklich noch leben sollte, wieso macht er sich dann nicht bemerkbar? Und kommen Sie mir nicht mit Kriegsgefangenschaft. Diesen Weg haben genug Leute beschritten, dass ich weiß, wenn die ihn hätten, dann hätten die schon längst irgendwelche Forderungen an uns gestellt.“

„Viele der Piloten, die die ersten Angriffe geflogen sind, mussten alle persönlichen Gegenstände zurück lassen. Sie hatten noch nicht einmal ihre Registrierungsmarken bei sich.“

„Ich weiß. Ich hab die Akten oft genug gelesen.“ seufzte Vivy und drehte sich wieder zu Harm um.

„Wie geht es Simon?“

„Das haben Sie ja gesehen. Er war ruhig und ausgeglichen, was ein Wunder ist, bedenkt man, wie jung Jon und ich waren, als wir Eltern wurden. Ich hatte gedacht, dass wir wenigstens etwas richtig gemacht hatten. Aber jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Er ist aufsässig, er streitet mit mir, er hört nicht mehr auf mich, Verbote ignoriert er, und sein Benehmen ist das letzte. Ich bin in seine Schule zitiert wurden, weil er sich mit einem anderen Jungen geprügelt hat. Was ich nicht glaube, Simon hat keinen einzigen Kratzer, während der andere Junge aussieht, als hätte er drei Runden mit Mike Tyson hinter sich. Simon hat ihn nach allen Regeln der Kunst verdroschen.“

„Haben Sie ihn gefragt, wieso er das getan hat?“

„Seine Gründe interessieren mich nicht, Comander. Er hat andere Leute nicht zu schlagen.“

„Vielleicht hat er sich ja nur verteidigt.“

„Auch das ist keine Entschuldigung, einen Jungen so zuzurichten. Er hat ihm den Arm gebrochen! Er kann froh sein, wenn es bei einer vorläufigen Suspendierung bleibt. Ich hab mir den Arsch aufgerissen, um ihn an diese Privatschule schicken zu können, seine Großeltern bezahlen das Schulgeld, weil ich die Zinsen für das Haus abstottern muss. Und das soll der Dank dafür sein?“ regte Vivy sich auf.

„Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, Simon macht auch eine schwere Zeit durch.“

„Glauben Sie, das wüsste ich nicht? Er vermisst seinen Vater, und den kann ich ihm nicht ersetzen, so Leid es mir auch tut. Aber ist es zu viel verlangt, das er sich ein paar Stunden täglich zusammen reißt? Meine Güte, ich habe es auch nicht leicht.“

„Simon noch viel weniger.“

„Was soll das denn bitte bedeuten?“

*~*~*
Hier geht’s zum dritten Teil


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