Symphony Of Love And Longing (2)

2009 EST
JAG HQ
Falls Church, VA

Harm und Mac wollten gerade gehen, da entdecken sie, dass bei Kate und Nara noch Licht brannte. Harm klopfte kurz an, dann öffnete er die Tür. Kate war schon gegangen, Nara saß aber noch an ihrem Schreibtisch und las in einer Akte. Als sie die Tür gehen hörte, blickte sie überrascht auf. Ihr Gesichtsausdruck fiel in sich zusammen, als sie Harm sah.

“Wie kann ich Ihnen helfen, Comander?” fragte sie und schloss die Akte.

“Ich kenne die Arbeitszeiten des NCIS nicht, aber hier ist Feierabend.” erwiderte Harm ungewohnt milde.

“Und ich hatte mich gewundert, wieso es hier so still ist.” gab Nara sarkastisch zurück.

“Wollen Sie etwas Bestimmtes?” wollte sie dann wissen.

“Machen Sie Schluss für heute.” mischte jetzt auch Mac sich ein. Sie fühlte sich Nara gegenüber zu Dankbarkeit verpflichtet.

“Wenn ich fertig bin, ja. Auf Wiedersehen.” sagte Nara nur und vertiefte sich wieder in der Akte. Harm und Mac wechselten einen Blick, dann zuckte Harm mit den Schultern und er und Mac gingen.

*~*~*

1131 EST
JAG HQ
Falls Church, VA

Nara und Kate hatten in den Zuschauerreihen des Gerichtssaales Platz genommen und verfolgten die Verhandlung. Es sah gut aus für Mac. Nach einer weiteren Stunde vertagte das Gericht sich auf den nächsten Tag.

“Und? Da werden alte Erinnerungen wach, hm?” fragte Kate und sah Nara von der Seite prüfend an.

“Keine allzu guten.” sagte die in einem Ton, den Kate nicht richtig einordnen konnte. Irgendwie klang es nach Enttäuschung, aber auch nach Reue und ein bisschen Sehnsucht.

“Und jetzt?” erkundigte Kate sich. “Willst du was essen gehen?”

“Sei mir nicht böse, aber ich wäre gern ein bisschen allein.” bat Nara. Der Gerichtssaal hatte sich geleert, nur noch sie beide waren anwesend. Kate nickte und lies Nara allein. Die trat etwas zögerlich an den Tisch der Anklage und strich in Gedanken über das Holz.

Sie lehnte sich mit dem Gesäß dagegen, verschränkte die Arme und sah zur Richterbank hin. Dann lies sie ihren Blick zum Zeugenstand und den Zuschauerreihen gleiten. Ein leises Seufzen entfuhr ihr, dann sah sie wieder zur Richterbank.

“Es hat nicht sein sollen.” flüsterte sie leise. Sie löste sich aus ihrer Position, ging zur Tür und drehte sich noch einmal um. Dann straffte sie ihre Schultern und ging hinaus.

*~*~*

5 Wochen später
1436 EST
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Falls Church, VA

Harm und Sergej redeten immer noch kein Wort miteinander. Der eine war sauer auf den anderen und umgekehrt. Nara und Kate waren fast zu einem festen Teil der JAG-Mannschaft geworden. Beide hatten auch an drei oder vier der Siegesfeiern bei Benzingers oder McMurphy teilgenommen, aber irgendetwas hielt vor allem Nara zurück, sich richtig mit ihren neuen Kollegen anzufreunden. Harm und Mac hatten ihre Neugier nicht zügeln können, und ein bisschen in Naras Vergangenheit geschnüffelt.

“Kann ich Sie kurz sprechen, Special Agent?” wandte Mac sich an Nara. Die stand gerade am Kopierer.

“Klar, zwei Minuten.” gab Nara zurück, ohne aufzusehen.

“Jetzt. In meinem Büro.” sagte Mac fest. Nara sah sie an und musste schlucken. Dieser Gesichtsausdruck konnte nichts Gutes verheißen. Sie folgte Mac in deren Büro und Mac schloss die Tür hinter den beiden. Harm saß in Macs Stuhl, Bud und Harriet standen an der Wand und alle sahen Nara an.

“Sollte ich schnell in mein Büro gehen und meine Dienstwaffe holen, bevor Sie alle über mich herfallen?” fragte Nara verunsichert. Harm schob ihr eine Akte über den Tisch zu. Nara nahm sie und schlug sie auf. Schon beim ersten Blick auf die erste Seite entwich fast alle Farbe aus Naras Gesicht und ihr Mund wurde trocken wie die Sahara.

“Wo…wo haben sie das her?” fragte sie leise.

“Unwichtig. Wollen Sie uns etwas sagen?” erkundigte Harm sich streng. Nara schien sich wieder gefangen zu haben, sie schlug die Akte zu und sah Harm fest an.

“Sie haben es doch sowieso gelesen, wieso sollte ich Ihnen etwas erzählen, was Sie schon lange wissen? Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, ich habe noch zu tun.” sagte Nara und drehte sich um, um zu gehen. Zwischen ihr und der Tür stand dummerweise immer noch Mac.

“Sie bleiben. Und ich denke wir alle haben das Recht auf eine Erklärung.” sagte Mac und verschränkte die Arme.

“Bei allem nötigen Respekt, Sie sind nicht meine Vorgesetzte. Und wenn Sie mich hier nicht auf der Stelle rauslassen, melde ich Sie alle zusammen.” drohte Nara.

“Wir wollen nur Antworten auf ein paar Fragen, dann können Sie gehen.” meldete Harm sich wieder zu Wort.

“Comander, ich mag es nicht, wenn man mich wie ein Tier in eine Ecke drängt.” fauchte Nara. “Sie hätten mich nur höflich fragen müssen, vorzugsweise an einem öffentlichen Ort, und Sie hätten vielleicht sogar ihre Antworten bekommen. Aber nicht so.”

“Wieso sind Sie gegangen, Captain?” fragte Mac.

“Wieso ist die Erde rund?” schnaubte Nara. “Das ist privat und geht Sie alle hier nichts an. Und vor allem von Ihnen, Lieutenant Roberts und Lieutenant Sims, von Ihnen hätte ich etwas mehr erwartet. Und jetzt lassen Sie mich hier raus, oder ich vergesse meine gute Erziehung.”

Mac zögerte kurz, dann trat sie ein Stück zur Seite, und Nara stürmte aus dem Büro. Sie kehrte jedoch nicht in ihr eignes zurück sondern nahm den Weg zu den Aufzügen.

“Das ist ja toll gelaufen.” verleierte Harm die Augen.

*~*~*

0930 EST
JAG HQ
Falls Church VA

“Was erwartest du von mir?” fragte AJ Nara ratlos. Sie stand vor seinem Schreibtisch, er saß dahinter und sah sie durchdringend an.

“Pfeif deine Kampfhunde zurück, AJ. Sonst könnte es hässlich enden, auch für dich.” sagte Nara laut. Sie war seit dem gestrigen Vorfall in Macs Büro auf 180, so was hatte sie sich noch nie bieten lassen müssen.

“Ich kann deine Wut ja verstehen, aber-”

“Ach, kannst du das?!” unterbrach Nara ihn schnippisch.

“Tut mir Leid, war nicht so gemeint.” entschuldigte sie sich, nachdem sie tief durchgeatmet hatte.

“Aber du hast keine Ahnung, wie sich das anfühlt, AJ. Die hatten wer weiß was für Dokumente in die Finger bekommen können, nicht zuletzt meine Geburtsurkunde. Und die Tatsache, dass ich nicht informiert wurde, als die Akte an sie ausgegeben wurde, die macht mir nun einmal Angst.” schüttelte Nara den Kopf und ließ sich erschöpft in einen der Besucherstühle sinken.

“Wer hat die Akte jetzt?” fragte AJ leise.

“Der Aktenvernichter beim NCIS hat sie gefressen. Es war nur eine Kopie, aber das spielt keine Rolle, die Informationen waren echt.” erwiderte Nara und schloss die Augen und massierte sich die Nasenwurzel, um dem unbändigen Donner, der in ihrem Kopf tobte, ansatzweise Herr zu werden.

“Alles in Ordnung?” erkundigte sich der Admiral leicht besorgt.

“Ja, schon okay. Es war eine lange Nacht.” kam es von Nara und sie schlug die Augen wieder auf.

“Du solltest nach hause gehen, dich ausruhen.” schlug AJ sanft vor. Sie sah wirklich kaputt aus.

“Wer sagt mir, dass ich dort noch sicher bin?” fragte Nara leise.

*~*~*

1018 EST
JAG HQ
Falls Church, VA

“Bevor Sie alle gehen, Special Agent Karenkova hat Ihnen noch etwas zu sagen.” beendete AJ die Offizierssitzung, an der auch Nara und Kate teilnahmen. Nara atmete tief durch und sah dann in die Runde der Anwälte.

“Ich weiß nicht, ob es unter Ihnen schon die Runde gemacht hat, wenn nicht, dann spätestens nach dieser Sitzung.” begann sie und machte eine kurze Pause, in der sie ihre folgenden Wort nochmals zu überdenken schien.

“Es gibt sehr gute Gründe dafür, wenn eine Personalakte nicht für jedermann zugänglich ist. Und ganz offen gestanden verstehe ich nicht, wieso manche der Meinung sind, das solche Anordnungen nur vage Vorschläge sind und man trotzdem weitersuchen kann, bis man die gewünschte Akte in den Händen hält.” sagte Nara ernst und sah Mac und Harm scharf an.

“Ich habe bei der Ergreifung von Terroristen geholfen, ich habe Verhöre mit Terrorverdächtigen geführt und mir dadurch einige Feinde geschaffen. Als ein paar von Ihnen -ich nenne keine Namen, ich denke die betreffenden Personen wissen, dass sie gemeint sind- der Meinung waren, weiter in meiner Vergangenheit zu kramen, meine persönlichen Akten aus dem Militärdienst anzufordern, und es irgendwie geschafft haben, an die Akten zu kommen, ohne das ich vorher um Erlaubnis gefragt werde, als Sie das taten, haben Sie mich in Lebensgefahr gebracht. Ich hoffe das ist Ihnen klar. Wenn diese Akte in die falschen Hände gerät, dann bin ich innerhalb weniger Tage, vielleicht sogar Stunden tot. Und wenn ich Pech habe darf ich noch zusehen, wie zuvor die Leute umgebracht werden, die mir etwas bedeuten.” fuhr sie dann fort. Bei dem letzten Satz zitterte ihre Stimme von unterdrückter Angst.

“Ich habe zugesehen, wie Agenten Fehler gemacht haben und deswegen sterben mussten. Aber ich hätte nie gedacht, dass jemand, der meine Arbeit kennt, einmal so dumm ist und sich über Sicherheitsbestimmungen hinwegsetzt. In dieser Akte stand mein jetziger Wohnort vermerkt. Wie kann ich mich jemals in meinen eigenen vier Wänden wieder sicher fühlen? Wie kann ich sicher sein, dass nicht jemand hinter meiner Wohnungstür lauert, um mich zu erschießen?” fragte Nara leise und schüttelte den Kopf.

“So, und jetzt für alle, die es noch nicht wissen, ich habe keine Lust, das noch einmal durchzukauen. Ja, ich bin ein Mitglied des US Marine Corps, ich habe mich im Rang eines Captains in die inaktive Reserve versetzten lassen, nachdem ich für kurze Zeit Anwältin beim JAG war. Mein Wechsel zum NCIS hatte private Gründe, und die behalte ich weiterhin für mich. Fragen zu meinem Privatleben oder meinem Dienst bei JAG beantworte ich nicht, also stellen Sie bitte keine.” erklärte Nara fest.

