Symphony Of Love And Longing (5)

zwei Monate später
Harms Geburtstag
14 43 EST
Farm von Sarah Rabb
Belleville

AJ, Frank, Trish, Sarah, Harm, Mac, Sergej, Galina und Nara hatten sich alle auf der Farm versammelt. Obwohl es AJ anfangs nicht sonderlich gefallen hatte, dass Nara die Einladung angenommen hatte, sah er jetzt ihren Standpunkt besser. Sie wollte ein wenig Zeit mit ihrer Großmutter und ihrer Mutter zusammen verbringen, und außerdem hätte sie nie eine Einladung zu Harms Geburtstag ausgeschlagen.
Trish riss sich wirklich sehr zusammen. Nara hatte nur noch drei Wochen bis zu dem Geburtstermin ihres Kindes vor sich, und Trish ging ihr konsequent aus dem Weg, um sie nicht aufzuregen.
Auf der Fahrt von AJs Haus bis zu der Farm hatte es zu schneien begonnen, und jetzt beobachtete AJ mit wachsender Sorge den Schneesturm draußen. Sarah trat zu ihm und beide blickten aus dem Fenster.

„Alles in Ordnung?”, erkundigte sie sich bei dem Freund ihrer Enkelin.

„Ja. Mir gefällt dieser Sturm nur nicht. Auf der Straße ist kein Durchkommen mehr.”, seufzte AJ.

„Es geht ihr gut.”, sagte Sarah einfach. AJ drehte sich um und beobachtete Nara, die mit Harm entspannt lachte. Sergej hatte einen Witz erzählt, und sowohl seine beiden Geschwister, als auch seine Mutter schienen sich köstlich darüber zu amüsieren.

„Du hast ja recht.”, nickte AJ, ein wenig beruhigt.

„Hier ist genug Platz, dass ihr alle hier übernachten könnt. Und meine Schwiegertochter benimmt sich sogar mal anständig Nara, Sergej und Galina gegenüber. Mach dir keine Sorgen.”, lächelte Sarah.

„Ich werd mir Mühe geben.”, versuchte AJ ein Grinsen und gesellte sich zu seiner schwangeren Freundin.

„Wehe, du passt nicht gut auf die beiden auf.”, flüsterte Sarah, während sie nach draußen in den Himmel blickte.

*~*~*

0127 EST
Farm von Sarah Rabb
Belleville

AJ erwachte, als Nara sich neben ihm aufsetzte.

„Wie spät ist es?”, fragte er müde.

„Halb zwei. Ich hol mir nur kurz was zu trinken aus der Küche, schlaf du weiter.”, flüsterte Nara und stand auf. AJ driftete wieder ins Land der Träume, bis er erschrocken hochfuhr. Er lauschte angestrengt, aber es war im ganzen Haus still. Verwirrt schaltete er das Licht auf seinem Nachttisch ein und warf einen Blick auf die Uhr. 0234. Und Nara war noch immer nicht aus der Küche zurück. Da stimmte doch was nicht. Hastig stand er auf und verließ ihr gemeinsames Schlafzimmer. Im Erdgeschoss unter ihnen war alles dunkel, aber im Bad am Ende des Ganges brannte Licht. AJ ging langsam den Gang entlang und klopfte sachte an die Tür.

„Nara?”, fragte er leise, weil er die anderen nicht wecken wollte.

„Ist offen.”, kam es von drinnen. AJ öffnete die Tür und trat in das Bad, um sie wieder hinter sich zu schließen. Erst dann warf einen Blick auf Nara. Die ziemlich ängstlich dreinschaute.

„Stimmt was nicht?”, fragte AJ, mehr aus Gewohnheit.

„Könnte man so sagen. Meine Fruchtblase ist geplatzt.”, antwortete Nara. Zuerst starrte ihr Freund sie nur verständnislos an. Dann wurden seine Augen groß und die Kinnlade klappte ihm herunter.

„Ist das dein Ernst?”, wollte er wissen.

„Nein, um halb drei in der Früh mach ich so gerne Witze.”, schnaubte Nara. Selbst wenn AJ die Ironie nicht bemerkt hätte, Naras Stöhnen, als sie von einer Wehe gepackt wurde, wäre Beweis genug für ihre erste Aussage gewesen.

