Shattered Lives (3)

“Ich habe auch mal einen Jungen so zugerichtet. Okay, er war mein bester Freund. Aber er hat einen blöden Witz über meinen Vater gemacht, und da sind mir die Sicherungen durchgebrannt. Ich glaube nicht, das Simon es auf einer Privatschule leicht hat, nicht mit Eltern, die beide beim Militär sind, die beide Teenager waren, als Simon geboren wurde, und mit einem Vater, der aktiv im Irakkrieg gekämpft hat und jetzt vermisst wird.” versuchte Harm, es Vivy sanft zu erklären. “Kinder können grausam sein.”

“Sie sollten mal die Eltern von diesen Rotznasen kennen lernen.” schnaubte Vivy wütend. Dann sah sie Harm plötzlich nachdenklich an.

“Ich weiß, wie blöd das jetzt klingt. Aber er braucht eine männliche Bezugsperson in seinem Leben, und ganz offensichtlich reicht sein Großvater nicht aus. Könnten Sie mit ihm reden? Sie müssen das nicht tun, wenn Sie nicht wollen.” stammelte Vivy verlegen. “Wissen Sie, vergessen Sie es, war eine blöde Idee.”

“Ich rede gern mit ihm. Aber nur unter einer Bedingung.” bot Harm an. Vivy hob fragend die Augenbrauen.

“Du hörst auf der Stelle auf, mich zu siezen.” forderte Harm sie auf, und gegen ihren Willen müsste Vivy lächeln.

“Einverstanden, Harm.” willigte sie erleichtert ein.

“Er ist oben, oder?” erkundigte Harm sich und erhob sich.

“Ja. Das erste Zimmer auf der linken Seite. Warte.” bat Vivy ihn, als er zum Fuß der Treppe ging. Sie trat zu ihm und nahm ihm sein Fliegerabzeichen ab.

“Er muss dich ja nicht gleich hassen.” versuchte sie zu scherzen. Harm nahm ihr das Abzeichen aus der Hand, steckte es sich in die Hosentasche und ging die Treppe hinauf. Oben angekommen klopfte er zaghaft an die Tür und öffnete sie langsam, als er von drinnen keine Antwort bekam. Simon lag auf seinem Bett, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Als Harm eintrat, setzte er sich etwas widerwillig auf. Vivys Erziehung schien bei ihm doch gefruchtet zu haben.

“Hat meine Mutter Sie geschickt?” fragte der Junge genervt. Harm nahm sich den Stuhl von seinem Schreibtisch, stellte ihn vor das Bett und setzte sich. Er sah dem Jungen in die grünen Augen. Wie Vivy hatte er braune Haare, und Harm glaubte, einige ihrer Gesichtszüge in dem Jungen wieder zu erkennen.

“Nein, hat sie nicht. Hör mal, ich weiß, du hast das sicher schon hundert Mal gehört, aber ich kann verstehen, was du gerade durch machst.” begann Harm.

“Sie haben Recht, das habe ich schon mindestens hundert Mal gehört.” schnaubte Simon.

“Ich war fünf als mein Vater abgeschossen wurde. Ich habe ihn nie wieder gesehen.”

“Und? Muss ich jetzt Mitleid haben?”

“Nein. Nein, das musst du nicht. Aber du solltest Mitleid mit deiner Mutter haben. Auch sie hat es nicht leicht, Simon.”

“Aber ich oder was?”

“Simon… Deine Mutter hat deinen Vater geliebt. Und auch sie vermisst ihn. Sehr sogar.”

Das schien doch Wirkung bei dem Jungen zu zeigen. Er schwieg und starrte betreten auf seine Hände.

“Er ist tot, oder?” fragte er leise und sah Harm mit großen Augen an.

“Glaubst du das denn?”

“Er hat versprochen, dass er wieder kommt. Und er hat seine Versprechen immer gehalten.”

“Weißt du, es kann auch andere Gründe dafür geben, dass er sein Versprechen bis jetzt noch nicht einlösen konnte.”

“Nathan, ein Junge aus meiner Klasse hat gesagt, dass Gott Dad hasst, und dass er ihn hat deswegen sterben lassen.”

“Hast du Nathan deswegen verprügelt?”

Simon nickte beschämt. Verlegen wischte er sich eine Träne von der Wange. Harm nahm ihn vorsichtig in den Arm.

