Symphony Of Love and Longing (3)
25. Dezember
0904
Motel von Belleville
Harm und Mac teilten sich während des Aufenthaltes ein Zimmer, Sergej und Nara hatten sich Einzelzimmer gebucht. Sergej, Harm und Mac saßen schon beim Frühstück, als auch Nara zu ihnen stieß. Sie sah allerdings nicht sehr erholt aus, ihre Haut war blass bis auf die dunklen Augenringe. Harm wäre fast die Kaffeetasse aus der Hand gefallen, als er seine Schwester so sah. Sonst war sie das sprühende Leben, und jetzt rannte sie herum wie ein Zombie.
„Morgen.“ kam es etwas knurrig von Nara. Sie goss sich Kaffee ein und trank erst einmal einige Schlucke.
„Morgen. Schlecht geschlafen?“ erkundigte Harm sich. Mac stand auf, um sich noch etwas vom Büffet zu holen, und Sergej nutzte die Gelegenheit ebenfalls, um nicht bei der nächsten Diskussion anwesend zu sein.
„Ja. Die Betten sind grausam, und vor dem Fenster sind nur Vorhänge. Außerdem macht mich das Summen der Heizung wahnsinnig.“ kam es gereizt von Nara.
„Okay, was ist wirklich los?“ hakte Harm sanft nach. Nara sah ihn kurz stumm an, dann zog sie ein laminiertes Foto aus ihrer hinteren Hosentasche. Das Bild, das Harm seit ewigen Zeiten mit sich herum trug.
„Wo… wo hast du das her?“ fragte er heiser, als er sich das Bild ansah.
„Sarah. Sie hat mir ein Fotoalbum geschenkt. Mit Bildern von Tete allein, ihm, dir und Trish, und auch mit Bildern von dir und Sarah.“ antwortete Nara abwesend.
„Wow. Das muss sie einiges an Zeit gekostet haben.“ staunte Harm. Aber so war seine Großmutter, für die Familie würde sie noch viel mehr tun.
„Harm, nimm es mir bitte nicht übel, aber könntest du ihr bitte sagen, dass sie übertreibt?“ bat Nara ihn schroff.
„Wieso? Sie meint es doch nur gut.“
„Genau das ist ja das Problem!“ rief Nara laut aus. „Ich will das nicht, Harm. Und ich dachte, das wäre zumindest dir klar. Ich bin nicht soweit, das geht mir zu schnell. Ich kenne dich kaum, und sie kenne ich gar nicht. Was soll das? Ich bin für sie eine Fremde, ist es zuviel verlangt, das sie mich als solche behandelt?!“
„Hörst du dir eigentlich selbst manchmal zu? Nara, du bist ihre Enkelin, sie kann dich doch nicht behandeln wie irgend jemanden, den man zufällig auf der Straße getroffen hat.“ hielt Harm dagegen.
„Hör zu, ich komme heute nicht mit. Ich will keine Widerrede hören. Sag ihr… sag ihr ich hab mich über das Album gefreut. Aber lass mich bitte für den Rest des Tages allein. Ihr alle. Ich… ich kann nicht mehr. Tut mir Leid.“ erklärte Nara, stand auf und verließ den Raum, um in ihr Zimmer zurückzukehren.
*~*~*
2118
Motel von Belleville
Zimmer von Nara Karenkova
Harm, Sergej und Mac hatten den Tag wieder auf der Farm verbracht. Sarah schien sich Sorgen um Nara zu machen, aber Harm schaffte es mit Sergejs Hilfe, sie wieder zu beruhigen. Im Verlauf des Tages war Sergej jedoch immer stiller geworden, und kaum waren sie zurück im Motel, klopfte er auch schon an Naras Zimmertür. Die ließ ihn eintreten und kroch dann wieder in ihr Bett, während Sergej sich in den Sessel setzte.
„Und, wie war es?“ erkundigte Nara sich.
„Ganz nett.“ zuckte Sergej mit den Schultern und sah seine Schwester besorgt an.
„Was?“
„Alles in Ordnung mit dir?“ fragte Sergej sanft nach.
„Nein. Ich will weg von hier, zurück nach Washington und zu Jethro.“ schüttelte Nara den Kopf und vergrub ihr Gesicht kurz im Kissen. Sergej zog sich die Schuhe aus und schlüpfte neben seiner Schwester unter die Bettdecke.
„Er fehlt dir sehr, hm?“
„Ja. Ich wäre so gern bei ihm.“ nickte Nara hilflos und ließ sich von ihrem älteren Bruder in die Arme nehmen.
„Ist gut, du siehst ihn ja wieder.“ versuchte Sergej sie zu trösten.
„Aber erst in drei Tagen.“ jammerte Nara.
„Hey, jetzt werd ich aber langsam eifersüchtig. Wir haben uns ewig nicht gesehen, und den siehst du sonst jeden Tag.“ lachte Sergej auf. Nara lächelte leicht.
„Du hast mir auch gefehlt. Sogar noch ein bisschen mehr.“ erwiderte sie und kuschelte sich glücklich an ihn. Sergej hauchte ihr einen sanften Kuss auf die Stirn.
„Ich hab dich auch vermisst, Schwesterlein.“ flüsterte er leise. Die beiden redeten noch leise miteinander, bis sie einschliefen.
*~*~*
1040
Motel von Belleville
Zimmer von Nara Karenkova
Harm und Mac hatten gefrühstückt und gemeinsam auf Sergej und Nara gewartet. Doch die beiden waren nicht aufgetaucht. Langsam fing Harm an, sich Sorgen um die beiden zu machen. Also beschlossen sie, nachsehen zu gehen. Als sie an Sergejs Zimmertür klopften, antwortete niemand, und das Zimmer war abgeschlossen. Bei Nara klopfte Harm gar nicht erst, sondern testete gleich, ob offen war. Das war es auch. Er und Mac betraten das Zimmer, und fanden Sergej und Nara so vor, wie sie am Abend zuvor eingeschlafen waren, Nara mit dem Kopf auf Sergej Oberkörper, und Sergejs Arme, die sie fest an ihn drückten.
„Sieh dir das an.“ flüsterte Harm leise.
„Richtig friedlich.“ gab Mac genauso leise zurück.
„Wir sollten sie wecken.“ sagte Harm und ging leise zu dem Bett. Er stellte etwas überrascht fest, wie glücklich Nara aussah. Auf ihrem Gesicht lag ein zufriedenes Lächeln, und sie wirkte vollkommen entspannt. Langsam streckte Harm die Hand aus und berührte Sergej sanft an der Schulter. Der gab einen Seufzer von sich, schlief aber weiter. Harm versuchte es nochmals.
„Sergej, aufwachen.“ zischte er leise, um Nara nicht unbedingt zu wecken. Sergej schlug langsam die Augen auf und sah seinen Bruder verwirrt an.
„Harm? Wie spät ist es?“ fragte er müde und machte den versuch, sich zu strecken.