„Atmen Liebling.”, erinnerte AJ sie und hielt sie fest.

„Versuch’s doch selbst.”, entfuhr es Nara, als der Schmerz nicht nachließ.

„Vorbei?”, fragte AJ, als sie sich nach einer Weile langsam wieder entspannte. Nara nickte nur.

„Wie lange war die zuvor her?”, wollte er sanft wissen, als er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht wischte.

„Dreizehn Minuten. Ich war unten, als ich die erste richtig gespürt habe. Eigentlich wollte ich nur auf Toilette gehen, bevor ich es dir sagen wollte.”, gestand sie verlegen.

„Ist okay. Kannst du laufen? Dann bring ich dich zurück ins Bett.”, erkundigte AJ sich. Wieder nickte Nara und hakte sich anschließend bei ihm unter. Langsam gingen die beiden zurück in ihr gemeinsames Schlafzimmer, und Nara ließ sich auf das Bett sinken, während AJ die Tür schloss. Kaum saß Nara, überrollte sie die nächste Wehe. AJ hörte, wie sie scharf den Atem einsog und war sofort an ihrer Seite. Nara ergriff seine Hände und atmete langsam durch den Schmerz hindurch.

„Kann ich mich hinlegen?”, fragte sie anschließend.

„Wenn dir das bequemer ist. Natürlich kannst du das.”, nickte AJ. Während Nara sich hinlegte, trat er an das Fenster und warf einen Blick nach draußen. Der Schneesturm tobte zwar nicht mehr so heftig, wie am Nachmittag, aber dennoch war draußen selbst mit seinem Geländewagen kein Durchkommen. AJ sah eine mögliche Geburt im Krankenhaus in sehr weite Ferne rücken.

„Ich nehme nicht an, dass irgendwer da draußen durchkommt, oder?”, meldete Nara sich leise. AJ drehte sich zu ihr um und schüttelte bedauernd den Kopf.

„Tut mir Leid. Und bei dem Wetter ist es sicherer, wenn wir hier bleiben und nur einen Krankenwagen rufen.”, sagte er vorsichtig. Nara schloss die Augen. So hatten sich beide die Geburt ihres gemeinsamen Kindes nicht vorgestellt.

„Soll ich deine Mutter wecken?”, erkundigte AJ sich eine halbe Stunde später bei ihr.

„Wieso? Das hier dauert unter Garantie noch eine ganze Weile.”, versuchte Nara einen Scherz. So langsam wurde sie jedoch nervös. Das hier war ihre erste Schwangerschaft, und sie hatte unheimliche Angst vor der Geburt. Sie sehnte sich nach der Sicherheit eines Krankenhauses und nach Ärzten und Schwestern, die sich um sie kümmern konnten. Es war noch drei Wochen bis zum errechneten Termin. AJ hatte einen Krankenwagen gerufen, und die Frau der Verbindungszentrale hatte ihm mit Bedauern mitgeteilt, dass die Sanitäter bei dem Schnee auf den Straßen wahrscheinlich auch nicht zu ihnen durchkommen könnten.

„Versuch dich zu entspannen.”, sagte AJ sanft und streichelte zärtlich ihre Wange.

„Entspann dich doch selbst!”, entfuhr es Nara, als sich die nächste Wehe ankündigte.

„Tief einatmen, und wieder aus. Du machst das toll.”, redete AJ auf sie ein, um sie ein wenig zu beruhigen.

„Kannst du nicht einfach den Mund halten?!”, kam es bissig von Nara. AJ schwieg daraufhin und begnügte sich damit, ihr den Rücken zu reiben.

„Besser?”, erkundigte er sich, als sie sich wieder entspannte.

„Ja. Es tut mir Leid, ich wollte dich nicht so anschnauzen.”, seufzte Nara.

„Ich weiß, ist in Ordnung.”, lächelte AJ und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn.

„Oh mein Gott. Wir haben noch nicht einmal einen Namen!”, fiel es Nara da siedend heiß ein.