“Danke Special Agent. Rabb, MacKenzie, Karenkova, Sie bleiben. Der Rest kann wegtreten.” wies AJ die Offiziere und Kate an. Letztere wechselte einen fragenden blick mit Nara, und als die nickte, verließ Kate den Raum.

“Sir, ich-” setzte Mac an, doch AJ unterbrach sie durch Heben seiner Hand.

“Der Special Agent war noch nicht fertig.” verkündete er und nickte Nara zu. Die wandte sich an Harm und Mac.

“Erstens, Sergej ist bei mir nicht mehr sicher, und zu Ihnen will er nicht. Er wird nach Russland zurückkehren. Wenn Sie ihn je wieder sehen wollen, dann schlage ich vor, sprechen Sie beide sich aus.” sagte sie zu Harm.

“Zweitens, ich habe Sie beide bei der Sicherheitseinheit des NCIS gemeldet. Ich hatte keine andere Wahl, man wird Sie vorladen.
Drittens, ich werde Washington für unbestimmte Zeit verlassen. Zwei Leute wissen, wo ich bin, Sergej kennt den einen Namen, hat aber die Anweisung, Ihnen den nicht zu nennen. Wenn man mich finden muss, und die Betonung liegt auf muss, dann müssen Sie sich an Sergej wenden.
So, das war es von meiner Seite aus.”

“Gehen sie an einen Ort auf der nördlichen oder südlichen Halbkugel?” wollte Harm wissen.

“Äquatornähe.” gab Nara mit einem schiefen grinsen zurück.

“Haben Sie sich für diese Auszeit entschieden, oder…” deutete Mac an.

“Anscheinend haben Sie meine Akte doch nicht so sorgfältig gelesen. Wenn ich auf Probleme stoße, dann ist mein erster Impuls immer, wegzurennen, irgendwo neu anzufangen. Was auch der Grund war, wieso ich JAG verlassen habe, und beim NCIS einen Job gesucht habe. Ein paar Jahre lang ist es mir gelungen, diesen Impuls zu unterdrücken, aber das hier war ein mittleres Erdbeben in meinem Privatleben. Ich wünschte ich könnte es abtun und weitermachen, aber ich kann nicht. Ich muss hier weg, wenigstens für ein paar Wochen, um nachzudenken.
Die Wahrheit ist, ich hab mich an D.C. gewöhnt, und es würde mir schwer fallen, nicht zurückzublicken.”

“Was da passiert ist tut uns Leid.” entschuldigte Harm sich zerknirscht.

“Ich weiß.” nickte Nara zögerlich. “Aber das nützt mir nichts. Und Kate oder Sergej auch nicht.”

“Werden Sie überhaupt zurück kommen?” fragte Mac, ohne eine Antwort zu erwarten.

“Ich denke nicht, nein.” schüttelte Nara den Kopf.

“Colonel, Comander, das wäre dann alles.” fuhr der Admiral leise dazwischen. Harm und Mac nahmen Haltung an, bellen ein ‘Aye Sir’ und verließen dass Büro.

“Ich möchte mit dir reden.” begann AJ, als die Tür hinter den Anwälten zufiel. Nara drehte sich zu ihm um.

“Bitte, schieß los.” forderte sie ihn mit einem Seufzen auf.

“Kannst du eine Minute mal vergessen, dass ich der JAG bin, und mal dein Vorgesetzter war?” erkundigte er sich. Nara zögerte kurz, dann nickte sie. Langsam streckte der Admiral die Hand nach ihr aus und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

“Pass bitte auf dich auf, Nara. Versprich es mir, bitte.” bat er sie leise. Nara hatte bei der Berührung die Augen geschlossen, öffnete sie jetzt langsam und sah direkt in seine. Und wie früher lief sie ernsthaft Gefahr, sich in ihnen zu verlieren. Verdammt, wieso war sie überhaupt zurückgekommen? Wieso hatte sie zugelassen, dass man sie an ihrem schwächsten Punkt erwischte?

“Nara, bitte.” wiederholte der Admiral, diesmal dringlicher. Nara nickte langsam und machte einen Schritt auf ihn zu. Hatte er nicht gesagt, sie solle vergessen, dass er mal ihr Vorgesetzter war? Also bitte, er sollte bekommen, worum er bat. Sie stellte sich auf die Ballen und hauchte ihm einen sanften Kuss auf die Lippen. Als sie sich zurückziehen wollte, schlossen sich zwei starke Arme um ihre Rücken und AJ zog sie an sich, während er gleichzeitig den Kuss erwiderte und vertiefte. Beide hatten schon früher mit dem Feuer gespielt, wieso sollten sie jetzt damit aufhören? Nara lehnte sich ihm bereitwillig entgegen und genoss den Kuss. Aber so schnell ihr einfiel, dass beide damals mit dem Feuer gespielt hatten, so schnell kam auch die Erkenntnis zurück, dass sie sich damals mächtig verbrannt hatte. Und so beendete sie den Kuss und nahm sanft aber bestimmt seine Hände von ihrer Taille. AJ dachte jedoch anscheinend nicht daran, sie gehen zu lassen. Er befreite seine Hände und zog sie wieder an sich. Kaum hatte er das getan, so hob Nara die Hände und legte sie auf seinen Oberkörper, um ihn von sich zu drücken. Da spürte sie auch schon wieder seine Lippen auf ihren, und ihr Widerstand bröckelte gefährlich.

‘Verdammt Mädchen, hör auf damit. Das hat dir früher nur geschadet, und das wird es auch jetzt. Komm zu dir, dass hier hat keine Zukunft.’ schalt sie sich in Gedanken. Und wieder hob sie die Hände und diesmal drückte sie ihn wirklich von sich weg. AJ unterbrach den Kuss und sah ihr tief in die blauen Augen.

“Sag mir ich soll aufhören, und ich tue es.” flüsterte er mit rauer Stimme. Nara brachte keinen Ton hervor, doch als er sie wieder küssen wollte, drehte sie den Kopf schnell zur Seite.

“Bitte, nicht.” wimmerte sie leise. AJ ließ sie überrascht los und wich einige Schritte zurück. Hatte er sie wirklich verängstigt? Alles, nur das nicht hatte in seiner Absicht gelegen.

“Nara…” hauchte er verunsichert. Die sah ihn an und Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie warf sich verzweifelt in seine Arme und begann, hemmungslos zu schluchzen.

“Gott, lass mich nie wieder los. Nie wieder, AJ.” weinte sie gegen seine Schulter, während er ihr sanft über die Haare strich.

“Das hatte ich nicht vor.” flüsterte er leise und drückte sie an sich. Nach einer Weile hob Nara ihren Kopf und starrte ihm in die Augen.

“Komm mit mir.” bat sie ihn leise, als hätte sie Angst, es laut auszusprechen.

“Nara, ich-”

“Nur für eine Woche, maximal zwei. Bitte. Wir müssen reden, ich will mit dir reden. Ich würde gern manches erklären. Und ich hab auch einige Fragen.” flehte sie ihn an.

“Wie stellst du dir das vor? Ich kann nicht einfach alles stehen und liegen lassen, ich habe Verpflichtungen.” erinnerte AJ sie etwas unsanft. Das kleine Fünkchen Hoffnung, das kurz in Naras Augen aufgeblitzt hatte, war sofort verschwunden und das Blau ihrer Augen spiegelte unendlichen Schmerz wieder.

“Wenn du wirklich wolltest, dann würdest du einen Weg finden.” flüsterte sie und löste sich von ihm. Verlegen wischte sie sich die Tränen weg, während AJ nach den richtigen Worten suchte.

“Ich will ja. Aber du stellst dir das zu einfach vor. Ich muss jemanden finden, der in meiner Abwesenheit JAG leitet, und-”

“Nein, AJ. Ich stelle mir gar nichts einfach vor, ich weiß aus eigener Erfahrung, wie beschissen hart das Leben sein kann, okay?!” explodierte Nara plötzlich. “Aber du, du versteckst dich hinter Schwierigkeiten, du suchst ja geradezu nach einer Möglichkeit, wieso etwas nicht geht. Und es tut mir Leid, ich hab gedacht, ein Mal, nur ein verschissenes einziges Mal, da hättest du genug Arsch in der Hose und würdest endlich einmal Prioritäten setzen, und zwar andere als deine Arbeit oder die Navy. Ich dachte ich würde dir wenigstens irgendetwas bedeuten. Wie’s aussieht lag ich falsch. Wird nicht wieder vorkommen, du bist mich los, endgültig. Spar es dir, ich finde allein heraus.” fauchte sie ihn an, riss die Tür auf und stürmte heraus. AJ starrte ihr kurz hinterher, dann rief er Coates in sein Büro.

*~*~*

nächster Tag
0807 EST
JAG HQ
Falls Church, VA

“Ma’am, der Admiral bat mich, Ihnen das zu geben.” wandte Coates sich an Mac, kaum hatten sie und Harm das Büro betreten. Mac nahm den Zettel und las ihn verwundert.

Colonel, ich musste dringend weg, eine persönliche Angelegenheit klären. Bis zu meiner Rückkehr in drei Wochen haben Sie bei JAG das Kommando.
Admiral AJ Cheggwidden

Mac sah verdutzt auf die zwei Sätze. Das passte gar nicht zum Admiral.

“Coates, sind Sie sicher, dass er Ihnen das gegeben hat?” fragte sie Jen besorgt.

“Ja Ma’am.”

“Hat er irgendetwas gesagt? Wieso er weg musste, oder warum es so dringend war?”

“Ich denke, dass hat mit seinen Streit mit Special Agent Karenkova zu tun, Ma’am. Sie hat ihn angeschrieen, und ist dann wutentbrannt davon gestürmt. Da hat er mich gebeten, für ihn Kontakt mit Special Agent Gibbs aufzunehmen, und ihm zu sagen, dass er mit ihm sprechen wollte. Anschließend hat er mir diesen Zettel gegeben, und ist gegangen, Ma’am.” erklärte Jen. Mac nickte und entließ den Petty Officer. Der Admiral war also allem Anschein nach Nara hinterhergelaufen. Na, dass konnten ja drei lustige Wochen werden. Und noch lustiger würde es werden, wenn der Admiral erst einmal wieder da war, und alles nicht so gelaufen war, wie er es sich vorgestellt hatte. Oh, das würden drei lange Wochen werden. Sehr sehr lange Wochen.

*~*~*

1109 Ortszeit
Haus von Nara Karenkova
kurz außerhalb von Kavieng, Papua-Neuguinea

Als Nara in ihrem Ferienhaus ankam, blieb ihr wenig Muße, den schönen Strand und das Meer direkt vor der Tür zu bewundern. Sie war einfach geschafft von dem langen Flug und der Auseinandersetzung mit AJ, und der damit verbunden psychischen Leere, die sie empfand. Sie ließ ihre Reisetaschen einfach fallen und warf sich auf das Bett im Schlafzimmer, schloss todmüde die Augen und wollte einfach nur noch schlafen. Schlafen, schlafen, und nochmals schlafen, ohne jede Störung, bis sie genug Kraft hatte, um sich mit ihrer jetzigen Situation auseinander zu setzten. Es kam ihr vor, als wäre sie gerade erst eingeschlafen, da wurde sie von einem lauten Geräusch geweckt. Nara fuhr hoch und griff nach ihrer Uhr. Sie hatte fast drei Stunden geschlafen. Ihr entfuhr ein lautes Stöhnen, als wieder das Klopfen an der Tür erklang. Welcher ungehobelte Trottel erlaubte es sich, sie zu stören? Sie stand widerwillig auf, in Tanktop und Hotpants und schlich zur Tür. Sie riss sie auf und war gerade mitten in ihrer Hasstirade auf wen-auch-immer, da spürte sie, wie sich ein paar Lippen sanft auf ihre legten. Sie stieß den Fremden von sich, um ihm eine schallende Ohrfeige zu verpassen, da erst bemerkte sie, dass AJ ihr gegenüber stand. AJ. Ihr AJ. Mit einem breiten Grinsen. Und Gepäck neben seinen Füßen. Viel Gepäck. AJ, mitten am Strand von Papua-Neuguinea, immer noch in Uniform.