„1045. Pass auf, du weckst Nara.“ erinnerte Harm ihn leise. Sergej wandte den Kopf etwas nach unten und sah seine schlafende Schwester zärtlich an.
„Wir lassen euch dann allein.“ meldete Mac sich zu Wort und zog Harm an der Hand mit nach draußen, der die Tür hinter den beiden schloss. Das Klicken des Schlosses schien Nara geweckt zu haben. Sie streckte sich etwas, vergrub dann aber ihr Gesicht wieder in Sergejs Oberkörper.
„Isch will nisch aufstehn.“ nuschelte sie müde. Sergej konnte ein stummes Lachen nicht unterdrücken.
„Heute ist der 26. Dezember. Noch zwei Tage, Nara. Zwei Tage, und du kannst wieder nach hause.“ erinnerte er sie und strich ihr sanft durch das Haar. Nara hob den Kopf und sah ihn gefrustet an.
„Wie kann man nur so gute Laune haben?“ fragte sie mürrisch.
„Ich stell mir nur gerade vor, was Harm und Mac getan hätten, wenn sie uns so gefunden hätten, bevor Harm erfahren hat, das du meine Schwester bist.“ grinste Sergej. Nara starrte ihn nur sprachlos an. Dann nahm sie das Kissen und warf es ihm ins Gesicht. Anschließend drehte sie sich auf die Seite und schloss die Augen.
„Lass mich schlafen.“ knurrte sie wütend. Sergej stand auf und verließ den Raum. Kaum war die Tür hinter ihm zu, drehte Nara sich auf den Rücken und starrte an die Decke.
„Ich hasse Feiertage.“ stöhnte sie leise und legte ihren Arm über ihr Gesicht. Keine halbe Stunde später flog die Zimmertür auf, und Sergej zog sie aus dem Bett. Er nahm den Stapel sauberer Wäsche vom Stuhl, drückte ihn Nara ihn die Hand und schob die in das angrenzende Bad.
„Harm will uns die Farm zeigen. Beeil dich.“ forderte er Nara auf und schloss die Tür hinter ihr. Die sah nur sprachlos zwischen den Sachen und der ihr soeben vor der Nase zugeschlagenen Badtür hin und her.
*~*~*
1208
Farm von Sarah Rabb
Belleville
„Oh, ihr seid es. Kommt doch herein, ich hatte schon Angst, ihr würdet gar nicht mehr auftauchen.“ freute Sarah sich, als sie die Haustür öffnete, und Harm, Mac, Sergej und Nara vorfand. Harm schoss seiner Schwester einen viel sagenden Blick zu. Frank und Trish waren schon gestern nach La Jolla zurückgekehrt.
„Tut uns Leid, einige von uns hatten etwas die Zeit vergessen.“ entschuldigte Harm sich.
„Ist schon gut, das macht doch nicht. Essen ist gleich fertig, ihr könnt euch schon setzen.“ wischte Sarah die Entschuldigung beiseite. Sie verschwand in der Küche, während die vier am Esstisch Platz nahmen. Kurz darauf kam Sarah wieder, um Harm zu holen, damit er ihr beim Tischdecken helfen konnte. Die beiden brachten die Teller und stellten sie vor jedem einen ab.
„Ich hoffe, es schmeckt euch.“ erklärte Sarah, und sie begannen zu essen. Harm hatte kein Fleisch, die anderen dafür Schweinebraten. Was Nara nicht unbedingt zu gefallen schien, da sie ihn konsequent ignorierte.
„Bist du Vegetarierin?“ erkundigte Sarah sich überrascht. Sie hätte schwören können, das Nara das Putenfleisch an Weihnachten mitgegessen hatte.
„Fast. Ich esse nur Geflügel. Aber ich bin sicher, es schmeckt gut.“ antwortete die. Harm warf seiner Schwester einen warnenden Blick zu, und die warf ihre Serviette auf den Tisch.
„Weißt du, du solltest der letzte sein, der sich über meine Essgewohnheiten was Fleisch betrifft beschwert.“ fauchte Nara sauer.
Sarah sah kurz zwischen den beiden hin und her. Dann entschied sie sich, einzugreifen.
„Harmon iss, und lass deine Schwester in Ruhe.“ wies sie ihren Enkel an. Der sah sie mit offenem Mund an.
„Jetzt schau nicht so, sie hat Recht. Du isst auch kaum Fleisch, lass sie doch ihre eigenen Entscheidungen treffen.“ erklärte Sarah.
„Danke Sarah.“ kam es von Nara und sie warf Harm einen trotzigen Blick zu.
„Ja, danke Grandma.“ rollte Harm mit den Augen. Alle aßen eine Weile schweigend weiter, bis Sarah der Blick auffiel, mit dem Harm seine Schwester bedachte.
„Weißt du, Harm, ich erinnere mich da an eine Szene, da warst du ungefähr dreizehn, und ihr habt bei mir übernachtet. Zu Essen gab es Schmorbraten. Soll ich weitererzählen?“ bot Sarah ihm an. Nara und Sergej horchten auf, ebenso Mac. Harm schüttelte den Kopf.
„Oh, das würde ich zu gern hören.“ kam es von Nara. Sergej nickte eifrig, und auch Mac tat ihre Zustimmung kund.
„Harm wollte nichts von dem Fleisch. Und Trish hat seine Ablehnung als Herausforderung angesehen, ihn doch dazu zu bringen, sein Fleisch zu essen. Es hat damit geendet, dass Harm die nächste Woche Hausarrest hatte. Aber seit diesem Tag ist er fast vollkommener Vegetarier.“ erklärte Sarah.
„Die Verlockung des Verbotenen. Wenn jemand dagegen redet, will man es umso mehr.“ kam es von Nara und sie sah Harm amüsiert an.
„So war es zwar nicht ganz, aber Mums Gegenrede hat mich in meinem Entschluss nur bestätigt.“ gab Harm zu.
„Zum Glück hast du dich nicht entschlossen Veganer zu werden.“ lachte Sarah auf. Mac und Sergej fielen mit ein, und auch Nara konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Plötzlich klingelte jedoch ihr Handy, und sie sah verwirrt auf das Display.
„Entschuldigt mich.“ bat sie, und verließ den Raum, um in die angrenzende Küche zu gehen. „Hey, alles in Ordnung bei dir?“
Die anderen konnten Naras Seite der Unterhaltung mithören.
„Dir auch schöne Weihnachten. Ich hab versucht, dich zu erreichen… Ach so. Sag schöne Grüße, oder nein, besser nicht… Ganz gut, besser als am Anfang auf jeden Fall. Du fehlst mir aber trotzdem… Ich weiß, aber das ist mir einfach zu lang. Vielleicht schaffen wir es nächstes Jahr… Ja, ich gedenke dann noch mit dir zusammen zu sein. Und noch eine ganze Weile darüber hinaus… Ich auch. Lass dich nicht unterkriegen… Ich liebe dich. Bye.“
Kurz darauf kam Nara wieder und setzte sich. Ihr entgingen nicht die neugierigen Blicke der anderen.