“Gott hasst deinen Vater nicht. Er hat geholfen, anderen Leuten die Freiheit zu bringen. Und darauf solltest du stolz sein. Dein Vater hätte sicher nicht gewollt, dass du deine Probleme mit Gewalt löst. Und schon gar nicht hätte er gewollt, dass sein Sohn seinetwegen weint.” erklärte Harm und wischte Simon die Tränen von der Wange. “Komm, gehen wir zu deiner Mum runter.”

Die beiden gingen nach unten, wo Vivy in der Küche stand und Salat machte. Simon ging zu ihr und umarmte sie fest. Etwas überrascht legte Vivy das Besteckt weg und drückte ihren Sohn an sich. Über seine Schulter hinweg warf sie Harm einen fragenden Blick zu. Der formte nur das Wort ’später’ mit den Lippen. Vivy nickte fast unmerklich und schloss kurz die Augen, um die Nähe zu ihrem Sohn zu genießen.

“Deckst du bitte den Tisch? Danke Schatz.” bat sie ihn, als er sich wieder von ihr löste. Ohne Widerrede nahm Simon das bereitgestellte Geschirr und trug es zum Esstisch und begann, es zu verteilen. Harm bemerkte etwas überrascht einen dritten Teller. Vivy nickte Richtung Tür und sie beide verschwanden im Wohnzimmer.

“So sehr mir das schmeichelt, ich kann leider nicht bleiben.” setzte Harm an. Vivy sah ihn verwirrt an, bis es ihr dämmerte.

“Oh, nein. Der Teller ist nicht für Sie. Entschuldige, für dich. Und außerdem hätte ich dich sowieso zuvor gefragt. Aber ich denke, Simon und ich sollten ein bisschen zeit miteinander verbringen, allein.”

“Das solltet ihr wirklich. Er hat mir gesagt, wieso er seinen Klassenkameraden verdroschen hat.” erklärte Harm. Vivy hob interessiert die Augenbrauen.

“Nathan hat gesagt, dass Gott Simons Vater hassen würde und er ihn deswegen hätte sterben lassen.”

“Das kann doch nicht wahr sein. Ich habe niemandem gesagt, dass Simons Vater vermisst wird, nur der Schulpsychologe weiß davon, und sein Klassenlehrer. Wenn ich den in die Finger bekomme.” zischte Vivy leise.

“Ich sollte langsam gehen. Brauchst du noch etwas?” erkundigte Harm sich, als er aus dem Augenwinkel sah, das Simon die ihm von seiner Mutter übertragene Aufgabe erledigt hatte und jetzt im Türrahmen stand.

“Nein, danke, aber ich glaube, wir kommen erst einmal wieder klar.”

“Ein Tag nach dem anderen.”

“Das ist meine Lebensphilosophie.” kam es mit einem kurzen, trockenen Lachen von Vivy.

“Kommst du morgen zu JAG?”

“Keine Ahnung. Aber ich glaube nicht. Es wird Zeit, das ich etwas Zeit mit meinem Sohn verbringe.” erklärte Vivy.

“Okay. Dann bis bald.” nickte Harm und ging. Vivy sah ihm nach, erst als die Tür ins Schloss gefallen war, löste sie sich aus einer Art Trance. Da sah sie auch Simon in der Tür stehen.

“Schon fertig?”

“Hmhm.”

“Wir müssen reden.” verkündete Vivy mit einem Seufzen. Simon nickte nur und ging in die Küche zurück, um sich an den Tisch zu setzten. Vivy blieb noch kurz stehen und flehte ihren Ehemann, wo auch immer er zu diesem Zeitpunkt auch sein mochte, an, sie das richtige tun zu lassen.