“Du Idiot.” war das erste, was Nara in den Sinn kam, und sie verpasste ihm wirklich eine Ohrfeige, dass es klatschte. Dafür, wie er sie in seinem Büro behandelt hatte.

“Du romantischer, sturer, unverbesserlicher Idiot.” schüttelte sie dann ihren Kopf und zog ihn an sich, um ihn zu küssen. Oh, dieser sture alte Griesgram. Wie konnte er es wagen? Wie konnte er es wagen, und sie abblitzen lassen, nur um dann vor ihrer Tür zu stehen? Sie beendete den Kuss atemlos und begann ziellos auf seinen Oberkörper einzuhämmern. Verdammt, er schuldete ihr wenigstens eine Erklärung, irgendetwas, eine Entschuldigung, aber er grinste einfach nur wie ein Honigkuchenpferd vor sich hin. Dem würde das Grinsen schon noch vergehen, dafür würde sie schon noch sorgen. Sie würde… Ja, was genau sie würde, das vergaß sie in dem Augenblick, in dem er sie wieder an sich zog und sie leidenschaftlich küsste. Ihr Widerstand war verpufft, der ganze Zorn verraucht, alles, was jetzt zählte, war, dass er hier war, er war hier, und er hielt sie fest. Und er küsste sie. Und wie er sie küsste. Oh, verdammt, dieser Mann würde noch ihr Tod sein. Ihr entfuhr ein wohliges Stöhnen und sie machte einige Schritte rückwärts, wobei sie ihn mit sich zog. AJ unterbrach den Kuss, und als Nara ihn schon anschreien wollte, was für Spielchen er eigentlich mit ihr trieb, da nahm er nur wortlos sein Gepäck und trug es nach drinnen, dann schloss er die Tür und schloss von innen ab. Und sofort war sie wieder in seinen Armen. Genoss seine Küsse, das Gefühl, wenn er sanft über ihren Rücken strich, seinen Geruch, der ihre Sinne benebelte und sie fast vollkommen um den Verstand brachte. Langsam ging sie rückwärts ins Schlafzimmer, während sie ihm, ohne auch nur für eine Sekunde ihre Lippen von seinen zu nehmen, die Uniformjacke aufknöpfe, sie in die nächste Ecke beförderte, den Schlips löste und sich an seinem Hemd zu schaffen machte. AJ blieb auch nicht untätig, seine Hände fanden den Weg unter ihr Oberteil, streichelten sanft an ihre Seiten entlang, weiter nach oben, und zogen es ihr schließlich aus. Sein Hemd folgte, anschließend zwei Paar Schuhe und eine Uniformhose. Nara ließ sich rückwärts auf das Bett fallen und zog AJ mit sich. Die Küsse wurden stürmischer, verlangender, sehnsuchtsvoller. Genauso wie ihre Handlungen. AJ zog ihr sanft die Hotpants aus und ließ seine Hände über ihren schlanken Körper wandern. Wie sehr hatte er sie vermisst, ihre Nähe, ihre sanften Berührungen, dass Gefühl ihrer Lippen auf seinen, den Geruch ihres Parfums, diese leichte, fast schwebende Note, die ihn immer wieder benebelte, wenn er nur neben ihr stand. Und endlich hatten beide Zeit, all das nachzuholen, was ihnen in den letzten Jahren gefehlt hatte, endlich wieder mit dem Menschen zu sein, den sie liebten, auch wenn beide es niemals laut ausgesprochen hatten. Schnell flog die Unterwäsche zur Seite, und AJ drang sanft in sie ein. Nara entfuhr ein leises Wimmern, nicht vor Schmerzen, sondern vor Verlangen. Ihre Haut brannte an den Stellen, an denen er sie berührte, und sie konnte einfach nicht aufhören zu zittern. Er hatte ihr so gefehlt, mit einem Mal brachen die Emotionen, die sie all die Jahre unterdrückt hatte, über sie herein und ihr entfuhr ein leises Schluchzen. AJ unterbrach den Kuss und sah sie besorgt an. Nara schüttelte nur den Kopf, um ihm zu signalisieren, dass es ihr gut ging und zog ihn sofort wieder zu sich hinunter, um den Kuss fortzusetzen, während sie gleichzeitig ihre Hüften gegen seine drückte. AJ verstand und begann, sich in ihr zu bewegen. Es dauerte nicht lange, da erreichten beide ihre Höhepunkte. Verschwitzt, aber glücklich hielten sie einander fest und schliefen langsam ein.

*~*~*

2019 Ortszeit
Haus von Nara Karenkova
kurz außerhalb von Kavieng, PNG

Nara drehte sich langsam im Schlaf um und stieß gegen irgendetwas. Müde öffnete sie ihre Augen, nur um in AJs Gesicht zu blicken. Er hatte sie beobachtet, während sie schlief. Sein Blick war so intensiv, dass ihr ein Schauer den Rücken entlanglief. Sie kuschelte sich augenblicklich unter der dünnen Decke an ihn und er hauchte ihr einen liebevollen Kuss auf die Stirn. Dann begann er, sanft ihren nackten Oberarm, den sie um seine Taille geschlungen hatte, entlang zustreicheln. Beide genossen schweigend die Gegenwart des anderen. Bis Nara es nicht mehr aushielt.

“Wieso bist du hier?” fragte sie in die Stille hinein. AJ schwieg lange, ohne seine Streicheleinheiten zu unterbrechen. Dann tat er es doch, und zwang sie sanft, in seine Augen zu blicken.

“Weil ich dich liebe.” erklärte er, zwar leise, aber dennoch fest. Und der Ausdruck in seinen Augen bestätigte seine Aussage nur. Nara entfuhr ein erleichtertes Seufzen und sie vergrub ihr Gesicht an seinem Oberkörper. Plötzlich stand sie auf, und verließ das Schlafzimmer. Nach einer Viertelstunde kam sie im Bikini zurück, und warf AJ seine Badehose zu. Der fing sie auf und sah sie nur fragend an.

“Wir gehen schwimmen.” erklärte Nara einfach nur und verschwand wieder. AJ zog sich die Badehose an und folgte ihr nach draußen. Nara stand im Sand und sah auf Meer hinaus. Die Sonne war untergegangen, und der Himmel war voller Sterne. Nur das Mondlicht spendete etwas Licht. Sie war wunderschön, wie sie da stand. AJ schloss sanft seine Arme von hinten um sie und küsste ihren Hals. Nara drehte sich in seiner Umarmung, um ihm einen Kuss auf die Lippen zu hauchen. Dann ergriff sie seine Hand und zog ihn zum Wasser. Als die erste Welle um ihre Beine spritzte, bekam AJ Zweifel. Das Wasser war zwar noch warm, aber bei Nacht schwimmen zu gehen, dass konnte gefährlich werden. Besonders, wenn man allein unterwegs war. Er konnte sie da draußen unmöglich beschützen, und die Wellen könnten sie leicht weit nach draußen treiben.

“Vertrau mir.” bat Nara ihn sanft, als hätte sie seine Gedanken gelesen. Sie ging weiter rückwärts, bis sie nicht mehr richtig stehen konnte, dann begann sie zu schwimmen, ohne seine Hand nur eine Sekunde loszulassen. Draußen waren die Wellen weniger, und trotz des sanften Windes froren sie nicht. Irgendwann hielt Nara plötzlich an und drehte sich zu AJ.

“Was jetzt?” wollte der verwirrt wissen. Das war etwas, was wirklich nur Nara schaffte, ihn so zu überraschen, dass er absolut von nichts mehr eine Ahnung hatte.

“Hörst du das?” fragte die nur. AJ schwieg und lauschte. Da war nichts, bis auf das Rauschen der Wellen am Strand und das leichte Plätschern des Meeres, wenn beide sich bewegten. Langsam nickte er, ohne zu wissen, worauf sie eigentlich hinauswollte.

“Sieh nach oben.” bat sie ihn. Er tat, was sie verlangte, und blickte hinauf zu den Sternen.

“Wenn jemand stirbt, dann wird nach einer alten Erzählung seine Seele zu seinem Stern am Himmel, der auf die aufpasst, die demjenigen wichtig sind, und sie vor Gefahren beschützt.” drang Naras sanfte Stimme in sein Ohr. Wie auf Kommando erschien eine Sternschnuppe am Himmel.

“Andere glauben, dass jeder Mensch einen Lebensstern hat, und wenn dieser langsam schwächer wird, dann geht das Leben zu Ende. Ergo verschwindet der Stern, wenn man stirbt.” fuhr sie sanfter fort. AJ sah sie an.

“An was glaubst du?” wollte AJ wissen.

Nara sah nach oben.

“Siehst du diesen Stern da? Den kleinen, neben den vier hellen, großen?” fragte sie ihn, anstatt ihm eine Antwort zu geben. AJ nickte stumm, obwohl er nicht sicher war, dass sie es sehen konnte.

“Als ich zu JAG kam, und das mit uns beiden anfing, da hatte ich mir irgendwann Urlaub genommen. Ich kam hierher, und da ist mir dieser Stern zum ersten Mal aufgefallen.” erzählte sie leise.

“Und dann, als alles bei Jag zusammenbrach und ich zum NCIS ging, bin ich wieder hergekommen. Und der Stern war weg. Er war einfach verschwunden. Ich bin noch zwei Mal hier gewesen, das letzte Mal, kurz bevor wir wieder aufeinander trafen, und keine Spur von dem Stern. Und jetzt strahlt er wieder da oben.” fuhr sie fort und er konnte das Lächeln in ihrer Stimme hören. Sie wandte den Kopf wieder zu ihm und sah ihm in die Augen.

“Dann steht der da für unsere Beziehung?” wollte AJ wissen.

“Anscheinend.” stimmte Nara ihm zu. “AJ?”

“Hm?”

“Ich liebe dich.” sagte Nara mit einem sanften Lächeln. Wie oft hatte sie sich schon vorgenommen, es ihm zu sagen, und war dann im letzten Moment doch zurückgeschreckt. Hatte sich auf die Zunge gebissen, um keinen Ton zu sagen, um nicht Gefahr zu laufen, alles, was zwischen ihnen war, aufs Spiel zu setzen. Jetzt hatte sie es endlich geschafft, und als sie seinem Gesichtsausdruck sah, fragte sie sich, wovor sie eigentlich die ganze Zeit Angst gehabt hatte.

“Ich dich auch.” nickte AJ nur und zog sie an sich. Beide küssten sich, und fuhren kurz darauf wieder auseinander, da sie im begriff waren, unterzugehen. Nara lachte entspannt und gemeinsam schwammen sie zum Strand zurück, bis beide wieder stehen konnten, und die Ausläufer der Wellen gegen ihre Waden schlugen.

Nara ließ sich bereitwillig in seine Arme ziehen und schlang ihre Arme um seinen Nacken. Beide standen schweigend da und sahen einander verliebt an. Bis Nara ein Gähnen nicht mehr unterdrücken konnte.

“Hey, da ist wohl jemand müde, hm?” kam es sanft von AJ und er strich ihr sanft über die Wange. Nara schüttelte stumm den Kopf. Selbst wenn sie im Stehen einschlafen würde, sie dachte ja gar nicht daran, nur eine Sekunde ihrer gemeinsamen Zeit mit Schlaf zu verschwenden.