„Was? Hab ich grüne Punkte im Gesicht?“ fragte sie etwas verunsichert.
„Nein. War das dein geheimnisvoller Freund?“ erkundigte Harm sich.
„Ich wüsste zwar nicht, was dich das angeht, aber ja, du hast Recht, er war es.“
„Denkst du nicht, wir sollten ihn so langsam einmal kennen lernen? Wenn du ihm schon sagst, dass du ihn liebst, dann scheint es ja sehr ernst zu sein.“
„Harm, halt dich doch bitte aus meinem Liebesleben heraus.“ bat Nara ihn ein wenig unsanft. „Außerdem hatte ich daran gedacht, mit ihm zum Sylvesterball zu gehen, damit er dich kennen lernt.“ fügte sie dann hinzu und widmete sich wieder ihrem Essen.
*~*~*
31. Dezember
2008 EST
Ballsaal der Marineakademie
Annapolis, VA
Die zwei Tage, die die vier noch bei Harms Großmutter verbracht hatten, waren recht gut gelaufen. Nara verlor nach und nach ihre Abneigung und taute ihrer Großmutter gegenüber spürbar auf. Sie hatte ihre Kälte verloren und benahm sie höflich und rücksichtsvoll, jedoch ohne große Zuneigungsbekundungen zuzulassen.
Wieder zu Hause zog Nara sich sofort wieder in ihr Privatleben zurück. Harm hatte sie die zwei Tage bei JAG kaum zu Gesicht bekommen, und sein Angebot, sie zu dem Ball mitzunehmen, hatte sie sofort ausgeschlagen und ihm erklärt, er solle lieber mit Mac gehen, sie würde mit Jethro kommen.
Auf der einen Seite wollte Harm den Mann unbedingt kennen lernen. Er musste Nara viel bedeuten, wenn sie offen sagte, dass sie ihn liebte. Aber auf der anderen Seite würde er ihm am liebsten den Hals umdrehen. Er hatte sich während des Urlaubes nur ein einziges Mal gemeldet, obwohl er anscheinend genau wusste, wie sehr es Nara verletzte, ihn nicht erreichen zu können. Und Harm hatte sich geschworen, wenn dieser Typ Nara je verletzten sollte, dann würde er ihm wirklich den Hals umdrehen.
Aber nicht heute. Heute würde er mit seiner Freundin und seiner Schwester in ein neues Jahr hinein feiern. Mac sah einfach umwerfend aus. Das burgunderfarbene Kleid stand ihr hervorragend, der Ausschnitt war tief genug, aber auch nicht zu tief, und ihre Haare fielen ihr sanft über die Schultern. Harm trug seine Galauniform, und die beiden tanzten ausgelassen. Nara und ihr Freund waren bis jetzt nirgends zu sehen, was Harm auch nicht weiter erstaunte. Der Einlass hatte erst vor einer halben Stunde angefangen, und wie er Nara kannte, würde die sich nicht darum reißen, gleich unter den ersten Anwesenden zu sein. Das gab ihr die Chance, den etwas unliebsameren Kollegen aus dem Weg zu gehen, ohne das es gleich auffiel.
Harm und Mac legten gerade eine kleine Pause ein, und unterhielten sich mit ihren Kollegen. Bud und Harriet hatten einen Babysitter für AJ und Jimmy gefunden, und Sturgis hatte Varise mitgebracht, auch Coates befand sich in männlicher Begleitung.
„Haben Sie Special Agent Karenkova gesehen?“ erkundigte Coates sich bei Harm.
„Nein. Aber ich bin sicher, Nara kommt noch.“ antwortete der. Es wussten zwar alle, das Nara seine Schwester war, aber sie schienen ausnahmslos Harm gegenüber den Titel von Nara vorzuziehen, anstatt sie mit seiner Schwester zu betiteln. Was ihm auch nicht sonderlich gefallen hätte. Schließlich arbeiteten sie alle miteinander.
*~*~*
gleiche Zeit
außerhalb des Ballsaales
AJ hatte Nara bei ihr abgeholt und war dann zur Marineakademie gefahren. Auch er trug seine Galauniform, Nara im Gegensatz zu Mac jedoch ein schwarzes Kleid. Sie hatte zwei Haarsträhnen an den Seiten ihres Kopfes nach hinten gezogen und sie mit einer Spange am Hinterkopf gefestigt, sodass der Rest ihrer Haare ihr zwar offen über die Schultern und den Rücken fiel, jedoch nie in ihr Gesicht, und sie davor bewart wurde, aus Nervosität mit einer Haarsträhne zu spielen. Was sie schon mehrfach an diesem Abend vorgehabt hatte. Sie war in ihrem ganzen Leben noch nie so aufgeregt gewesen. Nicht nur würde heute Harm erfahren, wer eigentlich die ganze Zeit hinter dem Namen Jethro steckte, sondern sie würden auch dem Rest der JAG-Belegschaft reinen Wein einschenken. Mehr als einmal hatte sich bei Nara die angst geregt, das jemand auf die Idee kommen könnte, sie und AJ hätten schon bei ihrer ursprünglichen Dienstzeit im HQ etwas miteinander gehabt. Das würde das Ende von seiner Karriere bedeuten, und nicht nur dass, alle beide würden wegen Fraternisierung vor Gericht landen. War es das wirklich wert?
„Hey, alles in Ordnung?“ erkundigte AJ sich und strich ihr sanft über die Wange. Nara schreckte aus ihren Gedanken auf, und ein Blick in seine Augen genügte ihr als Antwort auf ihre Frage. Für diese Liebe würde sie noch viel mehr tun als eine Verurteilung vor einem Militärgericht zu provozieren.
„Du scheinst schon die ganze Zeit so abwesend zu sein.“
„Mir geht es gut. Es ist nur… willst du das wirklich? Dass es alle wissen?“ wollte Nara nochmals wissen.
„Ja, das will ich. Ich liebe dich, und ich stehe zu dir. Egal was die anderen denken.“ antwortete AJ geduldig. Nara atmete erleichtert aus.
„Das wirst du mir heute sicher noch öfter sagen müssen.“ erwiderte sie mit einem schwachen Lächeln.
„Kein Problem. Solange du es auch willst.“
„Definitiv. Aber vielleicht war die Idee hier nicht ganz so klug.“
„Wir werden sehen.“ zuckte AJ mit den Schultern. Er hielt ihr seinen Arm hin, und Nara hakte sich nur zu gern unter. Sie hatte das Gefühl, ihre Beine würden gleich unter ihr Nachgeben. So betraten sie den Ballsaal. Nara sah sich sofort unauffällig um, um Harm und Mac in der Menge ausfindig zu machen, was ihr jedoch nicht gelang.