*~*~*

3 Monate später
1729 EST
JAG HQ
Falls Church, VA

Vivy war eine Woche lang nicht zum Dienst erschienen. Sie hatte beim Admiral Urlaub eingereicht, Harm jedoch gebeten, den Kollegen zu erzählen, sie sei krank. Warum sie aus ihrem Privatleben so ein Geheimnis machte, verstand Harm zwar immer noch nicht, er ließ ihr aber ihre eigenen Entscheidungen.
Zwischen ihm und Vivy entwickelte sich langsam eine tiefe Freundschaft, die auf beiderseitigem Respekt und Wertschätzung beruhte. Mac hatte ihre Position als Vivys Mentor nur zu gern aufgegeben, und jetzt verbrachte Vivy einige Stunden ihrer Arbeitszeit mit Harm. Und immer häufiger fiel die starre und ernste Maske von ihr ab, sie erlaubte sich ein Lächeln oder Schmunzeln, er glaubte sogar, den Ansatz eines Lachens vernommen zu haben. Aber gegenüber ihrer restlichen Kollegen wollte und konnte Vivy einfach nicht auftauen. Sie hatte zu oft erlebt, wie andere Leute sie aufgrund eines Fehlers in ihrer Jugend beurteilten, sie war einfach zu oft verletzt wurden.
Vivy arbeitete nicht nur hart im Büro, sondern auch an sich selbst. Sie versuchte, so viel Zeit wie möglich mit Simon zu verbringen, und trotz ihrer Jugend hielt Harm sie für eine großartige Mutter. Sie war streng, wenn sie es sein musste, aber ansonsten ruhig und liebevoll. Sie gab Simon die Stabilität, die er so dringend brauchte. Und Harm tat seinen Teil dazu. Vivy hatte ihn in der ersten Woche eingeladen, mit ihnen zu essen, und er hatte angenommen. Ab dann verbrachte er fast jeden freien Abend bei Vivy und Simon, er lernte sogar Simons Großeltern, also die Schwiegereltern von Vivy kennen. Zwischen den Erwachsenen war ein getuschelter Streit entbrannt, als Harm und Simon sich nach dem Essen in den Garten verzogen hatten, um mit einem Baseball fangen und schlagen zu üben. Vivy hatte offensichtlich gewonnen, ihre Schwiegereltern enthielten sich jedes weiteren Kommentars.
Simon schien die Zeit mit Harm zu gefallen, und Vivy war dafür mehr als dankbar. Wenn sie Simon abends ins Bett steckte und hinterher wieder nach unten kam, um sich etwas mit Harm zu unterhalten, hatte sie ihm letzte Woche urplötzlich für sein Interesse an Simon gedankt. Weiter hatte sie erklärt, dass ihr Sohn dringend eine männliche Bezugsperson gebraucht hatte, und sie froh war, dass er Harm gefunden hatte.

Harm klopfte etwas zögerlich an die Bürotür von Vivy und trat dann ein. Sie saß an ihrem Schreibtisch, in eine Akte vertieft und kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. Harm musste unwillkürlich schmunzeln. Es war ihm schon häufiger aufgefallen, dass sie, wenn sie sich vollkommen auf eine Sache konzentrierte, immer mit einer Hand etwas anderes machte. Saß sie bei sich im Sessel und las, dann fuhr sie sich entweder durch die offenen Haare, oder massierte ihren Nacken. Bei der Arbeit kratzte sie sich am Hinterkopf, wenn sie über einer Akte brütete, oder klopfte mit dem Stift auf den Tisch.
Seine Gedanken wurden jedoch dadurch unterbrochen, dass Vivy aufsah und sich ein freudiges Lächeln auf ihren Lippen bildete.

“Was führt dich zu mir?” erkundigte sie sich und deutete ihm an, er könne sich gern in einen der Besucherstühle setzte. Was Harm auch tat. Aber eher, um sich Zeit zu erkaufen. Was er dabei war zu tun gefiel ihm gar nicht.

“Nichts Gutes, fürchte ich.” antwortete er zögerlich. Vivy runzelte verwirrt die Stirn.

“Wegen dem Essen heute Abend…” ließ Harm anklingen. Enttäuschung breitete sich auf Vivys Gesicht aus. Harm musste schlucken. Es geschah nicht oft, dass sie sich erlaubte, ihm ihre Gefühle zu zeigen. Das es ausgerechnet Enttäuschung sein musste, tat umso mehr weh.

“Sag bitte nicht, dass du doch nicht kannst.” flehte sie förmlich.

“Es tut mir Leid. Wirklich. Ich weiß, ich hab es dir und Simon versprochen. Aber mir ist ganz plötzlich etwas dazwischen gekommen.” entschuldigte Harm sich zerknirscht.

“Kenne ich die Person?”

“Annie Pendry. Nein, du kennst sie nicht. Sie und ich, na ja, wir waren einmal ein Paar. Ihr Mann und ich waren zusammen in der Pilotenschule, und als er starb hab ich mich etwas um sie und ihren Sohn Josh gekümmert. Auf jeden Fall, sie will nach Rosslynn ziehen und hat mich gefragt, ob ich ihr helfen kann. Wir sind damals auf ziemlich dumme Weise auseinander gegangen, und Josh hat nie eine Entschuldigung von mir bekommen.”

“Du musst dich nicht rechtfertigen. Geh mit deiner Ex aus, kein Problem.” zuckte Vivy betont desinteressiert mit den Schultern.

“Zwischen ihr und mir ist nichts mehr. Und da wird auch nichts mehr sein. Aber vielleicht könntest du ihr ja mal einen Besuch abstatten. Josh ist in Simons Alter, und dein Sohn könnte einen Freund gebrauchen.”