“Komm, Schlafenszeit für meinen Marine.” lachte AJ und ergriff sanft ihre Hand, um sie zu dem Strandhaus zu ziehen.

“Dein Marine?” fragte Nara belustigt, als er sie ins Bett steckte. Bikini und Badehose waren im Bad gelandet, und AJ kuschelte sich neben sie.

“Ja, mein Marine.” bestätigte der nur. Nara schloss müde die Augen und benutze seine Schulter als Kopfkissen.

“Hm, das gefällt mir, mein Seal.” nuschelte sie, kurz bevor sie einschlief.

*~*~*

1127 Ortszeit
Haus von Nara Karenkova
kurz außerhalb von Kavieng, PNG

Diesmal war Nara diejenige, die zuerst munter wurde. AJ lag auf dem Rücken und sie halb auf ihm, sodass sein warmer Atem ihre Wange streifte. Sie versuchte, langsam aufzustehen, ohne ihn zu wecken, und schaffte es sogar, sich aufzusetzen. Als sie sich jedoch zu ihm umdrehte, sah er sie putzmunter an.

“Morgen Schönheit.” kam es leise von ihm.

“Entschuldige, ich wollte dich nicht wecken.” entschuldigte Nara sich, wickelte sich ihr Laken um den Körper und verschwand im angrenzenden Bad. Kurze Zeit später kam sie wieder und kroch wieder neben ihn ins Bett.

“Hast du nicht, und selbst wenn, das macht nichts.” erklärte AJ ihr sanft und zog sie an sich. Nara schloss genießerisch die Augen.

“Hm, wenn das ein Traum ist, dann weck mich bloß nicht auf.” flüsterte sie.

“Es ist kein Traum.” versicherte AJ ihr. Nara richtete sich etwas auf und sah ihm in die Augen.

“Und wie lange haben wir, bevor die Pflicht dich wieder zu JAG ruft?” fragte sie traurig.

“Drei Wochen. Einundzwanzig Tage, in denen es nur dich und mich gibt. Kein Handy, kein Internet, nichts.” versprach AJ ihr.

“Das wäre zu gut, um wahr zu sein.” schüttelte Nara enttäuscht den Kopf.

“Es ist wahr. Ich hab niemandem gesagt, wo ich bin. Keiner weiß sicher, dass wir beide zusammen sind, und mein Handy liegt ausgeschaltet im obersten Schubkasten meines Nachttisches in McLean.” erklärte AJ ihr und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

“Du willst mir allen Ernstes weiß machen, dass du mich über JAG gestellt hast?” fragte Nara ungläubig. AJ hob beide Hände, die eine weit über die andere.

“Das hier bist du.” sagte er und wedelte mit der höheren Hand.

“Dann kommt eine Weile gar nichts. Und dann, irgendwann, dann kommt Jag.” fuhr er fort und schwenkte die andere Hand.

“Okay, raus damit, wer sind Sie, und was haben Sie mit AJ Cheggwidden gemacht?” wollte Nara lachend wissen, während AJ sie sanft küsste.

“Ich hab nichts mit ihm gemacht, aber da war so ein ehemaliger JAG, der hat ihm gehörig in den hintern getreten.” grinste AJ sie an.

“Womit hab ich dich verdient, AJ?” fragte Nara, plötzlich wieder Ernst geworden und tief in seine Augen blickend, als würde sie dort die Antwort finden.

“Du hast noch viel mehr verdient, betrachte mich als Anzahlung.” erklärte AJ ihr. Eine Weile herrschte angenehmes Schweigen.

“Und, was fangen wir mit unseren drei Wochen an?” erkundigte AJ sich nach einer Weile.

“Wir sollten uns unterhalten. Darüber, wie wir uns das mit uns überhaupt vorstellen. Und ich muss mir immer noch darüber klar werden, was ich nach Ende meines Urlaubes mache.” seufzte Nara.

“Komm zurück zu JAG.” bat AJ sie sanft.

“Wie das beim letzten Mal geendet hat hast du wohl schon vergessen, oder?” schnaubte sie getroffen.

“Nicht als JAG, sondern als Agent beim NCIS.”

“Ja, sicher doch. Und deine Leute zerreißen sich dann das Maul über mich, und uns beide, wieso auch nicht?!” rief Nara wütend aus.

“Mir ist egal, was die denken.”

“Das sind deine Freunde, AJ. Und wenn es dir egal ist, mir ist es das deshalb noch lange nicht. Die können mit mir machen, was sie wollen, aber nicht mit dir.” schüttelte Nara den Kopf.

“Wir haben drei Wochen Zeit, um uns etwas zu überlegen.” erinnerte AJ sie geduldig und zog sie an sich.

*~*~*

Vier Wochen später
1201 EST
JAG HQ
Falls Church, VA

Der Admiral war nach drei Wochen wieder zu JAG zurückgekehrt. An seiner Laune hatte sich jedoch nichts auffälliges verändert. Nur dass er mit Nachdruck einen Angestellten davon gescheucht hatte, der das gemeinsame Schild von Kate und Nara mit einem, wo nur Kates Name darauf stand, austauschen wollte.

Als Harm und Mac aus dem Gerichtssaal kamen, lief ihnen eine strahlende Kate über den Weg, die schnell in ihrem Büro verschwand. Seit Nara ihren Urlaub angetreten hatte, hatte Kate Harm und Mac ihren privaten Kleinkrieg erklärt. Wann auch immer sie auf die beiden traf, warf sie ihnen giftige Blicke zu, oder machte zynische Bemerkungen in ihre Richtungen. Und auf ihrem Gesicht lag immer ein grimmiger Ausdruck. Anders als jetzt, Kate hatte ein breites Grinsen aufgesetzt und schien sich über irgendetwas diebisch zu freuen. Harm und Mac warfen sich einen irritierten Blick zu, und verschwanden dann in ihren jeweiligen Büros. Der Grund für Kates gute Laune würde jedoch nicht lange geheim bleiben. Als Harm und Mac nach dem Mittagessen das Bullpen betraten, stand Nara am Kopierer.

“Special Agent, nett Sie wieder zu sehen.” bemühte Harm sich um eine freundliche Unterhaltung, als er an Nara herantrat.

“Die Freude scheint dabei jedoch einseitig verteilt zu sein.” murmelte Nara, schenkte Harm ein gezwungenes Lächeln und verschwand in ihrem und Kates Büro.

*~*~*

2109 EST
Wohnung von Harm
nördlich der Union Station, Washington D.C.

Harm war gerade dabei, sich etwas zu kochen, da klopfte es an seiner Tür. Mac konnte es nicht sein, die war mit Harriet essen gegangen. Neugierig öffnete er, nur, um Nara auf der anderen Seite vorzufinden. Sie hielt einen Stapel Briefe in der Hand.

“Kann ich reinkommen?” erkundigte sie sich in einem Tonfall, der deutlich zeigte, dass sie lieber auf der Stelle die Flucht ergreifen würde.

“Bitte.” antwortete Harm und hielt ihr die Tür auf. Nara betrat die Wohnung und sah sich etwas verlegen um.

“Wie kann ich Ihnen helfen?” wollte Harm wissen, als er die Tür wieder schloss.

“Können Sie Russisch?” erkundigte Nara sich, ohne ihm eine Antwort zu geben.

“Nein, leider nicht. Wieso?” hakte Harm verwirrt nach.

“Dann hätte ich mir das ja sparen können.” murmelte Nara und blickte auf die Briefe. Dann hielt sie sie Harm hin.

“Auch wenn du sie nicht verstehst, vielleicht findest du jemanden, der sie dir übersetzen kann. Wenn du weißt, worum es geht, dann lass es mich wissen.” bat sie ihn sanft. Harm nahm die Briefe entgegen und bemerkte überrascht, dass alle geöffnet waren.

“Wieso sind die geöffnet?” fragte er Nara.

“Das merkst du schon noch. Ich… Lies sie einfach. Ich denke, das sind die Antworten, die du gesucht hast.” sagte die nur und ging. Harm starrte eine Weile auf die geschlossene Tür, dann setzte er sich hin und sah die Briefe durch. Alle waren auf Russisch, was ihn nach Naras Frage nicht mehr weiter erstaunte. Was ihn allerdings überraschte, waren die jeweiligen Absende- und Empfangsadressen. Briefe von Sergej an Nara. Ab und zu rutschte auch eine andere Absenderadresse darunter, aus den Staaten, allerdings waren die jeweiligen Briefe genauso auf Russisch. Harm griff nach dem Telefon und wählte Macs Handynummer.

*~*~*

0157 EST
Harms Wohnung
nördlich der Union Station, Washington D.C.

Mac war kurz nach Harms Anruf bei ihm erschienen. Er hatte ihr nicht genau gesagt, um was es ging, aber diese Tatsache hatte sie genug verunsichert, dass sie lieber nach ihm sehen wollte. Und aus dem nach ihm sehen wurde ganz schnell ein Übersetzen der Briefe von Sergej und der unbekannten Person. Nun, zumindest anfangs unbekannten Person.

“Und du bist dir ganz sicher?” fragte Harm jetzt schon zum hundertsten Mal.

“Ja, ich bin mir ganz sicher. Wenn du mir nicht glaubst, dann such jemanden, der das beruflich macht. Ich bin mir sicher, du bekommst die selbe Antwort.” antwortete Mac geduldig.

Harm sah sie ratlos an, dann ließ er sich erschöpft auf das Sofa fallen.

“Wie kann das sein?” flüsterte er müde.

“Muss ich dir das wirklich noch erklären?” fragte Mac amüsiert.

“Ich weiß, wie so etwas passiert, Mac. Was ich nicht verstehe ist, wieso keiner von ihnen es mir je gesagt hat.” schüttelte Harm den Kopf.

“Das solltest du Nara fragen. Denn das kann wirklich nur sie dir ausreichend beantworten.”

*~*~*

0927 EST
JAG HQ
Falls Church, VA

“Ja bitte.” seufzte Nara. Sie und Kate schrieben beide an einigen Berichten, als es an der Tür zu ihrem Büro geklopft hatte. Harm trat ein, mit den Briefen in der Hand.

“Kate, lässt du uns bitte kurz allein?” bat Nara ihre Kollegin. Die sah sie kurz prüfend an, dann nickte sie, nahm ihren Notizblock und verschwand. Harm ließ sich in Kates Stuhl nieder, legte bei seinem Weg dorthin die Briefe auf Naras Tisch.

“Schon durch?” fragte die etwas überrascht.

“Colonel MacKenzie war so nett sie mir zu übersetzen.” antwortete Harm. Nara nickte nur stumm und packte die Briefe weg. Harm zog noch einen hervor und hielt ihn hoch, dachte jedoch nicht daran, ihn Nara so schnell zu geben.

“Kannst du mir das erklären?” fragte er sie.

“Du kannst ihn gern behalten, wenn dich das glücklich macht.” zuckte die mit den Schultern.

Das verwirrte Harm jetzt doch etwas.

“Du willst ihn nicht zurück?” kam es ungläubig von ihm.

“Ich kenne ihn auswendig.” antwortete Nara geduldig.

“Dir ist schon klar, dass ich das noch mal überprüfen lassen muss, oder?” fragte er misstrauisch.

“Bitte, tu dir keinen Zwang an. Du bekommst, was du willst.” erklärte Nara mit einer ausholenden Handbewegung.

“Gut, dann besorgt ich dir einen Termin im Labor.” nickte Harm nur.

“Okay. Sag mir wann und wo, und ich werde da sein.” stimmte Nara zu.