„Siehst du sie?“ erkundigte AJ sich. Die beiden hatten sich mittlerweile gegenüber gestellt, damit sie sich ansehen konnten. Nara schüttelte leicht den Kopf.
„Nein, weder die beiden, noch einen der anderen. Und jetzt?“ wollte sie nervös wissen.
„Wieso vergessen wir sie nicht für eine Weile. Hast du Lust zu tanzen?“ fragte AJ sie sanft.
„Nichts würde ich lieber tun.“ antwortete Nara freudestrahlend. Wie sie diesen Mann liebte. AJ hielt ihr wieder seinen Arm hin, und führte sie zur Tanzfläche. Es erklang ein Walzer, und er zog Nara sanft an sich. Die ließ sich nur zu bereitwillig von ihm führen und genoss die Nähe zu ihm. Er hatte ihr gefehlt, seit sie von dem Kurztrip zu Sarah wieder da war hatten die beiden kaum eine freie Minute zusammen gehabt, bei JAG war die Hölle los, beide hatten mit der Arbeit alle Hände voll zu tun gehabt. Aber jetzt konnte sie endlich wieder etwas Zeit mit ihm verbringen.
„Du hast mir gefehlt.“ erklärte sie und sah ihm tief in die Augen.
„Du mir auch. Sehr sogar. Du bewahrst mich davor, durchzudrehen. Ich liebe dich.“ erwiderte AJ sanft.
„Ich dich auch.“ kam es zärtlich von Nara. Das Lied endete, und die beiden küssten sich sanft. Als sie sich trennten und Nara die Augen öffnete, sah sie über AJs Schulter acht aufgerissene Augenpaare. So hatte das eigentlich nicht laufen sollen.
„Wir haben Zuschauer. Hinter dir.“ flüsterte Nara und sah kurz in die Richtung von Harm und den anderen.
„Haben sie das gesehen?“ fragte AJ ohne viel Hoffnung.
„Ich befürchte das haben sie. Und es hat sie sprachlos gemacht.“ antwortete Nara.
„Dann sollten wir es ihnen wohl erklären.“ seufzte AJ. Nara hakte sich bei ihm unter und beide machten sich auf den Weg zu den anderen.
Bud, Harriet, Sturgis, Varise, und Coates standen alle mit leicht geöffnetem Mund da und widerstanden wohl nur mit größter Anstrengung dem Drang, sich ungläubig die Augen zu reiben. Mac sah zwischen Nara und AJ sowie Harm hin und her, und Harm… hatte die Arme verschränkt und starrte seine jüngere Schwester mit einer Mischung aus Entsetzen, Verständnislosigkeit und… ja, und was eigentlich an? War das wirklich Ekel? Oder doch nur Empörung?
„Admiral, Sir.“ Bud war der erste, der die Sprache wieder fand, als AJ und Nara gleichauf waren.
„Lieutenant.“ nickte AJ ihm zu. Nara warf einen kurzen Blick in Harms Augen, sah dann aber sofort weg.
„Ich denke, wir sollten etwas erklären.“ meldete sie sich zu Wort und sah AJ kurz an.
„Der Special Agent und ich sind ein Paar.“ erklärte er ohne Umschweife. Nara konnte ein leichtes Grinsen nicht unterdrücken. Soviel zum Thema schonend und langsam.
„Findest du das witzig?“ fragte Harm sie scharf. Naras Lächeln gefror. Bevor sie jedoch etwas sagen konnte, mischte AJ sich ein.
„Möchten Sie etwas sagen, Comander?“
„Bei allem nötigen Respekt, Sir, ich spreche mit meiner Schwester.“ fauchte Harm seinen CO an. Er konnte einfach nicht glauben, was sich da gerade abspielte.
„Comander, Sie werden Nara gegenüber auf der Stelle einen anderen Ton anschlagen. oder-“ begann AJ kochend.
„AJ, bitte. Lass es.“ brachte Nara ihn sanft zum Schweigen. „Bitte Harm, was möchtest du mir sagen?“
„Spinnst du? Hast du vollkommen den Verstand verloren? Du schläfst seit Monaten mit meinem CO, Nara! Was geht in deinem Kopf vor?“ hielt Harm ihr wütend vor.
„Ich schlafe nicht mit deinem CO, Harm. Zumindest habe ich das nie so gesehen. Tut mir Leid, wenn ich dich nicht um Erlaubnis bitte, in wen ich mich verlieben darf und in wen nicht.“ schoss Nara zurück. Sie hielt diesmal Harms eisigem Blick stand.
„Wie lange geht das schon so? Seit du bei JAG bist? Oder hattet ihr vorher auch schon etwas miteinander?“ wollte Harm enttäuscht wissen.
„Kann ich dich bitte ganz kurz allein sprechen?“ bat Nara ihn gepresst und zog ihn kurzerhand von den anderen weg.
„Was zum Teufel-“ wollte Harm sich wehren.
„Halt die Klappe!“ fauchte Nara ihn an und blieb stehen. „Was ist los mit dir? Was bildest du dir eigentlich ein, so mit mir zu sprechen? Noch dazu vor unseren Kollegen?“
„Was bildest DU dir denn ein?“
„Harm, komm runter. Genau deshalb habe ich es dir bis jetzt nicht gesagt. Ich wusste, dass du so reagierst. Du siehst nur, was es für dich für Auswirkungen hat. Aber auf die Idee, dass mir das hier wichtig ist, und ich sehr gern mit AJ zusammen bin, auf die Idee kommst du ja gar nicht. Ich bin diejenige, die es von Anfang an geheim halten wollte. Damit hat er nichts zu tun. Aber diese Beziehung könnte das Ende seiner Karriere sein, Harm, und dafür will ich nicht verantwortlich gemacht werden.“ schnaubte Nara verletzt. „Wieso kannst du dich nicht eine Sekunde für mich freuen? Oder für deinen CO?“
Harm sah sie sprachlos an. Damit hatte er nicht gerechnet.
„Ist es dir ernst?“ fragte er leise.
„Sehr sogar. Ich… ich liebe ihn. Und ich war noch nie in meinem ganzen Leben so glücklich mit jemandem zusammen, oder habe mich so sicher und geborgen gefühlt.“ antwortete Nara ehrlich.