„Sh, ganz ruhig. Wir hätten eigentlich auch noch Zeit gehabt, uns einen zu überlegen. Und wir haben beide das Namensbuch gelesen, ich bin mir sicher, wir können uns auf zwei Namen einigen, die uns beiden gefallen.”, erklärte er zärtlich.

„Und wenn nicht?”, fragte Nara ängstlich.

„Dann wird er oder sie sein Dasein als BabyGirl oder BabyBoy Karenkov fristen.”, grinste AJ.

„Chegwidden.”, widersprach Nara. AJ sah sie verwirrt an.

„BabyBoy oder BabyGirl Chegwidden.”, erklärte sie bestimmt.

„Nara… so schön ich das finden würde… willst du das wirklich?”, fragte er vorsichtig.

„Ja. Es ist unser Kind, ich möchte, dass er oder sie den Nachnamen seines Vater hat.”, antwortete Nara ernst.

„Ich liebe dich.”, war alles, was AJ dazu sagen konnte.

„Gut. Denn das alles hier ist nur deine Schuld, und dafür wirst du mir büßen.”, presste Nara zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während sie angestrengt versuchte, durch den Schmerz zu atmen.

*~*~*

0507 EST
Farm von Sarah Rabb
Belleville

Als Nara sich gerade von der letzten Wehe erholte, klopfte es leise an der Zimmertür.

„Ja bitte?”, sagte AJ und strich seiner Freundin die feuchten Haare aus der Stirn. Die Tür öffnete sich und Sarah steckte vorsichtig den Kopf zur Tür herein.

„Ich hab euch reden hören. Ihr seid schon wach?”, fragte sie etwas überrascht.

„Wäre schön wenn nicht.”, kam es von Nara. Ihr Satz endete jedoch in einem schmerzerfüllten Stöhnen. Sarah begriff sofort.

„Wie lange geht das schon?”, fragte sie, als die Wehe vorrüber war.

„Seit halb drei.”, seufzte Nara.

„Okay. AJ, geh und weck Galina… und wenn es dich nicht stört, auch Trish?”, warf Sarah ihrer Enkelin einen fragenden Blick zu. Doch Nara schüttelte vehement den Kopf.

„Gut, dann nur Galina. Sag ihr was los ist, beeil dich.”, bat Sarah ihn und löste ihn an Naras Seite ab.

„Hat AJ schon überprüft, wie weit der Muttermund geöffnet ist, und ob du deinen Blasensprung schon hattest?”, fragte sie ihre Enkelin vorsichtig.

„Meinen Blasensprung hatte ich um halb drei, da gingen die Wehen auch erst richtig los. Und die Antwort auf deine andere Frage ist nein.”, gab Nara zu.

„Stört es dich, wenn ich es mache?”, wollte Sarah sanft wissen.

„Wenn du noch fünf Minuten warten kannst nicht.”, sagte Nara.

„Wie weit sind die Wehen auseinander?”

„Acht oder sieben Minuten.”, antwortete Nara. Jetzt, da Sarah bei ihr war, fühlte sie sich etwas sicherer. Immerhin hatte sie bereits selbst ein Kind entbunden und war bei Harms Geburt dabei gewesen.

„Ganz ruhig, tief atmen. So ist es richtig, ein und aus.”, redete Sarah während der nächsten Wehe auf Nara ein.

„Wieder ganz vorbei?”, erkundigte sie sich, als Nara sich wieder entspannte. Die nickte nur und biss sich in Erwartung größerer Schmerzen auf die Unterlippe, als Sarah sie vorsichtig abtastete.

„Ich würde sagen, dass du bei sechs, vielleicht sogar schon bei sieben Zentimetern bist.”, gab Sarah Auskunft. In dem Augenblick ging die Zimmertür wieder auf und Galina kam mit AJ herein. Nara fragte sich kurz, wieso die beiden so lange gebraucht hatten, aber als sie die Schüssel dampfendes Wasser und die Handtücher sah, kannte sie die Antwort.

*Wie geht es dir?*, erkundigte Galina sich sanft.

*Es ging mir schon mal besser.*, scherzte Nara.