“Wieso tust du das?” wollte Harm wissen.

“Weil das Leben zu kurz ist, um ständig wegzulaufen. Weil ich endlich erwachsen geworden bin. Weil Sergej nicht mehr länger sollte für mich lügen müssen. Weil du ein Recht auf die Wahrheit hast.” zählte Nara auf.

“Eine Bedingung habe ich jedoch.” fuhr sie dann fort. Harm sah sie fragend an. “Ich habe kein Interesse, mit jemand anderem aus deiner Familie in Kontakt zu treten, außer mit dir.”

*~*~*

zwei Wochen später
1352 EST
JAG HQ
Falls Church, VA

Nara und Harm waren gemeinsam mit dem Admiral in dessen Büro. Letzterer hielt einen Briefumschlag in der Hand, der an Harm adressiert war.

“Und Sie sind sich wirklich sicher, Comander, Agent?” fragte er nochmals. Seitdem er und Nara wieder gemeinsam arbeiteten beschränkten sie ihre Konversationen bei JAG auf ein Minimum und behielten die unpersönliche Anrede bei. Privat trafen sie sich zwar fast jeden Tag, was häufig damit endete, das eines ihrer jeweiligen Betten unbenutzt blieb. Aber das ging bei JAG schließlich niemanden etwas an.

Harm und Nara nickten stumm. Der Admiral atmete tief ein und öffnete den Umschlag. Dann las er laut vor.

“Getestet wurden Nara Karenkova und Sergej Zukov. Eine Verwandtschaft gilt mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,899999% als praktisch erwiesen.” las der Admiral vor. Harm schloss kurz die Augen.

“Getestet wurden Harmon Rabb jr und Sergej Zukov. Eine Verwandtschaft gilt mit einer Wahrscheinlichkeit von 97,998888% als praktisch erwiesen.” kam der Admiral zum zweiten Dokument. Gut, das war keine Überraschung mehr. Sergej war sein Bruder, daran hatte er nicht eine Sekunde lang gezweifelt. Der Admiral legte das zweite Dokument auch weg und hielt das dritte in den Händen. Jetzt kam der Augenblick der Wahrheit.

“Getestet wurden Nara Karenkova und Harmon Rabb jr. Eine Verwandtschaft …” setzte der Admiral an und machte eine kurze Pause, um das Ergebnis schnell zu lesen. Harm platzte fast vor Anspannung.

“…gilt mit einer Wahrscheinlichkeit von 95,99998 % als praktisch erwiesen.” schloss der Admiral, nahm die drei Dokumente, drückte sie Harm in die Hand und ließ die beiden allein in seinem Büro zurück. Nara ließ sich in einem der Besuchersessel nieder, während Harm dastand und das letzte Ergebnis wieder und wieder durchlas. Egal wie oft er es tat, es wollte einfach nicht in seinen Kopf hinein.

“Dann stimmt es also doch.” flüsterte er schließlich mit rauer Stimme.

“Hast du an meinem Wort gezweifelt?” fragte Nara. Sie sah Harm interessiert an, weder in ihren Augen, noch in ihrer Stimme waren Anzeichen von Enttäuschung oder Vorwurf zu finden.

“Um ehrlich zu sein, ja, schon.” gab Harm zu.

“Und was jetzt?” wollte er dann von Nara wissen.

“Du entscheidest. Von mir aus schrädder das ganze und wir vergessen diese Episode einfach.” zuckte Nara mit den Schultern.

“Ich soll vergessen, dass du Sergejs Zwilling und meine Halbschwester bist?” platzte es aus Harm heraus.

“Von mir aus inserier es in der Zeitung. Es ist deine Entscheidung. Wenn du nicht mit mir reden willst, dann bitte, ich zwinge dich zu nichts. Aber wie ich schon sagte, ich will keinen Kontakt mit deiner Familie.” kam es neutral von Nara.

“Wenn dich das nicht interessiert, wieso hast du das dann getan? Wieso mir davon erzählen, wenn du nicht irgendetwas willst?”

“Ich wollte, dass du Sergej verstehen kannst. Mir hat da eine Stimme zugeflüstert, dass manche Leute der Ansicht sind, er und ich hätten eine Affäre gehabt. Das wollte ich richtig stellen, mehr nicht. Zumindest in deinen Augen. Sergej ist ein guter Mensch, und bei weitem der beste Bruder, den man sich wünschen kann. Er hat es nicht verdient, wenn man sich hinter seinem Rücken über sein Privatleben auslässt. Und ich weiß, dass du einer der Verfechter dieser Theorie warst, also bitte, tu dir selbst einen Gefallen und leugne es nicht, das macht es nur noch schlimmer.”

Harm schien kurz darüber nachzudenken. Dann nahm er neben Nara Platz.

“Können wir reden? Irgendwo essen gehen, und dabei reden? Ich hab so viele Fragen, auf die-”

“Frage Nummer eins, wieso ich in den Staaten bin. Meine Mutter hat es geschafft, mich mit Hilfe eines sehr guten Freundes aus der UdSSR herauszuschaffen, da es dort keine Zukunft für mich gab, die Tochter eines amerikanischen Kampfpiloten, der in Vietnam Kriegsgefangener war, und einer Russin. Ihr Freund hat mich großgezogen, und mir beigebracht, mit erhobenem Kopf in einem Land zu leben, dessen Bürger mich für etwas gehasst haben, was ich nicht ändern konnte. Der Kalte Krieg war kein schönes Kapitel in der Geschichte, besonders für ihn und mich nicht.
Frage Nummer zwei, wieso ich keinen Kontakt will. Meine Mutter lebt in Russland. Und mein Vater ist und bleibt für mich Juri Karenkov. Ich habe seinen Nachnamen, und er hat mich wie seine eigene Tochter großgezogen. Tete, oder Harmon Rabb sr, ist mein Erzeuger, er hat noch nicht einmal gewusst, dass ich existiere. Und ich glaube kaum, dass deine Mutter erfreut über meine Existenz sein wird.
Frage Nummer drei, wieso du erst jetzt davon erfährst. Ich habe Sergej gebeten, mich zu verschweigen. Ich hatte keine Lust, mit dir zu reden, dich kennen zu lernen. Es war mir egal. Du warst kein Teil meiner Familie, genauso wenig wie Tete. Dass Sergej das ganz anders sieht, das ist mir klar. Wahrscheinlich, weil er ohne Vater aufgewachsen ist. Aber ich hatte einen Vater, einen sehr guten sogar. Juri hätte alles für mich getan, und noch mehr. Er hat sein Land verlassen, damit ich eine Zukunft hatte, und das habe ich ihm nie vergessen.
Sind das fürs erste genug antworten?” fuhr Nara ihm dazwischen.

“Ja, aber ich hab noch mehr Fragen. Wie dein Leben war, wieso du zum JAG gegangen bist, und solche Dinge. Aber ich möchte dich um etwas bitten. Hör mir zuerst zu, dann kannst du über mich herfallen.” bat Harm Nara mit einem durchdringenden Blick. Etwas zögerlich nickte Nara.

“Ich würde dich und Sergej gern zu Weihnachten zu meiner Großmutter einladen. Nein, lass mich ausreden.” sagte Harm fest, als Nara den Mund öffnete.

“Ich weiß, du willst keinen Kontakt. Aber ihr beide, ihr seid ihre Enkel, die Kinder ihres Sohnes. Und meine Mutter und mein Stiefvater sollten euch auch kennen lernen. Mum hat es ziemlich schwer genommen, dass Dad abgeschossen wurde, und als sie von Sergejs Existenz erfahren hat, das hat sie ziemlich getroffen, zum Teil, weil sie die Hoffnung, dass Dad noch lebte, vor seinem Tod aufgegeben hat, und zum anderen, weil es ihm gelungen ist, wieder ein neues Leben zu beginnen, eine neue Liebe zu finden, und er allem Anschein nach nicht zurückkehren wollte.”

“Es tobte der Kalte Krieg, Harm. Was hat sie erwartet, dass dein Vater sich hinstellt und ruft: ‘Übrigens, ich bin Amerikaner, und ich würde gern zurück in mein Land.’?!” brauste Nara auf.

“Tut mir Leid, war nicht so gemeint.” entschuldigte sie sich fast sofort wieder. “Aber ich habe kein Interesse, deine Mutter oder auch ein anderes Mitglied deiner Familie kennen zu lernen.” lehnte sie dann seine Bitte eiskalt ab.

“Bitte, Nara. Du hast keine Ahnung, was meine Großmutter durchmachen musste. Ihr fehlt ihr Sohn-”

“Was glaubst du, was ich durchmachen musste? Getrennt von meiner Mutter und meinem Bruder in einem fremden Land mit einer mir anfangs fremden Sprache aufzuwachsen, umgeben von Hass und Verachtung, die ich bis heute nicht verstehe. Mein Gott, sie ist nun wirklich nicht die einzige, die Probleme hat. Wir alle haben unser Kreuz zu tragen.” schnaubte Nara verächtlich.

“Nara, bitte. Und wenn es nur ganz kurz ist. Wenn du dich nicht wohl fühlst, du kannst jeder Zeit gehen, und Sergej auch. Aber bitte, gebt ihr doch wenigstens eine Chance. Sie ist immerhin auch eure Großmutter.”

Das zeigte Wirkung. Nara schwieg und schien hin und her gerissen zu sein, anzunehmen oder aufzuspringen und wegzurennen. Es siegten die Neugier, und der Drang, zu wissen, wer sie eigentlich war.

“Also schön. Aber ich spreche nur von mir. Sergej musst du allein fragen. Und sobald auch nur einer einen dummen Kommentar in Richtung Sergej, meine Mutter, Juri oder mir macht, dann bin ich weg. Das war’s dann, dann bist du der einzige, mit dem ich noch rede.” erklärte Nara fest.

Sie und Harm sahen sich lange schweigend an.

“Äh, ich… hab noch… zu tun.” brachte Nara irgendwann hervor und erhob sich.

“Nara?” rief Harm ihr hinterher, als sie schon die Tür geöffnet hatte.

“Hm?” drehte Nara sich langsam wieder um.

“Hast du Lust, mit mir essen zu gehen?” erkundigte Harm sich und hielt die Luft an.

“Tut mir Leid, ich kann nicht. Nicht heute.” lehnte Nara mit einem kopfschütteln ab.

“Ach so. Na dann…” zuckte Harm nur mit den Schultern.

“Ja, also… bis morgen dann.” stammelte Nara und verließ AJs Büro. Harm nahm sich etwas Zeit, um wenigstens ansatzweise wieder Herr über seine Emotionen zu werden, dann kehrte auch er in sein eigenes Büro zurück.

*~*~*

2107 EST
Haus des Admirals
McLean, VA

AJ und Nara saßen auf dem Sofa. Sie hatte sich an ihn gekuschelt und den Kopf an seine Schulter gelehnt, während er ihr sanft durch das offene Haar strich. Der Fernseher lief nebenbei, aber keiner von beiden schien dem Film große Aufmerksamkeit zu schenken.

“Alles in Ordnung?” erkundigte AJ sich sanft.

“Hm?” schreckte Nara aus ihren Gedanken auf. Sie setzte sich auf und strich sich die schulterlangen Haare aus dem Gesicht.

“Ist alles in Ordnung? Du bist so still.” fragte AJ nochmals nach und steckte ihr sanft eine Haarsträhne hinters Ohr.

“Mir fallen keine Gesprächsthemen ein.” knurrte Nara.