„Er könnte dein Vater sein, ich hoffe das ist dir klar.“
„Das ist es. Und ich weiß, dass Francesca nicht viel jünger ist als ich. Aber die Liebe kennt keine Altersunterschiede.“
„Nara… Nimm es mir bitte nicht übel, aber das gefällt mir nicht. Du bist jung, du solltest mit Gleichaltrigen ausgehen, tanzen gehen, deinen Spaß haben. Und dich nicht an jemanden binden, der fast doppelt so alt ist wie du.“
„Das hatte ich schon. Den Spaß, die Dummheiten, und ich bin jedes Mal wieder der Länge nach hingeflogen. Ständig haben mich die Konsequenzen eingeholt. Ich hatte genug Zeit, Fehler zu machen, und mir meine Hörner abzustoßen. Und irgendwann muss auch ich erwachsen werden.“
„Wie stellst du dir das bei JAG vor? Wenn es alle wissen, werdet ihr in Schwierigkeiten kommen.“
„Wieso? Wir sind schon seit drei Monaten zusammen, und bis jetzt ist keine auf die Idee gekommen, dass etwas zwischen uns läuft. Ich habe nicht vor, ihn bei JAG zu küssen, oder auf seinem Schreibtisch zu vernaschen.“
„Nicht?“
„Harm, ich hab lange um diese Beziehung gekämpft. Sehr lange. Und nur ein einziges Mal will ich alles richtig machen, denn zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich zu jemandem hingezogen, der genau wie ich dazu bereit ist, für diese Beziehung etwas zu riskieren. Liebe kann man nicht erzwingen, und eine Beziehung ist immer ein Drahtseilakt, es gibt keine Sicherungsleine oder einen doppelten Boden.“
„Ganz schön tiefsinnig…“
„Nein, ich hatte nur zu lange Zeit, mir meine Fehler vorzuhalten. Ich möchte, dass es funktioniert. Egal was ich dafür tun muss.“
„Würdest du JAG noch einmal verlassen?“
Nara schien kurz zu überlegen. Dafür fiel ihre Antwort umso überzeugter aus.
„Ja. Ich würde wieder gehen.“
„Und mich damit zurücklassen?“
„Wieso würde ich dich dann zurücklassen? Es gibt Post, E-Mail, Telefon… und nur weil ich dich dann nicht mehr täglich sehe, lasse ich dich nicht zurück. Das hab ich gezwungener Maßen mit Sergej gemacht, aber das würde ich kein zweites Mal tun.“ erklärte Nara fest.
„Ich glaube, dein Wachhund macht sich langsam Sorgen.“ sagte Harm und nickte in AJs Richtung.
„Wenn es dich stört, dann sag es.“
„Trennst du dich dann von ihm?“
„Nein.“
„Dann stört es mich auch nicht.“
Nara sah ihn nicht gerade überzeugt an, entschied sich jedoch, nicht weiter auf das Thema einzugehen. Sie und Harm kehrten zu den anderen zurück, und, sehr zu Naras Erstaunen, gratulierten die ihr und AJ herzlich. Der Rest des Abends verlief relativ normal, obwohl Nara öfter Harms Blick auf sich spürte. Doch der hielt sich mit Kommentaren weiter zurück.
„Zehn, neun, acht…“ ging irgendwann der Countdown los, und AJ und Nara sahen sich tief in die Augen, während beide stumm mitzählten.
„…vier, drei zwei, eins. Frohes neues Jahr!“ erklang es im ganzen Raum. Und während draußen das Feuerwerk losging, versanken AJ und Nara in einem zärtlichen Kuss.
„Ich liebe dich. Frohes neues Jahr.“ hauchten beide, kaum hatten sie sich wieder getrennt.
„Auf das wir noch viele miteinander verbringen werden.“ fügte AJ sanft hinzu und strich ihr zärtlich über die Wange.
*~*~*
3. Januar
1019 EST
JAG HQ
Falls Church, VA
Zwei Tage Urlaub waren zwar nicht viel, aber Nara hatten sie eindeutig gereicht. Zwei Tage, die sie nur mit AJ verbracht hatte. Nach ihrem gemeinsamen Auftritt auf dem Ball hatte sie allerdings etwas Bedenken, wie es jetzt bei JAG laufen würde. Beide konnten nur hoffen, das alle die Beziehung ohne großes Theater akzeptierten, andernfalls riskierten sie Nachforschungen, und die Ergebnisse könnten hässlich für die Karrieren der beiden enden.
Nara und Kate unterhielten sich in ihrem gemeinsamen Büro über einen Fall beim NCIS, als Coates hereinkam und Nara mitteilte, der Admiral wolle sie sprechen. Nara bedankte sie wie sonst auch und machte sich auf den Weg zu AJ. Anders als sonst spürte sie jedoch einige neugierige Blicke in ihrem Rücken. Wobei sie sich fragte, ob die Leute hier nicht merkten, wie idiotisch das war. AJ und sie waren schon länger zusammen, und keinem war es aufgefallen. Dachten die jetzt, sie würden in seinem Büro leidenschaftlich übereinander herfallen? Nicht, das Nara diese Idee nicht gefallen hätte, aber beim letzten Mal wäre das fast ins Auge gegangen, und sie war davon vorerst geheilt. Als Nara das Büro betrat, stellte sie etwas erstaunt fest, das Harm und Mac ebenfalls anwesend waren. Sie stellte sich etwas locker vor den Schreibtisch des Admirals, Harm und Mac hatten beide Haltung angenommen.
„Sie wollten mich sprechen?“ erkundigte Nara sich. Ihr war vollkommen klar, wie lächerlich das war, ihn mit Sie anzusprechen. Aber es half beiden, bei beruflichen Dingen ernst und sachlich zu bleiben. Obwohl Nara sich insgeheim fragte, ob sie ihn auch so angesprochen hätte, wären Harm und Mac nicht im Raum gewesen.
„Ja. Setzen Sie sich alle.“ bat der Admiral die drei.
„Bevor es zu lächerlich wird, du kannst mich ruhig duzen.“ wandte er sich dann an Nara, welche lieber stehen geblieben war. Die hob etwas erstaunt die Augenbrauen. Da war eindeutig etwas faul dran.
„Ich habe einen Fall, einen ziemlich komplizierten. Und ich denke, ich brauche Sie alle drei dafür.“
„Worum geht es?“ erkundigte Harm sich.
„Toter Ensign. Man fand ihre Leiche vor zwei Tagen in Norfolk.“ antwortete der Admiral kurz angebunden und gab jedem von ihnen eine Akte. Nara schlug sie auf und überflog den bericht.
„Es gibt einen Verdächtigen, die Anhörung ist in einer Woche. Weshalb ich Sie alle brauche, der Seaman bestreitet, den Ensign jemals gesehen zu haben, und die dortigen Ermittler kommen nicht weiter. Sein Verteidiger scheint auch ein recht zäher Bursche zu sein. Comander, Colonel, Sie beide vertreten die Anklage, Nara wird Sie bei den Verhören unterstützen. Sie beide können wegtreten, Nara, auf ein Wort.“ bat der Admiral die drei. Harm und Mac verließen wortlos das Büro. Nachdem die Tür zu war, schien AJ in sich zusammen zu fallen.
„Ein blöderen Zeitpunkt könnte es gar nicht geben.“ stöhnte er. Nara sah ihn verwirrt an.
„Meine Tochter hat mich nach Italien eingeladen, und ich bat sie, doch zu mir zu kommen. Damit ihr beide euch kennen lernt. Aber daraus wird wohl nun nichts.“
Das musste Nara erst einmal verdauen. Sie nahm geschockt in einem der Besuchersessel Platz.