„Kommst du mit? Wir brauchen abgekochte Tücher und mehr heißes Wasser.”, wandte Sarah sich an AJ. Der sah unschlüssig zwischen seiner Freundin und deren Großmutter hin und her.

„Gut. Ich wird Sergej wecken, einverstanden?”, erkundigte Sarah sich bei Nara, und diesmal nickte die junge Frau zustimmend. Sarah verließ das Zimmer.

„Hast du starke Schmerzen?”, fragte AJ zärtlich, als er sich neben Nara auf das Bett setzte. Galina blieb lieber an der anderen Seite ihrer Tochter stehen.

„Noch sind sie auszuhalten. Und es ist ja nicht so, als könnte ich hier etwas dagegen bekommen, außer ein paar Kopfschmerztabletten.”, zuckte Nara mit den Schultern. Es fiel Galina zwar unendlich schwer, aber sie verstand ein klein wenig von den, was Nara und AJ sagten.

*Bist du sehr nervös?*, fragte Galina sanft und hielt eine von Naras Händen, als die nächste Wehe den Körper ihrer Tochter packte. AJ hielt die andere Hand und streichelte sanft über Naras Handrücken.

*Ziemlich. Aber seit Sarah und du wach seid geht es.*, gab Nara zu, als die Wehe endlich vorbei war. Sie spürte, wie die Schmerzen jedes Mal stärker wurden und die Wehen länger anhielten.

*Versuch dich zu entspannen. Alles wird gut.*, lächelte Galina und strich ihrer Tochter über das feuchte Haar.

*~*~*

0657 EST
Farm von Sarah Rabb
Belleville

„Morgen. Was tut ihr da?”, erkundigte Trish sich, als sie gemeinsam mit Harm in die Küche kam, und sie dort Sergej und Sarah vorfanden.

„Nara bekommt ihr Kind.”, antwortete Sarah langsam. Trish und ihr Sohn blieben wie angewurzelt stehen.

„Du machst Witze.”, fand Harm zuerst seine Stimme wieder. Sergej schüttelte den Kopf.

„Glaub mir, um Naras Willen wünschte ich, es wäre ein Scherz.”, seufzte er.

„Braucht ihr Hilfe?”, erkundigte Trish sich zur Überraschung der drei.

„Kannst du Sergej helfen? Dann kann ich wieder hoch zu ihr gehen.”, bat Sarah sie. Trish nickte, und sofort verschwand Sarah wieder nach oben zu ihrer Enkelin.

„Und?”, fragte AJ, als Sarah Nara wieder untersucht hatte und sich die Hände wusch.

„Neun Zentimeter. Nicht mehr lange, Nara, und du kannst anfangen zu pressen.”, antwortete Sarah. Nara entfuhr ein erschöpftes Seufzen. Sie hatte jetzt eines von AJs langen Shirts an, da ihr Nachthemd vollkommen durchnässt war. Langsam ließ sie sich von ihrer Mutter aus dem Bett helfen, damit AJ und Sarah das Lacken neu beziehen konnten.

*Atmen, Schatz. Tief ein- und ausatmen.*, erinnerte Galina ihre Tochter, als Nara von der nächsten Wehe gepackt wurde.

„AJ!”, entfuhr es Nara vor Schmerzen. Der war auch sofort an ihrer Seite und nahm den Platz von Galina ein, damit die Sarah zur Hand gehen konnte.

„Mach, dass es aufhört.”, bat Nara unter Tränen.

„Das kann ich leider nicht, mein Schatz.”, bedauerte AJ und wischte ihr vorsichtig die Tränen aus dem Gesicht. Nara hatte ihre Hände in seinem Nacken verschränkt und den Kopf nach unten gesenkt, um die Schmerzen wenigstens ansatzweise ertragen zu können.

„Oooooooooooooooooh.”, stöhnte sie leise auf.

„Ganz ruhig, du machst das toll. Gleich ist es wieder vorbei.”, redete AJ ruhig auf sie ein.

„Ich kann nicht mehr.”, schrie Nara auf, als der Schmerz anstatt nachzulassen weiter zunahm.

„Ich weiß, Schatz. Bald ist es vorbei, versprochen.”, war alles, was AJ dazu sagen konnte.