Vivy sah ihn für einen Moment an, als würde sie ihm leicht an die Gurgel gehen. Doch fast sofort war dieser Gesichtsausdruck wieder verflogen.

“Du hast Recht. Denkst du, ihr könntet noch zwei Paar helfende Hände gebrauchen?” erkundigte sie sich sanft.

*~*~*

2119 EST
Haus von Annie und Josh Pendry
Rosslynn, VA

Der Abend schien ein voller Erfolg zu werden, und zwar sowohl für die Erwachsenen, als auch für die Kinder. Simon und Josh verstanden sich auf Anhieb blendend, Vivy fiel vor Erleichterung ein Stein vom Herzen. Und Annie war eine nette Frau, mit der Vivy gut auskam. Annie hatte Harm dafür eingespannt, dass er die großen Arbeiten erledigte und sich um die Anschlüsse für Elektrogeräte kümmerte, während Annie und Vivy sich damit beschäftigten, den Räumen Leben einzuhauchen.

Beide waren im Wohnzimmer und räumten den Inhalt der Kisten in die Schrankwand, als Vivy auf ein Bild von Luke stieß.

“Dein Mann?” erkundigte sie sich bei Annie. Die nahm ihr sanft das Bild aus den Händen und stellte es gut sichtbar in den verglasten Teil der Schrankwand.

“Ja, und Joshs Vater.”

“Wie lange…”

“Manchmal glaube ich, es ist schon eine Ewigkeit her. Und dann, keine Stunde später habe ich das Gefühl, es sei erst gestern passiert, wenn es in Wirklichkeit schon fünf Jahre sind.” schüttelte Annie den Kopf. In dem Moment kamen Simon und Josh hereingestürmt, rannten durch das Haus und dann hinaus in den Garten an der Rückseite.

“Es ist schwer. Josh wird seinem Vater mit jedem Tag ähnlicher, und ich… Er hat mich um den kleinen Finger gewickelt, und er weiß es.”

“Manchmal habe ich das Gefühl, das Simon mir die Schuld an allem gibt. Nicht das er es gesagt hätte, aber als sein Vater die Befehle erhalten hat, hat er mit uns beiden geredet. Und gesagt, wenn wir dagegen wären, würde er es nicht machen. Und ich glaube, nur das ist in seinem Gedächtnis geblieben, das ich Jon nicht daran gehindert habe.” gestand Vivy leise und gab Annie eine Vase. Die sah die jüngere Frau an, als wüsste sie gern, ob sie weiter bohren sollte. Sie entschied sich dann doch, nicht weiter darauf einzugehen. Nicht zuletzt, weil Harm aus der Küche kam und verkündete, er hätte den Herd anschließen können.

“Ich danke dir. Dann kann ich uns gleich was kochen, wenn ihr Lust habt.” bot Annie den beiden an. Vivy warf einen Blick auf die Uhr und schrak zusammen.

“Oh verdammt.” entfuhr es ihr. “So verlockend das Angebot auch klingt, Simon und ich sollten gehen. Er muss morgen früh raus, und glaub mir, das wird schon schwer genug.” entschuldigte sie sich bei Annie.

“Schade. Aber danke für deine Hilfe. Und vielleicht kann er ja mal einen Nachmittag hier verbringen. Josh würde sich bestimmt freuen.” gab Annie zurück. Vivy nickte nur und ging in den Garten, um ihren Sohn zu holen. Die beiden gingen außen herum zum Wagen.

“Willst du nicht hinterher fahren?” riss Annies Stimme Harm aus seinen Gedanken.

“Hm?”

“Harm, stell dich nicht so dumm, das steht dir nicht. Ich hab den ganzen Abend lang die Blicke gesehen, die du ihr zugeworfen hast. Und glaub mir, ihre waren auch nicht ohne. Also los, Hammer.” nickte Annie Richtung Tür. Harm schenkte ihr ein erleichtertes Grinsen und rannte zu seinem Auto, um Vivy hinterher zu fahren.