„Warte kurz. Habe ich es vergessen, dass du mich gefragt hast, ob ich Zeit hätte, mich mit Francesca zu treffen? Oder kann es sein, dass du es nicht für nötig erachtest, mit mir über so etwas Wichtiges zu reden?“ wollte sie erbost wissen.
„Nara-“
„Nein! Vergiss es. Es tut mir Leid, aber ich habe kein Interesse an einem Treffen mit deiner Tochter, oder gar mit deiner Ex-Frau. Was mich anbelangt kannst du dich gern mit ihnen treffen, besuch sie von mir aus in Italien. Aber ohne mich.“
„Wieso denn? Ich würde dich gern Francesca vorstellen, was ist daran so schlimm?“
„Sie ist deine Tochter, AJ. Und bitte nimm es nicht persönlich, aber was glaubst du was sie denken wird, wenn du ihr deine neue Freundin vorstellst, die ihre Schwester sein könnte?“ fragte Nara mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Bevor du etwas sagst, lass uns das Thema vergessen, zumindest vorerst.“ hielt sie ihn davon ab, etwas zu erwidern. „Ich habe das Gefühl, dass dieser Fall an sich schon ziemlich stressig wird, ich will mich nicht auch noch mit dir streiten, wenn wir einmal Zeit füreinander haben.“
„Wie du meinst.“
„AJ, bitte. Ich will nicht mit dir streiten.“ seufzte Nara müde.
„Dein Verhalten heute deutet etwas anderes an.“ konnte AJ es sich nicht verkneifen zu sagen. Er hatte Nara anscheinend wieder an einem Tag erwischt, an dem sie ihre Krallen vollständig ausgefahren hatte.
„DU bist derjenige, der Streit überhaupt provoziert!“ rief Nara aus.
„Weil ich nicht sehe, was an einem Treffen zwischen euch beiden so schlimm ist!“ hielt AJ laut dagegen.
„Ich bin fünf Jahre älter als sie, sie könnte meine Schwester sein!“ platzte es aus Nara heraus.
„Ist das etwa ein Problem für dich?“
„Nein, aber vielleicht für sie.“ schnaubte Nara. Sie stand aus dem Sessel auf und tigerte durch das Büro.
„Nara, was ist los mit dir? Du bist doch sonst nicht so.“
„Wie bin ich denn?“ wollte Nara mit einem gefährlichen Funkeln in den Augen wissen. Oh, jetzt sollte er sich schnell etwas einfallen lassen.
„Unausgeglichen.“ war das erste, von dem AJ glaubte, das es sie nicht sofort zur Weißglut treiben würde.
„Unausgeglichen?“ wiederholte Nara nur.
„Ja, unausgeglichen. Und irgendwie angespannt. Als würdest du unter riesigem Stress stehen.“ erklärte AJ, froh darüber, dass sie nicht explodiert war. Er ging langsam zu ihr hin und als er direkt vor ihr stand ergriff er sanft ihre Hände. Nara verflocht ihre Finger mit seinen und starrte auf ihre Hände hinab.
„Was ist los, hm?“ fragte AJ leise und sanft nach. Nara schwieg weiter. Vorsichtig befreite er eine Hand und hob zärtlich ihr Kinn an, damit sie ihm in die Augen sah.
„Ich bin es, AJ. Du kannst mir alles erzählen. Was ist los mit dir?“ erkundigte er sich nochmals.
„Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.“ seufzte Nara und lehnte ihren Kopf gegen seinen Oberkörper.
„Kann ich etwas tun?“ fragte AJ sanft nach. Eine Hand legte er ihr in den Rücken und zog sie zu sich, mit der anderen strich er ihr sanft über die Haare. Nara umschlang mit ihren Armen seine Hüften und schloss die Augen.
„Nein. Es ist einfach ein beschissener Tag, mehr nicht.“ schüttelte Nara leicht den Kopf. Nach einigen Minuten des Schweigens löste sie sich langsam von AJ.
„Wenn du reden möchtest, ich höre dir immer zu.“ sagte AJ, als Nara nach dem Türknauf griff.
„Ich weiß.“ nickte sie nur kurz und verließ das Büro.
*~*~*
15.Januar
Norfolk, VA
Die drei kamen in dem Fall auch nicht weiter voran. Harm und Mac gaben sich bei der Ermittlungsarbeit alle Mühe, und Nara versuchte in den Verhören ihr Bestes. Aber alle drei stießen auf eine Mauer des Schweigens.
Und mit jeder Stunde wurde Nara unausstehlicher. Es war ihr deutlich anzumerken, dass sie keinerlei Lust auf diesen Auftrag hatte, und jetzt begann sie langsam, ihre schlechte Laune an den Leuten auszulassen, die sie eigentlich in den Verhören ermutigen sollte, sich ihr anzuvertrauen, wenn sie etwas von dem Mord mitbekommen hatten.
„Okay, das reicht.“ entschied Harm beim Abendessen. Mac und Nara sahen ihn überrascht an.
„Wir kommen nicht weiter, keinen Millimeter, nicht einer von uns. So ungern ich das sage, wir sollten den Fall zu den Akten legen.“ seufzte Harm. Nara schob ihren Salat von sich. Sie hatte die letzten Tage kaum etwas gegessen, und klagte über permanente Kopfschmerzen.
„Ist das dein Ernst?“ fragte Mac ungläubig. Auch ihr war der Appetit gerade gründlich vergangen.
„Ja, ist es. Ich weiß nicht, wie es euch geht. Aber ich für meinen Teil bin mit meinem Latein am Ende. Und außerdem fehlt mir so langsam die Energie, um noch etwas zu unternehmen.“ sagte Harm. Er lehnte sich erschöpft in seinem Stuhl zurück.
„Denkst du etwa genauso?“ wollte Mac von Nara wissen.
„Ich weiß nicht, was ich denken soll. Was auch das Problem bei diesem Fall ist. Harm hat Recht, wir kommen kein Stück weiter. Und glaube mir, ich bin eine der letzten, die einen Mordfall einfach so zu den Akten legt. Aber wir haben noch nicht einmal einen Beweis dafür, dass der Verdächtige das Opfer überhaupt je gesehen hat. Entschuldige Mac, aber das hier ist eine Sackgasse.“ seufzte Nara.
„Ich schätze, ich bin überstimmt.“ zuckte Mac resigniert mit den Schultern.
„Bei uns gibt es eine nette Regel. Solange noch einer im Team weitermachen will, tun es auch alle anderen. Kein Fall wird aufgegeben, solange noch einer weiterermitteln will.“ meldete Nara sich zu Wort.
„Bei uns herrscht das Mehrheitsprinzip, das solltest du noch wissen.“ kam es bitter von Mac.
„Kein Grund, gehässig zu werden.“ erinnerte Nara die Freundin ihres Halbbruders etwas unsanft.