„Willst du dich wieder hinlegen?”, fragte er, als Sarah und Galina das Lacken richtig festgespannt hatten.

„Ich kann nicht. Es tut so weh, ich will, dass es endlich aufhört.”, schluchzte Nara hilflos.

„Vertraust du mir?”, fragte AJ sie sanft. Nara nickte langsam, und AJ nahm sie vorsichtig auf den Arm und legte sie liebevoll wieder auf das Bett. Keine Sekunde zu früh, sofort suchte eine erneute Wehe Nara heim, und sie schrie vor Schmerzen auf. Trish kam leise in das Zimmer und nahm die schmutzige Bettwäsche mit nach draußen.

„Gut. AJ, Galina, nehmt ihre Hände.”, forderte Sarah die beiden auf.

„Nara, das wird sehr wehtun. Ich möchte, dass du bei der nächste Wehe anfängst zu pressen. Ich werde laut von zehn rückwärts zählen, bei Null kannst du aufhören. Okay?”, wandte Sarah sich an ihre Enkelin. Nara nickte stumm und presste die Lippen aufeinander. Sarah wusch ihren Intimbereich nochmals vorsichtig mit einem warmen Waschlappen und warf den anschließend in einen extra Eimer, damit Nara das Blut daran nicht sehen konnte.

„Jetzt.”, stöhnte Nara nach kurzer Zeit auf.

„Gut, los. Zehn neun acht-”, begann Sarah zu zählen und Nara presste angestrengt. Galina schenkte AJ ein aufmunterndes Lächeln. Er war zwar bei Francescas Geburt dabei gewesen, aber damals hatte er sich voll und ganz auf die Ärzte und Schwestern um sie herum verlassen können. Galina hatte diesen Vorteil nie gehabt, sie hatte ihre Zwillinge mit Juris Hilfe zu Hause bekommen. Und diese Tatsache beruhigte AJ ungemein, wenigstens wussten sie und Sarah, was sie taten.

„-drei zwei eins null.”, endete Sarah, und Nara ließ sich erschöpft zurück in die Kissen fallen.

„Du machst das großartig.”, sagte AJ hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn.

*Und weiter geht es.*, meldete Galina sich zu Wort, als Nara wieder ihre Hand drückte.

„-drei zwei eins null.”, zählte Sarah wieder herunter.

„Irgendwas stimmt nicht.”, entfuhr es Nara lautstark. Sämtliche Farbe wich aus AJs Gesicht, und Galina warf Sarah einen fragenden Blick zu. Das hatte sie einmal ganz verstanden.

„Wie kommst du darauf?”, wollte Sarah wissen.

„Es tut so weh…”, weinte Nara hilflos.

„Nara, was tut dir weh?”, fragte Sarah lauter.

„Keine Ahnung… es sticht und zieht gleichzeitig.”, schluchzte ihre Enkelin.

„Oh mein Gott.”, entfuhr es Sarah. Galina hatte in dem Versuch, Nara zu beruhigen, sanft auf Russisch auf sie eingeredet und ihr die klatschnassen Haare aus der Stirn gestrichen, jetzt flog ihr Kopf herum und sie sah Sarah erschrocken an.

„SERGEJ! TRISH!”, rief Sarah laut. Nara hatte keine Zeit, um zu protestieren, Trish und Sergej betraten sofort das Zimmer.

„AJ, setz dich hinter Nara. Schnell.”, forderte Trish ihn auf. AJ sah zwischen den beiden Frauen verwirrt hin und her, tat aber, was sie verlangte. Sarah flüsterte Sergej etwas ins Ohr und bat ihn, es Galina leise zu übersetzen. Die Augen des jungen Mannes wurden Untertassen groß und er flüsterte seiner Mutter aufgeregt ins Ohr.

„Nara, du musst dich etwas an AJ anlehnen. Genau so.”, bat Sarah ihre Enkelin, die keinen Augenblick später lauthals aufschrie.

„NICHT PRESSEN!”, rief Sarah aus. „Du darfst jetzt nicht pressen, Nara. Ich weiß es ist schwer, aber versuch es.”

AJ hatte seine Finger mit denen von Nara verflochten und bemühte sich nach Leibeskräften, nicht auch noch laut aufzuschreien, als sie zupackte.