*~*~*

2307 EST
Haus von Vivy Gayner
McLean, VA

Harm hatte es kurz nach Vivy zu ihr nach Hause geschafft. Er blieb im Auto sitzen, um zu warten, bis sie Simon in sein Bett gebracht hatte. Was doch etwas länger dauerte, da sie ihm zuvor noch ein Sandwich gemacht hatte. Als endlich das Licht im Fenster des oberen Stockwerkes ausging, war Harm steif vor Angst. Vielleicht hätte er ja doch eher klopfen sollen. Er schluckte und stieg dann aus dem Wagen. Zögerlich ging er die Veranda nach oben und klopfte zaghaft an der Tür. Im Haus verstummte der Fernseher, und die Tür öffnete sich einen Spalt, damit Vivy nach draußen sehen konnte. Als sie Harm erkannte, hielt sie ihm die Tür auf und ließ ihn eintreten. Harm ging ins Wohnzimmer, und Vivy schloss die Tür, bevor sie ihm folgte. Als sie eintrat, klappte Harm fast der Kiefer nach unten. Sie war eine attraktive Frau, dessen war er sich bewusst. Aber so hatte er sie noch nie gesehen. Ihre Haare, die eigentlich von einer Spange am Hinterkopf gehalten werden sollten, hatten sich zu Großteil gelöst und fielen ihr sanft in ihr Gesicht. Das ständig wechselnde Licht des Fernsehers zeichnete wechselnde Schatten auf ihr Gesicht, das durch das Licht, das aus der Küche kam, in einem Halbschatten lag. Sie hatte sich abgeschminkt, der leichte Lidschatten und der rosafarbene Lipgloss waren verschwunden. Dafür konnte er ihr Parfum ziemlich gut riechen. Als würde er in einer Wolke aus einer Mischung von Lavendel und Rosenblüten stehen. Ihre Uniform hatte sie gegen ein ihr eigentlich viel zu großes Karohemd und eine weite Jogginghose getauscht.

“Ist was passiert?” erkundigte Vivy sich, als sie versucht hatte, seinen Blick zu deuten, es ihr aber anscheinend nicht so ganz gelungen war. Harm schüttelte stumm den Kopf.

“Setz dich doch. Ich bin gleich bei dir.” bat sie ihn und verschwand in die Küche. Keine Minute später schaltete sie dort das Licht aus und kam zurück. Harm hatte sich auf der Couch niedergelassen, und Vivy setzte sich neben ihn, das eine Bein zog sie an und stellte es auf dem Rand der Couch ab. Dann nahm sie die Hände zum Hinterkopf und löste die Spange. Sie schüttelte ihre Haare kurz durch, dann wandte sie den Kopf von Harm ab, um die Haarspange auf einen kleinen Beistelltisch neben der Couch zu legen. Als ihre Hände die Spange losließen spürte sie Harms Hand sanft über ihre Haare streichen. Ihr fuhr ein kalter Schauer über den Rücken, sie ließ sich jedoch nichts anmerken, sondern drehte sich gelassen wieder zu ihm um. Sein Gesicht war nur noch wenige Zentimeter von ihrem entfernt und er starrte tief in ihre Augen, sie hatte das Gefühl, als würde er direkt in ihre Seele blicken.

“Wieso bist du hier?” hauchte sie heiser.

“Ich weiß nicht.” antwortete Harm leise und berührte ihre Lippen für eine Sekunde mit seinen. Bevor Vivy die Gelegenheit hatte, zu reagieren, zog er sich auch schon wieder zurück. Als er die Augen öffnete, blickte er in ein Paar braune, verunsicherte und zugleich wunderschöne Exemplare.

“Das ist keine gute Idee.” flüsterte Vivy leise. Ihre Augen straften ihre Worte jedoch Lügen.

“Nein, wahrscheinlich nicht.” stimmte Harm ihr dennoch zu.

“Du solltest jetzt besser gehen.” bat Vivy ihn und erhob sich, ohne den Blick von seinen Augen zu nehmen. Harm schluckte kurz trocken. Damit hatte er gerechnet, um die Wahrheit zu sagen, er war überrascht, dass sie nicht sofort ausgerastet war.

“Wir sehen uns dann morgen.” nickte Harm. Er stand auf und verließ das Haus. Vivy starrte ihm verwirrt und verunsichert hinterher.

*~*~*

5 Wochen später
1109 EST
JAG HQ
Falls Church, VA

Zwischen Harm und Vivy herrschte seit diesem Kuss eine fast unerträgliche Spannung. Er verbrachte zwar immer noch ein paar Nachmittage mit Simon, aber er blieb nicht mehr zum Essen. Wenn beide bei JAG miteinander zu tun hatten, knisterte es förmlich um sie herum. Vivy hatte nach einer längeren Konferenz mit Harm bezüglich eines Falles zwei der POs zusammengestaucht. Und auch bei Harm kamen die anderen Kollegen nicht sonderlich gut weg. Vivy hatte sich wieder auf ihre alte Methode zurückbesonnen, sich ganz weit in ihr Büro zurückzuziehen und mit niemandem ein Wort zu reden, was nicht beruflicher Natur war.