„Und was das anbelangt, macht es unter euch aus. Ich bleibe, wenn ihr bleiben wollt. Aber ich hätte nichts dagegen einzuwenden, hier aufzuhören. Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich bin müde.“ erklärte Nara. Sie legte ihre Serviette auf den Tisch und verließ den Raum. Wenige Sekunden später hörten Harm und Mac ihre Zimmertür zugehen. Mac verschränkte die Arme und starrte auf die Tischdecke. Sie konnte sich denken, was jetzt kommen würde. Und darauf hatte sie keine Lust. Ständig schien Harm das Bedürfnis zu haben, sich vor ihr zu rechtfertigen und zwischen ihr und Nara vermitteln zu wollen. Wieso konnte er nicht darauf vertrauen, dass die beiden Frauen das auch so unter sich klären konnten? Nara und sie waren erwachsen, sie brauchten keinen Babysitter. Und beide wussten, wann sie ein Gespräch besser beendeten, um größere Gefühlsverletzungen zu vermeiden.
„Du willst wirklich noch weiter machen?“ erkundigte Harm sich und lehnte sich ihr entgegen.
„Rede ich so undeutlich?“ wollte Mac etwas heftig wissen. Harm hob eine Augenbraue, enthielt sich aber eines Kommentars. Was sicher auch besser für ihn war. Mac kochte gerade, und hätte er auch nur ein Wort gesagt, sie wäre sicherlich explodiert.
„Ich weiß, du willst aufgeben. Von mir aus, du leitest die Ermittlungen, es ist deine Entscheidung. Entschuldige mich bitte, es war ein langer Tag, und ich will ins Bett.“ bat Mac ihn und ließ ihn sitzen. Harm starrte noch eine Weile auf den Punkt, an dem sie gerade gesessen hatte, dann stand auch er auf und machte sich daran, das Geschirr abzuräumen.
*~*~*
16. Januar
0127 EST
Norfolk, VA
Mac lag seit über einer Stunde wach im Bett und versuchte vergeblich, wieder einzuschlafen. Wie sie das hasste. In fremden Umgebungen hatte sie nie sonderlich gut schlafen können, auch bei sich zu Hause nicht. Und erst recht nicht, wenn sie wütend war. Mit einem tiefen Seufzen erhob sie sich, schlüpfte in ihre Pantoffeln und machte sich auf den Weg in die Küche, um etwas zu trinken. Vorzugsweise heiße Milch mit Honig. Kaum hatte sie ihre Zimmertür geöffnet, fiel ihr die gedämpfte Beleuchtung auf. Etwas zögerlich schlich Mac den Gang entlang, bis sie um die Ecke in das Gemeinschaftszimmer spähen konnte. Im Kamin brannte ein kleines Feuer, mehr konnte sie jedoch auch nicht erkennen. Vorsichtig schlich sie näher und wollte gerade einen Blick hinein werfen, da knarrte die Diele unter ihr. In dem Moment hätte sie sich für ihre Dummheit ohrfeigen können. Das Licht ging vollständig an, und zu ihrer Überraschung stand Nara vor ihr.
„Entschuldige habe ich dich geweckt? Das tut mir Leid.“ entschuldigte sich die jüngere Frau etwas zerknirscht.
„Was?“ kam es ungläubig von Mac. „Nein, nein, du hast mich nicht geweckt. Ich kann nur nicht schlafen.“ fand sie dann ihre Sprache wieder. Nara betätige den Lichtschalter, und diesmal ging das Licht vollständig aus.
„Ich könnte etwas Gesellschaft gebrauchen. Und ich verspreche, dass ich nicht beiße.“ erklärte sie mit einem sanften Lächeln. Mac nickte, und die beiden ließen sich auf der Couch vor dem Kamin nieder. Nara zog die Beine an und umfasste sie mit ihren Händen, während Mac sich eine der Decken angelte und sich damit halb zudeckte. Beide starrten schweigend ins Feuer.
„Kann ich dich etwas fragen?“ erkundigte Nara sich nach einer Weile leise.
„Nur zu.“ forderte Mac sie auf. Von der Seite sah sie Nara interessiert an, die immer noch in das Feuer starrte. Das wechselnde Spiel der Flammen zeichnete sich ständig verändernde Schatten auf ihr Gesicht, und wenn Mac sie so ansah, dann konnte sie ihre Ähnlichkeit mit Sergej nicht leugnen.
„Es geht um AJ.“ fuhr Nara fort.
„Wenn es um eure Beziehung geht, dann entschuldige bitte, aber da will ich mich nicht einmischen.“ warnte Mac sie vor.
„Nein, darum geht es nicht. Zumindest nicht direkt.“ wehrte Nara ab. „Weißt du, ob er und Francesca sich nahe stehen?“ erkundigte sie sich dann.
„Nein, das weiß ich nicht. Aber er scheint sie zu vermissen. Und ich glaube, er hat es bereut, dass er so wenig für sie da war. Wieso fragst du?“ wollte Mac dann doch wissen.
„Weil er ein Treffen zwischen seiner Tochter und mir arrangieren wollte. Ohne mich vorher zu fragen.“ schnaubte Nara.
„Oh.“ Das war so ziemlich alles, was Mac dazu einfiel.
„Ja, oh. Ich meine, was hat er sich dabei gedacht? Ich bin nur fünf Jahre älter als sie, und wenn meine Mutter jemanden in meinem Alter anschleppen würde, ich würde ihr die Hölle heiß machen. Kann er denn nicht einmal so weit denken?“ regte Nara sich auf.
„Vielleicht wollte er gar nicht soweit denken.“ gab Mac zu bedenken. Der Blick, den sie dafür von Nara erntete, zeigte ihr wieder einmal, wie kompliziert Beziehungen doch waren.
„Er liebt dich. Und er liebt Francesca. Er wollte euch einander vorstellen, seine Tochter an seinem Leben teilhaben lassen. Ich glaube nicht, dass er sich groß Gedanken über ihre Reaktion gemacht hat. Und seien wir ehrlich, Francesca hatte mit seinen anderen Beziehungen kein Problem, er wird sich gedacht haben, dass sich das sicher nicht ändern würde.“ erklärte Mac vorsichtig.
„Genau das ist das Problem. Er nimmt vieles als gegeben hin, als ob Dinge sich nicht auch ändern könnten.“ seufzte Nara.
„Dinge? Oder doch Menschen?“ kam es sanft von Mac. Lange Zeit schwieg Nara.
„Weißt du, ich bin kein Unschuldengel. Das bestreite ich auch nicht. Aber im Gegensatz zu früher bin ich sehr viel ernster geworden. Nur schient er das nicht zu sehen.“ schüttelte Nara niedergeschlagen den Kopf.