AJ verkniff sich einen Kommentar, hob aber leicht eine Augenbraue. Nara war für gewöhnlich ziemlich aufgeweckt, und konnte ihn mit ihren plötzlichen und unvorhersehbaren Aktionen zum Lachen bringen. Aber er hatte noch nie sagen können, wann sie wieder ihre Krallen ausfuhr, und die liebe Fassade gefährlich bröckelte. Für gewöhnlich blieb er von ihren Launen verschont, es sei denn, sie war auch auf ihn sauer, oder etwas beschäftigte sie allzu sehr.

“Was?” fragte sie, wobei sie die Augen verleierte.

“Mir würde da auf Anhieb ein Thema einfallen.” kam es ruhig von AJ.

“Fang jetzt bitte nicht damit an. Nein, AJ, ich will nicht darüber reden. Lass- lass mich einfach zu Frieden damit, kannst du das oder muss ich gehen?” stöhnte Nara und vergrub das Gesicht in den Händen.

“Was erwartest du von mir? Das ich zusehe, wie es dich belastet und dir den Schlaf nimmt?” hielt AJ ihr fassungslos vor. Das war doch wohl hoffentlich nicht ihr Ernst.

“Doch AJ. Genau das erwarte ich. Verdammt noch mal, wenn ich nicht reden will, dann lass mich doch einfach damit zufrieden!” fauchte Nara ihn an und stand auf, um sich ihre Jacke zu suchen.

“Nara, bitte. Jetzt sei doch vernünftig. Was willst du denn jetzt wieder?” seufzte AJ. Hatte er erwähnt, dass sie unberechenbar war?

“Weißt du, alles was ich wollte war, dass du mich festhältst. Dass ich nicht allein mit meinen Gedanken sein musste. Aber so wie es aussieht willst du, dass ich rede, und das will ich nicht. Also gehe ich, bevor das hier noch im Streit endet. Denn auf eines habe ich heute absolut keine Lust mehr und das ist mir von dir vorwerfen zu lassen, ich wäre unreif.” erklärte Nara sachlich, zog sich ihre Jacke an und verließ ohne ein weiteres Wort das Haus.

*~*~*

2149 EST
Harms Wohnung
nördlich der Union Station, Washington D.C.

“Rabb.” meldete Harm sich, als sein Telefon klingelte.

“Sag mir was Positives.” kam es vom anderen Ende der Leitung.

“Morgen soll die Sonne scheinen.” war das erste, was Harm einfiel.

“Etwas, was mir jetzt nützt.” stöhnte Nara. Was hatte sie sich eigentlich dabei gedacht, als sie seine Nummer gewählt hatte? Er hatte erst erfahren, das sie seine Schwester war, wieso ließ sie ihn nicht in Ruhe, vielleicht wollte er ja gar keinen Kontakt zu ihr.

“Im Einkaufszentrum ist Ausverkauf.” riss Harm sie aus ihren Gedanken.

“Haaaaarm, die Geschäfte haben zu.”

“Ich bin zu hause, wenn du reden möchtest komm her. Ich hör zu.” bot er ihr sanft an. Am anderen Ende der Leitung herrschte Schweigen.

“Wo bist du eigentlich?” fragte Harm nach.

“Unten auf dem Parkplatz.” gestand Nara verlegen. Sie starrte an sein Wohnzimmerfenster empor.

“Dann komm hoch.”

“Ich kann nicht.” flüsterte Nara leise.

“Wieso nicht? Ich bin hier, ich höre zu, und wenn du nicht reden willst dann ist auch gut, dann sitzen wir eben nur so da.” erklärte Harm ihr.

“Nara? Nara, bist du noch da?” fragte er, als er keine Antwort bekam. Frustriert legte er auf. Sie war sicher wieder gefahren. Diese Frau machte ihn noch-

Weiter kam er in seinen Gedanken nicht, da klopfte es an der Tür. Verwirrt öffnete Harm, und trat zur Seite, als Nara aufgebracht eintrat.

“Nenn mir einen Grund, wieso ich in Washington bleiben sollte.” forderte sie ihn sofort auf.

“Du bist meine Schwester. ich will dich kennen lernen. Was ist eigentlich los?!” kam es verwirrt von Harm. Nara starrte ihn nur mit großen Augen an. Dann ließ sie sich auf das Sofa fallen.

“Danke. Das hab ich gebraucht.” sagte sie leise und starrte auf ihre Hände. Harm schloss die Tür und ging vor seiner jüngeren Schwester in die Knie. Er hob sanft ihr Kinn, damit sie ihn ansah.

“Alles in Ordnung?” fragte er leise und sanft. In den letzten zwei Wochen hatte er viel Zeit gehabt, um darüber nachzudenken, welche Rolle er in Naras Leben spielen wollte, sollte sie wirklich seine Schwester sein. Und wie sie jetzt vor ihm saß, so hilflos und verunsichert, weckte sie sofort seinen Beschützerinstinkt. In den wenigen Stunden, in denen er sicher wusste, das Nara Karenkova seine jüngere Schwester war, war sie bereits ein Teil seines Lebens und seiner Familie geworden. Sie so zu sehen, das tat weh. Und noch mehr schmerzten ihn die Tränen, die jetzt langsam Naras Wangen herunter liefen. Harm zögerte nicht eine Sekunde, er setzte sich neben sie und zog sie in eine feste Umarmung. Nara ihrerseits klammerte sich sofort an ihn, und vergrub das Gesicht an seiner Schulter.

“Ssssh, ist ja gut. Alles ist gut.” redete Harm leise auf sie ein und strich ihr übers Haar. Ihr herz- zerreisendes Schluchzen erfüllte die Wohnung, bis es schließlich weniger wurde und irgendwann ganz verstummte. Nara zog sich aus der Umarmung zurück und wischte sich verlegen die Tränen ab.

“Was ist denn los mit dir?” wollte Harm leise wissen und strich ihr die Haare aus dem Gesicht. Erst jetzt viel ihm die starke Ähnlichkeit zu Sergejs Gesichtszügen auf. Bis auf die wunderschönen blauen Augen, die jetzt rot unterlaufen waren.

“Keine Ahnung.” zuckte Nara mit den Schultern. Ihre Stimme hörte sich rau und zerbrechlich an.

“Ist irgendwas passiert?”

“Nein. Nichts anderes als sonst.” schüttelte Nara den Kopf.

“Sonst?”

“Sergej. Er fehlt mir. Mit ihm zu reden, oder seine Briefe zu lesen.”

“Ich hab dir die Briefe wiedergegeben.”

“Ja, hast du. Aber die kann ich auswendig.” kam es sanft von Nara und um ihren Mund bildete sich der Ansatz eines Lächelns.

“Kann ich dich etwas fragen?” erkundigte Harm sich vorsichtig. Nara nickte stumm, und er nahm seinen ganzen Mut zusammen.

“Wieso war unter den ganzen Briefen nicht ein einziger von eurer Mutter?” fragte Harm leise.

“Keine Angst, ich hab welche von ihr. Aber die waren mir offen gestanden dann doch zu persönlich, um sie dir zu geben.” antwortete Nara wahrheitsgemäß. Sie lehnte ihren Kopf müde an seine Schulter. Sie hatte das Gefühl, innerlich vollkommen ausgebrannt zu sein. Harm legte den Arm um sie und lehnte die Wange gegen ihren Kopf.

“Willst du mir sagen, was passiert ist?” erkundigte Harm sich leise. Nara zögerte. Keiner bei JAG wusste, das sie und AJ ein Paar waren. Wenn sie es Harm erzählen sollte, konnte das für AJ ziemlich üble Konsequenzen haben. Nicht zuletzt wegen der Ereignisse, als sie das letzt Mal bei JAG war, damals noch als Anwältin.

“Ich hatte Streit.” entschied sie sich für eine unverfängliche Version.

“Mit wem?” fragte Harm nach. Seine Stimme war ruhig, und er drängte sie zu nichts.

“Einem Freund.”

“Einem Freund?”

“Gut, du hast mich durchschaut. Mit dem Freund.” gab Nara zu und musste gegen ihren Willen schmunzeln.

“Wieso habt ihr euch gestritten?”

“Er weiß das mit uns. Und er wollte darüber reden, was ich jedoch nicht wollte.” erklärte Nara.

“Und anstatt zu dir zu fahren, wo keiner dich belästigt, da kommst du zu mir?” fragte Harm argwöhnisch.

“Ich weiß, das ist nicht unbedingt sehr logisch.” gab Nara zu. “Aber ich wollte nicht allein sein.” fügte sie sehr leise hinzu.

“Das bist du nicht, Nara. Ich bin da. Versprochen.” erwiderte Harm sanft.

*~*~*

1017 EST
JAG HQ
Falls Church, VA

Nara hatte bei Harm übernachtet. Die beiden hatten fast eine halbe Stunde gestritten, wer von ihnen auf dem Sofa schlafen sollte, und als sich Harm einfach darauf gelegt hatte, hatte Nara sich ihr Bettzeug geschnappt und es sich auf den Boden bequem gemacht. Schließlich hatte Harm aufgegeben und ihr das Sofa überlassen, um in seinem Bett zu schlafen. Als er aufgestanden war, hatte er die Wohnung leer vorgefunden. Nara war schon gegangen gewesen. Aber keine zwanzig Minuten später klopfte es an seiner Tür, und Nara schwenkte eine Brötchentüte. Sie war zu sich gefahren, um sich umzuziehen, und hatte auf dem Rückweg Frühstück besorgt. Die beiden waren in getrennten Autos zu JAG gefahren. Dort hatte Harm sich in sein Büro verzogen, Nara hatte kurz ihre Nachrichten durchgesehen, und war dann in AJs Büro marschiert.

“Wir müssen reden.” verkündete sie und setzte sich in einen der Besucherstühle, bevor AJ überhaupt von seiner Akte aufgesehen hatte. Coates schloss die Tür.

“Worüber?” erkundigte AJ sich interessiert, nahm seine Brille ab und sah Nara an.

“Über vieles. Zuallererst einmal über uns beide.” antwortete die. AJ blieb das Herz fast stehen. Wollte sie die Beziehung etwa beenden?

“Ich liebe dich. Aber ob du mich liebst, daran zweifle ich so langsam.” kam es leise von Nara. AJ war sprachlos.

“Natürlich liebe ich dich. Wie kommst du darauf, es könnte nicht so sein?” wollte er fassungslos wissen.

“Wenn wir allein sind, ja, dann kaufe ich dir das ja auch ab. Aber wenn es darum geht, das wir beide in irgendeiner Weise persönlich miteinander reden, wenn dritte im Raum sind, dann lehnst du das immer ab. Du redest mich mit ‘Special Agent’ oder nur mit meinem Nachnamen an.” hielt Nara ihm vor.

“Weil wir uns beide darüber einig waren, noch etwas zu warten.” erwiderte AJ leicht verzweifelt. Frauen, wer sollte die denn verstehen.

“Ja, das ist mir auch klar.” gab Nara zu. “Ich will nur wissen, ob du zu mir stehst. Das ist alles.” zuckte sie mit den Schultern. Ihre Stimme war leise und fast ängstlich geworden. AJ stand auf und setzte sich in den Stuhl neben sie. Er ergriff sanft ihre Hand und Nara sah ihn verwirrt an.

“Ich liebe dich. Und ich stehe zu dir. Wenn du bereit dafür bist, ich steige gern auf das Dach dieses Hauses und schreie es herunter.” bot er ihr zärtlich an. Das hatte den gewünschten Effekt bei Nara, auf ihrem Gesicht zeigte sich ein amüsiertes Grinsen.

“Nein. Nein, ist schon gut. Ich war nur verunsichert. Es lief in letzter Zeit einfach zu gut, vielleicht habe ich nach einem Grund gesucht, um einen Streit anzufangen.” lehnte Nara ab.