Simon und Josh hatten sich miteinander angefreundet, aber Vivy kam weniger gut mit Annie klar. Nicht, das Annie es nicht versucht hätte. Aber Vivy fühlte sich von ihr bevormundet, sie griff offen Vivys Erziehungsmethoden an und stellte ihre Entscheidungen in Frage. Gut, das war sie gewohnt, und sonst machte es ihr nichts aus. Aber Annies ständige Ratschläge, wie Vivy ohne ihren Mann weiterleben sollte, gingen ihr langsam wirklich auf den Senkel. Sie hatte Simon ausnahmsweise gestattet, den Tag bei Josh zu verbringen, da beide schulfrei hatten, und sie ihn nicht wieder bei ihren Schwiegereltern abladen wollte.

Vivy saß wieder in ihrem Büro und versuchte, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Was ihr nicht wirklich gelang. Seit dem Abend vor fünf Wochen schwirrten ihre Gedanken um diesen einen Kuss. Er hatte kaum eine Sekunde gedauert, und war eigentlich auch kein richtiger Kuss gewesen, Harm hatte seine Lippen nur leicht auf ihre gelegt. Aber dennoch… in diesem Moment hatte etwas in ihr ‘klick’ gemacht. Sie hatte sich gefühlt, als würde sie auf Wolken schweben, ihr ganzer Körper war von einem aufregendem Kribbeln erfüllt wurden. So sehr sie dieses Gefühl umgehauen hatte, kaum hatte sie in Harms Augen geblickt, hatte sie erschrocken erkannt, wer da eigentlich vor ihr saß, oder besser gesagt, wer nicht. In dieser einen Sekunde waren die alten Wunden wieder aufgebrochen, sie fühlte sich einsamer denn je. Sie wollte ihren Mann wieder bei sich haben, wieder in den Arm genommen werden, wieder seine vertrauten Berührungen spüren… wenn sie daran dachte, wie lange es her war, das sie mit ihm gesprochen hatte, brannten Tränen in ihren Augen. Sie wollte… ja, was wollte sie eigentlich? Sie wollte eine Beziehung, und zwar zu Harm. Noch nie hatte sie sich zu einem anderen Mann hingezogen gefühlt, und noch nie hatte ein einfacher Kuss sie derart verwirrt. Jon war ihre einzige bisherige Beziehung gewesen, und in dieser war das anfängliche Feuer mittlerweile verraucht. Natürlich, sie liebte ihren Mann, sie hatte ihn mit jeder Faser ihres Körpers geliebt, und das, was sie gehabt hatten. Aber ganz langsam wurde ihr bewusst, dass die Chancen, ihn jemals wieder zu sehen, mit jedem Tag geringer wurden. Sie konnte und wollte sich aber nicht in eine andere Beziehung stürzen. Nicht, weil Harm ihr nichts bedeutet hätte, im Gegenteil. Aber es gab da nur zwei Probleme. Eine Beziehung zu ihm würde ein Schlussstrich unter ihre Ehe ziehen, sie müsste sich eingestehen, dass Jon wahrscheinlich tot war. Es unterbewusst zu ahnen und es sich offen einzugestehen waren jedoch zwei Dinge, und sie war einfach nicht dazu bereit, ihren Ehemann gehen zu lassen, sie konnte nicht loslassen, zumindest noch nicht. Und dann war da noch Simon. Er mochte Harm, und er schien sich ganz langsam wieder in normal zu benehmen. Sie wollte das nicht gefährden, er war ihr Sohn, und er sollte Harm nicht hassen, oder gar sie, weil sie den Glauben an eine Rückkehr seines Vaters aufgegeben hatte.

Das Klingeln ihres Telefons riss sie jedoch aus ihren Gedanken, und mit einem Seufzen nahm sie den Hörer ab.

“Major Gayner.” versuchte sie, nicht ganz so genervt zu klingen.

“Vivy?” kam Annies Stimme vom anderen Ende der Leitung. Vivy setzte sich sofort kerzengerade auf.

“Stimmt etwas nicht?” erkundigte sie sich mit zitternder Stimme. Wieso hatte sie plötzlich ein so beschissenes Gefühl?

“Reg dich jetzt bitte nicht auf.”

“Wieso sollte ich mich aufregen? Ist etwas mit Simon? Wo bist du?”