„Okay, Trish, nimm ihr Knie und drückt das Bein vorsichtig zu Nara heran. Sergej, übersetz es Galina, sie soll dasselbe tun.”, forderte Sarah die beiden auf.

„Was ist los?”, schluchzte Nara ängstlich.

„Euer Kind hat sich noch mal gedreht, es würde mit den Füßen zuerst kommen.”, erklärte Sarah.

„Ich werde versuchen, es herumzudrehen. AJ, Trish und Galina werden dich festhalten. Wenn du eine Wehe spürst, dann musst du es sofort sagen, verstanden?”, fragte sie ihre Enkelin, und Nara nickte ängstlich.

„Es wird alles gut, ich verspreche es dir.”, sagte Sarah aufmunternd. „Bereit?”, erkundigte sie sich. Nara atmete tief durch und nickte wieder. Kaum hatte Sarah begonnen, schrie Nara wieder auf. Im Vergleich dazu waren die Wehen ein Spaziergang gewesen. Sie hatte das Gefühl, innerlich zerrissen zu werden. Sergej lehnte in einer Ecke und hatte die Augen geschlossen. Noch nie hatte er seine Schwester unter Schmerzen erlebt, es zerriss ihm das Herz, sie so zu sehen. Galina hielt sich tapfer, aber die murmelte etwas, das sogar AJ verdächtig an ein Gebet erinnerte.

‚Oh, bitte Harmon. Beschütz deine Tochter und dein Enkelkind, hilf ihnen, das durchzustehen.’ ging es Sarah durch den Kopf.

„Du hast es gleich geschafft, Nara. Gleich vorbei.”, sagte Trish sanft. Wenn Nara es hörte, dann schien es sie nicht weiter zu interessieren.

„Ich kann nicht mehr!”, rief sie verzweifelt aus.

„Doch, du kannst. Halt durch, du bist ein Marine, du schaffst das.”, redete AJ eindringlich auf sie ein.

„Es tut so weh. Es soll aufhören, ich will nicht mehr.”, weinte Nara erschöpft.

„Okay, und jetzt pressen.”, kam es von Sarah. Nara bäumte sich nochmals auf, und Sarah begann wieder zu zählen.

„Weiter. Gleich hast du’s geschafft. Gut so, komm, noch ein bisschen.”, redete Trish weiter auf Nara ein.

„-zwei eins null. Luft holen, und noch mal pressen. Los Nara, du kannst das.”, forderte Sarah ihre Enkelin sofort auf. Nara schüttelte erschöpft den Kopf und weinte bitterlich.

‚Verdammt Gott. Wenn es dich gibt, dann wäre das ein guter Zeitpunkt für ein Wunder.’ betete AJ still.

‚Juri, bitte, lass sie jetzt nicht im Stich. Sie braucht deine Hilfe, hilf deiner Tochter.’ flehte Galina innerlich.

„Komm Nara, nur noch ein einziges Mal. Für dein Kind, du schaffst es. Ich weiß, dass du das kannst, los, enttäusch mich nicht.”, kam es von Sarah. Und tatsächlich, bei der nächsten Wehe atmete Nara tief ein und presste mit ihrer ganzen Kraft.

„-zwei eins null.”, zählte Trish diesmal laut mit. Sie musste Nara noch nicht einmal dazu auffordern, die junge Frau begann von ganz allein, erneut zu pressen.

„Ich kann das Köpfchen sehen. Sehr gut, weiter pressen. Du machst das toll, noch ein Stück. Gleich hast du es geschafft, nicht nachlassen.”, feuerte Sarah ihre Enkelin weiter an. Nara entfuhr ein lauter Schmerzensschrei.

„Der Kopf ist draußen!”, rief Sarah. „Nicht pressen Nara, nicht pressen!”, forderte sie ihre Enkelin sofort auf.

*Sergej, gib Sarah ein Handtuch, schnell!*, bat Galina ihren Sohn hastig. Sergej tat sofort, was ihm gesagt wurde.