“Willst du noch über andere Dinge sprechen?” erkundigte AJ sich sanft.

“Offen gestanden, ja. Harm. Ich weiß, wenn wir es öffentlich machen, dann vor allen, aber er ist mein Bruder. Und du bist sein CO. Mir gefällt die Idee, das vor ihm zu verbergen, nicht sonderlich.” kam es zögerlich von Nara.

“Du kannst es ihm gern sagen. Solange er es eine Weile für sich behalten kann. Ich hab mir ein paar Gedanken gemacht. Weihnachten ist in einem Monat, und am 31. Dezember gibt es einen Ball für Militärangehörige. Ich bin sicher, die meisten bei JAG haben eine Einladung bekommen. Und auf meiner stand drauf, ich kann eine Begleitung mitbringen.” sagte AJ.

“Ich weiß, stand auf meiner auch.” bestätigte Nara.

“Okay, wieso gehen wir nicht zusammen? Wir könnten vorher erklären, dass wir mit unserer besseren Hälfte kommen. Das sollte ziemlich eindeutig sein.”

“Du willst dort als Paar aufkreuzen?” fragte Nara etwas schockiert. Das hätte sie nie für möglich gehalten.

“Ja, das will ich. Ich würde diesen Tag gern mit dir verbringen, wenn wir schon weihnachten nicht zusammen sein können.”

“Das wird uns einige ungläubige Blicke und Tuschellei einbringen.” gab Nara zu bedenken.

“Ja, und ich gedenke, dich den Anwesenden als meine Freundin vorzustellen.” nickte AJ. Nara schien kurz zu überlegen.

“Und du bist dir wirklich sicher?” fragte sie nach. AJ nickte.

“Tausendprozentig. Was sagst du?”

“Ich sage… lass es uns wagen. Ich wäre sehr gern deine Begleitung für den Ball, AJ Cheggwidden.” willigte Nara freudestrahlend ein.

“Es ist mir eine Ehre, Miss Karenkova.” erklärte AJ und hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken. Nara sah ihn leicht abwesend an.

“Was ist?” wollte AJ wissen.

“Nichts. Ich sollte mich so langsam meiner Arbeit widmen.” erklärte Nara und stand auf.

“Bitte, ich möchte es wissen.” hielt AJ sie vom gehen ab.

“Ich weiß, es ist kindisch. Aber ich hätte dich gern geküsst, das ist alles.” gab Nara zu.

“Das kannst du doch. Ich sehe niemanden, der dich daran hindert.” erinnerte AJ sie und machte einen Schritt auf sie zu.

“Deine Leute haben die Neigung, immer dann unangekündigt in einen Raum zu platzen, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann.” gab Nara zurück. “Wir holen es nach, versprochen. Heute Abend, bei mir?” erkundigte sie sich anschließend und öffnete die Bürotür.

“Gern.” nickte AJ. Nara schenkte ihm ein Lächeln, dann verschwand sie in Richtung ihres eigenen Büros.

*~*~*

24. Dezember
1947 Ortszeit
Farm von Sarah Rabb
Belleville

Harm und Nara waren sich im letzten Monat erstaunlich nahe gekommen. Zwischen den beiden herrschte jetzt ein freundschaftliches Verhältnis, das sich immer mehr festigte. Mit Mac kam Nara auch sehr gut klar, was Harm etwas erstaunt hatte. Immer, wenn Nara ihren Freund erwähnte, von dem Harm noch nie ein Bild gesehen hatte, oder sonst etwas wusste, bis auf den Namen ‘Jethro’, dann würde er dem Typen am liebsten verbieten, mit seiner jüngeren Schwester auszugehen. Aber Nara lachte dann immer nur.

Harm hatte Sergej am Flughafen abgeholt, und gemeinsam mit ihm, Nara und Mac war er nach Belleville gefahren. Es wurde zeit, seiner Mutter Mac vorzustellen, und da Mac Russisch konnte, was man von Harms Familie nicht behaupten konnte, verstand wenigstens sie die Gespräche und hitzigen Wortwechsel zwischen Sergej und Nara. Letztere schien immer noch nicht von der Unternehmung überzeugt. Die vier hatten sich zwei Motelzimmer gemietet, obwohl Harms Großmutter ihnen angeboten hatte, auf der Farm zu schlafen. Nara hatte es strikt abgelehnt, und auch Harm hielt es für besser, wenn sie zumindest zeitweise Abstand vom Rest der Familie hatten, und Nara eine Rückzugsmöglichkeit im Hinterkopf behalten konnte.

Harm hob die Hand und klopfte an der Tür des Hauses seiner Großmutter. Er und Sergej trugen beide Anzüge, und Nara und Mac Abendkleider. Macs Kleid war rot, das von Nara schwarz, und die Träger waren in ihrem Nacken verknotet. Sergejs Anzug war dunkelblau, dazu trug er ein hellblaues Hemd. Der von Harm war grau und sein Hemd dunkelblau. Sergej hatte sanft den Arm um die Taille seiner Schwester gelegt, die erstaunlich nervös war. Zum Glück öffnete Frank die Tür, das ersparte es Nara, gleich mit Harms Mutter oder gar ihrer eigenen Großmutter konfrontiert zu werden.

“Sergej, Nara, das ist mein Stiefvater, Frank Burnett. Frank, das sind Sergej Zukov und Nara Karenkova. Und das hier ist Sarah MacKenzie, Mac.” stellte Harm sie einander vor. Frank nahm Nara und Mac die Mäntel ab und hing sie weg.

“Trish und Sarah sind im Wohnzimmer. Lassen wir sie besser nicht warten.” sagte er und schenkte Nara ein aufmunterndes Lächeln. Die fünf betraten das Wohnzimmer, und Trish und Sarah erhoben sich.

“Mum, Grandma, das ist Sergej, und das-” begann Harm, doch wurde von seiner Großmutter unterbrochen.

“Sie müssen Nara sein.” wandte sie sich zielstrebig an dieselbe.

“Ja Ma’am. Misses Rabb.” verbesserte die sich schnell.

“Du kannst Sarah zu mir sagen, oder Grandma.” bat Sarah ihre Enkelin. “Du hast Harms Augen.” fuhr sie dann fort.

“Danke Ma’am. Und ich denke, ich bleibe vorerst bei Misses Rabb.” antwortete Nara distanziert. Sarah nickte verständnisvoll, und wandte sich dann Sergej und Mac zu. Und dann kam der Moment, vor dem Nara am meisten grauste, das Zusammentreffen von Sergej und ihr und Trish.

“Sergej, Nara.” nickte die den beiden kühl zu.

“Misses Burnett.” schoss Nara eiskalt zurück.

“Ich denke das Essen ist fertig.” schritt Frank ein, bevor die beiden Frauen sich noch gegenseitig an die Gurgel gehen würden.

Sarah saß an der einen Stirnseite des Tisches, die andere blieb leer. Zu ihrer rechten saßen Harm, seine Mutter und Frank, Harm gegenüber saß Mac, neben ihr Nara und Frank gegenüber saß Sergej. Frank und Harm bemühten sich um leichte Konversation, an der Nara und Trish nicht viel Interesse hatten. Nara stocherte ziemlich lustlos in ihrem Essen herum. Frank machte einen Witz, über den alle, bis auf Sergej und sie lachten. Sergej beugte sich leicht zu Nara und flüsterte der etwas ins Ohr, woraufhin die ihm auf die gleiche Weise antwortete. Als sie sich wieder richtig hinsetzte, fing sie Trishs Blick auf.

“Was?” fragte sie etwas verwirrt.

“Nichts.” schüttelte Trish den Kopf. Frank legte sein Besteck auf die Serviette. Wenn er etwas wusste, dann, dass Trish ganz sicher nicht ‘nichts’ hatte. Das schien jedoch auch Nara aufgefallen zu sein.

“Bitte, ich würde wirklich gern wissen, was Sie zu diesem Blick veranlasst hat. Klären Sie mich auf, ich warte.” beharrte Nara. Sarah und Harm legten ebenfalls ihr Besteck weg. Das konnte heiter werden.

“Finden Sie das höflich? Private Konversationen, noch dazu auf Russisch?” platze es aus Trish heraus. Naras Lippen wurden schmal und sie legte ihr Besteck betont ruhig zur Seite, und legte die Serviette auf den Tisch. Anschließend nahm sie einen kleinen Schluck Wein, mehr, um Trish zu reizen, als um sich selbst wieder unter Kontrolle zu bekommen.

“Möchten Sie mir etwas sagen?” fragte sie Trish anschließend, ohne jede Emotion in ihrer Stimme. Sergej biss sich auf die Lippen und rutschte unruhig in seinem Stuhl herum. Wenn es ein Anzeichen dafür gab, dass seine Schwester kurz vorm Platzen stand, dann war es dieser Tonfall.

“Ja. Das gerade war unhöflich und respektlos, allen anderen Anwesenden gegenüber.” kam es sofort von Trish. Nara presste die Kiefer aufeinander und ballte kurz die Fäuste, um nicht aufzuspringen und ihr eine zu scheuern. Dann hob sie den Blick und sah Trish in die Augen, wobei ihr Blick eiskalt war.

“Ich persönlich finde es etwas unhöflich, wenn man anspruchsvolle Unterhaltungen in einer Sprache führt, die einer der Anwesenden nur wenig beherrscht.” erklärte Nara wütend.

“Sergej hat den Witz nicht verstanden, und mich nur gebeten, ihm ihn zu übersetzen, was ich auch getan habe. Es ist traurig genug, dass er das nicht laut äußern kann, weil er Angst haben muss, dass Sie ihm gleich an die Gurgel gehen. Aber mich dann auch noch so runter zumachen, weil ich meinen Bruder eine Antwort auf eine Frage gegeben habe, dass ist unnötig und in höchsten Maße gehässig.” warf sie Trish an den Kopf.

“Sergej hätte laut fragen können.” verteidigte Trish sich.

“Ja, und ich bin mir sicher, Sie von allen Anwesenden, Sie hätten es ihm ruhig und sachlich erklärt.” fauchte Nara. Sergej legte seine Hand auf ihren Oberschenkel und sah sie besorgt an.

“Nara, lass, bitte.” flehte er sie leise an. “Das hat keinen Sinn.”

Nara schwieg kurz, dann sah sie ihn an und nickte.

“Du hast Recht, es hat wirklich keinen Sinn. Ich frage mich wirklich, was ich mir hierbei gedacht habe.” erklärte sie, stand auf und verließ den Raum. Harm wollte ihr nachgehen, aber Sergej hielt ihn zurück.

“Lass sie. Du erreichst jetzt sowieso nichts. Sie muss sich erst beruhigen, und wenn sie reden will, dann kommt sie von allein zurück.” erklärte er. Sarah erhob sich jedoch und folgte ihrer Enkelin.

Nara hatte sich ihren Mantel genommen und stand auf der Veranda. Sie starrte an den Himmel und trat von einem Fuß auf den anderen.

“Alles in Ordnung mit Ihnen?” erkundigte Sarah sich.

“Nein. Ich wünschte ich hätte eine Zigarette.” antwortete Nara, ohne sich umzudrehen.

“Tut mir Leid, damit kann ich nicht dienen. Wie wäre es mit einem Whiskey? Der wärmt nebenbei bemerkt.” bot Sara ihr an und trat neben ihre Enkelin. Auch sie hatte sich ihre Jacke angezogen. Nara sah kurz zu ihr, dann wandte sie den Blick wieder nach oben.

“Danke, ich bevorzuge Wodka.” sagte sie trocken. Das entlockte Sarah ein kurzes leises Lachen.