“Im Krankenhaus. Simon hatte einen Unfall. Keine Angst, es ist halb so schlimm, es geht-” Annies schnelles Gestammel wurde vom Besetztzeichen des Telefons unterbrochen. Kaum hatte Vivy die Worte Krankenhaus, Simon und Unfall gehört, hatte sie den Hörer aufgelegt und war aus ihren Büro nach unten zu ihrem Auto gesprintet.

*~*~*

2042 EST
Haus von Vivy Gayner
McLean, VA

Harm hatte den ganzen Nachmittag versucht, Vivy zu erreichen. Annie hatte ihn angerufen, und sofort waren bei Harm alle Alarmglocken losgegangen. Vivy war anscheinend direkt von der Arbeit ins Krankenhaus gefahren, und als sie dort auf Annie traf, hatte sie komplett die Beherrschung verloren. Sie hatte Annie mehr als deutlich gesagt, dass sie sie nicht mehr sehen wollte, und die hatte sich gefügt und war mit Josh gegangen.
Jetzt stand Harm vor Vivys Tür und klingelte etwas zögerlich. Er hörte Getrampel die Treppe herunter, und wie Simon laut etwas rief. Dann flog die Tür auf und der Junge stand vor Harm. Der mehr als erleichtert über das Grinsen im Gesicht von Simon war.

“Es ist Harm!” rief Simon hinter sich packte Harm an der Hand, um ihn mit sich ins Wohnzimmer zu ziehen. Der Tür hatte er einen Tritt versetzt, damit sie wieder ins Schloss fiel.

“Willst du noch was zu essen? Es gab Nudeln mit Soße.” bot Simon Harm mit großen Augen an. Harm schüttelte den Kopf, und dann fiel sein Blick auf Simons linke Hand. Die in einem dicken Gips steckte. Vivy kam aus der Küche. Sie wischte sich die Hände an einem Handtuch trocken und strich sich die offenen Haare aus dem Gesicht. Ihre Uniform hatte sie gegen ein blaues Shirt und Jogginghosen getauscht.

“Schatz, wo sollst du sein?” fragte sie ihren Sohn. Harm nickte sie nur kurz zu, um seine Anwesenheit wenigstens zu quittieren. Simon verzog das Gesicht.

“Fang gar nicht erst damit an. Ab ins Bett.”

“Tschüss Harm.” grummelte Simon und lief die Treppe nach oben.

“Gute Nacht, angenehme Träume, und ich liebe dich auch!” rief Vivy ihm hinterher. Sie schmiss das Handtuch achtlos in den Sessel und fuhr sich frustriert durch die Haare, die ihr in leichten Locken in den Rücken fielen.

“Auf die Gefahr hin, mich lächerlich zu machen, was ist mit Simons Hand passiert?” wollte Harm wissen.

“Er hat sie sich gebrochen.” schnaubte Vivy.

“Wie hat er das denn bitte angestellt?”

“Setz dich doch.” forderte Vivy ihn etwas sanfter auf. Harm nahm auf der Couch Platz, und Vivy setzte sich in den Sessel.

“Er und Josh haben Rollerhockey gespielt. Wobei ich ihm das eigentlich verboten hatte.” beantwortete sie dann Harms Frage.

“Und deshalb bist du jetzt sauer auf Annie.”

“Hat sie dir das gesagt?”

“Indirekt. Sie hat mir von eurer Begegnung im Krankenhaus erzählt.”

“Harm, lass es. Ich muss mir keine Schuldgefühle deswegen einreden lassen. Fakt ist, ich habe Simon verboten, dieses bescheuerte Spiel zu spielen, und Annie hat es gewusst.”

“Vivy, die beiden sind Jungs. Ich bezweifle, dass Annie an diesem Unfall schuld ist.”

“Simon hat keine Inlineskates, die hab ich ihm verweigert. Und die von Josh sind auf dem Schrank im Schlafzimmer seiner Mutter, an die kommen beide allein nicht ran. Sie hat sie ihnen gegeben, und genau das ist es, was mich wütend macht. Nicht das Simon nicht auf mich gehört hat, das hätte ich mir fast denken können. Aber Annie hat diese Aktion auch noch unterstützt, und jetzt hat mein Sohn eine Hand in Gips und ich muss ihn für etwas bestrafen, wofür er im Grunde nichts kann.” ereiferte sich Vivy ziemlich lautstark.

“Deswegen ist er im Bett.” ging Harm ein Licht auf.