„Okay, stell dich neben mich, und legt dir das Handtuch über die Hände. Ich werde das Baby hineinlegen, du nimmst es an dich und reibst es schnell trocken. Kann ich mich auf dich verlassen?”, fragte Sarah den jungen Mann ernst. Sergej schluckte und nickte, dann trat er mit dem Handtuch neben sie.

„Bei der nächsten Wehe wieder pressen, und dann immer weiter, okay?”, wandte Sarah sich an ihre Nara. Die nickte und begann in dem Augenblick, als sich die nächste Wehe ankündigte, mit ihrer ganzen verbliebenen Kraft zu pressen.

„Gut, immer weiter, nicht nachlassen.”, rief Sarah. Nara entfuhr ein weiterer Schmerzensschrei, dann ließen die Schmerzen urplötzlich nach. Sarah nahm das Baby hoch und legte es sofort in Sergejs wartende Hände. Der packte fest zu und drückte das Neugeborene an sich, während er es trockenrieb. Gerade, als AJ sich schon ernsthaft Sorgen machte, begann das Baby, aus vollem Halse zu schreien. Allen Anwesenden fiel ein riesiger Stein vom Herzen, bis auf Nara atmeten alle erleichtert aus. Nara versuchte, sich etwas zu beruhigen, was ihr erst dann ansatzweise gelang, als Sergej ihr vorsichtig ihr Baby in die Arme legte.

„Es ist ein Junge.”, sagte der frisch gebackene Onkel strahlend.

Nara schluchzte erleichtert auf und streichelte ihrem Kind zärtlich über die Wange. Vergessen waren die Schmerzen und Qualen der letzten Stunden, alles war plötzlich in Ordnung.

„Er ist wunderschön.”, flüsterte AJ leise und hauchte ihr einen Kuss auf die nassen Haare.

Sarah hatte inzwischen mit zwei Schnürsenkeln die Nabelschnur abgebunden.

„Möchtest du die Nabelschnur durchschneiden?”, fragte sie AJ. Der nickte langsam. Sie hielt ihm einen Topf mit dampfendem Wasser hin, aus dem er eine Schere fischte und vorsichtig die Nabelschnur durchtrennte.

„Herzlichen Glückwunsch.”, lächelte Sarah. AJ hielt Nara sanft fest, während die ihren gemeinsamen Sohn auf dem Arm hatte und stumm vor Erleichterung weinte.

*~*~*

6 Tage später
1031 EST
Krankenhaus von Belleville
Belleville

AJ klopfte vorsichtig an die Zimmertür und steckte dann den Kopf herein. Nara saß angezogen auf dem Bett und redete liebevoll auf ihren Sohn, den sie in den Armen hatte ein.

„Dein Daddy hat hoffentlich eine sehr gute Erklärung dafür, dass er uns eine Stunde hat warten lassen.”, sagte sie leise und streichelte dem Jungen vorsichtig über die Wange. Dann sah sie auf und schenkte AJ ein Lächeln.

„Komm rein, ich werd dich schon nicht gleich in Stücke reißen.”, sagte sie sanft. AJ trat langsam zu ihr an das Bett und hauchte seinem Sohn einen Kuss auf die Stirn, um danach Nara liebevoll zu küssen.

„Es tut mir Leid, Francesca wollte einfach nicht auflegen.”, entschuldigte er sich bedauernd.

„Ist schon gut, es fehlt sowieso noch deine Unterschrift unter der Geburtsurkunde, bevor wir gehen können.”, zuckte Nara mit den Schultern. Damit riss sie jedoch ihren Sohn aus dem Dämmerschlaf, in dem er sich gerade befunden hatte, und das gefiel dem Baby absolut nicht, was er auch gleich lautstark kundtat.

„Hey, ist ja gut, du kannst gleich weiterschlafen.”, hauchte Nara leise und wiegte den Jungen zärtlich, während AJ sich nochmals die Papiere durchsah.

„Und du bist dir wirklich ganz sicher?”, fragte er Nara nun schon zum hundertsten Male.

„Ja. So sicher wie noch nie in meinem Leben.”, lächelte Nara. AJ nahm den Kuli und setzte seine Unterschrift unter die Geburtsurkunde von Juri Jethro Chegwidden.

THE END


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