„Was meinst du?“
„Keine Ahnung. Es sind Kleinigkeiten. Aber er hält mich teilweise immer noch für den sturen Captain, der damals vor ihm stand. Nur bin ich das heute nicht mehr. Klar, stur kann ich auch heute noch sein. Aber meine Prioritäten haben sich verlagert. Ich will eine ernste Beziehung, und keine Spielchen. Das wollte ich bei ihm sowieso nie. Früher erschien es mir verrückt, aber ich will das ganze Paket, eine Beziehung, ein Haus, einen Hund… und vielleicht Kinder. Ich habe es satt, das Leute mich anhand meines Alters in eine Schublade stecken. Ich habe es schon Harm gesagt, ich bin keine sechzehn mehr. Und Zeit, mir die Hörner abzustoßen, hatte ich wirklich genug. Ich bin es langsam Leid, so hart für ein Stückchen Glück arbeiten zu müssen.“
„Heißt dass, du willst die Beziehung beenden? Einfach aufgeben, nur weil es gerade nicht so läuft?“ kam es ungläubig von Mac. Alles hatte sie erwartet, nur das nicht.
„Nein. Nein, ich habe hart dafür gekämpft, damit wir beide überhaupt eine Chance bekommen. Nein, ich will nicht aufgeben. Aber ich kann einfach nicht mehr ständig versuchen, ihn von meinen Absichten zu überzeugen. Ich liebe ihn, mehr als ich je einen anderen Mann geliebt habe. Ein Sprichwort sagt ‘Liebe tut weh’, und zurzeit tut es mehr weh, als das es mir gut tut. Er fehlt mir, aber ich habe es satt, ihm hinterherzulaufen. Wir haben uns ziemlich gestritten, bevor wir drei gefahren sind, und jetzt hat er sich nicht ein einziges Mal bei mir gemeldet. Er sieht seinen Fehler nicht ein, vielleicht kann er ihn auch nicht einsehen, weil er es als Zeichen von Schwäche betrachtet, und in seiner Position darf er sich keine Schwäche erlauben, was weiß ich. Aber so kann eine Beziehung doch nicht funktionieren. Zumindest nicht auf lange Sicht.“ schüttelte Nara langsam den Kopf. Dann versanken sie und Mac wieder in Schweigen, wobei Mac gern gewusst hätte, woran Nara gerade dachte.
*~*~*
18.Januar
2057 EST
Haus von AJ Cheggwidden
McLean, VA
Mac hatte doch eingesehen, dass sie in dem Fall nicht weiterkommen würden, und die drei hatten beschlossen, wieder nach Hause zurückzukehren. Sie waren in Dulles gelandet, und während Harm und Mac sich ein Taxi genommen hatten, um zu ihm zu fahren, war Nara zuerst zu sich nach Hause gefahren und hatte geduscht und sich umgezogen. Dann war sie zu AJ gefahren. Etwas zögerlich stand sie jetzt auf der Veranda und klopfte an die Tür. Es dauerte etwas, bis die Tür geöffnet wurde und AJ sie verdattert ansah.
„Hi. Kann ich reinkommen?“ erkundigte Nara sich etwas schüchtern.
„Sicher. Was machst du hier, ich dachte, du wärst in Norfolk?“ wollte AJ wissen, als er ihr den Mantel abnahm.
„Wir sind nicht weiter gekommen und haben uns entschlossen, den Fall zu den Akten zu legen. Einstimmig.“ antwortete Nara. In dem Moment drang Gelächter aus dem Wohnzimmer. Nara sah ihren Freund überrascht an.
„Du hast Besuch?“ hob sie verwirrt die Augenbrauen.
„Ja, lass mich das erklären, ich wollte wirklich nicht-“ begann AJ. Da trat jedoch eine junge Frau zu den beiden, von der Nara schwören könnte, dass sie ihr bekannt vorkam.
„Papa, kommst du?“ erkundigte sich die Frau mit italienischem Akzent. Francesca. Wer sonst? Das hätte Nara sich eigentlich gleich denken können. Und dennoch traf es sie unvorbereitet und ziemlich schmerzhaft. Sie sah AJ verwirrt und gekränkt an. Der wollte gerade etwas sagen, als eine weitere Frau hinzutrat. Sie war ungefähr in AJs Alter, und ihre Ähnlichkeit mit Francesca war nicht zu übersehen.
„Marcella, Francesca, darf ich euch Nara vorstellen, meine Freundin? Nara, das sind-“ setzte AJ an, doch Nara fiel ihm wütend ins Wort.
„Deine Exfrau und deine Tochter, danke, ich bin nicht blöd.“ fauchte sie und nahm ihm ihren Mantel wieder ab, um ihn sich über zu ziehen. Marcella und Francesca sahen sich alarmiert an.
„Nara, bitte, lass mich das erklären.“ bat AJ sie sanft und berührte sie zärtlich am Ellenbogen. Nara zog ihn zurück, als hätte sie sich verbrannt.
„Danke, kein Bedarf. Ich will keine Erklärungen, lass mich einfach in Ruhe.“ schrie Nara ihn verletzt an.
„Ich fürchte, das ist meine Schuld. Ich dachte, wenn meine Mutter und ich schon einmal in Washington sind, dann können wir Papa auch gleich besuchen.“ entschuldigte Francesca sich.
„Nein, das ist nicht Ihre Schuld.“ schüttelte Nara den Kopf, riss die Haustür auf und lief zu ihrem Auto. Bevor AJ sie eingeholt hatte, fuhr sie davon.
„Francesca, lässt du uns bitte kurz allein?“ bat Marcella ihre Tochter, als AJ zurückkehrte. Francesca nickte und ging zurück ins Wohnzimmer, während ihre Eltern sich in die Küche begaben.
„Nette Frau.“ nickte Marcella nur.
„Bitte, tu das nicht.“ schüttelte AJ den Kopf.
„Was denn? Ich meinte es ernst. Du jedoch scheinst nicht sonderlich nett zu ihr gewesen zu sein, hm?“
„Sie hat es in den falschen Hals bekommen, das ist alles.“ seufzte AJ.
„ein kleiner Tipp von einer Frau. Du solltest dringend mit ihr reden. Und zwar, weil ich persönlich meinem Freund richtig in den Hintern getreten hätte, hätte er sich mit seiner Ex-Frau getroffen, noch dazu hinter meinem Rücken.“
„Sie versteht das.“
„Den Anschein hatte es jedoch nicht. AJ, bitte. Wenn du sie liebst, dann klär das noch heute. Das hier hat sie ziemlich verletzt.“
„Sie will keine Erklärungen, das hast du doch gehört.“
„Meine Güte, du warst wirklich lange nicht mehr mit einer Frau zusammen. Ich wette mit dir, dass sie jetzt bei sich zu Hause auf dem Bett liegt und sie die Augen aus dem Kopf weint. Du hast ihr das Herz gebrochen, AJ. Flick es ganz schnell wieder, wenn du noch eine Chance haben willst.“ sagte Marcella ernst. AJ starrte sie eine Weile unverwandt an. Dann nahm er wortlos seine Jacke und machte sich mit seinem Wagen auf den Weg zu Nara.
*~*~*

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