“Genau.” bestätigte Vivy. “Ich weiß, ich habe einige Fehler gemacht. In den letzten zwei Jahren habe ich Simon zu viele Dinge einfach durchgehen lassen, und jetzt bekomme ich die Quittung dafür. Ich bin keine perfekte Mutter, und manchmal sogar ein ziemlich lausiges Exemplar. Aber Simon ist das Wichtigste in meinem Leben, und ich habe nie seine Gesundheit in irgendeiner Weise aufs Spiel gesetzt. In elf Jahren, in denen ich für ihn verantwortlich war, hat er nie irgendwelche Verletzungen gehabt, die über Nasenbluten, einen ausgeschlagenen Milchzahn oder aufgeschrammte Knie oder Arme hinausgingen. Ich kenne Annie fünf Wochen, und mein Sohn landet in der Notaufnahme des Krankenhauses. Tut mir Leid, aber das ist keine Erfahrung, die ich wiederholen möchte.”

“Moment mal, du hast ihm verboten, sich weiter mit Josh zu treffen?”

“Was die beiden machen, wenn sie sich zufällig sehen, ist mir egal. Aber für mich sind die Besuche bei Annie und Josh Geschichte.” nickte Vivy bestätigend.

“Meinst du nicht, dass du überreagierst?”

“Die Hand meines Sohnes steckt in Gips!” rief Vivy aus. “Hast du auch nur die geringste Vorstellung davon, wie ich mich gefühlt habe, als Annie mir sagte, sie sei mit Simon im Krankenhaus? Ich hatte noch nie in meinem Leben solche Angst. Es hätte den beiden sonst etwas passieren können, Harm. Ich habe schon meinen Mann verloren, ich will nicht auch noch meinen Sohn verlieren.”

Bei dem letzten Satz begannen Tränen Vivys Gesicht hinunterzulaufen. Ihr Körper wurde von einem unterdrückten Schluchzen geschüttelt, als die ganze Angst der Nachmittagsstunden hervortrat. Harm zog sie rasch zu sich auf die Couch und nahm sie in den Arm. Anders als er erwartet hatte, wehrte Vivy sich nicht, sondern schmiegte sich an ihn und weinte in seine starke Brust.

“Ich hatte solche Angst um ihn.” schluchzte sie hilflos.

“Sh, ist ja gut. Es ist vorbei, ihm ist nichts passiert. Es wird alles wieder gut, keine Angst.” redete Harm sanft auf sie ein. Und es schien tatsächlich zu helfen. Vivy beruhigte sich allmählich wieder, und nach einer Weile löste sie sich etwas verlegen aus seiner Umarmung und wischte sich die Tränen von den Wangen.

“Tut mir Leid.” sagte sie mit einem Blick auf Harms nasses Shirt.

“Kein Problem, dazu bin ich ja da.” versicherte er ihr. Plötzlich waren sich ihre Gesichter so nah, das beide den Atem des anderen spüren konnten. Vivys Herz klopfte ihr bis zum Hals und verschwommen spürte sie, wie sich Harms Arme wieder sanft um sie legten. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, lehnte sie sich zu ihm und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. Genauer gesagt, denselben Kuss, den sie vor einiger Zeit von ihm erhalten hatte. Beide trennten sich wieder, aber anstatt sich zurückzuziehen, setzte Vivy sich auf seinen Schoß und vergrub die Hände in seinen Haaren. Sie blickte ihm tief in die Augen, und lehnte sich dann im Zeitlupentempo nach vorne. Als ihre Lippen die seinigen berührten, unterbrach sie den Kuss dieses Mal nicht. Stattdessen fuhr sie sanft mit ihrer Zunge über seine Lippen. Harm schlang die Arme um ihre Taille und öffnete den Mund, um ihrer Zunge Eintritt zu gewähren. Zwischen den beiden entbrannte eine zärtliche Knutscherei, bis das Bedürfnis nach Sauerstoff zu groß wurde, und sie sich wohl oder übel voneinander lösen mussten. Vivy lehnte ihre Stirn gegen seine und schloss die Augen.

“Versprich mir zwei Dinge.” bat sie leise. Harm nickte sanft.

“Tu mir nicht weh.” forderte sie sanft und sah ihm in die Augen.

“Das liegt nicht in meiner Absicht.” erklärte Harm fest und strich ihr sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht. “Was ist das andere?”

“Lass mich nie wieder los.” kam es zärtlich von Vivy, und kaum hatten diese Worte ihre Lippen verlassen, versanken sie und Harm schon wieder in einem zärtlichen Kuss.

“Auch das liegt nicht in meiner Absicht.” murmelte Harm zwischen weiteren Küssen.

The End


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