“Schlagfertig sind Sie, das muss man Ihnen lassen.” nickte sie anerkennend. Nara schwieg verbissen.

“Wissen Sie, Harm sieht aus wie sein Vater. Wirklich. Aber über die Jahre habe ich mich daran gewöhnt, und wenn Harm vor mir steht, dann sehe ich meinen Enkel, nicht meinen Sohn. A drinnen, da habe ich in Ihnen meinen Sohn wieder erkannt. Sie haben nicht nur seine Augen, Nara. Vom äußerlichen haben Sie vielleicht nicht viel von ihm, aber diese Rede da drinnen, dass hätte Harm sr sein können. Ihr Temperament, Ihre Redegewandtheit, wie Sie für Ihren Bruder eingetreten sind, dass erinnert mich sehr an meinen Sohn.”

“Mein Temperament hat wenig mit meinem Vater zu tun, das sind das russische Blut in meinen Adern und die Tatsache, dass ich stinksauer war. Meine Redegewandtheit hat wohl eher etwas mit der Tatsache zu tun, das ich Anwältin war, und öfter Verdächtige beim NCIS verhört habe. Und dass ich für Sergej eintrete, das ist meine Vorstellung von Familie.” widersprach Nara energisch.

“Wie lange schon reden Sie sich das ein? Seit Ihre Mutter gesagt hat, wie sehr sie Harm sr charakterlich ähneln?” wollte Sarah wissen.

“Wie lange reden Sie sich schon ein, dass Ihr Sohn da oben ist und auf Harm aufpasst?” gab Nara zurück. “Länger als es tatsächlich so ist, soviel ist sicher. Ich verrate Ihnen ein Geheimnis. Ich bin nicht ihr Sohn, Sergej ist nicht ihr Sohn. Und ich persönlich habe keinerlei Interesse an meinem Erzeuger. Es tut mir Leid, Sarah. Dass Sie ihn verloren haben, dass er nie sehen konnte, was aus Harm geworden ist und nie seinen und Trishs Traum von einer Familie erleben konnte. Aber dafür kann ich nichts. Und auch Sergej nicht. Was damals zwischen Tete und meiner Mutter gelaufen ist, das geht nur die beiden etwas an. Und das sollten Sie und Trish akzeptieren, auch wenn es schwer fällt.” erklärte sie ruhiger. Sarah beobachtete sie lange schweigend.

“Kommen Sie, gehen wir ein Stück.” bat sie Nara dann und ging die Verandastufen hinunter. Nara blieb jedoch stehen.

“Misses Rabb, ich-”

“Bitte. Ich möchte mich mit Ihnen unterhalten.” unterbrach Sarah sie sanft. Nara seufzte leise und folgte ihr dann in die Dunkelheit.

“Es muss sehr schwer für Sie gewesen sein.” sagte sie leise, als sie und ihre Enkelin nebeneinander hergingen. “Ein neues Land, weit weg von der Mutter und dem Bruder, eine neue Kultur und Sprache.”

“Ich hatte Juri. Und das neue Land und die Sprache waren nicht das Problem.” zuckte Nara mit den Schultern.

“Wie alt waren Sie damals?”

“Vier. Nein, noch nicht einmal das, meinen vierten Geburtstag hatte ich erst, nachdem wir schon in Amerika waren.”

“Was war das schlimmste?”

“Die Blicke der Menschen hier. Ihre Blicke und der Gesichtsausdruck, wenn Juri und ich Russisch gesprochen haben. Wenn er versucht hat, auf Englisch etwas zu sagen. Der Hass und das Misstrauen. Ich weiß, es herrschte der Kalte krieg zwischen der UdSSR und den USA, aber als Kind habe ich es nie verstanden. Ich habe meine Mutter nie als Kommunistin gesehen, und Juri war kein Sowjet. Im Gegenteil, die Führung der UdSSR hat ihn bespitzelt, weil er nichts mit Sozialismus und Kommunismus zu tun haben wollte. Aber die Leute hier hat das wenig interessiert.” schüttelte Nara den Kopf.

“Wenn Ihnen hier nur solche Reaktionen entgegengeschlagen sind, wieso sind Sie zu den Streitkräften gegangen? Und nicht wieder ausgewandert, als Sie volljährig wurden?”

“Ich bin Amerikanerin. Ich bin hier aufgewachsen, meine ganzen Erinnerungen bis auf sehr wenige Ausnahmen verbinde ich mit diesem Land. Russland ist mir fremd geworden, mit jedem Tag, den ich hier war ein Stück mehr. Sicher, Sergej lebt dort, und meine Mutter. Aber um ehrlich zu sein, ich kenne meinen eigenen Zwillingsbruder kaum. Und meine Mutter noch viel weniger. Man hat es uns sehr schwer gemacht, ich habe Sergej so lange nicht gesehen, meine Mutter nach Ende des Kalten Krieges auch nur drei Mal. Von der Denkweise habe ich sicher mehr mit Harm gemeinsam als mit ihr. Aber ich bin ihr sehr, sehr dankbar. Sie hat mir die Chance gegeben, eine Zukunft zu besitzen, eine lebenswerte Zukunft. Sie war bereit, mich wegzugeben, wenn es mir dadurch besser ging.”

“Sie sollten mit Trish reden. Nein, bitte, hören Sie mir zuerst zu. Sie ist wütend, auf meinen Sohn. Weil er nicht zu uns gekommen ist, als er geflohen war. Weil er eine Beziehung zu einer anderen Frau hatte, während sie um ihn getrauert hat und Harm allein großziehen musste.”

“Was hat sie erwartet? Das er sich beim nächsten Polizisten meldet und sagt ‘Ich bin Amerikaner, und aus der Kriegsgefangenschaft geflohen, bitte lasst mich in mein Land zurückkehren.’? Man hätte ihn wieder in Kriegsgefangenschaft genommen, und dort wäre er gestorben. Ich glaube nicht, dass Tete sich diesen Entschluss leicht gemacht hat. Und er wäre sicher gern bei seinem Sohn gewesen. Ich weiß von Juri und meiner Mutter, dass er ständig von Harm gesprochen hat. Er hätte es sicher versucht, wenn auch nur um seines Sohnes Willen. Aber das hätte Harm auch nicht geholfen, er hätte seinen Vater nicht mehr gesehen.”

“Das versuche ich ihr auch klar zu machen…” seufzte Sarah. “Sergej ist sehr nach eurer Mutter geraten, du im Großen und Ganzen auch.”

“Ist das ein Kompliment?” fragte Nara mit einem Schmunzeln.

“Eine Feststellung. Sergej hat das Grinsen von eurem Vater, und du die Augen und teilweise auch seinen Gesichtsausdruck.”

“Das höre ich zum ersten Mal.”

“Wenn dich etwas aufregt und du versuchst, dich wieder zu beruhigen. Wie dein Lachen aussieht, kann ich leider nicht sagen, ich habe dich seit du hier bist noch nicht einmal richtig lächeln sehen.” kam es von Sarah. “Du wärst lieber woanders, oder?”

“Ja. Ja, das stimmt.” seufzte Nara. “Aber nicht aus dem Grund, den Sie annehmen.”

“Ein Mann?”

“Nicht ein Mann, DER Mann.” sagte Nara sanft. “Wir wollten Weihnachten zusammen verbringen.”

“Ich glaube deinem Bruder ergeht es nicht anders. Ich bin sicher, er kann sich etwas Besseres vorstellen, als Weihnachten hier zu verbringen.”

“Das denke ich nicht. Sergej und ich haben in dieser Beziehung wenig Ähnlichkeit. Als Harm auf der Bildfläche seines Lebens erschien, und ich Sergej bat, ihm nichts von mir zu erzählen, hat er das nicht verstehen können. Sergej will den Kontakt, er will wissen, zu welcher Familie Harm gehört und er vielleicht auch hätte gehören können. Ich hingegen…” erklärte Nara und verstummte.

“Du ziehst die Einsamkeit vor.”

“Nicht die Einsamkeit. Ich bin gern unter Leuten, ich brauche einen Freundeskreis und eine Familie, die mir Rückhalt gibt. Aber meine Definition von Familie sieht anders aus als die, die Sergej hat. Ich kann es nicht erklären, aber für mich gehören nur Harm und Sie zu meiner Familie in den Vereinigten Staaten, und in Russland meine Mutter, Sergej und seine Freundin. Früher gehörte Juri auch noch dazu, aber er ist leider gestorben. Harms Mutter, sein Stiefvater, und die restliche Verwandtschaft von Harm, an der habe ich kein Interesse. So hart das auch klingen mag, mir liegt nichts an Trish und ihrer Meinung über mich. Ich kenne diese Frau nicht, und ich bin der Meinung, dass sie sich kein Urteil über mich und mein Leben erlauben sollte. Ich tue das ja schließlich auch nicht.”

“Nicht?” fragte Sarah herausfordernd. Nara sah sie fragend an.

“Du lehnst sie ab, ohne sie auch nur ein Mal gesehen zu haben. Du kennst sie genauso wenig, wie sie dich kennt.” erklärte Sarah ihrer Enkelin.

“Kennst… Kennen Sie die Geschichte über Tete und Trish und ihre Pläne wenn er erst einmal wieder zu Hause wäre, nach dem Krieg?” erkundigte Nara sich. Sie könnte sich für ihren Versprecher ohrfeigen.

“Nein, die kenne ich nicht. Und ich habe nichts dagegen, wenn du mich duzt, Nara.” antwortete Sarah sanft.

“Die beiden haben sich noch ein Kind gewünscht. Ein Mädchen. Mit seinen Augen und ihrem Lachen. Eine kleine Schwester für Harm, die er beschützen würde.” kam es leise von Nara.

“Und du denkst, Trish lehnt dich deswegen ab?”

“Was soll ich denn sonst denken?!” rief Nara hilflos aus. “Ihr Mann hat sich ihren gemeinsamen Traum mit einer anderen Frau erfüllt. Auch wenn er selbst wenig davon hatte.”

“Trish ist klar, das du nichts dafür kannst.”

“Ach wirklich?” kam es nur von Nara.

“Du bist sehr stur, Nara.”

“Danke.”

Sarah sah die junge Frau ratlos an.

“Bist du immer so? So abweisend gegenüber den Menschen, die dir helfen wollen?” fragte sie ihre Enkelin leise. Damit hatte Nara nicht gerechnet.

“Ich bin nicht abweisend, wenn es so ankommt, dann tut mir das Leid. Aber ich kenne Sie nicht, Sarah. Ich weiß nichts über Sie. Wie soll ich Ihnen dann bitte vertrauen?” wollte Nara wissen.

“Reicht dir mein Wort nicht?” wollte Sarah wissen. Darauf wusste Nara keine Antwort.

“Wir sollten zurückgehen die Geschenke warten.” erklärte Sarah nach einer Weile. Sie und Nara kehrten zum Haus zurück. Keiner der anderen sagte etwas, Harm nahm seiner Großmutter den Mantel ab, und Frank reichte Nara einen Becher heißen Glühwein, damit die sich aufwärmen konnte.
Die anderen tauschten untereinander Geschenke aus, Nara, Sergej und Mac standen etwas außen vor und beobachteten sie.

“Alles in Ordnung?” erkundigte Sergej sich leise bei seiner Schwester. Die nickte stumm und drückte sanft seine Hand.

“Wir sollten wieder zum Motel fahren. Bevor es mit Schneien anfängt.” meldete Harm sich dann zu Wort. Bevor sie in das Auto stiegen, gab Sarah Sergej und Nara beiden ein Geschenk.

“Macht es nachher auf. Bitte.” bat sie die beiden. Die nickten und stiegen stumm in das Auto.

*~*~*

Hier geht’s zum dritten Teil


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